Otto von Bismarck

Otto Fürst von Bismarck (1815 bis 1898). Seit 1862 war er als preußischer Ministerpräsident entscheidend an der Einigung Deutschlands auf undemokratischem Wege beteiligt. (Fotografie, 1871)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bismarcks Biografie entnommen aus Lemo  Lebendiges Museum online,

bearbeitet von Petra Reichel

Otto von Bismarck

 

  • 1815
  1. April: Otto Eduard Leopold von Bismarck wird als viertes von sechs Kindern des Gutsbesitzers Ferdinand von Bismarck und dessen Frau Wilhelmine Luise (geb. Mencken) in Schönhausen (Altmark) geboren. Außer ihm überleben nur der ältere Bruder Bernhard (1810-1893) und die jüngere Schwester Malwine (1827-1908) die ersten Jahre. 
  • 1821

Bismarck wird Schüler der Plamannschen Lehranstalt in der Wilhelmstraße in Berlin. 

  • 1827-1830

Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin. 

  • 1830

Fortsetzung der Schulausbildung am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. 

  • 1832

Nach dem Abitur immatrikuliert sich Bismarck an der Universität Göttingen für das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften.  
Aufnahme in das landsmannschaftliche Studentenkorps „Hannovera“. Später rühmt er sich, „innerhalb von drei Semestern 28 Mensuren gehabt und immer gut davongekommen zu sein.“ 

  • 1833

Februar: Erste Karzerstrafe wegen Anwesenheit bei einem Pistolenduell.  
September: Bismarck wechselt an die Universität Berlin. 

  • 1835

Erstes juristisches Staatsexamen.  
Referendariat am Königlichen Stadtgericht in Berlin. 

  • 1836

Regierungsreferendar in Aachen. 

  • 1837

Der Verwaltungstätigkeit überdrüssig, lässt sich Bismarck wegen Unwohlseins beurlauben und reist monatelang ohne genehmigten Urlaub seiner ersten großen Liebe hinterher. Bei seiner Rückkehr wird er aus dem Regierungsdienst in Aachen entlassen.  
Fortsetzung der Referendarzeit bei der Potsdamer Provinzialregierung. 

 

  • 1838

Bismarck bricht sein Referendariat ab und beginnt den Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger. 

  • 1839
  1. Januar: Bismarcks Mutter stirbt. Otto und sein Bruder Bernhard übernehmen gemeinsam die Bewirtschaftung der väterlichen Güter Kniephof, Külz und Jarchelin in Pommern. 
  • 1844

Er setzt seine Referendarzeit in Potsdam fort. Nach zwei Wochen bricht er seine Ausbildung erneut ab und entscheidet sich damit endgültig gegen die Beamtenlaufbahn. 

  • 1845

Oktober: Eintritt als Abgeordneter in den Provinziallandtag von Pommern.  
22. November: Bismarcks Vater stirbt. 

  • 1846

Februar: Bismarck übernimmt das väterliche Gut Schönhausen.  
Herbst: Ernennung zum Deichhauptmann von Jerichow für das rechte Elbufer. 

  • 1847
  1. Mai: Bismarck rückt als Stellvertreter eines erkrankten Abgeordneten in den Vereinigten Preußischen Landtag nach. Mit seinen Reden und Wortmeldungen erwirbt er sich rasch den Ruf als Gegner des bürgerlichen Liberalismus.  
    28. Juli: Heirat mit Johanna von Puttkamer in Reinfeld/Pommern. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor: Marie (1848-1926), Herbert (1849-1904) und Wilhelm (1852-1901). 
  • 1848

Mitbegründer und zeitweiliger Mitarbeiter der konservativen „Neuen Preußischen Zeitung“, nach dem Eisernen Kreuz im Titelkopf bald nur noch „Kreuzzeitung“ genannt.  
18./19. August: Bismarck nimmt am so genannten Junkerparlament in Berlin teil, einer konservativen Tagung zur Wahrung der Interessen der Grundbesitzer. 

  • 1849
  1. Februar: Wahl in die Zweite Kammer des Preußischen Landtags. 
  • 1850
  1. Januar: Wahl zum Abgeordneten des Erfurter Unionsparlaments, das über eine Verfassung für die geplante Union von 26 kleineren deutschen Staaten unter Preußens Vorsitz beraten soll. 
    3. Dezember: Im Preußischen Landtag verteidigt Bismarck die „Olmützer Punktuation“, in der Preußen mit Rücksicht auf Österreich von einer Fortführung der Unionspolitik absieht: Eine gemeinsame Politik der „gleichberechtigten Schutzmächte Deutschlands“ sei besser für die „preußische Ehre“ als eine „schmachvolle Verbindung mit der Demokratie“. Mit dieser Rede empfiehlt er sich insbesondere den hochkonservativen Kreisen um König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. 
  • 1851
  1. Mai: Ernennung zum Geheimen Legationsrat und Rat bei der preußischen Gesandtschaft am Bundestag in Frankfurt/Main.  
    15. Juli: Ernennung zum preußischen Bundestagsgesandten in Frankfurt/Main. Sein vorrangiges Ziel ist die Gleichstellung der beiden Großmächte Preußen und Österreich innerhalb des Deutschen Bundes und die Reduzierung der österreichischen Präsidentschaft auf eine bloße Ehrenstellung.  
    2. Dezember: Wiederwahl in die zweite Kammer des Preußischen Landtags. 
  • 1852
  1. März: Unblutiges Pistolenduell mit dem liberalen Abgeordneten Georg Freiherr von Vincke (1811-1875) nach einer sehr persönlich geratenen Kammerdebatte um die Zollpolitik. 
  • 1854
  1. November: Berufung in das preußische Herrenhaus, der 1. Kammer des preußischen Landtags. 
  • 1859-1862

Als preußischer Gesandter am russischen Hof in St. Petersburg hält Bismarck engen Kontakt zu einflussreichen Persönlichkeiten, unter anderem zum russischen Außenminister Alexander Gortschakow (1798-1883), und gewinnt so wertvolle Kenntnisse über die politischen und gesellschaftlichen Strömungen Russlands, die für seine spätere Außenpolitik nützlich sind. 

  • 1862

März-September: Preußischer Gesandter in Paris. 
23. September: An dem Tag, als das preußische Abgeordnetenhaus alle Ausgaben für die Heeresreform ablehnt und sich der seit 1860 schwelende Heereskonflikt zum Verfassungskonflikt ausweitet, beruft Wilhelm I. von Preußen Bismarck zum vorläufigen preußischen Ministerpräsidenten. Bis 1866 regiert Bismarck ohne parlamentarisch genehmigtes Budget. 
30. September: In der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses versucht Bismarck, die liberale Opposition zur außenpolitischen Kooperation zu bewegen. Mit den Worten „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschiedenen – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut“ nährt er jedoch das Misstrauen der Abgeordneten gegen ihn. 
8. Oktober: Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten und Minister des Auswärtigen. 

  • 1863
  1. Februar: Mit Unterzeichnung der Alvenslebenschen Konvention unterstützt Bismarck Russland in der Bekämpfung des polnischen Aufstands und sichert sich so den in den kommenden Jahren wichtigen russischen Rückhalt.  
    12./13. Mai: In einem ersten geheimen Gespräch mit dem Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV)Ferdinand Lassalle, sondiert Bismarck die Möglichkeiten politischer Kooperation mit der Arbeiterbewegung, um einen Rückhalt gegen seine liberalen Gegner im Abgeordnetenhaus zu haben. 
  • 1864
  1. Februar: Mit Beginn des Deutsch-Dänischen Krieges kommt Bismarck dem zunächst geheim gehaltenen Ziel, Schleswig und Holstein in den preußischen Staat einzuverleiben, näher. 
  • 1865
  1. August: In der „Konvention von Gastein“ einigen sich Preußen und Österreich zunächst auf eine Aufteilung Schleswig-Holsteins. Die sich daraus ergebenden Konflikte sowie das Ringen zwischen Österreich und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führen schließlich zum Deutschen Krieg 1866. 
    Vorrangige Ziele Bismarcks bleiben die Erringung und der Ausbau einer preußischen Vormachtstellung in Deutschland und Europa. Die im Nachhinein „Einigungskriege“ genannten Kriege gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 sind in diesem Sinne das Mittel, einen kleindeutschen bzw. großpreußischen Nationalstaat ohne Österreich zu verwirklichen. 
    16. September: Bismarck wird in den Grafenstand erhoben. 
  • 1866
  1. April: In einem Geheimvertrag sichert sich Bismarck als Gegenleistung für den in Aussicht gestellten Erwerb von Venetien die italienische Unterstützung im Krieg gegen Österreich. 
    7. Mai: Der Tübinger Student Ferdinand Cohen-Blind, Stiefsohn eines 1848er Revolutionärs, verübt in Berlin Unter den Linden ein Pistolen-Attentat auf Bismarck, um gegen dessen antiliberale Politik zu demonstrieren. Bismarck bleibt unverletzt und deutet dies als gutes Omen für seine Politik. 
    3. Juli: Nach dem preußischen Sieg über Österreich und Sachsen bei Königgrätz (Böhmen) erreicht Bismarck sein Ziel der Annexion Schleswigs und Holsteins und der Herausdrängung Österreichs aus Deutschland. 
    3. September: Mit der Annahme der so genannten Indemnitätsvorlage billigt das preußische Abgeordnetenhaus nachträglich die Staatsausgaben für die Heeresreform. Damit ist der seit 1862 bestehende Verfassungskonflikt zwischen Bismarck und dem Parlament beendet. 
    Bismarck beginnt seine Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen. 
  • 1867
  1. Februar: In Anerkennung seiner Verdienste um Preußen erhält er von König Wilhelm I. eine Dotation über 400.000 Taler, von der er unter anderem das Gut Varzin bei Köslin in Pommern erwirbt.  
    14. Juli: Bismarck wird Kanzler des unter preußischer Führung gegründeten Norddeutschen Bundes, dessen Verfassung inklusive allgemeinem und gleichem Wahlrecht weitgehend auf seine eigenen Entwürfe zurückgeht. 
  • 1870
  1. Juli: Einen Tag nach dem Verzicht Leopolds von Hohenzollern-Sigmaringen (1835-1905) auf die spanische Thronkandidatur verlangt der französische Botschafter von König Wilhelm I. in Bad Ems die Zusicherung, auch künftig keine Hohenzollernkandidatur in Spanien zuzulassen. Der König lehnt ab und berichtet telegraphisch an Bismarck. Bismarck veröffentlicht diese „Emser Depesche“ in verschärfter Form in der Presse. Sie erregt einen Sturm nationaler Entrüstung in Frankreich und Deutschland und führt zur französischen Kriegserklärung am 19. Juli und damit zum Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Bismarcks Kalkül, Preußen als Opfer einer vermeintlichen französischen Aggression darzustellen und damit die übrigen Mächte aus dem Konflikt herauszuhalten, geht auf. 
  • 1871
  1. März: Bismarck wird in den erblichen Fürstenstand erhoben und zum ersten Reichskanzler des neu gegründeten Deutschen Reichs ernannt. Seine Ämter als preußischer Ministerpräsident und Außenminister behält er bei.  
    24. Juni: In Anerkennung seiner Verdienste um Preußen erhält er von Kaiser Wilhelm I. den Sachsenwald bei Friedrichsruh im Herzogtum Lauenburg übereignet. 
  • 1872
  1. Mai: Bismarck erklärt im Reichstag in Zusammenhang mit dem von ihm gemeinsam mit den Liberalen gegen die katholische Kirche und dieZentrumspartei geführten „Kulturkampf“: „Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht.“ Mit dem auf den Bußgang Kaiser Heinrichs IV. (1050-1106) zum Papst nach Canossa im Jahre 1077 rekurrierenden Schlagwort will Bismarck die Unnachgiebigkeit seiner Politik unterstreichen. 
  • 1873
  1. Oktober: Das Drei-Kaiser-Abkommen zwischen Österreich, Russland und dem Deutschen Reich ist das erste einer Reihe von Abkommen in Bismarcks so genanntem Bündnissystem, welches das europäische Gleichgewicht und damit die Position des seiner Ansicht nach saturierten Deutschlands in der Mitte Europas sichern soll. Insbesondere die Gefahr eines französisch-russischen Bündnisses sucht er einzudämmen. 
  • 1874
  1. Juli: Der katholische Böttchergeselle Eduard Kullmann (1853-1892) verübt in Kissingen ein Pistolen-Attentat auf Bismarck, bei dem dieser leicht am rechten Handgelenk verwundet wird. Obwohl sich die Zentrumspartei kurz darauf von dem Täter distanziert, trägt der Vorfall wesentlich zur Verschärfung des Kulturkampfes bei. Kullmann selbst wird im Oktober 1874 zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. 
  • 1875
  1. April-13. Mai: Mit einem von ihm selbst angeregten Zeitungsartikel unter der Überschrift „Ist der Krieg in Sicht?“ provoziert Bismarck die so genannte Krieg-in-Sicht-Krise zwischen dem wieder erstarkten Frankreich und dem Deutschen Reich. Sein eigentliches Ziel ist die Einschüchterung Frankreichs. Durch diplomatische Intervention Großbritanniens und Russlands kann die Krise beigelegt werden. 
  • 1877
  1. Juni: Im so genannten Kissinger Diktat spricht sich Bismarck für die russische Schwarzmeerherrschaft aus. Großbritannien solle Ägypten erhalten, das Deutsche Reich sei hingegen nur an der Erhaltung des Status quo interessiert. Bismarck skizziert damit sein außenpolitisches Ziel, dass das Deutsche Reich gute und nicht einseitig gebundene Beziehungen zu allen europäischen Mächten außer Frankreich erhalten und zugleich den europäischen Frieden sichern könne. 
  • 1878
  1. Februar: Bismarck erklärt vor dem Reichstag seine Bereitschaft, in der Orientkrise als „ehrlicher Makler“ zu vermitteln. Erneut unterstreicht er damit sein außenpolitisches Ziel des europäischen Gleichgewichts und sucht dieses auch durch Einberufung des Berliner Kongresses zur Lösung der Balkan-Krise im Juni 1878 zu verwirklichen.  
    17. Juli: Mit der Arbeiterschutz-Novelle wird die obligatorische Fabrikaufsicht durch staatliche Fabrikinspektoren eingeführt. Mit dieser sozialpolitischen Maßnahme beginnt Bismarck den sukzessiven Ausbau des staatlichen Fürsorge- und Wohlfahrtssystems, um damit der Sozialdemokratieihre Basis zu entziehen. Es folgen die in ihren Grundzügen bis heute gültigen drei großen Bismarkschen Sozialgesetze, das Krankenversicherungsgesetz 1883, das Unfallversicherungsgesetz 1884 und das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung 1889.  
    18. Oktober: Mit dem Reichsgesetz „wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, dem so genannten Sozialistengesetz, erreicht Bismarck das seit 1874 von ihm geforderte Verbot der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) und der Arbeiterbewegung. Sein Ziel, die Sozialdemokratie nachhaltig zu zerstören, erreicht er nicht. 
  • 1880
  1. September: Bismarck übernimmt das preußische Handelsministerium und schlägt in Abkehr vom bisherigen „Laissez Faire“ eine Politik des ordnenden staatlichen Eingriffs ein. 
  • 1884
  1. April: Unterstützt von Bismarck wird mit Angra Pequena an der südwestafrikanischen Küste die erste Kolonialerwerbung unter deutschen Schutz gestellt. Infolge der seit 1873 andauernden Weltwirtschaftskrise und der zunehmenden Bedeutung der Kolonialfrage für die Politik der europäischen Mächte gibt Bismarck ab 1880 seine zunächst ablehnende Haltung gegenüber deutschen Kolonialerwerbungen auf.  
    15. November: Gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten Jules Ferry (1832-1893) beruft Bismarck die Kongokonferenz in Berlin ein. Bis zum 26. Februar 1885 tagen die Bevollmächtigten von 13 europäischen Staaten sowie der Vereinigten Staaten von Amerika und einigen sich in der Kongo-Akte über eine Zollfreiheit im Kongo- und Nigergebiet sowie die Errichtung eines Kongostaates unter dem belgischen König Leopold II. (1835-1909). Außerdem wird in diesem Dokument der Anspruch der Europäer, Afrika untereinander aufzuteilen, festgeschrieben.  siehe „Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches“
  • 1885
  1. April: Kaiser Wilhelm I. schenkt Bismarck zu seinem 70. Geburtstag Anton von Werners Gemälde „Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)“.  
    17. Mai: Eine zu Deutsch-Neuguinea gehörende melanesische Inselgruppe erhält unter dem Namen Bismarck-Archipel den kaiserlichen Schutzbrief. 
  • 1888
  1. Juni: Mit der Thronbesteigung Wilhelms II.wandelt sich das seit den 1870er Jahren unveränderte Machtgefüge an der Spitze des Deutschen Reiches, da der junge Kaiser im Gegensatz zu seinem Großvater Wilhelm I. nicht gewillt ist, sich dem Willen Bismarcks unterzuordnen. 
  • 1890
  1. Januar: Als Wilhelm II. während Bismarcks Abwesenheit beginnt, Pläne für eine eigene Sozialpolitik zu entwickeln, die unter anderem ein breit angelegtes Programm zur Verbesserung des Arbeiterschutzes vorsehen, und Bismarcks Vorlage für ein unbefristetes Sozialistengesetz im Reichstag abgelehnt wird, tritt er von dem für die Sozialpolitik zuständigen Amt des preußischen Handelsministers zurück.  
    15. März: Nach weiteren Meinungsverschiedenheiten – neben der Sozialpolitik kommt auch Bismarcks Festhalten an einer Kabinettsordre von 1852, die den Verkehr der einzelnen Minister mit der Krone unter die Kontrolle des Ministerpräsidenten stellt, ins Spiel, – kommt es zum Bruch zwischen Kaiser Wilhelm II. und Bismarck. In einer Unterredung fordert Wilhelm II. Bismarck unmissverständlich zum Rücktritt auf.  
    18. März: Bismarck reicht sein Abschiedsgesuch ein, das so geschickt formuliert ist, dass dem Kaiser die ganze Verantwortung für das Zerwürfnis zufällt. Das Gesuch wird erst unmittelbar nach Bismarcks Tod veröffentlicht.  
    20. März: Entlassung Bismarcks als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Bismarck erhält den Titel eines Herzogs von Lauenburg, den zu tragen er sich jedoch weigert. In weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit herrscht Erleichterung über Bismarcks Sturz. Im Ausland hingegen wird der Machtwechsel mit gemischten Gefühlen aufgenommen, da Bismarck als Garant einer friedlichen Außenpolitik gilt. Von Friedrichsruh aus kommentiert und kritisiert der „Alte vom Sachsenwald“, wie Bismarck nun genannt wird, unablässig die Politik seines Nachfolgers Leo von Caprivi und des Kaisers
  • 1891
  1. April: Bismarck lässt sich als Kandidat der Nationalliberalen in den Reichstag wählen. Er übt das Mandat zwar nie aus, erfreut sich aber an der politischen Unruhe, die dieser Schachzug auslöst. 
  • 1892

Ein kaiserlicher Erlass, der Bismarck von fast allen offiziellen Kontakten abschneidet, ruft in der Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung hervor. Erst jetzt beginnt ein regelrechter Kult um den „Reichsgründer Bismarck“, dessen Verehrung als lebendes Denkmal nach der offiziellen Aussöhnung mit Kaiser Wilhelm II. 1894 noch weiter zunimmt. 

  • 1894
  1. November: Tod von Bismarcks Frau Johanna. 
  • 1895
  1. März: Wegen der anhaltenden Kritik Bismarcks an der Politik des Reichskanzlers und des Parlaments lehnt die Reichstagsmehrheit eine Glückwunschadresse zu Bismarcks 80. Geburtstag ab.  
    1. April: Zu seinem 80. Geburtstag erreicht der Bismarck-Kult einen vorläufigen Höhepunkt: Über 450 Städte verleihen Bismarck die Ehrenbürgerschaft, 9.875 Telegramme und 450.000 Briefe werden vom Postamt in Friedrichsruh ausgeliefert, Tausende pilgern zu Bismarcks Ruhesitz. 
  • 1896
  1. Oktober: Bismarck enthüllt in dem „Hamburger Nachrichten“ den von 1887 bis 1890 bestehenden geheimen deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag. 
  • 1898
  1. Juli: Otto von Bismarck stirbt in Friedrichsruh bei Hamburg. Bismarcks Tod erregt auch international solches Aufsehen, dass für die Dauer einer Woche allein in der Presse zuvor bestimmende Themen wie der spanisch-amerikanische Krieg gänzlich in den Hintergrund geraten. 
    Die Familie widersetzt sich dem Wunsch Kaiser Wilhelms II., den Leichnam nach Berlin zu überführen. Die Beisetzung findet gemäß Bismarcks Vorgaben in Friedrichsruh statt. 
    November: Die ersten zwei Bände von Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ erscheinen. Innerhalb kürzester Zeit sind die ersten 100.000 Exemplare vergriffen. Der dritte Band, der die Umstände der Entlassung Bismarcks schildert, darf erst 1919, nach dem Sturz der Hohenzollernmonarchie, veröffentlicht werden. 
    Von den über 700 Bismarck-Denkmälern, die bis 1914 im Deutschen Reich in Planung sind, werden mindestens 500 realisiert. 
  • 2012

Veröffentlichung von verschollen geglaubten Tonaufzeichnungen Bismarcks, die 1889 mit dem Phonographen des amerikanischen Erfinders Thomas Edison (1847-1931) entstanden waren.

Dorlis Blume
© Deutsches Historisches Museum, Berlin
  1. September 2014
Text: CC BY NC SA 4.0

Den erfolgreichen Kampf der Arbeiterklasse gegen das Sozialistengesetz erwähnt dieses Museum nicht. Der Kaiser wird als „guter Mensch“ dargestellt, der zuerst auf die Idee der Sozialgesetze gekommen wäre. 

eingefügt von Petra Reichel

Bismarck zu den Sozialgesetzen

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Sozialgesetze

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bildersammlung

zusammengestellt von Petra Reichel
Zeitgenössische Karikatur auf den Dreibund. Von links nach rechts: Bismarck, der Kaiser von Österreich Ungarn und der König von Italien
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Die Kaiserproklamation Wilhelms I. (Gemälde von Anton von Werner, 1877, Ausschnitt)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Der Norddeutsche Bund
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die wichtigsten Ergebnisse des Kampfes der Arbeiterklasse gegen das Sozialistengesetz

Der Sturz Bismarcks und die Aufhebung des Sozialistengesetzes

Die wachsende Stärke der Sozialdemokratie und der große Bergarbeiterstreik 1889 zeigten, dass der Versuch der herrschenden Klassen, das Proletariat politisch mundtot zu machen, misslungen war. 1890 erschienen bereits wieder 60 Arbeiterzeitungen, also noch 13 mehr als 1878. In den Jahren von 1878 bis 1890 hatte sich die Anzahl der gewerkschaftlichen Zentralverbände von 36 auf 59 erhöht.

Die Erfolge der deutschen Arbeiterklasse unter Führung ihrer Partei führten innerhalb der herrschenden Klassen zu unterschiedlichen Auffassungen über die Art der Bekämpfung der Sozialdemokratie. So wurde das Sozialistengesetz am 25. Januar 1890 nicht mehr vom Reichstag verlängert.

„Junker und Bourgeois tragen trauernd die Ausnahmegesetze gegen die Sozialisten zu Grabe.“ (Karikatur aus der satirischen sozialdemokratischen Zeitschrift „Der wahre Jacob“, 1890)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Wählerstimmen für sozialdemokratische Kandidaten bei den Reichstagswahlen von 1878 bis 1890
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Sieg der Arbeiterklasse wurde deutlich, als die Sozialdemokratie mit fast 1,5 Millionen Wählerstimmen als stärkste Partei aus den Wahlen vom Februar 1890 hervorging.

Teil der Titelseite des „Sozialdemokraten“ vom 8. März 1890
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Vier Wochen danach musste Bismarck, den die herrschenden Klassen immer als unbesiegbaren „Eisernen Kanzler“ bezeichneten, alle seine Ämter niederlegen. Am 30. September 1890 trat auch das Sozialistengesetz außer Kraft.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Weder Terror noch Lockerungen hatten es vermocht, die Arbeiter vom Klassenkampf abzuhalten. Mut und Solidarität, Kampfentschlossenheit und politische Reife – an diesen Grundeigenschaften der proletarischen Kämpfer waren die herrschenden Klassen mit ihrer Ausnahmepolitik gescheitert.

Die Stärkung der Partei als Führerin der Klasse

Die entscheidende Voraussetzung für den Sieg der Arbeiterklasse über das Sozialistengesetz war, dass sie eine zielklare Führung hatte. Diese Führung war die Partei. Im Kampf selbst festigte sich die Partei. Die organisatorischen Verbindungen der Genossen untereinander, die der Genossen zu den Führern August Bebel und Wilhelm Liebknecht, und das Verhältnis der Arbeiter zum „Sozialdemokrat“ entwickelten sich zu einer festen Kampfgemeinschaft.

Der revolutionären Politik der Partei widersetzten sich die Opportunisten. Sie verzichteten auf die Klasseninteressen der Arbeiterklasse, auf den Sturz der kapitalistischen Ausbeuterordnung. Sie beschränkten sich darauf, die Lage der Arbeiter innerhalb des kapitalistischen Systems zu verbessern. Demgegenüber galt es, die marxistischen Grundsätze als Leitlinie für den Kampf der Arbeiterklasse durchzusetzen. Dazu bedurfte es harter Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung. In diesem Ringen setzten sich die marxistischen Kräfte durch. Die Arbeiter wiesen gemeinsam mit den revolutionären Führern und unterstützt von Marx und Engels kleinbürgerlich Kräfte in der Partei, die eine Ampassungspolitik an die herrschenden Klassen betreiben wollten, zurück. In den zwölf Jahren des Sozialistengesetzes zeigte sich, dass der Marxismus die Grundlage für eine Politik war, die die Interessen der Arbeiter mit Erfolg verfocht. Dadurch war es möglich, dass sich die Partei das Vertrauen und die Achtung der Arbeiter erwarb. Viele Arbeiter großer Industriebetriebe und die Bergarbeiter, die vor dem Sozialistengesetz noch keine Bindung zur Sozialdemokratie hatten, sahen nun in dieser Partei auch ihre Sachwalterin.

Das Erfurter Programm

Die politische Entwicklung der Sozialdemokratie in der Zeit des Sozialistengesetzes erforderte ein neues Programm. Es galt, die Kampfergebnisse auszuwerten und neue Ziele festzulegen.

Der Parteitag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Erfurt 1891 nahm ein neues Programm, das Erfurter Programm, an, das an die Stelle des opportunistischen Gothaer Programms trat. Verschiedene Entwürfe wurden geschrieben und diskutiert. Es war vor allem Friedrich Engels, der den Parteiführern wichtige Hinweise gab, wie das neue Programm aussehen sollte, welche Ziele es aufstellen musste und welche Wege zu diesen Zielen führten. Damit trug er wesentlich dazu bei, opportunistische Auffassungen zurückzuweisen, die in der Diskussion um das Erfurter Programm auftraten. Sehr wichtig war vor allem die Veröffentlichung der Kritik des Gothaer Programms von Karl Marx (siehe Herstellung Einheit der Arbeiterbewegung..) durch Friedrich Engels.

So entstand ein Programm, das in entscheidenden Punkten die marxistischen Prinzipien enthielt. Es hieß darin unter anderem, dass zur Errichtung der sozialistischen Gesellschaft das kapitalistische Eigentum an Produktionsmitteln (Gruben, Fabriken, Verkehrsmittel usw.) in gesellschaftliches Eigentum verwandelt werden muss. Diese Umwandlung kann nur durch die Arbeiterklasse erfolgen. Zu diesem großen Werk, so hieß es im Programm, braucht die Arbeiterklasse eine revolutionäre Partei.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Julius Motteler

Näheres siehe Wikipedia

Julius Motteler, der als Verantwortlicher für den Versand des „Sozialdemokraten“ den Ehrennamen „Der rote Feldpostmeister“ erhielt. (Fotografie)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Haus in Esslingen am Neckar, in dem Motteler von 1838 bis 1856 wohnte
Bildquelle: Von –Xocolatl 23:40, 26 December 2007 (UTC) – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3281695

Zusammengestellt von Petra Reichel

Der Kampf der deutschen Arbeiterklasse gegen das Sozialistengesetz

Zweck und Inhalt des Sozialistengesetzes

Junker und Großkapitalisten sahen voller Unruhe, wie schnell die sozialistische Arbeiterpartei erstarkte. Die herrschenden Klassen und ihre Regierung sahen in der sozialistischen Bewegung ein entscheidendes Hindernis für die weitere Ausbeutung des Volkes und die Erhöhung der Profite und Staatseinnahmen. So nutzten sie zwei 1878 erfolgte Attentatsversuche auf den Kaiser, mit denen die Sozialdemokratie nichts zu tun hatte, um am 21. Oktober 1878 das sogenannte Sozialistengesetz durchzusetzen, das sich gegen die gesamte Arbeiterklasse richtete.

Das Sozialistengesetz wird durch das Reichsgesetzblatt verkündet
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Die wichtigsten Bestimmungen des Soziallistengesetzes
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Unterdrückung der Arbeiterorganisationen, das Verbot aller Arbeiterzeitungen und der Terror der Polizei und Justiz minderten die Kraft der Arbeiterklasse und des Volkes. Das nutzten die herrschenden Klassen, und sie begannen einen seit langem geplantem Raubzug auf die Taschen des Volkes. Im Juli 1879 wurden die Schutzzollgesetze angenommen. Die Zölle für ausländisches Eisen, Getreide, Vieh, Holz und viele andere Waren trieben natürlich die Preise in Deutschland in die Höhe. Die Regierung erhöhte darüber hinaus die indirekten Steuern für Salz und Zucker. Diese Einnahmen dienten vor allem der weiteren Rüstung.

Die Salzsteuer galt weiterhin bis in die Zeit des heutigen Deutschlands. Sie wurde erst mit Wirkung ab dem 01. Januar 1993 aufgehoben. Näheres siehe Wikipedia.

Die Zuckersteuer galt ebenso bis in die Zeit des heutigen Deutschlands. Sie wurde erst zum 01. Januar 1993 mit Hinblick auf den EU-Binnenmarkt abgeschafft. Krankenkassenfachleute und Nicht-Regierungsorganisationen, wie FOODWATCH werben für die Wiedereinführung der Zuckersteuer in Deutschland und werden dabei von Mitgliedern des Bundestages-Gesundheitsausschusses unterstützt. Zucker gilt als schädlich und ungesund. Näheres siehe Wikipedia.

Zölle und Verbrauchssteuern
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Arbeiterklasse trotzt dem Terror

Das Sozialistengesetz traf die Arbeiterklasse schwer. Von 47 Parteizeitungen wurden 45 sofort verboten. Die mit den Ersparnissen der Arbeiter mühsam aufgebauten Genossenschaftsdruckereien wurden geschlossen. 17 gewerkschaftliche Zentralorganisationen wurden sofort verboten, dazu viele lokale Organisationen und Vereine. Bereits im November 1878 wurden 67 führende Sozialdemokraten aus Berlin ausgewiesen.

Der Kampf der Arbeiter und revolutionären Führer richtete sich auch gegen opportunistische Kräfte in der Partei, die bei der Umstellung der Partei auf die neuen Kampfbedingungen hervortraten und die Existenz der revolutionären Kampfpartei bedrohten. Eine Gruppierung trat gegen den revolutionären Kampf der Arbeiterklasse auf, eine andere propagierte eine putschistische, anarchistisch beeinflusste Taktik. Die revolutionären Führer wiesen mit Unterstützung von Marx und Engels diese Kräfte zurück. Die Arbeiter nahmen unter Führung von August Bebel und Wilhelm Liebknecht den Kampf gegen das Sozialistengesetz auf. So wurde eine Unterstützungsaktion für Ausgewiesene eingeleitet. Das Unterstützungskomitee leitete August Bebel. Dadurch entstanden auch wieder die ersten Verbindungen unter den Genossen.

Ausweiskarte für einen ausgewiesenen Sozialdemokraten
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
August Bebel über eine illegale Versammlung Dresdner Genossen
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Sozialdemokraten entwickelten neue Methoden des Kampfes. Geheime, illegale Verbindungen wurden ergänzt durch legale Zusammenkünfte in Turn-, Wander- und Gesangsvereinen.

Die Sozialdemokraten nutzten die Reichstagswahlen zur Agitation und wirkten in sogenannten Hilfskassen zur Krankenunterstützung. Die Abgeordneten im Reichstag und in den Landtagen legten die Auffassungen zu wichtigen politischen Ereignissen dar und konnten auf diese Weise auch den Kampf der Arbeiter lenken. Erstmalig entwickelte so eine proletarische Massenpartei eine Kampftaktik unter besonders schweren Kampfbedingungen: die Verbindung der illegalen mit der legalen Arbeit. Dieser Kampf war schwer, denn überall setzte die Polizei ihre Spitzel ein.

Teilnehmer einer illegalen sozialdemokratischen Veranstaltung in der Nähe von Berlin werden von der Polizei abgeführt. (Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Klugheit und Mut gehörten dazu, die Polizei zu überlisten.

Die „Rote Feldpost“

Um erfolgreich kämpfen zu können, brauchte die Arbeiterklasse eine Zeitung, die unbeeinflusst von der Polizeikontrolle Anleitung gab und die Ziele des Kampfes verbreitete. Mit Hilfe von Karl Marx und Friedrich Engels wurde seit dem 28. September 1879 in Zürich in der Schweiz „Der Sozialdemokrat“ herausgegeben.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Wöchentlich wurde „Der Sozialdemokrat“ illegal nach Deutschland gebracht und verbreitet. Tapfere Sozialisten sorgten für den Vertrieb. Ihre Organisation nannten die Arbeiter die „Rote Feldpost“.

Die Mitarbeiter der „Roten Feldpost“ arbeiteten sehr geschickt und mutig, so dass die Polizei nur selten eine Sendung Zeitungen abfangen konnte. Im Jahre 1886 wurden bereits 10 000 Exemplare der Zeitung „Sozialdemokrat“ in Deutschland verbreitet.

Im „Sozialdemokrat“ erschienen Artikel von Karl Marx und Friedrich Engels, August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Aber auch sehr viele Arbeiter berichteten von ihren Erfahrungen.

Julius Motteler, der als Verantwortlicher für den Versand des „Sozialdemokraten“ den Ehrennamen „Der rote Feldpostmeister“ erhielt. (Fotografie)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Kampf gegen „Zuckerbrot und Peitsche“

Die Kampfentschlossenheit der Arbeiter, die sich in den Erfolgen der Sozialdemokratie bei Wahlen (wichtigste Ergebnisse..) widerspiegelten, zeigte den herrschenden Klassen, dass mit Unterdrückung und Terror die sozialistische Bewegung nicht zu beseitigen war. Bismarck versuchte daher, soziale Forderungen der Arbeiter aufzugreifen, einige soziale Verbesserungen zu gewähren, um dadurch die Arbeiter vom revolutionären Klassenkampf abzulenken.

Die „Peitsche“ des Terrors wurde durch das „Zuckerbrot“ der Sozialgesetze ergänzt.

Bismarck 1844 über die Sozialgesetze
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Die Sozialgesetze
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Sozialgesetze brachten für einen Teil der Arbeiter gewisse soziale Verbesserungen. Wieder regten sich opportunistische Kräfte in der Partei, die in den Sozialgesetzen die Verwirklichung des Sozialismus sahen. Solchen Auffassungen traten die revolutionären Parteiführer entgegen. Unter der Losung „Das Zuckerbrot verachten wir, die Peitsche zerbrechen wir!“ kämpfte die Partei weiter. Die Organisation wurde fester.

Von den Sozialgesetzen profitieren wir noch heute. Bismarck wird als der große Wohltäter dargestellt, weil er diese eingeführt hatte. In diesem Beitrag sehen wir aber, dass es sich in Wirklichkeit anders verhalten hatte.  Es wird an den Sozialgesetzen Abbau betrieben. Doch ganz abschaffen kann man sie nicht, da sie vom Reaktionär Bismarck geschaffen wurden, um Aufstände oder gar eine Revolution zu verhindern.

1886/87 organisierte die Partei umfangreiche Aktionen gegen Militarismus und Völkerhetze, für proletarischen Internationalismus. Den 10. Jahrestag des Sozialistengesetzes „feierten“ die Sozialdemokraten mit Flugblattaktionen und geheimen Versammlungen. An den Türen und Schornsteinen, ja sogar auf einigen Polizeigebäuden, wehten rote Fahnen. Die Gewerkschaften entstanden neu, und die Streiktätigkeit stieg seit Mitte der 1880er Jahre schnell an. Höhepunkt des Kampfes war der große Bergarbeiterstreik vom 04. Mai bis 06. Juni 1889. 

Militärstreife während des Streiks im rheinisch-westfälischen Industriegebiet 1889. Insgesamt wurden gegen die Streikenden 5 000 Infanteristen und fast 1 000 Kavalleristen eingesetzt. (Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Nahezu 150 000 Bergarbeiter aller deutschen Steinkohlereviere streikten für die Achtstundenschicht, für 15 Prozent Lohnerhöhung, Beseitigung der Lohnabzugssysteme (Strafmaßnahmen der Unternehmer) und Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Dieser Streik traf die herrschenden Klassen schwer, denn solche Industriegebiete wie das Ruhrgebiet – hier lag der Schwerpunkt des Streiks – waren lebenswichtige Zentren der Schwer- und Rüstungsindustrie.

Wenn der Streik auch nur Teilerfolge auf sozialem Gebiet für die Arbeiter brachte, so war er doch von großer Bedeutung für die Einbeziehung neuer Schichten der Arbeiterklasse in den revolutionären Kampf. Für viele Bergarbeiter zeigte sich nicht zuletzt während der schweren Streiktage, dass die revolutionäre Sozialdemokratie der beste Sachwalter aller Arbeiter war.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Herstellung der Einheit der Arbeiterbewegung und einer einheitlichen revolutionären Partei

Die neuen Aufgaben der Arbeiterklasse

Die Ereignisse des Jahres 1871 stellten die deutsche Arbeiterklasse vor eine neue Situation und brachten neue Aufgaben für die revolutionäre Führung des Proletariats. Die durch die Einigung Deutschlands beschleunigte kapitalistische Entwicklung bot einerseits günstigere Entwicklungsbedingungen für die Arbeiterklasse. Es kam jetzt darauf an, die Arbeiterklasse verstärkt in proletarischen Organisationen zu sammeln und sie mit dem Marxismus vertraut zu machen. Andererseits schuf aber die reaktionäre „Einigung von oben“ für die Arbeiterklasse auch sehr schwierige Kampfbedingungen. Zwar war die Einheit Deutschlands hergestellt, aber Junker und Militaristen spielten die entscheidende Rolle im Staat, und die Bourgeoisie verband sich mit ihnen. Daher fiel der Arbeiterklasse die Aufgabe zu, für eine demokratische Umgestaltung Deutschlands zu kämpfen. Sie musste den Kampf der demokratischen Kräfte von 1848 und aus den 1860er Jahren um ein demokratisches Deutschland fortsetzen. Die Arbeiterklasse wurde zur einzigen Kraft, die die Interessen der Nation wahrnehmen konnte.

Um diese Aufgaben zu lösen, brauchte die deutsche Arbeiterklasse eine einheitliche und schlagkräftige Partei. Die Arbeiterbewegung war durch die Politik der lasselleanischen Führer in den ADAV und die SDAP gespalten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Vereinigungsparteitag in Gotha

Als 1873/74 die SDAP das deutsche Volk zu einer großen antimilitaristischen Protestbewegung aufrief, kam es zu gemeinsamen Veranstaltungen von ADAV und SDAP. In großen Kundgebungen zeigte sich die Kraft der einheitlich handelnden Arbeiterklasse. Die Arbeiter erkannten ihre gemeinsamen Feinde. Die Führer des ADAV konnten sich nun dem Einigungsstreben nicht widersetzen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im Mai 1875 traten 56 Delegierte der SDAP und 73 Delegierte des ADAV zum Vereinigungsparteitag in Gotha zusammen. Sie vertraten rund 25 000 Mitglieder. Der Gothaer Vereinigungsparteitag beschloss einstimmig die Vereinigung der SDAP und des ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Die Organisation der vereinigten Parteien wurde dem bewährten Organisationsaufbau der SDAP nachgebildet. Die Ziele der Partei wurden im Gothaer Programm festgelegt.

August Bebel spricht auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha 1875.(Gemälde von Hermann Kohlmann; 1953)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Vor der Vereinigung hatten Wilhelm Liebknecht und andere Eisenacher Programmforderungen der Lasselleaner nachgegeben, weil sie meinten, eine schnelle Einigung sei wichtiger als ein marxistisches Programm. So entstand ein Programmentwurf, der nicht den Anforderungen des Kampfes gegen den preußisch-deutschen Militarismus entsprach.

Marx und Engels traten gegen diesen Programmentwurf auf. Marx kritisierte 1875 den Entwurf in seinen „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“. In dieser Schrift verallgemeinerten die Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus die Erfahrungen der Pariser Kommune. Marx‘ Arbeit gehört zu den wichtigsten Schriften des Marxismus.

Der Programmentwurf stellte das Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse falsch dar. Es vermengte demokratische Forderungen im bürgerlichen Staat mit der sozialistischen Gesellschaft. Im Programmentwurf wurde nicht gesagt, dass die Arbeiterklasse die politische Macht erobern muss. Marx kritisierte das und schrieb: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“

Zitatquelle

Die Diktatur des Proletariats ist notwendig, um den Widerstand der Ausbeuter_klassen zu brechen und den Sozialismus aufzubauen.

Der Programmentwurf dagegen wies der Arbeiterklasse einen falschen Weg zu ihrem Ziel. Er weckte den Anschein, als könne die Arbeiterklasse durch die Errichtung von Produktionsgenossenschaften mit Hilfe des Staates (des Staates der Junker und Kapitalisten) die wirtschaftliche Herrschaft der Ausbeuter_klassen vermindern und gar beseitigen.

Der Programmentwurf enthielt falsche Auffassungen über die Feinde der Arbeiterklasse. Er sprach nur von der Kapitalisten_klasse und ließ die Junker, die den größten Anteil an der politischen Macht besaßen, unberücksichtigt. Der Charakter des Klassenstaates wurde verwischt.

Der Programmentwurf leugnete die internationale Solidarität der Arbeiterklasse. Auf Grund der Kritik von Karl Marx korrigierten die Verfasser das Programm in dieser Frage. Trotz der Kritik von Karl Marx wurde der Programmentwurf der Partei sonst nur unerheblich verändert.

Daher blieb das Gothaer Programm hinter dem Entwicklungsstand der Arbeiterbewegung zurück. Es war seinem Wesen nach opportunistisch und belastete die Einigung schwer. Dennoch war die Einigung ein Erfolg. Seit 1875 verfügte die deutsche Arbeiterklasse über eine einheitliche sozialistische Partei, und die Arbeiter legten das Programm im revolutionären Sinne aus.

Mit Hilfe von Marx und Engels setzten sich die marxistischen Kräfte in der Partei durch. Dadurch errang die Partei große Erfolge. 1877 gab sie allein 41 Zeitungen heraus, die von 200 000 Arbeitern abonniert wurden. Im gleichen Jahr entsandte die Partei 12 Abgeordnete in den Reichstag. Die Gewerkschaften breiteten sich nach 1875 aus und erhöhten damit ihre Kampfkraft.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Entwicklung Deutschlands zur führenden Industriemacht

Die wirtschaftlichen Folgen der nationalstaatlichen Einigung

Die nationalstaatliche Einigung 1871 ermöglichte die noch schnellere Entwicklung des Kapitalismus in Deutschland. Die volle Ausbildung eines einheitlichen Marktes förderte die Produktion, den Handel und das Verkehrswesen außerordentlich.

So stieg die Länge der Eisenbahnstrecken von 19 6000 Kilometer im Jahre 1870 auf 51 400 Kilometer im Jahre 1900.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In den Jahren unmittelbar nach der Reichsgründung entstanden viele neue Unternehmen, und zahlreiche Aktiengesellschaften wurden gegründet. Diese Jahre nannte man daher die Gründerjahre. Zur Finanzierung der Neugründungen und der Großbetriebe entstand eine Anzahl mächtiger Banken, wie die die DEUTSCHE BANK (1872). Eine wesentliche Rolle spielten bei den Gründungen und bei der Erweiterung der Betriebe die vom französischen Volk erpressten fünf Milliarden Goldfranken Kriegsentschädigung. Der Raub von Elsass-Lothringen stärkte auch die industrielle Grundlage (Textilindustrie, Maschinenbau, Eisenerz) des deutschen Reiches.

Die Anwendung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und technische Verfahren

Die rasche Entwicklung des Kapitalismus nach 1871 schuf in Deutschland die Voraussetzungen für den schnellen Einsatz moderner Produktionsverfahren in der Industrie, insbesondere der Schwerindustrie.

Die Nutzung des von Sidney und Thomas entwickelten Thomas-Verfahrens war für die deutschen Kapitalisten besonders wichtig, weil dadurch die von Frankreich geraubten stark phosphorhaltigen Eisenerzlager in Lothringen voll ausgenutzt werden konnten. Auch in anderen Zweigen der Schwerindustrie entwickelten sich die technischen Verfahren. So wurden Formmaschinen und Sandstrahlgebläse in den Gießereien eingesetzt. Der hydraulische Schmiedehammer verdrängte den Dampfhammer. 1886 wurde ein Verfahren zum Walzen nahtloser Rohre entwickelt.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Entstehung neuer Industriezweige

Durch die Entwicklung der Industrie und des Verkehrswesens entstanden neue Produktionszweige. Neue Forschungsergebnisse der Wissenschaft wurden schnell zu Grundlage völlig neuer Industrien. Es entstanden chemische Werke und die optische Industrie.

In den chemischen Fabriken wurden künstliche Farben und Arzneimittel aus Steinkohlenteer gewonnen. Auch die Produktion von chemischem Dünger wurde durch die Verarbeitung von Kalisalzen und Thomasschlacke, einem Abfallprodukt des Thomasverfahrens, großtechnisch betrieben.

In der Fertigung optischer Geräte setzte der Forscher Ernst Abbe wissenschaftliche Methoden durch. Die Firma CARL ZEISS in Jena entwickelte sich dadurch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zum Zentrum der optischen Industrie in Deutschland und in der Welt.

Zeiss-Mikroskop; mit dem der Arzt Robert Kochseine berühmt gemachten Entdeckungen machte
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der kapitalistischen Industrie war die Nutzung der Elektroenergie. 1866 hatte der deutsche Techniker und Unternehmer Werner Siemens das elektrodynamische Prinzip entdeckt und die Dynamomaschine erbaut.  Nachdem es gelang, den elektrischen Strom durch Hochspannungsleitungen auf große Entfernungen zu übertragen, konnte auch der Elektromotor eingesetzt werden. Dadurch wurden in den Fabriken die komplizierten Anlagen der Kraftübertragung von der Dampfmaschine zur Arbeitsmaschine überflüssig. Auch zur Beleuchtung wurde die Elektrizität genutzt. 1882 erstrahlte in Berlin die erste Glühlampe.

Maschinensaal des zentralen Elektrizitätswerkes 1890 in Berlin.(Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Auch in das 19. Jahrhundert fällt auch der Anfang der Autoindustrie. 1885 war das erste Automobil aus der Werkstatt von Carl Benz in Mannheim fahrbereit. Sein Motor arbeitete nach dem Prinzip des Gasmotors (Benzin-Luft-Gemisch), den der Ingenieur Nicolaus Otto 1876 konstruiert hatte. Der 1897 von Rudolf Diesel erbaute Dieselmotor, der mit billigem Rohöl angetrieben wurde, kam ebenfalls sehr bald zum Einsatz.

Das erste von Benz erbaute Automobil
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Gründerkrach

Der schnelle Produktionsaufschwung nach 1871 konnte nicht über die Widersprüche des Kapitalismus hinwegtäuschen. Durch den Konkurrenzkampf zwischen den Kapitalisten um den höchsten Profit wurden mehr Waren produziert, als abgesetzt werden konnten. In Deutschland kam hinzu, dass durch die günstigen Bedingungen bei der Gründung von Aktiengesellschaften und durch die schnelle Anlage der französischen Kriegskontributionen ein wahres „Gründungsfieber“ entstanden war.

Als 1873 eine Weltwirtschaftskrise ausbrach, wirkte sich auf Deutschland besonders stark aus. Man sprach vom Gründerkrach, weil viele neugeründete Unternehmen zusammenbrachen. Die Produktion ging beträchtlich zurück, besonders in der Eisenindustrie.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Viele kleine und mittlere Kapitalisten überstanden diese Krise nicht. Ihre Betriebe wurden vielfach von den Großbetrieben aufgekauft.

Die herrschenden Klassen versuchten die Lasten der Krise auf die Werktätigen abzuwälzen. Viele Arbeiter wurden von der Entlassung und Arbeitslosigkeit betroffen. Gleichzeitig versuchten die Vertreter der Großbourgeoisie im Reichstag einen Gesetzentwurf gegen die gerade gewährte Koalitionsfreiheit der Arbeiter durchzusetzen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Lage der Werktätigen

Der schnelle Aufschwung der Industrie führte auch zu einem weiteren Wachstum der Arbeiterklasse. Sie wurde zur zahlenmäßig stärksten Klasse in Deutschland.

Arbeiterwohnung in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. In einer Denkschrift der Berliner Arbeiter-Sanitätskommission über Wohnungsverhältnisse in Berlin aus dem Jahre 1893 heißt es über eine typische Arbeiterwohnung: Berlin, Urbanstraße: „Die Wohnung besteht aus einer kleinen Stube und einer kleinen Küche, darin 6 Personen (zwei Erwachsene, vier Kinder). Die Wand der Stube ist eine Giebelwand, daher feucht und mit Schimmel bedeckt. Die Küche ist so klein, dass darin kein Bett stehen kann. Demnach ist alles in der feuchten Stube zusammengepfercht.“
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Arbeiter wurden rücksichtslos ausgebeutet. Der Lohn war in der Regel so gering, dass auch die Kinder mitarbeiten mussten. Es kam hinzu, dass in den schnell wachsenden Großstädten und Arbeitervierteln die Wohnungsverhältnisse außerordentlich schlecht waren. (Heute sind wir ja auch nicht mehr weit entfernt davon. Wer kann sich heute in der Großstadt eine Wohnung leisten?)

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Noch schwerer war das Los der Landarbeiter, die als Tagelöhner oder Gesindearbeiter für die Großgrundbesitzer arbeiten mussten. Die Auszahlung des Lohns in Naturalien und die Nutzung eines kleinen Ackerstückchens machten die Landarbeiter abhängiger vom Gutsbesitzer, als es die Arbeiter von Industriekapitalisten waren.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Aufgaben aus dem Geschichtsbuch der DDR. Hätten sich die damaligen Schülerinnen und Schüler nur ernsthaft Gedanken gemacht… Die Mehrheit sah dies nur als Pflichtübung an.
Max Liebermann: „Die Konservenmacherinnen“; 1879; Ölgemälde; Leipzig, Museum der bildenden Künste
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches

Die außenpolitischen Folgen des Raubfriedens mit Frankreich

Die Herstellung der Einheit Deutschlands veränderte das Kräfteverhältnis in Europa. Für die Großmächte Frankreich, das zaristische Russland, England und die Habsburger Monarchie war es nun nicht mehr möglich, einen oder mehrere deutsche Kleinstaaten als Spielball für ihre Interessen zu benutzen. Das Deutsche Reich wurde zu einer europäischen Großmacht (siehe farbige Karte „Die Welt im Jahre 1870“).

Die Welt im Jahre 1870
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der einheitliche und mit einer starken Militärmacht ausgestattete Staat trat jetzt als Interessenvertreter der herrschenden Klassen Deutschlands auf, um deren wirtschaftliche und politische Interessen gegenüber den ausländischen Mächten wahrzunehmen.

Die Herstellung des einheitlichen Staates war aber von vornherein auch außenpolitisch außerordentlich belastet. Durch die Bedingungen des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 entstand ein unüberbrückbarer Gegensatz des Deutschen Reiches zu Frankreich. Diesen Gegensatz versuchten die herrschenden Klassen Deutschlands in erster Linie durch die weitere Aufrüstung zu begegnen. Die Regierung in Deutschland, insbesondere Bismarck, fürchteten, dass sich andere Mächte – vor allem Russland – mit Frankreich verbinden würden. Bismarck sprach von einem „Alpdruck der Koalitionen“. Daher konzentrierte er seine Bemühungen darauf, Frankreich zu isolieren. Außerdem versuchte Bismarck, die Stellung des deutschen Reiches gegen jede revolutionäre Bewegung abzusichern. So bemühte er sich um eine Zusammenarbeit der drei Monarchien Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland. Diese Entwicklung fand im Dreikaiserabkommen von 1873 ihren Ausdruck. Das Abkommen verpflichtete die Regierungen zu gegenseitiger Verständigung im Falle eines militärischen Angriffs und zur Solidarität im Kampf gegen revolutionäre Bewegungen.

Der Aufbau des Bündnissystems Deutschlands 1879

Das Dreikaiserabkommen konnte jedoch die gegensätzlichen Interessen Russlands und Österreich-Ungarns auf dem Balkan nicht überbrücken. Auf Kosten der hier noch um nationale Befreiung kämpfenden Völker wollten diese Mächte ihren Einfluss erweitern. Bismarcks Versuch, keine entscheidende Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den beiden anderen Kaiserstaaten zuzulassen, erregte besonders den Unwillen der herrschenden Klassen in Russland und führte zur Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen gegen Ende der 1870er Jahre.

Die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung schlossen im Oktober 1879 einen geheimen Bündnisvertrag ab. Dieser sogenannte Zweibundvertrag verpflichtete beide Mächte zur Hilfe bei einem Angriff Russlands oder Frankreichs. Dieses Bündnis wurde im Mai 1882 durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert. Die Politiker der herrschenden Klassen in Deutschland sahen, dass durch den Raubfrieden mit Frankreich 1871 ein Zweifrontenkrieg – Frankreich und Russland gegen Deutschland – drohte. Die Militaristen drängten daher auf eine noch stärkere Aufrüstung und einen Krieg.

Zeitgenössische Karikatur auf den Dreibund. Von links nach rechts: Bismarck, der Kaiser von Österreich-Ungarn und der König von Italien

Charakterisiere die Ziele des Dreibundes auf der Grundlage dieser Karikatur!

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bismarck versuchte die Gefahr eines Zweifrontenkrieges durch ein Bündnis mit Russland zu begegnen: Im Jahre 1887 schloss er den sogenannten Rückversicherungsvertrag mit Russland ab, der beide Staaten im Falle eines Angriffs von dritter Seite zur Neutralität verpflichtete. Aber die Annäherung Russlands an Frankreich war damit nicht mehr aufzuhalten. 1890 wurde der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert, und 1892/93 kam s zu einem festen Militärbündnis zwischen Frankreich und Russland.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Das Expansionsstreben der deutschen Großbourgeoisie. Erste Kolonialeroberungen

Die deutsche Großbourgeoisie versuchte mit wachsendem Aufschwung ihrer Industrie, neue Absatzmärkte und Ausbeutungsobjekte zu gewinnen. Da die politische Situation keine Eroberungen in Europa zuließ, konzentrierten sich Banken, Handelshäuser und Industrieunternehmen auf die Eroberungen von Kolonien in Afrika und anderen Erdteilen. 1884 wurde dann auch die erste Kolonie in Afrika erobert.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Hinrichtung eines Freiheitskämpfers in der deutschen Kolonie in Ostafrika im Mai 1889.(Fotografie)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Wenn auch in schneller Folge noch mehrere Kolonien erobert werden konnten, so wurde doch sehr deutlich, dass die deutsche Großbourgeoisie im Kampf um Kolonien nicht mit den Kapitalisten anderer Länder mithalten konnte.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Das preußisch-deutsche Reich als Militärstaat

Der Klassencharakter des Staates

Preußen und der preußische Militarismus hatten bei der Einigung Deutschlands auf reaktionäre Weise die entscheidende Rolle gespielt.

Daher sicherten sich die Junker auch im neugegründeten Reich ihre politischen Machtpositionen. In den Regierungen Preußens und des Reiches, in den Verwaltungen und im Militärwesen, überall saßen vornehmlich Junker.

Die wirtschaftlich stärkste Klasse im Reich war die Bourgeoisie. Um hohe Profite zu erreichen, versuchte sie, reaktionäre Hemmnisse für die Entwicklung der Wirtschaft zu beseitigen. Junker und Bourgeoisie hatten als gemeinsames Hauptinteresse die Ausbeutung und Unterdrückung der Werktätigen (Erwerbstätige), insbesondere der Arbeiterklasse. So arbeiteten Junker und Bourgeoisie zusammen und festigten das schon früher entstandene Klassenbündnis. In diesem Bündnis hatten die Junker die wichtigsten politischen Positionen inne.

Das politische System und die Verfassung entsprachen diesen Klassenverhältnissen. Der Kaiser berief den Reichskanzler und die Leiter der Reichsämter (Ministerien), er hatte den Oberbefehl über Marine und Heer und vertrat das Reich gegenüber dem Ausland. Der Reichskanzler – bis 1890 Otto von Bismarck – war nur dem Kaiser rechenschaftspflichtig. Bismarck nutzte die verschiedenen Klassenwidersprüche im Reich, um sich eine diktatorische Stellung zu schaffen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Genehmigung eines Gesetzes
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Bundesrat setzte sich aus Regierungsbeauftragten der Einzelstaaten zusammen, war also nicht gewählt; er konnte Gesetzentwürfen zustimmen oder diese auch ablehnen. Im Bundesrat führte der Reichskanzler den Vorsitz. 25 Einzelstaaten mit insgesamt 58 (später 61) Stimmen waren in ihm vertreten. Preußen hatte allein 17 Stimmen und mit den Stimmen der von ihm abhängigen Kleinstaaten eindeutig das Übergewicht.

Der Reichstag wurde in allgemeiner, gleicher und geheimer Wahl von männlichen Bürgern über 25 Jahre gewählt. Die Einführung dieses Wahlrechts und einiger anderer demokratischer Rechte waren ein Ergebnis des Kampfes des Volkes. Aber aus Angst vor dem Volke wurden die Rechte des Reichstages sehr beschnitten. Gesetze, die vom Reichstag beschlossen wurden, konnten beispielsweise vom Bundesrat abgelehnt werden. Der Kaiser konnte den Reichstag einfach auflösen.

Durch politischen Druck und durch Beherrschung der Zeitungen konnten die herrschenden Klassen die Wähler beeinflussen. Die Junker und die Bourgeoisie hatten immer die Mehrheit im Reichstag.

Der preußisch-deutsche Militarismus

Nach dem deutsch-französischen Krieg breitete sich der preußische Militarismus weiterhin über Deutschland aus.

Der Kaiser hatte die oberste Kommandogewalt über die deutschen Streitkräfte. Er ernannte Offiziere und Generäle.

Das preußische Kriegsministerium – dem Reichstag nicht rechenschaftspflichtig – wurde das Organisationszentrum des Heeres, und der preußische Generalstab – nur dem Kaiser verantwortlich entwarf die Kriegs- und Operationspläne.

Im Heer selbst besaßen die Junker als Generale und Offiziere eine beherrschende Stellung.

Wie spiegeln sich die Rolle des Junkertums und das reaktionäre Klassenbündnis von Junkertum und Großbourgeoisie in der Armee wider?

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Junkertum und Bourgeoisie förderten vor allem den Ausbau und die Machterweiterung des preußischen Militarismus. Die herrschenden reaktionären Klassen nutzten die außenpolitischen Spannungen aus und verstärkten die Rüstungen. (Siehe: Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches)

Während die Bevölkerungszahl von 1872 bis 1893 um etwa 25 Prozent stieg, wuchs die Heeresstärke um nahezu 50 Prozent. Die Rüstungsausgaben verschlangen den größten Teil der Staatseinnahmen. In Preußen wurden zum Bespiel 1873 zwei Millionen Taler für Volksschulen ausgegeben, aber 60 Millionen Taler für Heer und Flotte.

Die wachsenden Rüstungskosten und die Folgen für das Volk. (Karikatur aus „Der wahre Jakob“)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Kapitalisten und Bankiers sahen in der Verstärkung des preußisch-deutschen Heeres eine Voraussetzung für ihre Ausbeutungs– und Eroberungspläne. Die Rüstung war zudem für sie eine gute Profitquelle. Nicht nur die Werke Krupps, die vor allem schwere Waffen lieferten, nahmen einen großen Aufstieg. Am Rüstungsgeschäft war der Besitzer großer Betriebe im Saargebiet, Stumm, beteiligt. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes zu militärischen Zwecken brachte Stahlwerksbesitzern, den Lokomotivfabrikanten und anderen Firmen, die Eisenbahnausrüstungen herstellten, große Profite.  Die sich entwickelnde Elektroindustrie verdiente am Ausbau des militärischen Telefon- und Telegrafensystems. Und die Zeiss-Werke in Jena belieferten sehr bald die Heeresleitung mit Feldstechern und anderen optischen Instrumenten. Bauunternehmer schließlich verdienten am Festungs- und Kasernenbau. So waren Militarismus und Kapitalismus eng miteinander verbunden.

Der Militärapparat wurde nicht nur für außenpolitische Zwecke ausgebaut. Nach dem Motto der Junker aus der Revolution 1848/49 „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten! wurde das Militär auch gegen das eigene Volk eingesetzt.

Die Militärorganisation im Deutschen Reich
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die bevorzugte Stellung des Militärapparates beeinflusste das gesamte gesellschaftliche Leben. Kriegervereine und den Militarismus preisende Studentenverbindungen, militärische Aufmärsche zu Sedan-Feiern und Kaiser-Geburtstagen bestimmten das äußere Bild. In den Schulen und Universitäten, in Zeitungen und sogar durch Postkarten wurde der Krieg und das Militär verherrlicht.

Die Herrschaft der Junker und der Großbourgeoisie und die bestimmende Rolle des preußischen Militarismus kennzeichneten das Deutsche Reich als einen preußisch-deutschen Militärstaat.

Die Unterdrückung aller demokratischen Kräfte und der Arbeiterbewegung

Dem Wesen des preußisch-deutschen Militarismus entsprach die Verfolgung aller Gegner der Politik der herrschenden Klassen, insbesondere der Sozialdemokraten.

Schon zu Beginn des Krieges gegen Frankreich ließ der Militärbefehlshaber in Norddeutschland am 09. September 1870 den Braunschweiger Ausschuss der SDAP (Parteileitung) verhaften und in die Festung Lötzen verschleppen. Am 17. Dezember 1870 wurden August Bebel und Wilhelm Liebknecht verhaftet und bis zum März 1871 eingekerkert. Auch bürgerliche Demokraten, die gegen die Politik der Regierung auftraten, wurden verhaftet.

Die Unterdrückung der demokratischen Kräfte, insbesondere der Sozialdemokratie, wurde nach dem Kriege fortgesetzt. Zeitungsredakteure wurden verhaftet und ins Gefängnis gesperrt, die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses wegen angeblicher Vergehen gegen die öffentliche Ordnung zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Einen vorläufigen Höhepunkt dieser Terrormaßnahmen, die auch der Einschüchterung aller oppositionellen Kräfte dienen sollten, bildete der Leipziger Hochverratsprozess gegen Wilhelm Liebknecht und August Bebel. In diesem Prozess der im März 1872 in Leipzig stattfand, sollte den beiden Arbeiterführern Vorbereitung zum Hochverrat nachgewiesen werden.

Der Hochverratsprozess gegen Bebel und Liebknecht in Leipzig 1872.(Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Liebknecht und Bebel nutzten die Verhandlungen zu einer ausführlichen, leidenschaftlichen Darlegung der Ziele der SDAP und der Grundsätze des Sozialismus. Arbeiterzeitungen und teilweise auch bürgerliche Zeitungen berichteten ausführlich über den Prozess und trugen damit wesentlich zur Ausbreitung der Gedanken und der politischen Grundsätze der revolutionären Sozialisten bei. So wurde der Prozess durch das mutige Auftreten der Angeklagten zu einem Erfolg für die Sache des Sozialismus. Obwohl Liebknecht und Bebel die gegen sie erhobenen Vorwürfe widerlegten und nachwiesen, dass die Sozialdemokraten den Interessen der Nation dienten, wurden sie zu je zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Dieses Urteil rüttelte viele Arbeiter auf.

Die Unterdrückung nationaler Minderheiten

Eine besonders brutale Unterdrückungspolitik betreiben die herrschenden Klassen gegenüber den im Deutschen Reich lebenden nationalen Minderheiten. Die preußisch-deutschen Junker und Militaristen gaben vor, diesen Völkern eine „höhere Kultur“ bringen zu wollen. Die richteten aber tatsächlich ihre Bestrebungen darauf, die zu „germanisieren“, das Heißt, die nationalen Minderheiten zu unterdrücken und zu verdrängen. Am stärksten waren die in den von Preußen eroberten Gebieten lebenden Polen betroffen. Die Verwaltung und Rechtsprechung in diesen Gebieten lagen in den Händen preußischer Beamter. In den Ämtern, vor Gericht und in den Schulen wurde die polnische Sprache schrittweise verboten. Die Lehrer demütigten und misshandelten(mobbten) die polnischen Kinder, wenn sie gegen dieses Verbot verstießen. Besondere Ansiedlungsgesetze sollten die polnischen Bauern zwingen, ihr Land zu billigen Preisen zu verkaufen und es preußischen Großgrundbesitzern und Großbauern zu überlassen.

Vertreibung eines polnischen Bauern von seinem Land durch preußische Polizei.(Zeitgenössische Darstellung auf einem damals heimlich verbreiteten Flugblatt)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die gleiche Politik der nationalen Entrechtung wurde gegenüber den Sorben betrieben.

In Elsass-Lothringen erhielt die Bevölkerung erst 1874 das Wahlrecht. Preußische Beamte und Offiziere spielten sich als die Herren auf. 42 Jahre nach der Annexion kam es noch zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und Militär, die durch die von preußischen Offizieren an einheimischen Rekruten verübten Schikanen ausgelöst worden waren.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 und die Gründung des Deutschen Reiches

Der deutsch französische Krieg von 1870/71

Von Bismarck bewusst dazu herausgefordert, erklärte der französische Kaiser Napoleon III. am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg. Preußen hatte sich gut auf diesen Krieg vorbereitet. Um ganz Deutschland unter seine Vorherrschaft zu bringen und die süddeutschen Staaten ebenfalls in den deutschen Nationalstaat einzubeziehen, musste der Widerstand Napoleons III. überwunden werden.

Napoleon III. seinerseits wollte die Einigung Deutschlands verhindern, weil die französische Bourgeoisie die Stärkung ihrer deutschen Konkurrenz nicht wünschte. Napoleon III. hoffte, durch einen außenpolitischen Erfolg seine Herrschaft in Frankreich zu festigen, die durch den wachsenden Widerstand des französischen Volkes bedroht wurde.

Nicht nur Preußen und der Norddeutsche Bund, sondern auch die süddeutschen Staaten, die zuvor geheime Militärbündnisse mit Preußen abgeschlossen hatten, traten in den Krieg ein. Die französische Kriegserklärung bewirkte, dass das deutsche Volk unter dem Oberbefehl preußischer Generale in dem Bewusstsein kämpfte, sein Vaterland gegen den Angriff der Napoleonischen Truppen zu verteidigen. Von den herrschenden Klassen wurde der Krieg im Interesse der Reaktion ausgenutzt.

Als am 19. Juli im Reichstag des Norddeutschen Bundes über die Bewilligung des notwendigen Geldes für den Krieg, über die Kriegskredite, abgestimmt wurde, enthielten sich die Abgeordneten der Arbeiterklasse August Bebel und Wilhelm Liebknecht der Stimme.

 

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Unerwartet schnell drangen die vereinigten Truppen des Norddeutschen Bundes und der süddeutschen Staaten in Frankreich ein. Nach mehreren blutigen Schlachten wurde die französische Hauptarmee in die Festung Sedan zurückgeworfen. Hier wurde sie am 02. September 1870 zur Kapitulation gezwungen. Napoleon III. geriet in deutsche Gefangenschaft. Das französische Volk erzwang am 04. September die Absetzung Napoleons III. und die Ausrufung der Republik.

Bis zur Kapitulation von Sedan war der Krieg von deutscher Seite ein gerechter Krieg um die Herstellung eines einheitlichen Nationalstaates. Aber die herrschenden Klassen Deutschlands setzten den Krieg auch nach dem 02. September fort: Junker und Bourgeoisie wollten Frankreich schwächen, Gebiete erobern und hohe Kriegsentschädigungen vom französischen Volk erpressen. Jetzt zeigte sich, wer an die Spitze der deutschen Nation getreten war. Der Charakter des Krieges wandelte sich: Er wurde in dieser zweiten Etappe zum ungerechten Raub- und Eroberungskrieg gegen das französische Volk.

Schauplatz des deutsch-französischen Krieges 1870/71
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Nach der Schlacht bei Sedan rückten die deutschen Truppen weiter in Frankreich ein. Obwohl sich das französische Volk heldenhaft wehrte, besetzten die deutschen Truppen große Teile des Landes. Paris wurde belagert. Die Werktätigen von Paris bewaffneten sich; sie waren zur entschlossenen Verteidigung der französischen Hauptstadt und ganz Frankreichs bereit. Da jedoch die französische bürgerliche Regierung das bewaffnete Volk mehr fürchtete als den Feind, schloss sie am 28. Januar 1871 mit Bismarck einen Waffenstillstand.

Die Haltung der deutschen Arbeiterklasse zum Krieg gegen Frankreich nach dem Sturz Napoleons III.

Karl Marx wandte sich in einer Adresse des Generalrates der I. Internationale entschieden gegen den Raubkrieg. Er forderte die deutschen Arbeiter auf, für den Abschluss eines gerechten Friedens mit Frankreich zu kämpfen, für einen Frieden ohne Gebietsabtrennungen.

August Bebel und Wilhelm Liebknecht bewährten sich auch in dieser Situation. Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei rief zu Massenversammlungen und Demonstrationen gegen die Fortführung des Unterdrückungskrieges gegen das französische Volk auf und verlangte den sofortigen Abschluss eines Friedensvertrages mit Frankreich. Die klassenbewussten Arbeiter folgten dem Aufruf. Protestversammlungen fanden in Augsburg, Bielefeld, Chemnitz und vielen anderen Städten und Gemeinden Deutschlands statt.

Bebel und Liebknecht verlangten am 26. November 1870 im Reichstag des Norddeutschen Bundes, die für die Fortsetzung des Krieges geforderten Gelder abzulehnen. Sie wandten sich scharf gegen den Raub französischer Gebiete und forderten sofortigen Frieden mit Frankreich.

Mit ihrer mutigen, vom proletarischen Internationalismus bestimmten und gegen Junkertum und Bourgeoisie gerichteten Haltung vertraten Bebel, Liebknecht und die klassenbewussten Arbeiter die Ehre und zugleich die Lebensinteressen der deutschen Arbeiterklasse und der deutschen Nation.

Die Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871

Unmittelbar nach der Niederlage Napoleons III. begann Bismarck, mit den Fürsten der süddeutschen Staaten über die Vollendung der Einigung Deutschlands von oben zu verhandeln. Es war nicht einfach, ihr Einverständnis zu erreichen, denn sie fürchteten, ihre bisherige Machtstellung zu verlieren. Erst nach langem Drängen erklärte sich der bayrische König bereit, dem preußischen König Wilhelm I. im Namen der deutschen Fürsten und Freien Reichsstädte die Kaiserkrone anzubieten.

Die Kaiserproklamation Wilhelms I. (Gemälde von Anton von Werner, 1877, Ausschnitt)

Beachte auf dem Gemälde die anwesenden Personen! Was fällt Dir dabei auf?

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Am 18. Januar 1871 wurde der ehemalige „Kartätschenprinz“ von 1849, der die Revolution und damit die demokratische Einigung Deutschlands militärisch niedergeworfen hatte, im Versailler Schloss als Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen. Zur gleichen Zeit waren August Bebel und Wilhelm Liebknecht wegen „Vorbereitung des Hochverrats“ im Leipziger Untersuchungsgefängnis eingekerkert, weil sie entschieden für die demokratische Umgestaltung Deutschlands durch eine „Revolution von unten“ und gegen den Annexionskrieg gegen das französische Volk eintraten.

Damit wurde das Ergebnis des deutsch-französischen Krieges im Jahre 1871 die Gründung des Deutschen Reiches unter der Vorherrschaft Preußens vollzogen. Die Gründung des Deutschen Reiches bedeutete insofern einen historischen Fortschritt, da sie aus dem Feudalismus stammende jahrhundertelange territoriale Zersplitterung Deutschlands endlich überwunden wurde

(siehe farbige Karte „Mitteleuropa im Jahre 1871“, s. 80)

Damit wurde die rasche kapitalistische Entwicklung vorangetrieben.

Mitteleuropa im Jahre 1871
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Nunmehr konnte auch die Arbeiterklasse ihre Kräfte besser sammeln und sich im nationalen Rahmen organisieren. Es war jedoch ein Verhängnis für das deutsche Volk, dass die Gründung des Deutschen Reiches auf undemokratischem Wege, mit den Mitteln des preußischen Militärstaates, erfolgte. Die Einigung von oben stärkte die reaktionärsten und aggressivsten Kräfte Deutschlands. Die historische Schuld daran, dass die nationale Einigung von oben erfolgte, trug die deutsche Bourgeoisie. Sie war aus Furcht vor dem Volk ein Bündnis mit dem militaristischen preußischen Junkertum eingegangen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR