Familie und Bevölkerung in der deutschen Politik bis 1945

Die Bevölkerung Deutschlands wuchs im 19. Jahrhundert rasch. Deshalb stand eine Politik zur Förderung von Geburten zu Beginn des deutschen Kaiserreichs nicht auf der Tagesordnung. Das änderte sich, als sich etwa seit 1900 die Kenntnis von Verhütungsmitteln rasch ausbreitete. Eine ausgedehnte Diskussion über die Ursachen und Folgen des Geburtenrückgangs in Deutschland begann in Politik, Volkswirtschaft, Medizin und anderen Bereichen der Gesellschaft. Sie blieb aber zunächst familienpolitisch folgenlos. Die „Gebärstreik“-Bewegung von 1913, in der Arbeiterfrauen aufgefordert wurden, nicht länger Maschinen- und Kanonenfutter zu produzieren, war innerhalb der Sozialdemokratie eine radikale Minderheitsposition.

Der erste Weltkrieg 1914 bis 1918 markiert in bevölkerungs- und familienpolitischer Hinsicht einen Wendepunkt: Gleichzeitig mit den Menschenverlusten an der Front sank die Geburtenrate massiv. 1914 wurde die Kriegswochenhilfe für Ehefrauen von Soldaten eingeführt und im Verlaufe des Krieges auch auf alleinstehende Frauen ausgedehnt. Hinzu kamen Maßnahmen zur Verbesserung der Säuglings- und Wöchnerinnenpflege.

1918 stellte die Weimarer Verfassung die Mutterschaft unter den Schutz des Staates. Die SPD setzte nun schrittweise ihre seit den 1870er Jahren entwickelten sozialpolitischen Pläne um. Ein erster Schritt war das Gesetz über Wochenhilfe und Wochenfürsorge von 1919, das erwerbstätigen Frauen eine finanzielle Hilfe zusicherte, Stillzeiten vorsah und vor allem Kündigungsschutz während und nach der Schwangerschaft gewährte. 1927 wurde der Mutterschaftsurlaub auf 12 Wochen verlängert (vier Wochen vor, acht Wochen nach der Entbindung).

Insgesamt spielten bevölkerungspolitische Überlegungen bei der Familienpolitik der Weimarer Zeit eine erhebliche Rolle, aber nicht im Sinne einer Förderung weiterer Geburten, sondern zum Schutze der bereits geborenen Kinder. Geburtenbeschränkung wurde dagegen zumindest aus sozialdemokratischer Sicht als Errungenschaft zu Befreiung besonders der Arbeiterfrauen von der Last zahlreicher Schwangerschaften gesehen. Ehe- und Sexualberatungsstellen entstanden und erleichterten systematisch den Zugang zu Verhütungsmitteln.

Die Familienpolitik im Nationalsozialismus wurde voll in den Dienst einer rassistischen Bevölkerungspolitik gestellt. Dem Ziel der quantitativen Mehrung des deutschen Volkes und seiner rassischen Selektion galten sowohl die Eheverbote zwischen sogenannten arischen und nichtarischen Partnern in den Nürnberger Rassegesetzen und Zwangssterilisierungen für als minderwertig eingestufte Bevölkerungsgruppen, als auch zahlreiche Fördermaßnahmen zur Geburt von mehr Kindern für deutsche Ehepaare, unter anderem Ehestandsdarlehen, die durch die Geburt von vier Kindern vollständig getilgt werden konnten. Ab dem fünften, später ab dem dritten Kind wurde eine Kinderbeihilfe gezahlt; Ehemänner konnten für Frau und Kinder Steuerfreibeträge in Anspruch nehmen. Deutsche Mütter von vier und mehr Kindern erhielten – in Analogie zum Ritterkreuz der Soldaten – seit 1939 das Mutterkreuz. Insgesamt blieben diese Maßnahmen aber ohne nachhaltigen Einfluss, förderten allerdings die Vorwegnahme ohnehin geplanter Geburten.

Text: Berlin-Institut

Autorin: Christiane Dienel

Staatssekretärin Prof. Dr. Christiane Dienel

Ministerium für Gesundheit und Soziales Sachsen-Anhalt.

Ergänzung der Redaktion: Hier wird wieder der verwirrende Begriff „Nationalsozialismus“ für die Nazi-Zeit gebracht. Der richtige Begriff ist Faschismus. Siehe die Februar-Ausgabe DIE TROMMLER

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