Abwehr von terroristischen Handlungen und Gewaltakten an den Grenzübergängen

Infolge der Entwicklung des Terrorismus im internationalen Maßstab und da die DDR Frontstaat des Warschauer Vertrages war, musste sie an den Grenzübergangsstellen vorbeugende Maßnahmen zur Abwehr terroristischer Handlungen ergreifen.

Hinzu kam die im Inneren der DDR entwickelnde Kriminalität gegen die Staatsgrenze der DDR zur BRD, bzw. Westberlin.

Es bestand die Sorge, dass Berichte der Westmedien über Kriminalität in der BRD, Westberlin u.a. westlicher Länder einen Nachahmungseffekt in der DDR auslösen könnten. Dazu gehörten Geiselnahme, Menschenraub/Entführung, Bankraub, Erpressung u.ä..

Es gab zunehmend direkte Angriffe extremistischer u. a. Organisationen gegen die DDR. Z.B:

  • Androhung von Gewaltakten, insbesondere unter Missbrauch der Nachrichtenverbindungen der Deutschen Post;

 

  • Versuche zur Schaffung feindlicher Stützpunkte in der DDR zur Durchführungen von Terrorakten u.a. Gewaltverbrechen;

 

  • Attentate gegen führende Repräsentanten der DDR;

 

  • Mitglieder von Schleuserbanden reisten bewaffnet in die DDR und waren bereit bei ihrer Entdeckung die Waffen anzuwenden;

 

  • Im Jahr 1980 gab es Anschläge auf LKW der DDR auf Parkplätzen an den Autobahnen der BRD. Ein ehemaliger DDR-Bürger hatte aus Hass und persönlicher Rache mehr als 200 LKW-Reifen zerstört;

 

  • Im Juli 1982 versuchte ein ehemaliger DDR-Bürger, durch anonyme Drohung von terroristischen Handlungen gegen eine DDR-Radsportdelegation, die Ausreise seiner in der DDR lebenden Mutter zu erzwingen;

 

  • Straf- und Untersuchungshaftanstalten waren Ausgangspunkt für Terror- und andere Gewaltakte, indem sich der DDR feindlich gesinnte Kräfte gruppierten und im Zusammenhang mit Ausbruchsversuchen Gewaltakte planten, vorbereiteten und durchführten(eine alte Weisheit: Im Knast lernt man Schlechtigkeiten hinzu);

 

  • Strafgefangene führten eine Geiselnahme durch und drohten an, die Geisel bei der Ablehnung eines ungehinderten Grenzübertritts in die BRD zu töten.

 

Die Grenzübergänge stellten in diesem Zusammenhang neuralgische Punkte dar. Es hatte die Devise zu gelten, dass jeder Reisende gleichzeitig ein Täter sein könnte. Daran dachten die wenigsten Reisenden, die sich über eine gründliche Kontrolle an einem Grenzübergang der DDR ärgerten. Insbesondere, da über oben genannte Taten nicht in der Asphaltpresse(Boulevardpresse) und anderen westlichen Medien berichtet wurde.

Wiederholt gab es Grenzdurchbrüche in Richtung BRD, und zwar unter Duldung und moralischer Unterstützung der Regierung der BRD.

Es gab kaum Unterschiede in den Aktivitäten der DDR-Sicherheitsorgane(Behörden/Institutionen), Kfz-Durchbrüche an ihren Grenzen, insbesondere an den Grenzübergangsstellen zu verhindern. Die Maßnahmen waren gegen Fahrzeuge gerichtet, die widerrechtlich an den Grenzübergängen versuchten Gewaltakte und Menschenschleusungen zu verüben, um dann den Grenzdurchbruch durchzuführen.

Gelungene Aktionen der Grenztäter wurden in der BRD positiv dargestellt, während Abwehrmaßnahmen der DDR verteufelt wurden. (Daran hat sich in der Geschichtsschreibung der Sieger nichts geändert.)

Die Situation an den Grenzübergängen verschärfte sich nach der Errichtung des antifaschistischen Schutzwalls in Berlin im Jahre 1961.

Bei berechtigter Annahme des Versuchs eines gewaltsamen Grenzdurchbruchs war Alarm auszulösen und auf Grund des Plans des Zusammenwirkens der in den Dienstbereichen der Grenzübergangsstellen tätigen Mitarbeiter der Grenztruppen, der Passkontrolle und der Zollverwaltung zu handeln. Nach Schließung der pioniertechnischen Anlagen der Grenzübergänge sollte die zeitweilige Unterbrechung des grenzüberschreitenden Verkehrs, der Einstellung der Kontrollhandlungen und möglichst die Festnahme des Täters sowie verstärkte Sicherung des Kontrollterritoriums und des Grenzabschnitts erfolgen, um das Ein- und Ausbrechen von Grenzverletzern nicht zuzulassen. Die Terroristen waren nach Möglichkeit ohne Anwendung der Schusswaffe durch taktisch kluges Handeln festzunehmen. Sollte es für die Kontrollkräfte keine Möglichkeit zur sofortigen Überwältigung der Terroristen geben, galt es durch Verhandeln Zeit zu gewinnen, das Leben eventueller Geiseln zu retten, Spezialisten anzufordern und im Übrigen auf Befehl des übergeordneten Kommandanten zu handeln.

Um auf terroristische Angriffshandlungen vorbereitet zu sein, gab es an den Grenzübergängen Spezialistengruppen der Passkontrolle und Zollverwaltung für Sicherheit und Terrorabwehr. Weiterhin waren Pläne für den Einsatz von Eingreiftruppen aus dem Bezirk bzw. aus Berlin/DDR erarbeitet worden. An den Grenzübergängen lag für den Fall eines Terrorangriffs ein Auskunftsdokument vor mit der Beschreibung

  • des Kontrollterritoriums,
  • der abzufertigenden Vekehrskategorien,
  • des Raumes der Sicherstellung,
  • des Grenzsteckenabschnittes,
  • seiner Flanken,
  • der Sperrsysteme,
  • der Dienstbesetzung sowie
  • der Maßnahmen bei Alarm.

Fotos unterlegten die Angaben zu den Grenzübergängen und ermöglichten der Eingreiftruppe während der Anfahrt die rechtzeitige Vorbereitung, denn sie hatten den betreffenden Grenzübergang meist noch nie gesehen. Diese Auskunftsdokumente existierten in mehreren Exemplaren und bei allen Führungsebenen. Glücklicherweise mussten die Eingreiftruppen nie zum Einsatz kommen.

Die Vorbereitung auf Terror- und andere Gewaltakte gegen die DDR, insbesondere gegen ihre Grenzübergänge und ihre Auslandseinrichtungen, hatten einen hohen Stellenwert im Abwehrkampf der zuständigen Behörden.

Nicht selten traten ehemalige Bürger der DDR in Erscheinung, die nach ihrer Haftentlassung meist auf ihre Initiative aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen, in die BRD, bzw. Westberlin übergesiedelt waren. Ihre terroristischen Aktivitäten bestanden im demonstrativen und provokatorischen Auftreten im Vorfeld der Grenzübergänge der DDR, im Einsatz von Brandsätzen sowie unter Androhung von Mordanschlägen gegen die Angehörigen der Grenztruppen. Dabei kam es zur Zerstörung oder Beschädigung von Grenzsicherungsanlagen an den Grenzübergängen. Unter Einwirkung von Alkohol und anderen Suchtmitteln versuchten aggressive Personen die Grenzübergangsstellen in Richtung DDR zu durchbrechen und Einreisesperren zu umgehen. Hierzu ein Beispiel:

Am 12. September 1980, gegen 0:25 Uhr fuhr ein Kleintransporter mit quietschenden Reifen durch den Kontrollpunkt Dreilinden in Richtung des Grenzübergangs Drewitz. Dort bremste er im Stauraum nicht, durchbrach mit eingeschaltet Warnblinkanlage ein Passagetor der Passkontrolleinheiten und fuhr einen Zollständer um. Vier daraufhin an der Autobahnstrecke aufgebaute Kfz-Sperren umfuhr er; die örtlichen Begebenheiten entsprachen nicht den notwendigen Erfordernissen einer totalen Sperrung. Erst gegen 1:25 Uhr konnte er an der Raststätte Ziesar durch die Polizei gestoppt werden. Der Fahrer war ein Benzindieb, welcher in der Berliner Schlossstraße getankt, nicht bezahlt und einen Tankwart umgefahren hatte. Es handelte sich um den geistig gestörten Klaus Stein aus der BRD, der bereits am Vortag am Grenzübergang Drewitz auf sich aufmerksam gemacht hatte, indem er sich als Beauftragter des Bundeskanzlers ausgab und die Autobahn kaufen wollte. Nach kurzer Befragung konnte Stein damals nach Westberlin weiterfahren. (persönliche Aufzeichnungen von Hans-Dieter Behrendt)

Welcher Grenzer oder Passkontrolleur aber hätte den Geisteszustand des Amokfahrers erkennen können?

Höhepunkte der Spezialistenausbildung waren Lehrvorführungen, in welchen nach einem Szenarium ausgewählte und bestätigte Kräfte der Passkontrolleinheiten und des Zolls, auch in Dienstkleidung und Uniformen ziviler Einrichtungen(Rotes Kreuz, Reisebüro u.a.)zum Einsatz kamen. Für die Lehrvorführung bot sich der Grenzübergang Mahlow im Bezirk Potsdam an, weil dort an Sonn- und Feiertagen keine Abfertigung erfolgte und reale Bedingungen vorhanden waren.

 

Bei der Lehrvorführung vom 04. Mai 1989(kurz vor der Konterrevolution) simulierter gestellter Szenen ging es bei der Übung um einen in die Grenzübergangsstelle einfahrenden PKW. Während er Verhandlungsführung öffnete der „Terrorist“ das Fenster des PKW einen Spalt, worauf durch die Einsatzkräfte Gasspray eingesetzt werden konnte. Die Person war gezwungen den PKW zu verlassen und wurde überwältigt. Wenn das Fenster geschlossen blieb, sollte es einem zweiten Mitarbeiter unbemerkt gelingen, durch die Dichtung eines hinteren Fensters mittels einer Kanüle Gasspray in das Kfz-Innere zu drücken. Für die Nachwelt stellt die BStU den Einsatz des Gassprays als Praxis an den Grenzübergängen dar und verschweigt, dass es sich dabei um eine Übung handelte.

Übung Einsatz Gasspray

Siehe dazu auch BStU-Mediathek, Dokumentenauswertung auf WordPress, Post der BStU auf ihrer Facebook-Seite und Facebook-Seite BStU-Unterlagenauswertung.

 

Eine weitere Übung beinhaltete die angenommene Geiselnahme eines Angehörigen der Volkspolizei im Inneren der DDR mittels Kfz, der sich dem Grenzübergang nähert. Nach längeren Verhandlungen am Grenzübergang erfolgte die Aufforderung zum Verlassen des PKW unter dem Vorwand, dem Geiselnehmer zu Fuß den Grenzübertritt zu gestatten. Inzwischen waren Einsatzkräfte der Passkontrolleinheiten und des Zolls gedeckt in Stellung gegangen, um den Täter unter Einsatz eines Diensthundes zu überwältigen. Auch die Geisel musste als möglicher Täter oder Scheintäter angesehen werden, bis seine Identität zweifelsfrei feststand. (Man denke an das Stockholm-Syndrom.)

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Eingeschlossen in diese Übungen war auch die Bergung eines beschädigten PKW mit Bergetechnik der Grenztruppen, um die Fahrbahn in kürzester Zeit für den Reiseverkehr freigeben zu können.

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Aus politischen Gründen und der Medienwirksamkeit wegen stellte sich an den Grenzübergängen die Aufgabe, spezielle Vorkommnisse soweit, wie möglich geheim zu halten, bzw. zu tarnen. Dazu dienten in den Abfertigungsbereichen vorhandenen Sichtblenden und Planen unterschiedlichster Bauart, die das Tatfahrzeug abschirmten und eine Wahrnehmung von Einzelheiten, insbesondere das Feststellen des Kfz- Kennzeichens, weitgehend ausschlossen.

Sichtblende

 

Die Hauptverwaltung Zoll widmete sich ebenfalls der Terrorabwehr an den Grenzübergängen mit eigenständigen Maßnahmen und Festlegungen. Das ergibt sich z.B. aus der Dokumentation über instruktiv-methodische Ausbildung vom 13. Juni 1985. Zur Erprobung konnte in diesem Fall eine Übungsgrenzübergangsstelle genutzt werden. Diese entsprach dem Aufbau von normalen Straßengrenzübergängen an der Staatsgrenze zur BRD oder Westberlin und wurde in der Regel zum Training aller Abfertigungshandlungen der Passkontrolleure genutzt.

Übungs-GÜST

 

Die Vorgaben der Übungen entsprachen realen Vorkommnissen und beinhalteten postenbereichsbezogene Ersthandlungen und Elemente von Handlungsvarianten der Kräfte des Zusammenwirkens, wie:

  • Feststellung eines sprengkörperverdächtigen Gegenstandes während der Röntgenkontrolle im Beisein des Reisenden,

 

  • Feststellen einer Waffe während der Kontrolle des Motorraumes im Beisein des Fahrzeugführers,

 

  • Feststellung einer Personenschleusung auf der Ladefläche eines LKW und Verhinderung der Flucht durch Einsatz eines Diensthundes,

 

  • Feststellung einer Personenschleusung im PKW im Ergebnis einer Verdachtskontrolle,

 

  • Versuch eines gewaltsamen Grenzdurchbruchs von Terroristen, die einen Angehörigen der Zollverwaltung auf dem Weg zum Dienst als Geisel genommen hatten,

 

  • Verhinderung eines vorgemeldeten gewaltsamen Grenzdurchbruchs mit Geiselnahme,

 

  • Überwältigung und Bergung von zwei Terroristen und einer Geisel aus einem von innen verriegelten und in Brand gesetzten PKW,

 

  • Feststellung eines sprengkörperverdächtigen Gegenstandes am Kontrolltisch in einem Postenbereich.

 

Aus dem Programm einer Lehrvorführung:

 

Vorführung

Lehrvorführung

 

 

Ein PKW, mit zwei Terroristen und einer Geisel besetzt, fährt bis zur Vorkontrolle der Passkontrolleinheiten eines Grenzüberganges an der Staatsgrenze zur BRD. Die Terroristen fordern die ungehinderte Weiterfahrt und drohen, sich ansonsten mit der Geisel in Brand zu setzen. Die Nachgestaltung dieses realen Vorkommnisses erfolgte mit einem Demonstrationsfahrzeug, in dem sich drei menschengroße Puppen(ausgestopfte Tarnanzüge) befanden. Schwerpunkte waren:

  • Schnelles Aufbrechen des brennenden Fahrzeuges,
  • Bergen der Geisel und der Terroristen,
  • vollständige Brandbekämpfung.

Bei dieser Variante ging es um die Demonstration des schnellen und entschlossenen Vorgehens, welches eine hohe psychische und physische Belastbarkeit voraussetzt. In kürzester Zeit musste die Scheibe eingeschlagen, die Bergung der Geisel und der Terroristen sowie eine wirksame Brandbekämpfung gesichert und eine Explosion des PKW verhindert werden.

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Zur Vorbereitung auf mögliche Einsatzbedingungen nahmen beispielsweise im Oktober 1985 Führungskader(Führungskräfte)des Arbeitsbereichs Passkontrolle und der Bezirksverwaltung Zoll Potsdam an einem Demonstrationssprengen teil. Neben der Vorführung von Sprengvarianten konnte jeder, sozusagen als Mutprobe, einige Sprengungen aus Nahdistanz selbst vornehmen. Grund für solche Übungen waren Vorkommnisse an Straßen-, Eisenbahn- und Wassergrenzübergangsstellen der DDR, wo verdächtige herrenlose Gegenstände und Behältnisse aufgefunden, als sprengstoffverdächtig eingestuft und entsprechende Maßnahmen zur Sicherung des Reiseverkehrs eingeleitet werden mussten. Die Kenntnis von Sprengmitteln war für den Einsatz der Kräfte wichtig.

Einheitlich galten an den Grenzübergängen folgende Verhaltensregeln, von deren Beherrschung und Anwendung die Sicherheit maßgeblich abhing:

  • Objekte und Dienstbereiche ständig zuverlässig sichern und überwachen;

 

  • Spezielle Sicherheitskontrollen im Verantwortungsbereich durchführen;

 

  • Sprengstoffanschläge durch hohe Wachsamkeit, Disziplin und Ordnung vorbeugend verhindern;

 

  • Bei Feststellung von Sprengmitteln und sprengstoffverdächtigen Gegenständen Vorsicht, Ruhe und Besonnenheit bewahren. Panik verhindern;

 

  • Sprengstoffverdächtige Gegenstände sichern, nicht öffnen, erschüttern, verkanten oder bedienen; Meldung erstatten;

 

  • Sprengstoff und Zündmittel getrennt sicherstellen sowie vor Hitze, Stoß, Reibung, Feuer und Funken schützen;

 

  • Bei der Kontrolle verdächtiger Personen mitgeführte Gegenstände grundsätzlich vorführen lassen;

 

  • Unmittelbare Gefahren gegenüber Menschenleben und bedeutsamen Sachwerten entschlossen abwehren;

 

  • Einschlägige Befehle und Weisungen konsequent durchsetzen.

 

Im Rahmen der vorbeugenden Tätigkeit waren an den Grenzübergängen Sektoren und Verantwortungsbereiche festgelegt, in denen Mitarbeiter von Passkontrolleinheiten, Grenztruppen und Grenzzollamt nach einem vorgegebenen Plan intensive Kontrollen aller wichtigen Räumlichkeiten vornahmen, um eventuell abgelegte sprengstoffverdächtige Gegenstände festzustellen. Bei Dienstübergabe/-übernahme hatten die Gruppenführer Sicherheitskontrollen durchzuführen bzw. anzuweisen. Über die Ergebnisse erstatteten sie dem Zugführer Meldung, welcher darüber einen Nachweis im Tagesrapport führte. Dazu sei nur auf die allgemeingültigen Grundsätze der Grenzübergangsstelle Marienborn zur Einordnung von Gegenständen als sprengstoffverdächtig verwiesen, welche in ähnlicher Form an allen Grenzübergängen vorhanden waren. Mit einem speziellen Spray konnte beispielsweise ein Paket oder dicker Brief bei Verdacht auf eine Briefbombe gesprüht werden, um den Inhalt in groben Zügen, vor allem Drähte und Metall sichtbar zu machen. Es war nicht einfach, eine Beurteilung der Lage vorzunehmen und die zweckmäßigsten Maßnahmen einzuleiten, zumal meist sofort vor Ort entschieden werden musste. Eine breite Palette von Modellen sprengstoffverdächtiger Gegenstände und DIA-Serien(Power Point-Vorträge gab es damals nicht.) konnten dabei helfen. Die dargestellten Varianten unterscheiden sich kaum von heutigen Praktiken der Terrorszene. Jedes abgestellte Behältnis, das keiner Person zweifelsfrei zugeordnet werden konnte, war verdächtig und durfte nicht berührt werden. Höchste Priorität hatte bei allem stets die Sicherheit der Reisenden, deren Grenzpassage nicht gefährdet werden durfte. Das Problem mit sprengstoffverdächtigen Gegenständen, wie z.B. herrenlose Koffer auf Bahnhöfen, Flughäfen etc. und des dann ausgelösten Alarms kennen wir ja auch in der heutigen Zeit.

 

Sprengstoffverstecke:

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Zur Sicherung von sprengstoffverdächtigen Gegenständen waren an den Grenzübergangsstellen sogenannte Sprengstoffdecken(kugelförmig, zylinderförmig, kastenförmig), mit Sand- und Schaumstofffüllung versehen, in verschiedenen Größen stationiert. Sie konnten über den verdächtigen Gegenstand gestellt werden, bis die Sprengstoffexperten des Munitionsbergungsdienstes der Polizei zum Einsatz kamen oder je nach Lage und Situation auch eigene Spezialisten der Passkontrolleinheiten die Untersuchung und Bergung vornahmen.

Dämmglocke

 

Weiterhin gab es unterschiedliche spezielle Transportgeräte, Einsatzkoffer, Metallspürgeräte und Havariekisten(eine Art Notfallkoffer) mit entsprechendem Arbeitsmaterial, die je nach Art der Sachlage zur Anwendung kamen.

Formblatt Sprengstoffverdächtig DDR 002-1

Formblatt Sprengstoffverdächtig DDR 002

Formblatt für Grenz“beamte“ der DDR zum Thema sprengstoffverdächtige Gegenstände

 

unten als PDF-Datei, auch zum Download

Formblatt Sprengstoffverdächtig DDR

 

An den Eisenbahn-Grenzübergängen gab es technische Einrichtungen, um nicht freigegebene Züge an der Ausfahrt zu hindern. Dafür war eine sogenannte Y-Weiche installiert, welche durch den DHO der Grenztruppen vom Führungspunkt ausgelöst werden konnte, die normale Fahrtrichtung sperrte und den Zug auf einen Prellbock lenkte.

Auch der Einsatz der tschechischen Maschinenpistole „Skorpion“ wäre bei Gefahr für Leib und Leben in Zügen, bzw. Eisenbahn-Grenzübergängen möglich gewesen, z.B. zur Abwehr terroristischer Gewaltakte und Geiselnahmen. Sie war in einer von den Passkontrolleuren verwendeten Abfertigungstasche aus schwarzem Kunststoff untergebracht.

James-Bond-Koffer

Maschinenpistole „Skorpion“ – „James-Bond-Koffer“ östlicher Prägung

 

Petra Reichel, die Erstellerin von DIE TROMMLER reise damals oft mit der Eisenbahn in die DDR. Sie wunderte sich, dass die Passkontrolleure und Zollangestellten soviel Taschen mit sich herumschleppten. Die erste Tasche war eine Art Bauchladen und wurde zur Abfertigung genutzt. In der zweiten Tasche der Passkontrolleure vermutete sie Ersatzstempel etc., z.B. falls z.B. ein Stempel kaputtgeht. Dass es sich dabei um einen „James-Bond-Koffer“ östlicher Variante handelte, ist ihr nicht im Traum eingefallen. Im Nachhinein stellt sie fest, dass das eine gute Methode war, um Panik zu vermeiden und doch die nötige Vorsicht walten zu lassen.

Nur im aufgeklappten Zustand der Tasche ist diese Maschinenpistole zu sehen. Am Kofferschloss befand sich die Abzugsvorrichtung, die Ausschussöffnung war nicht, wie oft abgebildet und in Museen ausgestellt, für andere sichtbar, sondern zugeklebt. Die Taschen trugen die Tarnbezeichnung „Spezifisches Mittel E“(E wie Eisenbahn) und nicht die in Museen gebrauchte Bezeichnung „Schießkoffer“. Zur Anwendung dieses „James-Bond-Koffers“ östlicher Prägung wurde am Grenzübergang Staaken/Eisenbahn eine Lehrvorführung organisiert. Von der Deutschen Reichsbahn war ein Personenwaggon während der Verkehrsruhe auf dem Bahnsteig bereitgestellt worden und Spezialisten probten einzelne Handlungsvarianten auf engstem Raum. Für den Einsatz an den Straßen-Grenzübergängen war diese Spezialausrüstung nicht vorgesehen, da diese Art der Abfertigungstaschen(eine Art Bauchladen) dort nicht zur Anwendung kam.

 

An den Grenzübergängen der Binnengewässer kamen ebenfalls immer wieder neu erprobte Systeme von Wassersperren in Abhängigkeit von territorialen Bedingungen zum Einsatz. An den Grenzübergängen Dreilinden und Kleinmachnow war es relativ einfach, die geringe Breite des Teltow-Kanals ausnutzend ein festes Sperrsystem zu installieren. Die Sperre war klappbar und öffnete und schloss sich für die Durchfahrt der Binnenschiffe.

An breiteren Wasserstraßen wurden fest verankerte Wassersperren mit absenkbaren Gitternetzen für die Ein- und Ausfahrt eingesetzt. Die Rostanfälligkeit der Gitternetze erforderte regelmäßige Kontrolle derselben durch Taucher der Grenztruppen. Mit diesen Netzen war garantiert. Dass ein mit Tauchapparat ausgerüstete Grenzverletzer dieses Sperrsystem nicht hätte überwinden können.

Ausgebildete Passkontrolleure besaßen auch für die Verhandlungsführung im Falle von Geiselnahmen spezielle Fähigkeiten. Sie waren vor allem dann wichtig, wenn eine akute Bedrohung für Leben und Gesundheit von Menschen bestand, ein großer materieller und finanzieller Schaden zu befürchten war oder die Täterforderungen von zentraler Bedeutung, bzw. hoher öffentlicher Wirksamkeit waren. Ein Verhandlungsführer musste psychologische Fähigkeiten, Geschick zum Schlichten und Erfahrungen mit unterschiedlichen Typen von Tätern besitzen. Physischer Zwang sollte nur als letztes Mittel eingesetzt werden. (Die heutigen Terroristen verhandeln nicht mehr, sondern führen ihre Taten sofort aus und sind selbst bereit zu sterben. Das macht den heutigen Terrorismus noch gefährlicher.)

Planung und Organisation der Verhinderung von terroristischen und anderen Gewaltakten sind internationale Praxis. Planung und Organisation der Verhinderung solcher Angriffe auf die staatliche Souveränität der DDR entsprachen dem internationalen Standard der damaligen Zeit und waren legitim.


 

Entnommen au dem Buch von Hans-Dieter Behrendt „Guten Tag, Passkontrolle der DDR“, bearbeitet und gekürzt von Petra Reichel

Guten Tag, Passkontrolle.. Kopie

 

 

Aufgrund des langen Originaltextes ist hier kein PDF-Dokument desselben möglich. Wer Interesse hat, kann sich das Buch kaufen.

Die Bilder dieses Beitrages sind aus diesem Buch entnommen worden.

 

 

 

 

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Erich Mielke: Verantwortungsvoller Dienst an der Staatsgrenze der DDR(1976)

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Bildnachweise:

 

Erich Mielke (1976) Kopie

 

Erich Mielke(1976)
Bildquelle: „Bundesarchiv Bild 183-R0522-177, Erich Mielke“ von Bundesarchiv, Bild 183-R0522-177 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons -Bitte auf´s Bild klicken

 

Grenzzollamt

Bildquelle:
https://www.srf.ch/news/regional/basel-baselland/neuer-zoll-ist-bereit-fuer-autos-aber-noch-nicht-fuer-trams

 

SED-Abzeichen

 

Bildquelle:
Wikipedia

 

Parteitag SED

 

Bildquelle:
Wikipedia

 

Volksaussprache

Bildquelle:
http://www.wissen.de/phaenomen-zweisprachigkeit

Glückwunsch Beruf

 

 

Unsere Antwort Great Job

Bildquelle: Croin Cards, rechts bearbeitet von Jochen Lücke

Arbeiter

 

Bildquelle:
Depositfotos Arbeitnehmer- Silhouetten

 

Lobhudelei

 

Bildquelle: DW

 

DDR Flagge Kopie 3

 

Bildquelle: Metal Gear Wiki

 

Grenzbeamte

 

Bildquelle: Welt N24

 

 

Grenzbeamter als Kumpel

 

Bildquelle:
http://www.freedom-on2wheels.com/index.php/uruguay

 


 

Power Point-Vortrag als PDF-Datei zur besseren Lesbarkeit und zum Download

Verantwortungsvoller Dienst an der Staatsgrenze der DDR (1976).pptx

 


 

Originaltext aus dem Sammelband, auch zum Download

Buchtitel Erich Mielke - Sozialismus Sinn und Kampf Kopie 3

 

Erich Mielke zu Dienst an Staatsgrenze 1976

 

 

 

 

 

Erich Mielke zur Staatsgrenze der DDR(1989)

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leichtsinnige Mutter

Trotz BGS-Warnschilder auf der BRD-seite stellt sich eine unvorsichtigen Mutter mit Kind unmittelbar an einer DDR-Grenzsäule. Die Säulen befinden sich in der Regel zwischen 2-5m hinter dem eigentlichen DDR-Grenzverlauf. Die beiden Personen befinden sich faktisch auf DDR-Gebiet; in der GT-Dienstsprache handelt es sich bei dieser Situation schon um eine „Grenzverletzung“. Das Foto wird um 1985 durch einen Grenzaufklärer im GR-15 erstellt. Gut zu erkennen ist die Grenzsäulennummer auf der Rückseite der Grenzsäule. Die Säulen selbst trägt häufig als oberen Abschluss einen mittigen Stahlstab, dieser soll Vögel davon abhalten, sich auf den Säulen abzusetzten und so die Säule evtl. zu verschmutzen. Grundsätzliche wird die o.g. Grenzsäulennummer zur Lokalisierung von Vorgängen immer in den Berichten und Fotos als „GS-Nr.“ angegeben. Die links oben abgebildete schwarze Grenzsäulennummertafel ist eine Ersatztafel für Grenzaufklärer bei Ersatzmaßnahmen an beschädigter bzw. entwendeter Kennzeichnungen. ( Privatarchiv d. Verf.)

 

Bildquelle nebst Bildunterschrift:

Kommando Grenztruppen der DDR


 

Provokation an der Staatsgrenze der DDR zu Westberlin. (bereits während der Konterrevolution)


 

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Power Point-Vortrag als PDF-Datei:

ERich Mielke zur Staatsgrenze der DDR 1989.pptx

Entnommen aus der Mediathek der BStU.

Siehe auch Zusammenfassung und Auswertung dieses Referats.

Bildnachweise:

Erich Mielke (1976) Kopie

Erich Mielke(1976)
Bildquelle:„Bundesarchiv Bild 183-R0522-177, Erich Mielke“ von Bundesarchiv, Bild 183-R0522-177 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons –  Bitte auf´ s Bild klicken.

 

Tonbandgerät Kopie 3

Tonbandgerät
Bildquelle: Wikipedia

 

BStU Mediathek Kopie

 

MfS- Mediathek

Bildquelle: https://award.typo3.org/shortlist-award-2016/

 

DEU DDR STASI SCHIESSBEFEHL

Bildquelle:
Flucht und Ausreise Diskussionsforum

 

böser Mensch

Bildquelle:
Gesund im Job – Der Gesundheitsblog

 

Ausreiseantrag

 

Bildquelle: Aktion Mensch, entsprechende Seite nicht auffindbar

 

 

Sicherheit und Ordnung

Bildquelle:
CDU

 

leichtsinnige Mutter

Bildquelle nebst Bildunterschrift:
Kommando Grenztruppen der DDR

 

Medienzirkus

 

Bildquelle:
Wikimedia

 

KRAZ Kipper Bild002 _2_ _2_

Krazkipper
Bildquelle: www.baumaschinenbilder.de

Anwendung Schusswaffe

 

Bildquelle:
Fotosearch

 

DDR-GRenze Ordnung

Bildquelle:
Made for minds

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bericht eines DDR-Grenzers

Gastbeitrag von Holger Marks

Die »Grenztruppen der DDR« wurden – zunächst unter anderem Namen – bereits am 1. Dezember 1946 gegründet. Ich wurde erst 20 Jahre Später geboren.
Am 1. Dezember 1984 fand ich mich im Gebäude des Wehrkreiskommando Reichenbach/Vogtl. wieder. Da, wo ich mich zuvor zu 3 Jahren verpflichtet hatte. Freiwillig! Ohne deswegen studieren zu wollen.
Wir waren dort sicher mindestens 30 junge Männer aber in dem Raum hätte man eine Stecknadel auf den Boden knallen hören.
Nach einer endlos langen Zugfahrt kam ich in der Uffz-Schule „Egon Schultz“ in Perleberg an. Dort wurden wir von Kindern zu Männern gemacht und es hat keinem von uns geschadet. Wir wurden sechs Monate lang ausgebildet im Grenzdienst und für den Fall eines militärischen Angriffes zur Verteidigung unseres Landes im Waffengefecht. Und dazu, eine Gruppe aus 10 bis 12 Soldaten auszubilden und zu führen.
Danach war ich im Grenzregiment 1 (Mühlhausen) zunächst in Lauchröden und dann in Neuenhof (beides bei Eisenach). An der Grenze zwischen Thüringen und Hessen.
Einige meiner „Untergebenen“ waren deutlich älter als ich. Aber wir alle wussten, dass wir nur MIT-einander dort agieren konnten. Wir waren dort nicht, weil wir „Lust“ gehabt hätten, einen potenziellen Grenzverletzer zu erschießen, sondern um die Grenze in beiden Richtungen zu sichern. Und diesen Dienst nahmen wir alle sehr ernst! Selbst bei nachts Minus 30 Grad im Winter 1986.
Ja. Wir trugen eine Maschinenpistole und hatten 60 Schuss scharfe Munition dabei. Aber außer auf dem Schießplatz hat niemand von uns je davon Gebrauch machen müssen. Wir waren junge, damals sportliche Männer und konnten mindestens so schnell rennen, wie ein Mensch, der die 20 Warn-Schilder zuvor übersehen haben musste.
Und die Mär: „Für einen erschossenen Grenzverletzer bekamen die Grenzer Sonderurlaub!“ ist völlig weltfremd. Danach hätte die Untersuchung durch militärische und zivile Staatsanwaltschaft begonnen und statt Sonderurlaub hätten wir derweil Ausgangs- und Urlaubssperre bekommen.
Uns gegenüber, wenige Meter entfernt taten die Beamten des Bundesgrenzschutz (BGS) und Grenzzolldienst (GZD) ihren Dienst. Auch mit Schusswaffen.
Gerne haben sie nachmittags Schulklassen, Einheimische und Touristen mit Bussen an die Grenze gebracht, auf einer Aussichtsplattform versammelt und während die Herrschaften uns wie exotische Tiere im Zoo fotografierten, gefiel es manchmal einem der Beamten, mit seiner Schusswaffe „aus Spaß“ auf mich zu zielen. Ich habe mich dann nicht geduckt, sondern stand mit meinen 193 Zentimetern Körperhöhe eisern da, wie ein Soldat das so macht. Im Leben hätte der sich mit so vielen Zeugen nicht getraut, abzudrücken. Und getroffen hätte er mich ohnehin nicht?
Ich würde heute gerne mal mit einem dieser Beamten, die auf mich mit einer Schusswaffe gezielt haben, persönlich sprechen. Es hat sich aber bislang nie einer bei mir gemeldet.
Die Damen und Herren, die sich auf den Weg gemacht hatten, um die DDR (nicht nur nachts!) über den Zaun zu verlassen, waren uns aber auch nicht wohlgesonnen. Selbstgebastelte Schusswaffen, Flaschen mit Salzsäure und natürlich Messer hatten sie dabei.
Übrigens gab es dafür den Weg der „Ständigen Ausreise aus der DDR“ und liebe Leser: Sie würden sich wundern, wie oft das stattfand!
Aber dann in geordneten Verhältnissen, ohne zuhause zurückgelassene schlafende Kinder und über eine offizielle Grenzübergangsstelle!
Zwei Jahre nach meiner Entlassung wurden die Grenzsicherungsanlagen entfernt. Aber das macht mich nicht zornig und stellt nicht den Sinn meines dreijährigen Dienstes an dieser Grenze in Frage. Es war richtig und gut so. Mein Dienst wie auch der Wegfall der Grenzanlagen.
Meine Kameraden und ich, vom Soldat bis zum General, haben den Auftrag erfüllt, den heute noch viele Menschen rund um den Erdball ausführen: Die Einhaltung einer Vorschrift / eines Gesetzes zu gewährleisten.
Ich stehe bis heute dazu und danke allen aufrichtigen Kameraden!
Holger Marks
Ufw. a.D.

 

Abhanden gekommenes Klassenbewusstsein

Rotfuchs

 

In der Ausgabe des „RotFuchs“ von Mai 2017 beschreibt ein Artikel die Vorgänge in einem Betrieb während der Konterrevolution in der DDR. Dazu kann man nur sagen, dass der Arbeiterklasse in der DDR das Klassenbewusstsein abhanden gekommen ist. Wäre dieses noch vorhanden gewesen, wäre der Ablauf der Ereignisse ein Anderer gewesen und die DDR würde vielleicht noch bestehen.

Der Artikel beschreibt auch, dass es bald diesen Betrieb nicht mehr gab. Die damaligen Arbeiterinnen und Arbeiter lernten bald Arbeitslosigkeit, Armut und prekäre Beschäftigung kennen.


 

Was nicht in den Personalakten stand

Autor: Dr. Hans Rost

Wir schrieben das Jahr 1989. In unserem damals volkseigenen Werk waren insgesamt etwa 900 Beschäftigte tätig. Die Unzufriedenheit hatte zugenommen und nun, zum 40. Jahrestag der DDR, ihren Höhepunkt erreicht. Da erschien eines Tages eine Abordnung von Betriebsangehörigen in meinem Büro. Sie verlangten im Namen aller anderen Einsicht in ihre Personalakten und deren Herausgabe. Der Wortführer, ein junger Mann aus dem Bereich der Instandhaltung, erklärte: „Wir wollen alle sehen, was ihr über uns an die Staatssicherheit berichtet habt, und warum wir nicht, so wie wir wollen, in den Westen fahren dürfen, und warum keiner etwas gegen die immer größer werdenden Missstände unternimmt.“

Ich hatte nur wenig Zeit zum Überlegen. Ich entschied aufgrund der aufgeheizten Stimmung, der Forderung nach Akteneinsicht nachzukommen. „Morgen früh ab 7 Uhr können alle in der Personalabteilung Einsicht in ihre Akte nehmen. Jeder kann dann – mit Ausnahme des Arbeitsvertrages – das für ihn Relevante mit nach Hause nehmen“, war meine Antwort. Die Abordnung war damit einverstanden. Dies war eine eigenmächtige Entscheidung, doch ich war der Meinung, dass die Leute ein Recht auf ihre Unterlagen hatten. Wir hatten ja nichts zu verheimlichen. Meine Mitarbeiterinnen wies ich an, einen Raum mit drei Tischen getrennt voneinander einzurichten und jedem, der es wünschte, seine Personalakte zur Einsicht zu geben. Sie sahen mich erstaunt an, fragten aber nicht weiter nach dem Grund. Nachdem alles vorbereitet war, machten wir wie immer 16.30 Uhr Feierabend.

Am nächsten Morgen kam ich etwas zeitiger zur Arbeit. Ich staunte nicht schlecht. Vor dem Eingang zum Büro stand eine lange Schlange wartender Personen. Außer einiger spitzer Bemerkungen und versteckter Beleidigungen verhielten sie sich ruhig und diszipliniert. Meine Mitarbeiterinnen waren inzwischen auch eingetroffen. Obwohl es noch nicht 7 Uhr war, öffnete ich die Tür und ließ die ersten drei Kollegen eintreten.

Meine Stellvertreterin bot ihnen einen Platz an den Tischen an und übergab die jeweilige Personalakte. Jeder las interessiert in seinen Papieren, blätterte von vorn bis zur letzten Seite und wieder zurück, schüttelte mit dem Kopf, las weiter, manche murmelten auch etwas vor sich hin. Nach ca. zehn Minuten stand der erste auf, warf die Akte auf den Tisch und wollte gehen. „Einen Moment“, sagte ich zu ihm, „außer dem Arbeitsvertrag, dem Laufzettel und dem Einstellungsprotokoll können Sie alles mitnehmen, wir benötigen es eigentlich nicht.“ „Was soll ich damit machen?“, fragte er etwas unwirsch. Auch die anderen waren jetzt mit ihrer Durchsicht fertig. Es folgte das gleiche Spiel. „Habt ihr wirklich nicht mehr?“, fragte einer. „Nein, das sind vollständig eure Akten“, war meine Antwort. Wort- und grußlos verließen sie dann den Raum. Die Nächsten kamen. Die Stimmung war angespannt. So ging es nun fast den ganzen Tag. Viele schüttelten nur mit dem Kopf oder lachten, als sie ihre Akte lasen. Eine Kollegin fragte, wieso ihre Kurbestätigung hier drin sei. Einer wollte wissen, wo denn der „Strenge Verweis sei, den er im vergangenen Jahr erhalten habe. „Nach einem Jahr“, antwortete meine Kollegin, „wird er, wenn nichts wieder vorgefallen ist, aus der Akte genommen und vernichtet.“ Einer erkundigte sich, wer die Beurteilung wegen seiner Reise in die BRD geschrieben habe. Er wollte nicht glauben, dass der Direktor für Produktion die Reise befürwortet hatte, die Personalabteilung einver­standen war, sie aber dennoch von anderer Stelle abgelehnt worden war. Wir konnten seine Frage nicht beantworten.

Viele verließen den Raum mit enttäuschtem Gesicht. „So ein Unsinn, was die alles aufgehoben haben“, meinten mehrere von ihnen. Sie hatten offenbar nicht gefunden, was angeblich in der Akte sein sollte und wonach sie hauptsächlich gesucht hatten. Wir hatten uns darauf eingerichtet, an diesem Tag einige Stunden länger zu öffnen, um auch den Schichtarbeitern die Möglichkeit zur Einsichtnahme zu geben.

Offensichtlich hatte es sich bis zum Mittag im Betrieb herumgesprochen, was in den Personalakten enthalten war. Der Andrang am Nachmittag nahm spürbar ab, und am nächsten Morgen kamen nur noch vereinzelte Kolleginnen und Kollegen. Nach unserer Rechnung waren bisher nicht einmal 30 % der Betriebsangehörigen zur Einsichtnahme gekommen. Deshalb übergaben wir am Nachmittag jeder Abteilung ein Schreiben mit dem Angebot, in die Akten einzusehen, da wir diese Aktion abschließen wollten. Es kamen nur noch ganz wenige. Warum also vorher die große Aufregung?

In der Zwischenzeit ordneten meine Kolleginnen die Akten für jeden, der Einsicht genommen hatte, neu. Die Unterlagen, die nicht mitgenommen wurden, warfen sie in einen Papiersack, um ihn am nächsten Tag im Kesselhaus des Betriebes zu verbrennen. Als ich den ersten Sack in das Kesselhaus brachte, kam ein Kollege auf mich zugestürzt und brüllte mich an: „Ihr wollt wohl die Berichte an die Stasi verbrennen“? „Nein“, sagte ich ganz ruhig, „das sind nur die Reste der Akten, welche die Kollegen nicht mitgenommen haben.“ „Das wollen wir sehen“, forderte er barsch. Obwohl das eigentlich nicht rechtens war, weil es ja auch damals noch einen bestimmten Datenschutz gab, nahm ich den Sack, drehte ihn um und schüttete ihm alles vor die Füße. „So“, sagte ich, „sieh nach, was es für Unterlagen sind.“ Eifrig begannen sie – es waren noch zwei Kollegen hinzugekommen – einzelne Schrift­stücke herauszuziehen und zu lesen. Ihre Gesichter wurden immer länger. Ich stand daneben und schaute zu. Etwa nach einer Viertelstunde hörten sie auf. „Los, verbrennt das Zeug“, knurrte der Anführer seine Kollegen an, drehte sich um und verschwand. Die beiden nahmen die Schriftstücke und warfen sie in die Feuerung. Ich blieb dabei, bis alles verbrannt war.

Einige Tage später ging ich durch einzelne Abteilungen des Betriebes. Ein Teil der Kolleginnen und Kollegen sagten: „Ihr habt euch ja große Mühe gegeben, aber was sollen wir mit dem ganzen Zeug machen? Außer der Beurteilung und ein paar anderen Sachen war ja nur viel Papier in der Akte!“ Einzelne machten einen großen Bogen um mich, sie konnten die Enttäuschung wahrscheinlich nicht verwinden, dass sie nicht das gefunden hatten, was ihnen eingeflüstert worden war. Immerhin waren ja innerhalb von zehn Jahren 168 Betriebsangehörige, nicht nur Rentner, in die BRD gereist. Eine einzige Kollegin ist in der BRD geblieben, aus persönlichen Gründen. Alle anderen kehrten wieder an ihren Arbeitsplatz zurück.

Wenige Monate später wurde der Betrieb abgewickelt. Anlagen und Maschinen hat man in der Nacht auf Waggons verladen und in die alten Bundesländer verbracht. Alle Angehörigen des Betriebes wurden arbeitslos. Unser Werk wurde zum zweiten Mal nach 1945, dieses Mal aber für immer, geschlossen.

RotFuchs Mai 2017

Titel RF Mai 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Original-Artikel:

-nicht in Personalakte RF Mai 2017

 

Artikel und Titelblatt der entsprechenden Ausgabe als PDF-Datei:

PDF -nicht in Personalakte

 

 

 

Erich Mielke übersieht Beginn der Konterrevolution(in der DDR)

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BStU Mediathek

 

Entnommen aus der Mediathek der BStU.

 

 

Wordpreslogo

 

Siehe auch Zusammenfassung und Auswertung dieses Referats.

 

 

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Bildnachweise:

Erich Mielke (1976) Kopie

Erich Mielke(1976) Bildquelle: „Bundesarchiv Bild 183-R0522-177, Erich Mielke“ von Bundesarchiv, Bild 183-R0522-177 / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons –  Bitte auf´s Bild klicken

 

 

BStU Mediathek

 

Mediathek der BStU, bitte auf´s Bild klicken

 

 

 

Tonbandgerät Kopie

 

Bildquelle: Wikipedia, Bitte auf´s Bild klicken

 

aufblasbare Kirche

 

Bildquelle: Queer.de, bitte auf´s Bild klicken

 

in Kirchen Agierende

Bildquelle: bandcamp, bitte auf´s Bild klicken

 

Aktion in Kirche

 

Bildquelle: bandcamp, bitte auf´s Bild klicken

 

 

gesellschaftliche Kräfte und IM

Bildquelle: Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie 2015, bitte auf´s Bild klicken

 

Montagsdemo 1989 Kopie

 

Bildquelle: Lemo, bitte auf´s Bild klicken

 

gerupfter Ährenkranz Kopie

 

entnommen  aus einem Facebook-Eintrag

 

 


 

Power-Point-Vortrag als PDF-Datei:

Erich Mielke übersieht Beginn der Konterrevolution.pptx

 

 

 

 

 

 

Wahlen in der DDR

Dann und wann bringen öffentlich-rechtliche Sender brauchbares. DIE TROMMLER hat das Thema Wahlen in der DDR von „Planet Schule- Wissenspool Alltag in der DDR“ vom SWR aus dem Jahre 2009 entnommen und bearbeitet. Einige Aussagen des SWR sind nicht korrekt. Das hat DIE TROMMLER in der Bearbeitung korrigiert. Bearbeitung: Petra Reichel

Wissenspool DDR SWR

 


Nicht nur die Parteien, sondern auch Massenorganisationen, bzw. deren Kandidaten standen in der DDR zur Wahl.

 


 

Parteien in der DDR

Neben der SED, deren Führungsanspruch in der Verfassung der DDR verankert war, gab es noch andere Parteien. DIE TROMMLER hat sich bereits damit beschäftigt. Hier nochmal zur als Zusammenfassung.

Neben der SED – Sozialistische Einheitspartei Deutschlands gab noch die:

(Näheres zu den jeweiligen Parteien, bitte den Links folgen)

Werbung SED

Wahlwerbung SED

Bildquelle: Planet Schule – SWR, Bild ist entsprechend verlinkt

Das Symbol der SED sind verschlungene Hände, die Einheit der Arbeiterklasse darstellend.

 

 


 

Massenorganisationen

 

Jugendorganisationen

Kinder ab dem 6. Lebensjahr wurden Jungpioniere, mit dem 10. Lebensjahr erfolgte der Übertritt in die Thälmann-Pioniere. Mehr als 90% der Jugendlichen waren Mitglied der FDJ – Freie Deutsche Jugend.

FDJ-Gruppenratssitzung

FDJ-Gruppenratssitzung

 

Bildquelle: Planet Schule – SWR, Bild ist entsprechend verlinkt

 

 

 

Eine FDJ-Gruppenratssitzung. An der Wand das Bild von Erich Honecker, einst Vorsitzender der FDJ. In der DDR war es üblich das Bild von Erich Honecker in Büros, Versammlungsräumen und sonstigen öffentlichen Räumen aufzuhängen.

 

Gewerkschaft

Der FDGB – Freie Deutscher Gewerkschaftsbund war die gewerkschaftliche Organisation in der DDR. Der FDGB betrieb auch Erholungsheime und organisierte preiswerten Urlaub.

FDGB Bildquelle Planet Schule – SWR, Bild ist entsprechend verlinkt.

Die Einheitsgewerkschaft FDGB vertrat im festen Bündnis mit der SED die Interessen der Arbeiterklasse.

 

Frauen

Der DFD – Demokratischer Frauenbund Deutschlands vertrat die Interessen der Frauen.

 

Landbevölkerung

Die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) war nach der Bodenreform 1945 entstanden. Sie sollte den Klein- und Neubauern jene Hilfen zuteil werden lassen, die für ein rasches Anwachsen der Agrarproduktion erforderlich waren. Ihre Aufgabe war es auch Saatgut und Dünger, Gerätschaften und Maschinen, sowie Vieh gerecht zu verteilen.

 

Kulturschaffende

Der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands(Kulturbund)erfasste künstlerisch Tätige mit dem Ziel, ihre Arbeit für die Errichtung und Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft zu nutzen.

 

Nationale Front

In der Nationalen Front waren alle politischen Kräfte zusammengeschlossen. Anfänglich war das politische Ziel die Errichtung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Darauf folgte der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft als politisches Ziel.                    Alle politischen Organisationen waren in der Nationalen Front erfasst. Individuelle Mitgliedschaften gab es nicht.                                                                                                           Die Nationale Front war die Trägerin der Wahlen. „Wählt die Kandidaten der Nationalen Front“, war einer der Slogans bei Wahlen in der DDR.

Wahlslogan DDR 1986

Wahlslogan DDR 1986

Bildquelle: Planet Schule – SWR; Bild ist entsprechend verlinkt

 

 


 

Ein Volkskammerabgeordneter und Kandidat für die Volkskammerwahl 1986

Bei den Dreharbeiten des SWR zur Volkskammerwahl 1986 traf das Fernsehteam auf Klaus Dieter Bormann, 33 Jahre alt, Arbeiter im Volkseigenen Betrieb(VEB) Getriebewerk Wernigerode.

Klaus Dieter Bormann

Klaus Dieter Bormann

Bildquelle: Planet Schule – SWR, Bild ist entsprechend verlinkt

 

Zu seiner Person, Stand 1986:

Er ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er hat im Getriebewerk Dreher gelernt und sich fortgebildet. Nun arbeitet er nun als Lehrausbilder für Polytechnik und führt Schüler der 8. und 9. Klassen in Arbeitstechniken und in die Arbeitswelt ein. Das geschieht nicht in der Schule, die Schüler kommen in den Betrieb.

Mitglied der Volkskammer:

Bormann kandidierte für seine dritte Amtsperiode als Abgeordneter. Von 1976 bis 1981 wirkte er als Nachfolgekandidat, das ist ein Status mit minderen Rechten. Von 1981 bis 1986 war er Vollmitglied der Volkskammer und wirkte in der Fraktion der FDJ. Nun kandidierte er für die Fraktion des FDGB.

Der Wahlkreis:

Bormann kandidierte im Wahlkreis 56 – Halberstadt-Wernigerode. Dieser zählte etwa 200.0000 Wahlberechtigte.

In der DDR fand kein Wahlkampf statt, wie wir ihn heute kennen. Die Aufgabe des Kandidaten im Vorfeld der Wahlen war es, sich um die Belange der Menschen in seiner nächsten Umgebung zu kümmern: In „seinem“ Betrieb, in „seinem“ Wohngebiet, bzw. im näheren Umfeld von Wernigerode.

Politische Arbeit:

Die Volkskammerabgeordneten waren keine Berufspolitiker. So auch Bormann nicht, der im SWR als Beispiel präsentiert wird. Seine Arbeit als Abgeordneter erfüllte er neben seinem Beruf. Er hatte nicht über die großen Fragen der Politik mitzuentscheiden. Er sollte Sorgen und Probleme der Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung aufnehmen und wenn möglich Lösungen anstoßen: So z.B. die Lösung eines Wohnungsproblems, die Schlichtung eines arbeitsrechtlichen Streites oder Hilfe für behinderte Menschen, die in baulich unzumutbaren Einrichtungen leben. Das ist ebenso wichtig, wie die „große Politik“ und die Weltpolitik. Die Sorgen und Probleme der Menschen kommen im bürgerlichen Politikbetrieb eindeutig zu kurz.


 

Die Volkskammerwahl 1986

Am 08. Juni 1986 fanden Wahlen zur Volkskammer statt. In 73 Wahlkreisen waren 500 stimmberechtigte Abgeordnete zu wählen. Weitere 203 Abgeordnete wurden als Nachfolgekandidaten gewählt. Gleichzeitig wurden die Abgeordneten der 14 Bezirkstage gewählt.

Der Stimmzettel

Wahlzettel DDR

Stimmzettel des Wahlkreises 1 und 4 zur Wahl der Volkskammer am 20. August und 28. September 1976

Bildquelle: Bundesarchiv, Bild ist entsprechend verlinkt

Im Bundesarchiv sind folgende Infos(bearbeitet durch DIE TROMMLER) zu den Wahlen in der DDR zu finden:

Eine Wahlperiode betrug zunächst vier Jahre, ausgenommen die 3. Wahlperiode, die durch eine verschobene Wahl verlängert wurde. Mit der Verfassungsänderung 1974 wurde die Wahlperiode auf fünf Jahre festgesetzt. Wahlberechtigt waren DDR-Bürger, die das 21. Lebensjahr vollendet hatten. Ab 1974 wurde das Alter der Wählbarkeit auf das 18. Lebensjahr gesenkt.

Die Volkskammer als oberstes Organ der Staatsmacht wählte den Präsidenten der DDR, die Mitglieder des Staatsrates und des Ministerrates der DDR sowie die Richter des Obersten Gerichts und der Generalstaatsanwaltschaft. Das Amt des Präsidenten der DDR wurde nach dem Tod von Wilhelm Pieck 1960 nicht mehr vergeben.

Wahlen hatten in der DDR einen anderen politischen Stellenwert als in bürgerlich-demokratischen Staaten.

Trägerin der Wahlen in der DDR war die Nationale Front, welche die verschiedenen Parteien und Massenorganisationen vor Ort koordinierte. Die Kandidatenvorschläge wurden zu einer gemeinsamen Liste der Nationalen Front zusammengeführt. Bevor ein Kandidat auf diese Liste gesetzt wurde, musste er laut Wahlrecht in seinem Betrieb/Arbeitskollektiv geprüft werden. Bei Ablehnung konnte er nicht nominiert werden. Der eigentliche Wahlvorgang bestand dann nur noch in der Bestätigung der Wahlvorschläge (Einheitslisten der Nationalen Front). Das ist demokratischer als der „Wahlzirkus“ in bürgerlich-demokratischen Staaten.


Im Wahlkreis 56 Halberstadt-Wernigerode standen drei Frauen und sechs Männer auf dem Stimmzettel. Außer den Namen der Kandidaten gab es keine weiteren Angaben. Über den Namen war zu lesen: „Wahlvorschlag der Nationalen Front der Deutschen Demokratischen Republik zur Wahl der Volkskammer“. Stimmkreise für ein Ankreuzen waren nicht vorhanden.

 

Wahlvorgang

Die Wähler nahmen nach Vorlage des Personalausweises und der Wahlbenachrichtigung einen Stimmzettel für die Volkskammer(blau) und einen Stimmzettel für den Bezirkstag(weiß) entgegen. Um mit „Ja“ zu stimmen, wurden die Stimmzettel gefaltet und in die Urne geworfen. Wer abweichend vom Wahlvorschlag wählen wollte, konnte die Wahlkabine benutzen. Die Streichung einzelner Kandidaten wäre aber keine „Nein“-Stimme gewesen. Wer mit „Nein“ stimmen wollte, musste alle Kandidaten einzeln durchstreichen.

Wahllokal in der DDR

Wahllokal in der DDR

 Bildquelle: Planet Schule – SWR, Bild ist entsprechend verlinkt

 

Offene und frühzeitige Stimmabgabe

Da hier und heute die Nutzung der Wahlkabine als geheiligtes demokratisches Recht gilt, ist die meist offene Wahl und die Nutzung der Wahlkabine im Ausnahmefall unverständlich. Darum heißt es die Wahlen in der DDR seien undemokratische Scheinwahlen gewesen. Doch ehemalige DDR-Bürger fanden anfangs bei Wahlen in der BRD, sei es als Zugezogene in der Alt-BRD oder nach Annexion der DDR in den heutigen neuen Bundesländern, es befremdlich, dass das Benutzen der Wahlkabine Pflicht ist. Es heißt, dass in der DDR die Menschen, welche die Wahlkabine benutzt haben, mit Nachteilen hätten rechnen müssen. Dass in der BRD die Benutzung der Wahlkabine Pflicht ist, ist ein Schutz vor Nachteilen, insbesondere im Beruf, denen die Wähler ausgesetzt wären, würden sie offen wählen. Nachteile im Beruf waren in der DDR weniger gravierend.

In der DDR war es auch üblich frühzeitig zu wählen. Das ist eine Erleichterung für die Wahlhelfer. Es ist nicht gerade angenehm für die Wahlhelfer, wenn kurz vor Schließung des Wahllokals noch Leute ankommen, die Wählen wollen, da ja nun die Auszählung beginnen muss.

 

„Fliegende Wahlurne“

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Berlin, Kommunalwahl, Helfer mit mobiler Wahlurne

 

 

 

Logo App in die Geschichte

Bildquelle: App in die Geschichte, Bild ist entsprechend verlinkt

 

In der DDR gab es keine Briefwahl, sondern die „fliegende Wahlurne“. Während die Briefwahl frühzeitig geplant werden muss, ist die „fliegende Wahlurne“ demokratischer. So kann auch bei plötzlicher Krankheit oder anderer kurzfristiger Verhinderung das Wahlrecht wahrgenommen werden.

Wer bis gegen 14 Uhr nicht im Wahllokal war, wurde mit der „fliegenden Wahlurne“ zu Hause aufgesucht.

 

Wahlbeteiligung und Wahlergebnis

 

Fraktionen und Fraktionsstärke Volkskammer DDR 1986

entnommen aus: „Planet Schule““Wissenspool Alltag in der DDR“ SWR 2009

Wissenspool DDR SWR

 

Es bedurfte keiner Meinungsforschung, um die Beteiligung und Ergebnis der 99%-Marke vorherzusagen. Es gehörte zu den gesellschaftlichen Pflichten sich an der Wahl zu beteiligen und offen mit „Ja“ zu stimmen. Bei vielen Wahlberechtigten herrschte das Bewusstsein vor, die Folgen von Nichtwählen oder der Benutzung der Wahlkabine nicht abschätzen zu können. So spiegelte das Wahlergebnis nicht die wahre Stimmung in der Bevölkerung wider.


 

siehe auch Filme zu den Wahlen in der DDR