Wahlen und Wahlhelfer

Gastbeitrag von Holger Marks

 

Als (VP-) Angestellter im Einwohnermeldeamt Karl-Marx-Stadt war ich quasi automatisch „Wahlhelfer“ der  Wahl in der DDR. Dies umfasste nicht nur den Wahlsonntag, sondern auch die Wochen davor. Wie heute noch, wurden vom Einwohnermeldeamt die Wahlbenachrichtigungen per Post versendet. Einige kamen mit Vermerken wie „verzogen“ zurück und so haben wir auch die Meldekartei alle vier Jahre aktualisiert. Diese bestand ja tatsächlich noch aus Karteikarten  –  Computer-Datenbanken dieses Ausmaßes waren seinerzeit weltweit noch unbekannt.

In den letzten Tagen vor der Wahl suchten wir ältere, gehbehinderte Menschen mit der „fliegenden Wahlurne“ (ein tragbarer, verschlossener Holzkasten mit Einwurfschlitz) zuhause auf. Diese Urnen wurden erst am Wahlabend geöffnet und die Stimmen zusammen mit den übrigen ausgezählt.

Die Wahl in der DDR war eine Art „Volkssport“ und in Stadt und Land standen schon morgens vor Öffnung der Wahllokale (wie heute noch waren das Schulen, Kindergärten, u.ä.) die Wähler vor der Tür. Den ganzen Tag kamen Menschen im Familienbund zur Wahl. Anschließend wurde an diesem Sonntag meist nicht gleich zurück nach Hause gegangen, sondern noch irgendwo „gefeiert“.

Gewählt wurden die „Kandidaten der Nationalen Front“ von SED, LDPD oder CDU, über FDGB, …. bis zur VdgB (Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe) und im Wahllokal waren (wie heute) Wahlkabinen aufgestellt, wo man Kandidaten auf dem Wahlzettel streichen konnte. Ich kann beschwören, dass wir nicht notierten, wer diese Kabinen aufsuchte. Gar nicht selbst gekennzeichnete Walscheine waren jedoch auch gültige Stimmen. Sie mussten nur vom Wähler persönlich gefaltet und in die Wahlurne gesteckt worden sein.
Bis 18:00 Uhr waren die Wahllokale geöffnet. Wer bis dato nicht gewählt hatte, war eben nicht da. Wir haben ihn dann nicht etwa ab 17:30 Uhr zur Wahl gezwungen.
Die Wahlbeteiligung war wirklich sehr hoch. Aber selbst mir kamen die danach veröffentlichten Zahlen („99,98%“) unehrlich und geschönt vor. Tatsächlich wird sie jedoch sicher bei weit über 95% gelegen haben – heute ein Wunschtraum jedes Wahlvorstandes.

Später in der Bundesrepublik sollte ich immer vom Bürgermeister meines Wohnortes als Wahlhelfer „rekrutiert“ werden, weil ich inzwischen Angestellter im öffentlichen Dienst hier war. Das Bundeswahlgesetz (BWahlG) besagt dazu in § 11: „ Zur Übernahme dieses Ehrenamtes ist jeder Wahlberechtigte verpflichtet. Das Ehrenamt darf nur aus wichtigen Gründen abgelehnt werden.“Ich konnte mich da immer mit der Pflege meiner kranken Mutter entschuldigen, sonst hätte mir wegen meiner Weigerung ein Ordnungsgeld gedroht.
Aber vor den Karren „BRD-Wahlen“ lasse ich mich nicht spannen – tut mir nicht leid!

Holger Marks

 

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„Fliegende Wahlurne“ in der DDR

Gastbeitrag von Ingo Imm

 

„Fliegende Wahlurne“ DDR—>Vor der Wahl von den Wahlvorständen in Form von Hausbesuchen oder Besuchen am Arbeitsplatz aufgesucht, damit diese Personen ihren Zettel in die „fliegende Wahlurne“ werfen konnten. Man fuhr deshalb ab 8 Uhr morgens mit der Wahlurne in die Altenheime, zu Behinderten oder sonstigen gebrechlichen Personen…

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Berlin, Kommunalwahl, Helfer mit mobiler Wahlurne

Bildquelle: App in die Geschichte, Bild ist entsprechend verlinkt

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Beschreibung

Zentralbild / Kohls, 17.9.61
Volkswahlen am 17. September 1961, Berlin, Fliegende Wahlurnen unterwegs.
Zu den Bürgern unserer Hauptstadt, die krank und gehbehindert sind, kamen die Wahlhelfer mit den fliegenden Wahlurnen in die Wohnungen, damit auch sie von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen können.
UBz: Wahlhelfer Waldemar Schulz vom Wahlkreis 1 mit der fliegenden Wahlurne bei dem 72jährigen Franz Dochow in der Höchstestr. 4, Bez. Friedrichshain. (Mitte) Frau Dochow.

Ort

Berlin

Herkunftsarchiv

Bundesarchiv , Bild 183-86472-0001 / Kohls, Ulrich / CC-BY-SA-3.0 , via Wikimedia Commons

Autor/Fotograf

Kohls, Ulrich