Das preußisch-deutsche Reich als Militärstaat

Der Klassencharakter des Staates

Preußen und der preußische Militarismus hatten bei der Einigung Deutschlands auf reaktionäre Weise die entscheidende Rolle gespielt.

Daher sicherten sich die Junker auch im neugegründeten Reich ihre politischen Machtpositionen. In den Regierungen Preußens und des Reiches, in den Verwaltungen und im Militärwesen, überall saßen vornehmlich Junker.

Die wirtschaftlich stärkste Klasse im Reich war die Bourgeoisie. Um hohe Profite zu erreichen, versuchte sie, reaktionäre Hemmnisse für die Entwicklung der Wirtschaft zu beseitigen. Junker und Bourgeoisie hatten als gemeinsames Hauptinteresse die Ausbeutung und Unterdrückung der Werktätigen (Erwerbstätige), insbesondere der Arbeiterklasse. So arbeiteten Junker und Bourgeoisie zusammen und festigten das schon früher entstandene Klassenbündnis. In diesem Bündnis hatten die Junker die wichtigsten politischen Positionen inne.

Das politische System und die Verfassung entsprachen diesen Klassenverhältnissen. Der Kaiser berief den Reichskanzler und die Leiter der Reichsämter (Ministerien), er hatte den Oberbefehl über Marine und Heer und vertrat das Reich gegenüber dem Ausland. Der Reichskanzler – bis 1890 Otto von Bismarck – war nur dem Kaiser rechenschaftspflichtig. Bismarck nutzte die verschiedenen Klassenwidersprüche im Reich, um sich eine diktatorische Stellung zu schaffen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Genehmigung eines Gesetzes
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Bundesrat setzte sich aus Regierungsbeauftragten der Einzelstaaten zusammen, war also nicht gewählt; er konnte Gesetzentwürfen zustimmen oder diese auch ablehnen. Im Bundesrat führte der Reichskanzler den Vorsitz. 25 Einzelstaaten mit insgesamt 58 (später 61) Stimmen waren in ihm vertreten. Preußen hatte allein 17 Stimmen und mit den Stimmen der von ihm abhängigen Kleinstaaten eindeutig das Übergewicht.

Der Reichstag wurde in allgemeiner, gleicher und geheimer Wahl von männlichen Bürgern über 25 Jahre gewählt. Die Einführung dieses Wahlrechts und einiger anderer demokratischer Rechte waren ein Ergebnis des Kampfes des Volkes. Aber aus Angst vor dem Volke wurden die Rechte des Reichstages sehr beschnitten. Gesetze, die vom Reichstag beschlossen wurden, konnten beispielsweise vom Bundesrat abgelehnt werden. Der Kaiser konnte den Reichstag einfach auflösen.

Durch politischen Druck und durch Beherrschung der Zeitungen konnten die herrschenden Klassen die Wähler beeinflussen. Die Junker und die Bourgeoisie hatten immer die Mehrheit im Reichstag.

Der preußisch-deutsche Militarismus

Nach dem deutsch-französischen Krieg breitete sich der preußische Militarismus weiterhin über Deutschland aus.

Der Kaiser hatte die oberste Kommandogewalt über die deutschen Streitkräfte. Er ernannte Offiziere und Generäle.

Das preußische Kriegsministerium – dem Reichstag nicht rechenschaftspflichtig – wurde das Organisationszentrum des Heeres, und der preußische Generalstab – nur dem Kaiser verantwortlich entwarf die Kriegs- und Operationspläne.

Im Heer selbst besaßen die Junker als Generale und Offiziere eine beherrschende Stellung.

Wie spiegeln sich die Rolle des Junkertums und das reaktionäre Klassenbündnis von Junkertum und Großbourgeoisie in der Armee wider?

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Junkertum und Bourgeoisie förderten vor allem den Ausbau und die Machterweiterung des preußischen Militarismus. Die herrschenden reaktionären Klassen nutzten die außenpolitischen Spannungen aus und verstärkten die Rüstungen. (Siehe: Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches)

Während die Bevölkerungszahl von 1872 bis 1893 um etwa 25 Prozent stieg, wuchs die Heeresstärke um nahezu 50 Prozent. Die Rüstungsausgaben verschlangen den größten Teil der Staatseinnahmen. In Preußen wurden zum Bespiel 1873 zwei Millionen Taler für Volksschulen ausgegeben, aber 60 Millionen Taler für Heer und Flotte.

Die wachsenden Rüstungskosten und die Folgen für das Volk. (Karikatur aus „Der wahre Jakob“)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Kapitalisten und Bankiers sahen in der Verstärkung des preußisch-deutschen Heeres eine Voraussetzung für ihre Ausbeutungs– und Eroberungspläne. Die Rüstung war zudem für sie eine gute Profitquelle. Nicht nur die Werke Krupps, die vor allem schwere Waffen lieferten, nahmen einen großen Aufstieg. Am Rüstungsgeschäft war der Besitzer großer Betriebe im Saargebiet, Stumm, beteiligt. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes zu militärischen Zwecken brachte Stahlwerksbesitzern, den Lokomotivfabrikanten und anderen Firmen, die Eisenbahnausrüstungen herstellten, große Profite.  Die sich entwickelnde Elektroindustrie verdiente am Ausbau des militärischen Telefon- und Telegrafensystems. Und die Zeiss-Werke in Jena belieferten sehr bald die Heeresleitung mit Feldstechern und anderen optischen Instrumenten. Bauunternehmer schließlich verdienten am Festungs- und Kasernenbau. So waren Militarismus und Kapitalismus eng miteinander verbunden.

Der Militärapparat wurde nicht nur für außenpolitische Zwecke ausgebaut. Nach dem Motto der Junker aus der Revolution 1848/49 „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten! wurde das Militär auch gegen das eigene Volk eingesetzt.

Die Militärorganisation im Deutschen Reich
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die bevorzugte Stellung des Militärapparates beeinflusste das gesamte gesellschaftliche Leben. Kriegervereine und den Militarismus preisende Studentenverbindungen, militärische Aufmärsche zu Sedan-Feiern und Kaiser-Geburtstagen bestimmten das äußere Bild. In den Schulen und Universitäten, in Zeitungen und sogar durch Postkarten wurde der Krieg und das Militär verherrlicht.

Die Herrschaft der Junker und der Großbourgeoisie und die bestimmende Rolle des preußischen Militarismus kennzeichneten das Deutsche Reich als einen preußisch-deutschen Militärstaat.

Die Unterdrückung aller demokratischen Kräfte und der Arbeiterbewegung

Dem Wesen des preußisch-deutschen Militarismus entsprach die Verfolgung aller Gegner der Politik der herrschenden Klassen, insbesondere der Sozialdemokraten.

Schon zu Beginn des Krieges gegen Frankreich ließ der Militärbefehlshaber in Norddeutschland am 09. September 1870 den Braunschweiger Ausschuss der SDAP (Parteileitung) verhaften und in die Festung Lötzen verschleppen. Am 17. Dezember 1870 wurden August Bebel und Wilhelm Liebknecht verhaftet und bis zum März 1871 eingekerkert. Auch bürgerliche Demokraten, die gegen die Politik der Regierung auftraten, wurden verhaftet.

Die Unterdrückung der demokratischen Kräfte, insbesondere der Sozialdemokratie, wurde nach dem Kriege fortgesetzt. Zeitungsredakteure wurden verhaftet und ins Gefängnis gesperrt, die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses wegen angeblicher Vergehen gegen die öffentliche Ordnung zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Einen vorläufigen Höhepunkt dieser Terrormaßnahmen, die auch der Einschüchterung aller oppositionellen Kräfte dienen sollten, bildete der Leipziger Hochverratsprozess gegen Wilhelm Liebknecht und August Bebel. In diesem Prozess der im März 1872 in Leipzig stattfand, sollte den beiden Arbeiterführern Vorbereitung zum Hochverrat nachgewiesen werden.

 

Der Hochverratsprozess gegen Bebel und Liebknecht in Leipzig 1872.(Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Liebknecht und Bebel nutzten die Verhandlungen zu einer ausführlichen, leidenschaftlichen Darlegung der Ziele der SDAP und der Grundsätze des Sozialismus. Arbeiterzeitungen und teilweise auch bürgerliche Zeitungen berichteten ausführlich über den Prozess und trugen damit wesentlich zur Ausbreitung der Gedanken und der politischen Grundsätze der revolutionären Sozialisten bei. So wurde der Prozess durch das mutige Auftreten der Angeklagten zu einem Erfolg für die Sache des Sozialismus. Obwohl Liebknecht und Bebel die gegen sie erhobenen Vorwürfe widerlegten und nachwiesen, dass die Sozialdemokraten den Interessen der Nation dienten, wurden sie zu je zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Dieses Urteil rüttelte viele Arbeiter auf.

Die Unterdrückung nationaler Minderheiten

Eine besonders brutale Unterdrückungspolitik betreiben die herrschenden Klassen gegenüber den im Deutschen Reich lebenden nationalen Minderheiten. Die preußisch-deutschen Junker und Militaristen gaben vor, diesen Völkern eine „höhere Kultur“ bringen zu wollen. Die richteten aber tatsächlich ihre Bestrebungen darauf, die zu „germanisieren“, das Heißt, die nationalen Minderheiten zu unterdrücken und zu verdrängen. Am stärksten waren die in den von Preußen eroberten Gebieten lebenden Polen betroffen. Die Verwaltung und Rechtsprechung in diesen Gebieten lagen in den Händen preußischer Beamter. In den Ämtern, vor Gericht und in den Schulen wurde die polnische Sprache schrittweise verboten. Die Lehrer demütigten und misshandelten(mobbten) die polnischen Kinder, wenn sie gegen dieses Verbot verstießen. Besondere Ansiedlungsgesetze sollten die polnischen Bauern zwingen, ihr Land zu billigen Preisen zu verkaufen und es preußischen Großgrundbesitzern und Großbauern zu überlassen.

Vertreibung eines polnischen Bauern von seinem Land durch preußische Polizei.(Zeitgenössische Darstellung auf einem damals heimlich verbreiteten Flugblatt)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die gleiche Politik der nationalen Entrechtung wurde gegenüber den Sorben betrieben.

In Elsass-Lothringen erhielt die Bevölkerung erst 1874 das Wahlrecht. Preußische Beamte und Offiziere spielten sich als die Herren auf. 42 Jahre nach der Annexion kam es noch zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und Militär, die durch die von preußischen Offizieren an einheimischen Rekruten verübten Schikanen ausgelöst worden waren.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Trennung der Arbeiterklasse von der Bourgeoisie. Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei

Die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863

Um ihre historische Mission (S. 21) zu verwirklichen, brauchte die Arbeiterklasse eine selbständige, revolutionäre Arbeiterpartei. Machten die Streiks den Interessengegensatz zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie auf ökonomischem Gebiet deutlich, so wurde der politische Gegensatz besonders im Kampf um die nationalstaatliche Einigung sichtbar. Die fortgeschrittesten Arbeiter erkannten, dass sie sich selbständig organisieren mussten, um entschieden für die Gegenwarts- und Zukunftsinteressen der Arbeiterklasse und damit des ganzen Volkes kämpfen zu können.

1862 schieden die oppositionell eingestellten Arbeiter aus dem unter bürgerlicher Führung stehenden Leipziger Arbeiterbildungsverein aus. Auf der Suche nach einem Programm kamen die Arbeiter mit dem Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand Lassalle (1825 bis 1864) in Verbindung, der sich an die Spitze der proletarischen Selbstständigkeitsbewegung stellte.

Im Mai 1863 wurde in Leipzig unter Führung Lassalles die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) vollzogen. Der ADAV erfasste die fortgeschrittesten deutschen Arbeiter. 1864 zählte er 3000 Mitglieder. Mit dem ADAV entstand eine selbständige, von der Bourgeoisie unabhängige Arbeiterorganisation in Deutschland. Darin bestand das Verdienst Lassalles.

Lassalle orientierte die Arbeiterbewegung auf den politischen Kampf. Aber er gab ihr keine revolutionäre Zielsetzung, obwohl der Karl Marx und dessen Arbeiten kannte.

Lassalle sah im Kampf um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht das Hauptmittel des politischen Kampfes und erzeugte dadurch die Illusion, als könne die Herrschaft der Arbeiterklasse durch Wahlen erobert werden. Er verbreitete die Ansicht, dass die kapitalistische Ausbeutung durch Produktivgenossenschaften mit Hilfe des preußischen Staates überwunden werden könne. Mit dieser Auffassung vom „friedlichen Hineinwachsen“ in den Sozialismus lenkte er die Arbeiterklasse vom revolutionären Kampf ab. Das war Opportunismus. Das Wort wurde abgeleitet von „opportun“(lat.)=passend; nützlich, angebracht. Es deutet auf die „Anpassung an die herrschenden Klassen hin. Siehe auch die Begriffserklärung.

Lassalle missachtete ferner den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse. Schließlich begünstigte er die antidemokratische Einigung Deutschlands durch Preußen. Dadurch erschwerte er es der Arbeiterklasse, die führende Kraft für die Einigung von unten zu werden. Diese konnte sich nur im Kampf gegen den preußischen Militarismus, gegen die Bourgeoisie und gegen die Theorien Lassalles bilden.

Die Trennung des Verbandes deutscher Arbeitervereine von der Bourgeoisie

Um den Selbständigkeitsbestrebungen der Arbeiter und möglichen Ausstrahlungen des ADAV entgegenzuwirken, gründeten bürgerliche Politiker im Juni 1863 den Verband der deutschen Arbeitervereine. Er fasste die unter bürgerlichem Einfluss stehenden Arbeitervereine zusammen. Aber die Bourgeoisie konnte nicht verhindern, dass sich die Arbeiter ihrer eigenen Interessen bewusst wurden.

1865 fanden über 150 Streiks statt, einige hatten über 1000 Teilnehmer. Die Arbeiter wandten sich gegen die „Blut und Eisen“-Politik Bismarcks, die von der Bourgeoisie unterstützt wurde. Sie forderten demokratische Freiheiten. Entgegen den Bemühungen der Bourgeoisie nahmen die Arbeiter immer größeren Einfluss auf den Verband deutscher Arbeitervereine. Die führende Rolle in diesem Prozess spielten August Bebel und Wilhelm Liebknecht.

August Bebel
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Wilhelm Liebknecht
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In enger Kampfgemeinschaft erreichten August Bebel und Wilhelm Liebknecht in unermüdlicher Arbeit, dass sich die Arbeitervereine allmählich von der Bourgeoisie lösten. Von entscheidender Bedeutung war dabei die Hilfe von Karl Marx und Friedrich Engels. Seit 1865 bildeten sich in Deutschland die ersten Sektionen der I. Internationale. August Bebel wurde 1866 Mitglied der I. Internationale. Wilhelm Liebknecht stand mit Marx und Engels in ständiger Verbindung.

Die fortgeschrittesten Arbeiter begannen, die Ideen des „Kapitals“ aufzunehmen. Sie erkannten dadurch klarer das Wesen des Kapitalismus, die Notwendigkeit seiner Überwindung und vor allem die historische Mission der Arbeiterklasse als „Totengräber“ der kapitalistischen Gesellschaft. Damit wurden auch die Ideen Lassalles widerlegt.

1867 wurde August Bebel Präsident des Verbandes der deutschen Arbeitervereine. Zur gleichen Zeit wurden Bebel und dann auch Liebknecht als Abgeordnete in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt.

1968 fand der 5. Vereinstag des Verbandes deutscher Arbeitervereine in Nürnberg statt. 115 Delegierte vertraten 93 Vereine mit etwa 13 000 Mitgliedern.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Geführt von Bebel und Liebknecht erklärte der Vereinstag mit überwältigender Mehrheit seine Übereinstimmung mit dem Programm der I. Internationale und beschloss den Anschluss an die Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation“.

Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1869

Von Bebel, Liebknecht und anderen marxistischen Kräften der deutschen Arbeiterbewegung gründlich vorbereitet, tagte im August 1869 in Eisennach der bis dahin größte Arbeiterkongress. 262 Delegierte vertraten mehr als 10 000 Arbeiter. Aus der Einsicht, dass die politische und ökonomische Befreiung der Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich den Kampf führt, beschlossen sie die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. (SDAP).

Der Kongress nahm Programm und Statut, die Bebel ausgearbeitet hatte, an. Nach ihrem Gründungsort wurden die Mitglieder dieser Partei von den Arbeitern auch Eisenacher genannt.

 

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In der SDAP schlossen sich die unter Führung Bebels und Liebknechts stehenden Arbeitervereine, die proletarische Opposition, die sich vom ADAV getrennt hatte, und Mitglieder von Gewerkschaftsorganisationen zusammen. Die Mitglieder der I. Internationale bildeten in ihnen die bewusstesten und aktivsten Kräfte.

Auf dem Eisenacher Kongress schuf sich die deutsche Arbeiterklasse auf marxistischer Grundlage erneut eine revolutionäre proletarische Partei. Sie bekämpfte das Junkertum, die Bourgeoisie und deren Staatsmacht unversöhnlich. Damit hatten die Lehren von Marx und Engels in der deutschen Arbeiterbewegung einen wichtigen Sieg errungen. Die SDAP war die erste im Rahmen eines Landes organisierte sozialistische Arbeiterpartei überhaupt. Die Arbeiterklasse gewann in der SDAP eine zuverlässige Führung im Kampf um die Interessen des Volkes. Mit der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach wurde die wichtigste Voraussetzung für die Herstellung der Einheit der deutschen Arbeiterbewegung auf marxistischer Grundlage geschaffen.

Zur deutschen Arbeiterbewegung von 1850 bis 1869
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Volksbewegung und herrschende Klassen im Kampf um die nationalstaatliche Einigung Deutschlands

Der Aufschwung der Volksbewegung

Hervorgerufen durch die Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche, steigerte sich seit Ende der 1850er Jahre die politische Aktivität aller Klassen in Deutschland. Große Teile des deutschen Volkes traten in den Kampf um die demokratische Einigung Deutschlands ein.

Die Feiern zum 100. Geburtstag Friedrich Schillers im November 1859 wurden zu einem Höhepunkt der Volksbewegung. Im Hamburg demonstrierten 17 000, in Frankfurt am Main 8000 Menschen, in Berlin waren es Zehntausende Handwerker und Arbeiter.

Schillerfeier auf dem Gendarmenmarkt in Berlin am 10. November 1859.(Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In den Turn-, Wehr- und Schützenvereinen, in der Sängerbewegung gewann die demokratische Volksbewegung organisatorische Formen. Bis 1862 entstanden 1284 Turnvereine. 55 Prozent der Mitglieder waren Handwerker, 14 Prozent Arbeiter und Bauern, die übrigen Kaufleute, Lehrer Studenten und Schüler.

Der Aufschwung der Volksbewegung zeigte die Bereitschaft des Volkes, die Einigung Deutschlands von unten zu verwirklichen. Aber die Bourgeoisie fürchtete die Volksmassen. Als Ausbeuterklasse war sie trotz aller Unterschiede und Gegensätze mehr mit dem Junkertum als mit den Volksmassen verbunden. Statt die feudalen Zustände durch eine Revolution zu beseitigen, steuerte die Bourgeoisie auf ein festes Klassenbündnis mit dem Junkertum hin.

Im Jahre 1859 entstand als gesamtdeutsche Organisation der Bourgeoisie der Deutsche Nationalverein. 1862 zählte er bereits 25 000 Mitglieder. Arbeiter konnten nicht Mitglied werden.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im Jahre1861 schuf sich die preußische Bourgeoisie die Deutsche Fortschrittspartei. Sie trat ebenfalls für die Einigung Deutschlands durch Preußen ein und für einen größeren Einfluss der Bourgeoisie auf die preußische Politik.

In der Volksbewegung gewann die Arbeiterklasse eine besondere Stellung. Trotz scharfer Verfolgung hatte die Reaktion nach 1848 die Organisationsbestrebungen der Arbeiter nicht brechen können. Immer wieder bildeten sich örtliche Fachvereine und Hilfskassen von Arbeitern gleicher Berufe. Über 800 solcher Fachvereine der Maurer, Buchdrucker, Tabakarbeiter, Zimmerleute usw. bestanden.

Die Verschärfung des Klassengegensatzes zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie zeigte sich in den Streikkämpfen, die besonders seit 1857 zunahmen. Im Jahre 1857 fanden mehr Streiks statt als in den fünf Jahren davor zusammengenommen. Ökonomische Kämpfe und politische Auseinandersetzungen um die demokratische Einigung Deutschlands förderten das selbständige Auftreten der Arbeiterklasse als politisch selbstständige Kraft. Seit dem Ende der 1850er Jahre entstanden in vielen Städten Arbeiterbildungsvereine. 1860 bestanden ungefähr 50, 1862 schon 100 solcher Vereine. Im Unterschied zu den Wehr- und Turnvereinen waren die meisten ihrer Mitglieder Arbeiter, und zwar der unterschiedlichsten Berufe. Von der Bourgeoisie gegründet, um qualifizierte Facharbeiter heranzubilden und die Arbeiter im bürgerlichen Sinne zu beeinflussen, wurden sie jedoch von den Arbeitern mehr und mehr zur Verständigung über ihre sozialen und politischen Interessen genutzt. So trat in ihnen bald der politische Gegensatz der Arbeiterklasse zur Bourgeoisie in den Vordergrund.

Versammlung eines Arbeiterbildungsvereins in den 1860er Jahren.(Zeitgenössisch Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1984

Die „Blut und Eisen“-Politik Bismarcks in den 1860er Jahren

Die Zuspitzung der Widersprüche löste in Preußen eine politische Krise aus. Auf ihrem Höhepunkt wurde der Junker Otto von Bismarck im Jahre 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt. Sein Ziel war die Niederwerfung der demokratischen Volksbewegung und die Vorherrschaft Preußens in Deutschland. Dieses Ziel wollte er mit allen Mitteln der Politik, nach seinen eigenen Worten sogar mit „Blut und Eisen“, erreichen.

Otto Fürst von Bismarck (1815 bis 1898). Seit 1862 war er als Preußischer Ministerpräsident entscheidend an der Einigung Deutschlands auf undemokratischem Wege beteiligt. (Fotografie 1871)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bismarck wollte der sich entwickelten Volksbewegung zuvorkommen und so die preußische Monarchie und die weitere Herrschaft des Junkertums überhaupt retten. Andererseits erkannte Bismarck aber auch, dass die weitere kapitalistische Entwicklung nicht aufzuhalten war. Deshalb versuchte er, mit Hilfe des junkerlich-militaristischen preußischen Staates die dringendsten Bedürfnisse der kapitalistischen Entwicklung zu befriedigen. Gleichzeitig wollte er aber verhindern, dass die Bourgeoisie die politische Macht gewann. Er nutzte dabei die Furcht der Bourgeoisie vor den Volksmassen aus. Der Verrat der Bourgeoisie an der Nation und am gesellschaftlichen Fortschritt ermöglichte es ihm, seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im Jahre 1864 versuchte Dänemark, sich Schleswig-Holstein anzueignen. Das deutsche Volk protestierte. Schon forderten Arbeiter und bürgerliche Demokraten in Volksversammlungen die Volksbewaffnung. Erste Freiwilligenverbände bildeten sich. Die Herrschenden in Preußen und auch in Österreich befürchteten einen revolutionären Volkskrieg, der sich nicht nur gegen Dänemark, sondern auch gegen die deutschen Fürsten richten könnte. Um dies zu verhindern, erklärten die Regierungen Österreichs und Preußens selbst den Krieg. Dänemark wurde im deutsch-dänischen Krieg schnell besiegt. Die Siegermächte besetzten Schleswig und Holstein.

Im Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland war Österreich der stärkste Gegner Preußens. 1866 führte Bismarck den Krieg mit Österreich herbei. Im preußisch-österreichischen Krieg schlug das preußische Heer die österreichischen Truppen in der Schlacht bei Königgrätz in Böhmen. Damit war der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland entschieden. Österreich schied aus dem deutschen Staatenverband aus.

Durch den Verrat der Bourgeoisie konnte Bismarck die Entscheidung über den Weg zu einem einheitlichen Nationalstaat gegen die demokratischen Kräfte herbeiführen.

Im Ergebnis des preußisch-österreichischen Krieges wurde im Jahre 1967 unter Vorherrschaft Preußens der Norddeutsche Bund gegründet. Ihm gehörten 21 Kleinstaaten und Freie Städte an. Der Reichstag des Norddeutschen Bundes wurde durch allgemeines, gleiches und direktes Wahlrecht gewählt. Die tatsächliche Macht im Bunde besaß jedoch der preußische König. Die Regierungsgeschäfte des Norddeutschen Bundes führte der preußische Ministerpräsident.

Der Norddeutsche Bund
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die süddeutschen Länder (siehe Karte) blieben auf Grund eines Einspruches des französischen Kaisers Napoleon III., der eine Verschiebung der politischen Macht in Europa zuungunsten der französischen Bourgeoisie fürchtete, und aus Misstrauen gegen Preußen außerhalb des Norddeutschen Bundes.

Nach dem Sieg über Österreich sprach die preußische Bourgeoisie Bismarck im preußischen Abgeordnetenhaus ihr Vertrauen aus. Damit gab sie offiziell ihren historischen Anspruch auf die Führung der Nation preis.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der Widerspruch zwischen dem reaktionären System und der kapitalistischen Entwicklung in Deutschland

Das Wiedererstarken der Reaktion

Die Revolution von 1848/49 hatte die gesellschaftlichen und politischen Zustände in Deutschland nicht zu ändern vermocht. Die historisch überlebten feudalen Kräfte – Könige, Fürsten und Junker – behielten weiter die politische Macht. Die Zersplitterung Deutschlands in über 30 Einzelstaaten blieb erhalten.

Die bürgerlichen Revolutionen 1848/49 in Europa
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die reaktionären Kräfte versuchten, die Niederlage der Revolution zur Festigung ihrer Herrschaft zu benutzen. So wurde der Deutsche Bund wiederbelebt. Er sollte dazu beitragen, dass die reaktionären Zustände in Deutschland erhalten blieben. Zwar gerieten Österreich und Preußen im Kampf um die Vorherrschaft im Deutschen Bund in zunehmenden Gegensatz zueinander, aber bei der Unterdrückung der Volksmassen wirkten sie einträchtig zusammen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Durch Gesetze und Verordnungen, Polizeiterror und Justizwillkür versuchten die Einzelstaaten und der Deutsche Bund, jede demokratische Regung und erst recht die Arbeiterbewegung zu ersticken. Die demokratischen Volksvereine und die Arbeiterorganisationen wurden unterdrückt, Presse und Versammlungen einer strengen Aufsicht unterworfen. Die Geheimpolizei wurde vergrößert.

Im Jahre 1851 gelang es der Polizei, führende Mitglieder des Bundes der Kommunisten zu verhaften. Nach achtzehnmonatiger Untersuchungshaft fand 1852 gegen zwölf Angeklagte der berüchtigte Kölner Kommunistenprozess statt. Trotz der Haltlosigkeit der Anklage, die auf Fälschungen und Meineiden beruhte, wurden 7 Angeklagte zu insgesamt 36 Jahren Festungshaft verurteilt.

Mit der Verurteilung der ersten internationalen und deutschen Arbeiterpartei sollte die Arbeiterbewegung als gesellschaftliche Kraft ausgeschaltet und die gesamte demokratische Bewegung entscheidend getroffen werden.

Zur Wirtschaft Deutschlands um 1860
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Zuspitzung der Widersprüche in Deutschland

Selbst die angestrengsten Bemühungen der Reaktion, eine politische Friedhofsruhe in Deutschland zu schaffen, konnten die Entwicklung nicht rückgängig machen. Gegen die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten war die Reaktion machtlos. Sie konnte nicht verhindern, dass sich auch in Deutschland der Kapitalismus in Industrie und Landwirtschaft schnell entwickelte.

So wirkten damals in Deutschland die gesellschaftlichen Widersprüche weiter, die schon zur Revolution von 1848/49 geführt hatten. Die kapitalistische Wirtschaft verlangte grundlegende politische Veränderungen. Wenn die deutsche Bourgeoisie auf dem Weltmarkt Schritt halten wollte, dann mussten die Fesseln fallen, die die kapitalistische Entwicklung hemmten. Noch immer gab es unterschiedliche Maße, Münzen und Gewichte, noch immer war die Gesetzgebung in den Einzelstaaten uneinheitlich. Die Bourgeoisie aber brauchte einen einheitlichen und starken Staat, der ihre Interessen im Inland wie auf dem Weltmarkt zu unterstützen vermochte.

Die Bildung des einheitlichen Nationalstaates musste antifeudalen Charakter tragen, als Aufgabe einer bürgerlichen Revolution sein. Während der Revolution war es die Aufgabe der Bourgeoisie, die Macht des Junkertums und der Dynastien zu beseitigen. Ein bürgerlich-demokratischer Nationalstaat lag aber nicht nur im Interesse der Bourgeoisie, sondern auch im Interesse der Arbeiterklasse. In einem solchen Staat hätte die Arbeiterklasse günstigere Bedingungen für ihre Organisation und die Entfaltung des proletarischen Klassenkampfes gegen die Bourgeoisie gehabt.

 

Die beiden Wege zur Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates

Nur zwei Kräfte waren nach 1848/49 in der Lage, die nationalstaatliche Einigung gegen den Widerstand der Einzelstaaten herzustellen: die Volksmassen oder das junkerlich-militaristische Preußen. Diesen beiden entgegengesetzten Kräften entsprachen zwei mögliche Wege zur nationalstaatlichen Einigung.

Der Weg, den die Volksmassen gehen wollten, war die Revolution von unten. Nur eine revolutionäre Volksbewegung gegen die historisch überlebten, aber noch die Macht ausübenden feudalen Kräfte konnte zur Beseitigung der vielen Herrscherhäuser und ihrer Stützen, zur Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates mit demokratischen Verhältnissen, zur Befreiung der national unterdrückten Völker und zur Herstellung friedlicher Verhältnisse zu den Nachbarvölkern führen. Dieser Weg war nur im Kampf gegen das junkerlich-militaristische Preußen für eine demokratische Republik möglich.

Der andere Weg, den das junkerlich-militaristische Preußen einschlagen wollte, war die Einigung Deutschlands von oben mit Gewalt durch den preußischen Militarismus. Dieser Weg richtete sich gegen die demokratischen Kräfte des deutschen Volkes und hatte die Erhaltung der Junker und Fürsten, die Vorherrschaft des reaktionären Preußens in Deutschland zum Ziel.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die I. Internationale

Die Notwendigkeit des gemeinsamen Kampfes der Arbeiter aller Länder

Die Entwicklung des Kapitalismus und die Weltwirtschaftskrise von 1857 bis 1859 lösten einen neuen Aufschwung der Arbeiterbewegung aus. In allen kapitalistischen Ländern verschärfte sich der Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Die fortgeschrittenen Arbeiter suchten nach den richtigen Wegen und Mitteln ihres Kampfes. Die englischen Arbeiter zum Beispiel verfügten über Erfahrungen im ökonomischen Kampf und in der Organisation. Die französischen Arbeiter hatten in den Revolutionen von 1830 und 1848 wichtige politische Erfahrungen gesammelt. Diese verschiedenen Erfahrungen mussten nun für den Kampf aller Arbeiter fruchtbar gemacht werden.

Die Arbeiterklasse aller Länder befand sich in der gleichen Klassenlage: Sie war die sozial ausgebeutete und politisch unterdrückte Klasse. Sie hatte in allen Ländern den gleichen Feind: die Bourgeoisie und die kapitalistische Ausbeuterordnung. Die Arbeiter aller Länder verbanden deshalb die gleichen gemeinsamen Interessen: Der Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, für die Befreiung der Arbeiterklasse.

Der Kapitalismus hatte sich inzwischen im Weltmaßstab durchgesetzt. Die Arbeiterklasse konnte ihn nur erfolgreich bekämpfen, wenn sich die Arbeiter aller Länder gegen ihn zusammenschlossen. Der Kampf der Arbeiterklasse wurde durch politische Krisen in den wirtschaftlich fortgeschrittensten Ländern verstärkt. So spitzten sich in Deutschland die gesellschaftlichen Widersprüche zu. Die Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates wurde unumgänglich. 1863 erhob sich das polnische Volk gegen die zaristische Unterdrückung. Solidarisch unterstützten die Arbeiter vieler Länder den heldenhaften Kampf des polnischen Volkes. Sie verstanden, dass internationale Entscheidungen auf den Kampf der internationalen Arbeiterbewegung zurückwirken mussten.

Das elementare Streben der Arbeiter nach Einheit, internationaler Zusammenarbeit und Solidarität führte zur Gründung der I. Internationale.

Die Gründung der I. Internationale

Am 28. September 1864 versammelten sich in London etwa 2000 Arbeiter aus England, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen und anderen Ländern. Einmütig beschlossen sie die Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation (I. Internationale). Die Gründungsversammlung wählte ein Komitee, das ein Programm und ein Statut für die neugegründete Organisation ausarbeiten sollte. Dieses Komitee übernahm als Generalrat die Leitung der I. Internationale. Zu seinen Mitgliedern gehörten Karl Marx und später auch Friedrich Engels.

Friedrich Engels‘ Mitgliedskarte der I. Internationale für das Jahr 1865
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Durch seine selbstlose Hingabe für die Sache der Arbeiterklasse, sein riesiges Wissen und seine tiefe Einsicht in die Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft wurde Karl Marx zum Organisator und Führer der I. Internationale.

Gründungsversammlung der I. Internationale in der Londoner St. Martin’s Hall am 28. September 1864. (Kohlezeichnung von Erst Schaumann, 1963)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Karl Marx arbeitete das Programm und das Statut aus. Dabei berücksichtigte er den unterschiedlichen Entwicklungsstand der Arbeiterbewegung in den einzelnen Ländern und die verschiedenartigen Einflüsse, denen die Arbeiterorganisationen ausgesetzt waren. Karl Marx betrachtete es unter diesen Bedingungen als Aufgabe der I. Internationale, die verschiedenen nationalen Abteilungen der internationalen Arbeiterbewegung fest zusammenzuschließen. Er wies der Arbeiterklasse den Weg zur allseitigen Entfaltung des Klassenkampfes, besonders zum politischen Kampf und zur Schaffung wirklich selbstständiger, das heißt von der Bourgeoisie unabhängiger revolutionärer Klassenorganisationen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Die I. Internationale
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Einheit der internationalen Arbeiterklasse ist die entscheidende Voraussetzung für ihr erfolgreiches Ringen, sie verwirklicht sich im Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung und Unterdrückung.

Diese internationale Solidarität und den gemeinsamen Kampf der Arbeiter aller Länder gegen soziale Ausbeutung und politische Unterdrückung nennen wir proletarischen Internationalismus.

Die I. Internationale trieb die Lösung der Arbeiterbewegung sowohl vom politischen als auch vom ideologischen Einfluss der Bourgeoisie wesentlich voran.

Sie gab die organisatorische, politische und theoretische Grundlage für die Entfaltung der selbständigen Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern und förderte damit die Entstehung revolutionärer Arbeiterparteien.

Die Kampferfahrungen der Arbeiter und die Tätigkeit der I. Internationale drängten falsche, antimarxistisch Auffassungen über die Aufgabe, den Weg und das Ziel der Arbeiterbewegung zurück. Die I. Internationale begann, den wissenschaftlichen Sozialismus mit der Massenbewegung der Arbeiterklasse im internationalen Maßstab zu vereinigen.

Das Erscheinen des ersten Bandes des „Kapitals“

Karl Marx und Friedrich Engels lebten seit der Niederlage der Revolution von 1848/49 bis zu ihrem Tode in der Emigration.

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Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Aus Paris ausgewiesen, war Karl Marx 1849 nach London übergesiedelt. Auch Friedrich Engels war nach England gegangen. Er trat in eine Textilfabrik in Manchester ein, in der sein Vater Teilhaber war. So war er in der Lage, Karl Marx und dessen Familie finanziell zu unterstützen. Dennoch konnte er bittere Not nicht abwenden.

Karl Marx und seine Familie nahmen größte Opfer und Entbehrungen auf sich, um der Sache der Arbeiterklasse zu dienen. Unermüdlich studierte Karl Marx in der Bibliothek des Britischen Museums und dann zu Hause bis in die tiefe Nacht hinein. Über 1 500 Bücher las er in der jeweiligen Originalsprache und verarbeitete sie. So eignete er sich kritisch die Ergebnisse der Wissenschaft, besonders auf den Gebieten der Geschichte, der Wirtschaft, der Natur- und Rechtswissenschaften, an. Aufmerksam analysierte er alle wichtigen politischen Ereignisse in der Welt.

Als Ergebnis der vieljährigen unermüdlichen Arbeit von Karl Marx konnte 1867 der I. Band seines Hauptwerkes „Das Kapital“ erscheinen. Karl Marx arbeitete darin das Wesen und die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus heraus. Er bewies durch umfangreiches Tatsachenmaterial den unvermeidlichen Untergang der kapitalistischen Ausbeuterordnung und die geschichtliche Aufgabe der Arbeiterklasse als Totengräber des Kapitalismus und Schöpfer der kommunistischen Gesellschaft. Nun hat der Kapitalismus, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, weltweit gesiegt. Die Arbeiterbewegung ist weitgehend zerschlagen worden. Klassenbewusstsein innerhalb der heutigen Arbeiterklasse sucht man in der Regel vergeblich.

„Das Kapital“ umfasst drei Bände. Marx konnte die Bände II. und III. allerdings nicht mehr selbst druckfertig machen. Das übernahm Friedrich Engels. Er gab nach dem Tode von Marx 1885 den II. und 1894 den III. Band des „Kapitals“ heraus.


Jenny Marx
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der Kampf der Arbeiterklasse gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Streikkämpfe der Arbeiterklasse und die Herausbildung der Gewerkschaften

Der unversöhnliche Klassengegensatz zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie war auf ökonomischem Gebiet für die Arbeiter besonders sichtbar. Die Arbeiter erkannten deshalb bald, dass sie selbst die geringsten Forderungen – höheren Lohn, kürzere Arbeitszeit, bessere Arbeitsbedingungen – nur im ständigen Kampf gegen die Bourgeoisie durchsetzen konnten. Ein wirksames Mittel im Klassenkampf war die Verweigerung der Arbeit, der Streik. (Das Wort „Streik“ kommt vom englischen to Strike=schlagen und wurde zuerst 1856 im Sinne von „die Kapitalisten schlagen“ verwendet.)

Um erfolgreich kämpfen zu können, müssen sich die Arbeiter zusammenschließen. So entstanden zunächst örtliche Vereinigungen von Arbeitern eines Berufes, die Fachvereine. Sie bildeten die Grundlage für die Herausbildung zentraler Gewerkschaften.

In England, dem damals entwickelsten kapitalistischen Land, waren die Arbeiter am besten organisiert. Die Arbeiter verlangten die Abschaffung der vielen Überstunden. Daraufhin sperrten die Kapitalisten 1852 15 000 Arbeiter der Maschinenfabriken, darunter 3500 Gewerkschaftsmitglieder, in London und Lancashire aus. (Bei einer Aussperrung lassen die Kapitalisten die Arbeiter nicht an ihre Arbeitsplätze und zahlen ihnen keinen Lohn. Dadurch versuchen sie die Arbeiter zu zwingen, bestimmte Bedingungen anzunehmen.) Die Kapitalisten versuchten damit, die Arbeiter zum Austritt aus der Gewerkschaft zu zwingen. Nach dreimonatigem Ringen mussten die Arbeiter den Kampf abbrechen. Die Kapitalisten erreichten ihr Ziel jedoch nicht: Die Arbeiter blieben ihrer Organisation treu. Die Gewerkschaft der Maschinenbauer, die sich im Kampf bewährt hatte, wurde zum Vorbild für andere Gewerkschaften.

1858/59 forderten die Bauarbeiter Londons den neunstündigen Arbeitstag. Durch eine Massenaussperrung, von der 24 000 Arbeiter betroffen wurden, wollten die Kapitalisten die Bauarbeiter-Gewerkschaften sprengen. Arbeiter ganz Englands unterstützten das Ringen der Bauarbeiter Londons, das von August 1858 bis Februar 1860 währte. Die organisiert kämpfenden Arbeiter erwiesen sich als unbezwingbar.

Auch in Deutschland fanden in dieser Zeit Streiks statt. In der Zeit von 1852 bis 1859 kam es zu über 100, allerdings kleineren Streiks. Mehr als die Hälfte davon wurde polizeilich niedergeworfen.

Mit der Verschärfung des Gegensatzes zwischen der Arbeiterklasse und den Kapitalisten nahmen die Streiks zu, und die Gewerkschaften breiteten sich aus. Bisher noch nicht organisierte Arbeiter traten den Gewerkschaften bei. Fachvereine schlossen sich zentralen Verbänden an. Neue Gewerkschaften bildeten sich. Die Arbeiterklasse konnte den Klassenkampf gegen die Bourgeoise umfassender und erfolgreicher führen.

 

 

Streik um 1860 in einem Werk in L Creuzot (Frankreich). (Zeitgenössische Darstellung)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Vereinigte Gesellschaft der Maschinenbauer, 1851 gegründet, war die größte Gewerkschaft Englands. Die zählte 1851 5000 Mitglieder, 1866/67 waren es bereits 33 000. Um 1870 waren 375 000 englische Arbeiter gewerkschaftlich organisiert.

In Deutschland wurden die Arbeiterorganisationen rücksichtslos unterdrückt. Dennoch bestanden von 1852 bis 1859 über 800 lokale Arbeitervereinigungen, darunter Fachvereine und gewerkschaftliche Hilfskassen. Ein Teil knüpfte untereinander Verbindungen an. Es entstanden die ersten zentralen Gewerkschaftsverbände der Tabakarbeiter (1865) und der Buchdrucker (1866).

Die einzelnen Gewerkschaften erfassten die Arbeiter eines Berufs. Größere Kämpfe aber erforderten das Zusammenwirken der Gewerkschaften über die Berufsgrenzen hinaus. Veranlasst durch den Bauarbeiterstreik 1859/1860 entstand 1860 der Londoner Gewerkschaftsrat. Ihm gehörten viele Leiter von gewerkschaftlichen Zentralverbänden an. Er wurde bald zum führenden Organ der gesamten englischen Gewerkschaftsbewegung.

Bedeutung und Grenzen des ökonomischen Klassenkampfes des Proletariats

Der Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen bildete einen wichtigen Bestandteil des proletarischen Klassenkampfes. Durch ihn konnten auch noch nicht klassenbewusste Arbeiter in den Kampf einbezogen werden. So förderte er den Organisationsprozess der Arbeiterklasse. Dadurch wurden die Arbeiter aktionsfähiger; sie wurden zum gesellschaftlichen Machtfaktor. Die Gewerkschaften waren reine Arbeiterorganisationen. Durch ihren Kampf setzte die Arbeiterklasse -allerdings nur geringe- Lohnerhöhungen durch und erzwang die Verkürzung der Arbeitszeit.

Dieser ökonomische Kampf diente zunächst der Verbesserung der Lage der Arbeiter innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Er war überhaupt nicht auf die Beseitigung der Ausbeutung ausgerichtet. Deshalb konnte er die gesellschaftliche Lage der Arbeiterklasse im Kapitalismus als ausgebeutete und politisch unterdrückte Klasse nicht grundsätzlich ändern. Die Arbeiterklasse muss darum ihr ökonomisches Ringen mit dem politischen Kampf verbinden.

 

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Bourgeoisie setzte ihre wirtschaftliche und politische Macht gegen die Organisationsbestrebungen der Arbeiter ein. Jeder Fortschritt in der Organisierung der Arbeiter musste deshalb gegen die Bourgeoisie und ihren Staat erkämpft werden.

In Frankreich verbot das Gesetz „Le Chapelier“ von 1791 alle Arbeiterorganisationen und Streiks. Aber auch der französische Kaiser Napoleon III. und seine Polizei- und Militärmacht erwiesen sich außerstande, die Bildung von Arbeitervereinen und die Durchführung von Streiks zu verhindern. Durch ihren Kampf erzwang die Arbeiterklasse 1864 die teilweise Aufhebung dieses Gesetzes.

In allen kapitalistischen Staaten musste sich die Arbeiterklasse demokratische Rechte, wie das Versammlungs- und Vereinigungsrecht, selbst erkämpfen. Das Ringen um diese demokratischen Rechte ist Bestandteil des politischen Kampfes. Er muss sich letztendlich gegen das Herrschaftssystem der Bourgeoisie richten und zur Eroberung der politischen Macht der Arbeiterklasse führen. Der politische Kampf ist die höchste und wirkungsvollste Form des proletarischen Klassenkampfes.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982. Bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Klassenstruktur und politisches System des Kapitalismus

Veränderungen in der Klassenstruktur

Tiefe Klassengegensätze zerreißen die kapitalistische Gesellschaft. Sie verschärfen sich ständig mit der weiteren Entwicklung des Kapitalismus. Insbesondere spitzt sich der Hauptklassengegensatz der kapitalistischen Gesellschaft zu, der unversöhnliche Gegensatz zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie.

Die industrielle Revolution vergrößerte mit der maschinellen Fabrikproduktion die ökonomische Macht der Bourgeoisie. Diese ökonomisch stärkste Klasse der kapitalistischen Gesellschaft verfügte über Geld, Fabriken, Maschinen, Rohstoffe und die in der kapitalistischen Produktion hergestellten Waren. Sie unterwarf sich ökonomisch die gesamte Gesellschaft und zwang die Arbeiter, Bauern, Handwerker, Händler und Intellektuellen in das kapitalistische Abhängigkeitsverhältnis, unter die kapitalistische Ausbeutung.

Die Bourgeoisie selbst war jedoch keineswegs eine einheitliche Klasse. Über die kleinen und mittleren Kapitalisten erhob sich eine kleine Minderheit von Großkapitalisten, die immer mehr Kapital in ihren Händen zusammenfasste und nach und nach die Schlüsselstellungen in der Wirtschaft beherrschte. Zu dieser Großbourgeoisie gehörten die mächtigsten Kapitalisten der verschiedenen Industriezweige, der Großbanken und die reichsten Großhändler.

Dabei gewann die Industriebourgeoisie die Vorrangstellung gegenüber der Handelsbourgeoisie. Innerhalb der Industriebourgeoisie übernahmen die Hütten- und Bergwerkbesitzer die führende Rolle. Diejenigen Kapitalisten, die nur mittlere oder kleine Betriebe besaßen, gerieten immer stärker in die Abhängigkeit der Großbourgeoisie.

In einigen Ländern, wie England, Frankreich und den USA, besaß die Großbourgeoisie bereits auch die politische Macht. In Deutschland dagegen übte nach wie vor der Adel die politische Herrschaft aus.

Durch die Fabrikproduktion verlor das Handwerk seine gesellschaftliche Bedeutung als Hersteller neuer Waren. Es wurde bald mehr und mehr auf Reparatur- und Dienstleistungen abgedrängt. Viele Handwerksbetriebe wurden ruiniert. Der Anteil der vom Handwerk lebenden Menschen an der Gesamtbevölkerung nahm ab.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus wuchs die Arbeiterklasse rasch an. Ehemalige Handwerksgesellen, ruinierte Handwerksmeister, Tagelöhner, Landarbeiter, landlose Bauern und Bauernsöhne wurden Lohnarbeiter in Fabriken. Große Teile der Arbeiterklasse waren in Großstädten und in Industriezentren zusammengeballt. So stieg beispielsweise die Einwohnerzahl Berlins im Zeitraum von 1846 bis 1871 von 0,4 auf 0,8 Millionen.

Neben der zahlenmäßigen Stärke wuchs die gesellschaftliche Rolle der Arbeiterklasse. Die Verbindung der Arbeiter zu gemeinsamen Aktionen war jetzt leichter zu erreichen. Innerhalb der Arbeiterklasse wurde das Industrieproletariat – die Arbeiter der Fabriken, insbesondere der Großindustrie – zum entscheidenden Faktor. Diese Arbeiter waren mit der fortschrittlichsten Produktion verbunden. Sie bildeten den Kern der Arbeiterklasse. Wie die Großindustrie das Herz des Kapitalismus war, so nahmen die Arbeiter der Großindustrie sowohl in der kapitalistischen Produktion als auch im Kampf der Arbeiterklasse gegen die kapitalistische Ausbeutung eine Schlüsselstellung ein.

 

 

Der Übergang zur intensiven Ausbeutung

Allein die 1870 vorhandenen Dampfmaschinen hatten insgesamt eine Leistung von 12 bis 15 Millionen PS. Ihre Leistung war damit zehnmal größer als die körperliche Leistung aller industriell beschäftigten Arbeiter in der Welt.

Um 1850 stellte ein Arbeiter, der Stoff bedruckte, mit Hilfe von Maschinen soviel her wie früher 200 Arbeiter.

Die Lage der Arbeiter veränderte sich mit der Durchsetzung der maschinellen Fabrikproduktion nicht grundsätzlich. Unter kapitalistischen Bedingungen führt die Anwendung neuer Maschinen und Produktionsverfahren zur verstärkten Ausbeutung der Arbeiterklasse.

Die Kapitalisten erhöhten mit Hilfe der Maschinen das Arbeitstempo und zwangen die Arbeiter, in der gleichen Arbeitszeit mehr Kraft und Aufmerksamkeit aufzuwenden. Die Kapitalisten gingen damit von der extensiven Ausbeutung (Verlängerung der täglichen Arbeitszeit) zu intensiven Ausbeutung über. Die Arbeitsleistung lag höher in den Jahren 1860 bis 1969 um 38 Prozent höher als in der Zeit von 1840 bis 1849. Unfälle und Berufskrankheiten nahmen zu, die Arbeiter alterten frühzeitig.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Gustave Gourbet: „Die Steinklopfer“; 1851, Ölgemälde; 1945 verbrannt
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Besonders menschenunwürdig waren die Wohnverhältnisse der Arbeiter. In Berlin mussten beispielsweise 1867 im Durchschnitt Arbeiterfamilien mit 6 bis 7 Personen in einem Raum leben. Die Sterblichkeit, vor allem die Säuglingssterblichkeit, war sehr hoch. Heute ist es so, dass sich arbeitende Menschen in der Regel in den Städten, insbesondere in den Großstädten, keine Wohnung leisten können. Sie müssen in den Vororten wohnen und lange Pendelzeiten auf sich nehmen.

Proletarierwohnung in England 1863. (Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Das politische Herrschaftssystem der Bourgeoisie

Die unversöhnlichen Klassengegensätze, die die kapitalistische Gesellschaftsordnung hervorgebracht hatte, gefährdeten ständig die von der Bourgeoisie errichtete Ausbeuterordnung. In den Ländern, wo die Bourgeoisie zur Herrschaft gelangt war, suchte sie ihre egoistischen Klasseninteressen– die Ausbeutung der Arbeiterklasse und aller Werktätigen-, mit allen Mitteln gegen die große Mehrheit des Volkes durchzusetzen und zu sichern. Dazu diente das politische System der Bourgeoisie, vor allem der kapitalistische oder bürgerliche Staat.

Die kapitalistischen Staatsformen waren unterschiedlich: Die USA waren eine bürgerliche Republik. Großbritannien blieb eine konstitutionelle Monarchie. In Frankreich ließ sich 1852 der Präsident der bürgerlichen Republik als Napoleon der III. zum Kaiser ausrufen.

Doch so unterschiedlich auch die Formen der kapitalistischen Staaten sein mochten, sie waren stets das entscheidende politische Herrschaftsinstrument der der Bourgeoisie zur Sicherung der kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse und zu politischen Unterdrückung der Volksmassen, insbesondere der Arbeiterklasse.

Die Parlamente, die die Gesetze beschlossen, setzten sich vorwiegend aus bürgerlichen Abgeordneten zusammen. Die gesamte Gesetzgebung von der Verfassung bis zu den Einzelgesetzen entsprach den Klasseninteressen der Bourgeoisie. Die Gesetze sollten insbesondere das Privateigentum der Bourgeoisie an Grund und Boden, den Häusern und Fabriken, Maschinen und Rohstoffen unantastbar machen. Die Gerichte, die über die Einhaltung der Gesetze wachten und Gesetzesverletzer bestraften, bestanden aus bürgerlichen Geschworenen, die die Gesetze im Klasseninteresse der Bourgeoisie handhabten. Heutzutage gibt es einige Verbesserungen. Siehe z.B. die heutige Geschworenenauswahl in den USA, die nun repräsentativ für die gesamte Bevölkerung sein muss. Doch der juristische Kampf ist hart, wenn man nach den Regeln der Bourgeoisie agieren muss. Trotzdem kann man sie mit ihren eigenen Regeln schlagen.

Im gesamten Staatsapparat hatte die Bourgeoisie die entscheidenden Positionen besetzt; in der Justiz ebenso wie im Verwaltungsapparat, in der Polizei wie Armee, in den Stadtverwaltungen wie in der Regierung. Die Bourgeoisie besaß das Bildungsmonopol, beherrschte Schulen und Zeitungen. Mag es im Staatsapparat und den Verwaltungen geringfügige Ausnahmen geben, so hat sich, was das Bildungs- und Medienmonopol angeht, nichts geändert. Vorübergehend gab es Änderungen im Bereich der Bildung, als die Sowjetunion den Sputnik startete.

An Stelle der alten persönlichen Abhängigkeit des Feudalismus hatte sich ein neues-nicht so sichtbares, aber dafür um so wirksameres-Abhängigkeitsverhältnis herausgebildet, das Geld. Die ökonomische Macht der Bourgeoisie setzte sich so in politische Macht um. Die Großbourgeoisie, die die ökonomischen Schlüsselpositionen besaß, beherrschte die Schalthebel der Macht, innen- wie außenpolitisch.

Während die Bourgeoisie in England, Frankreich und in den USA die politische Herrschaft direkt ausübte, blieb dagegen die politische Macht in Deutschland-trotz Durchsetzung des Kapitalismus in der Wirtschaft- in den Händen der Junker und Fürsten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Durchsetzung des Kapitalismus in der Welt

Die Herausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems

England, die „Werkstatt der Welt“, war das führende kapitalistische Land. Die maschinelle Fabrikproduktion hatte sich bereits in den 1830ern Jahren durchgesetzt. In Frankreich vollzog sich dieser Prozess seit 1830, in Deutschland besonders in den 1850er und 1860er Jahren. Während jedoch in England, Frankreich und in den USA (seit den 1860er Jahren) die kapitalistischen Verhältnisse Wirtschaft und Staat bestimmten, konnte sich der Kapitalismus in Deutschland zunächst nur in der Wirtschaft durchsetzen. Seine Entwicklung wurde durch die politische Herrschaft des Adels wesentlich behindert.

Der Produktionsaufschwung in den kapitalistischen Ländern und die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse führten zu einem raschen Aufschwung des internationalen Handels. Die Entdeckung reicher Goldfelder in Kalifornien (1848) und Australien (1841) förderte diesen Prozess. 1850 betrug der Gesamtwert des Außenhandels in der Welt 1,7 und 1870 bereits 4,4 Milliarden Dollar.

Durch diese Entwicklung der kapitalistischen Industrie und des Handels zwischen den kapitalistischen Ländern bildete sich allmählich das kapitalistische Weltwirtschaftssystem heraus. Was heute unter dem Schlagwort „Globalisierung“ läuft, ist also nichts Neues.

 

Die Einbeziehung zurückgebliebener Länder in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem

In Russland hatte die kapitalistische Entwicklung ebenfalls Fuß gefasst. Die unumschränkte Herrschaft des Zaren und die Leibeigenschaft hemmten jedoch die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft. Selbst ein großer Teil der Manufaktur- und Fabrikarbeiter war noch leibeigen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In den 1850er Jahren geriet Russland in eine tiefe politische Krise. Nach Polizeiberichten gab es 1858 86, 1859 90 und 1860 108 Bauernaufstände. Revolutionäre Demokraten aus dem Bürgertum unterstützten die Bauern in ihrem Kampf gegen die Leibeigenschaft.

Um eine mögliche Revolution zu verhindern, verfügte der Zar am 19. Februar 1861 die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland. Die Bauern wurden persönlich frei. Sie konnten von nun an weder gekauft noch verkauft oder verschenkt werden. Die Reform wurde vom Zaren und den Großgrundbesitzern selbst durchgeführt. Sie versuchten deshalb, ihre Interessen -auf Kosten der Bauern- weitestgehend zu sichern. Die Bauern erhielten nur gegen hohe „Entschädigungen“ Land, oder sie mussten es von den Grundbesitzern pachten. Gegen die Unzulänglichkeiten der Reform kam es auf vielen Gütern zu Bauernunruhen, die jedoch niedergeschlagen wurden.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft war dennoch die Voraussetzung für die kapitalistische Entwicklung in Russland. Die Kapitalisten konnten nunmehr freie Lohnarbeiter ausbeuten. Moskau, Kriwoi Rog, das Donezbecken und andere Gebiete entwickelten sich zu Industriezentren.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In Indien hatte sich England bereits seit langem die Vorherrschaft in grausamen Kolonialkriegen erobert. 1857 erhob sich das indische Volk gegen die englischen Kolonialherren. Der Volksaufstand wurde in einem fast dreijährigen Krieg blutig niedergeschlagen. 1858 wurde Indien zur britischen Kolonie erklärt. England nutzte die feudalen Klassengegensätze und die Nationalitäts- und Religionsunterschiede in Indien aus. Die indischen Fürsten wurden bestochen und damit zu einer Stütze der englischen Kolonialherren gemacht. Durch rücksichtslose Ausbeutung des indischen Volkes und der Naturschätze Indiens flossen den englischen Kapitalisten riesige Profite zu.

Erschießung aufständischer Inder mit Kanonen im Jahre 1857. (Nach einem Gemälde von W. Werestschagin um 1875)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Mit Waffengewalt erzwang England 1832 von China die Öffnung von fünf chinesischen Häfen für den englischen Handel, die Abtretung Honkongs an England und eine hohe Kriegsentschädigung. Damit begann eine Kette militärischer Überfälle, politischer und ökonomischer Erpressungen, durch die das feudale China zu einer kapitalistischen Halbkolonie wurde und damit seine politische Selbstständigkeit verlor. An der kapitalistischen Ausbeutung Chinas beteiligten sich außer England auch Frankreich, die USA, Russland, Deutschland und andere Staaten.

Unter Androhung militärischer Gewalt setzten die USA 1853/54 in Japan die Öffnung zweier Häfen für den Handel mit den USA durch. Ähnliche, mit Gewalt erzwungene Verträge schlossen unmittelbar darauf auch England, Russland, Frankreich und Holland mit Japan. Die gewaltsame Einbeziehung in den kapitalistischen Welthandel löste in Japan innenpolitische Kämpfe aus. Durch bürgerliche Reformen wurde 1867/68 das Feudalsystem durchbrochen und die rasche Entwicklung des Kapitalismus in Japan ermöglicht.

In den 1860er Jahren vollzog sich in der Welt ein Prozess, der mit der Auflösung feudaler Verhältnisse (Russland/Japan) und mit der zum Teil gewaltsamen Einbeziehung ökonomisch zurückgebliebener Länder in das kapitalistische System (Indien, China, Japan) verbunden war. Durch diese Veränderungen setzte sich der Kapitalismus in der Welt durch.

Die Welt im Jahre 1870
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Weltwirtschaftskrise von 1857 bis 1859

Der Aufschwung der kapitalistischen Produktion wurde durch die Wirtschaftskrise von 1857 bis 1859 jäh unterbrochen. Sie war die erste Wirtschaftskrise, die nicht nur auf wenige kapitalistische Staaten beschränkt war, sondern die gesamte kapitalistische Welt erfasste. Die Krise führte zu Absatzstockungen, zu zahlreichen Bankrotten und zum Rückgang der gesamten Produktion. Die Kapitalisten versuchten, die Folgen der Krise mittels Kurzarbeit, Lohnkürzungen und Entlassungen auf die Arbeiter abzuwälzen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die wirtschaftliche Entwicklung des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern

Der Abschluss der industriellen Revolution in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern

Die volle Durchsetzung des Kapitalismus vollzog sich durch zwei revolutionäre Prozesse, die sich gegenseitig bedingten und beeinflussten:

  • Erstens durch die bürgerliche Revolution, die die gesellschaftlichen Verhältnisse zugunsten der Bourgeoisie umwälzte.
  • Zweitens durch die industrielle Revolution, die grundlegend die Art und Weise der Produktion veränderte.

Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die industrielle Revolution in den fortgeschrittensten Ländern (England, Frankreich, USA, Deutschland) beendet. Maschinen ersetzten in den wichtigsten Industriezweigen die Handwerkzeuge, mit denen bisher die Produktion betrieben worden war.

Zur Herstellung dieser Werkzeugmaschinen entstand ein neuer Industriezweig, der Maschinenbau. Maschinenfabriken lieferten zum Beispiel Pressen, Dreh- und Bohrmaschinen oder Textilmaschinen. Sie wurden als Ersatz für veraltete Maschinen gebraucht. So gewannen die Maschinenfabriken eine Schlüsselstellung in der kapitalistischen Industrie.

Die Dampfmaschine fand weite Verbreitung. In erster Linie wurde sie im Verkehrswesen (Lokomotiven, Dampfschiffe), im Bergbau (Wasserhaltung, Bewetterung, Transport) und als Antriebsmittel von Maschinen eingesetzt.

Maschinensaal der Firma Hartmann um 1850 in Chemnitz (vorübergehend Karl-Marx-Stadt)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Produktionsaufschwung nach 1850

Der Einsatz von Maschinen ermöglichte eine schnelle Produktionssteigerung. Maschinenbau Kohle- und Erzförderung, Eisen- und Stahlerzeugung sowie die Entwicklung des Verkehrs beeinflussten sich wechselseitig. Durch die Anwendung von Dampfmaschinen und modernerer Produktionsverfahren konnten zum Beispiel im Bergbau größere Tiefen erreicht und neue Kohle- und Erzvorkommen erschlossen werden.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Bedarf an Eisen und Stahl, dem wichtigsten Grundstoff der Industrie, wuchs ebenfalls rasch an. Die Eisen- und Stahlerzeugung wurde durch die Anwendung moderner Produktionsverfahren erhöht.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Kokshochöfen ersetzten in der Roheisenerzeugung immer mehr das alte Holzkohle-Verfahren. Gab es im Ruhrgebiet 1850 nur zwei Kokshochöfen, so waren es 1870 schon 50. Der Kokshochofen bot gegenüber den alten Verfahren große Vorteile. Hatte man früher für die Produktion einer Tonne Roheisen sieben bis acht Tonnen Holzkohle benötigt, so reichte nunmehr eine Tonne Koks aus. Die neuen Hochöfen wurden jetzt nicht mehr in der Nähe großer Wälder errichtet, sondern nahe den Eisenerz- und Kohlevorkommen.

Die Kokshochöfen ersetzten in der Roheisenerzeugung immer mehr das alte Holzkohle-Verfahren. Gab es im Ruhrgebiet 1850 nur zwei Kokshochöfen, so waren es 1870 schon 50. Der Kokshochofen bot gegenüber den alten Verfahren große Vorteile. Hatte man früher für die Produktion einer Tonne Roheisen sieben bis acht Tonnen Holzkohle benötigt, so reichte nunmehr eine Tonne Koks aus. Die neuen Hochöfen wurden jetzt nicht mehr in der Nähe großer Wälder errichtet, sondern nahe den Eisenerz- und Kohlevorkommen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

1864 entwickelten Wilhelm Siemens und die französischen Gebrüder Martin das Siemens-Martin-Verfahren. Dabei werden bei sehr hohen Temperaturen Roheisen und Schrott im Schmelzofen zu Stahl veredelt.

Die Entstehung von Großbetrieben

Die kapitalistische Produktion wurde anfangs in vielen selbstständigen Einzelunternehmen betrieben. Die einzelnen Kapitalisten führten gegeneinander einen erbitterten Konkurrenzkampf um möglichst hohe Profite. Dabei behielten diejenigen die Oberhand, die wirtschaftlich am stärksten waren und am brutalsten die Arbeiter ausbeuteten. In diesem Prozess wurden viele Betriebe ruiniert. Die volle Durchsetzung der kapitalistischen Warenproduktion in allen Wirtschaftsbereichen war zugleich der Höhepunkt des Kapitalismus der freien Konkurrenz.

Die Kapitalisten eigneten sich den Gewinn an, der von den Arbeitern erzeugt wurde. Einen Teil davon verwandten sie zur Vergrößerung und Modernisierung ihrer Betriebe. Der technische Fortschritt, wie zum Beispiel die neuen, aber kostspieligen Verfahren zur Stahlgewinnung, kam dabei vor allem den größeren Betrieben zugute.

Zur Errichtung eines Großbetriebes waren nicht nur ein günstiger Standort (Rohstoffnähe, Transportverhältnisse, gute Absatzmöglichkeiten, weitreichende Geschäftsverbindungen) und ein hohes Können der Arbeiter und Techniker notwendig, sondern auch viel Kapital.

Zum Aufbau einer größeren Maschinenfabrik waren in Deutschland 1847 etwa 150 000 Taler (1 Taler entsprach 3 Goldmark) erforderlich. Doch wesentlich mehr Kapital wurde zur Anlage eines Bergwerkes, eines Hüttenbetriebes oder Eisenbahnlinie benötigt. Zur Anlage eines Bergwerkes im Ruhrgebiet mit einer Jahresförderung von 100 000 Tonnen Steinkohle und einer Belegschaft von 500 bis 600 Arbeitern waren damals 500 000 bis 750 000 Taler erforderlich.

Krupps Gussstahlfabrik in den Jahren 1815, 1840 und 1864
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Ein einzelner Kapitalist konnte meist solche großen Summen nicht allein aufbringen. Deshalb schlossen sich mehrere Kapitalbesitzer zu einer Aktiengesellschaft (AG) zusammen. Sie zahlten Gelder in die Aktiengesellschaft ein und erhielten dafür Anteilsscheine, Aktien. Am Ende des Geschäftsjahres wurde der Profit der Aktiengesellschaft auf die Aktien aufgeteilt und die Dividende an die Aktionäre ausgezahlt. Ohne selbst zu arbeiten, eigneten sich die Aktionäre den Gewinn der Unternehmen an, den die Arbeiter schufen. Je mehr Aktien ein Aktionär von einem Betrieb besaß, desto größer war sein Einfluss auf die betreffende Aktiengesellschaft. Die Großaktionäre, die di meisten Aktien einer Aktiengesellschaft besaßen, entschieden deshalb über alle wichtigen Fragen, die die Aktiengesellschaft betrafen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Großbetriebe entstanden vor allem in den entscheidenden Industriezweigen, besonders im Bergbau, in der Eisen- und Stahlerzeugung und im Maschinenbau.

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Mit der fortschreitenden Industrialisierung bildeten sich Großstädte und Industriezentren.  Das Ruhrgebiet wurde nach 1850 zum industriellen Herzen des deutschen Kapitalismus.

Wesentlichen Einfluss auf die Industrie erlangten nunmehr die Banken. Sie beschränkten sich nicht mehr auf das Wechseln, Leihen und Aufbewahren von Geld, sondern übernahmen auch den Kauf von Verkauf von Aktien und legten in zunehmenden Umfang ihr Kapital selbst in wichtigen Großbetrieben an.

Die Entwicklung des Verkehrs- und Nachrichtenwesens

Eisenbahnlinien in Mitteleuropa im Jahre 1848
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die industrielle Revolution sprengte den örtlich begrenzten, den lokalen Markt, für den bisher die kleineren Handwerksbetriebe produziert hatten. Rohstoffzufuhr und Absatz der Fertigwaren verlangten ein leistungsfähiges Transportsystem sowohl im Inland als auch für den internationalen Handel.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Diesem dringenden Bedürfnis wurden die Eisenbahnen gerecht. Sie waren schneller, billiger und zuverlässiger als die herkömmlichen Transportmittel und deshalb erheblich besser für den größeren Warentransport geeignet. Das Eisenbahnnetz wuchs in dieser Zeit außerordentlich rasch an.

Eisenbahnlinien in Mitteleuropa im Jahre 1868
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In der Schifffahrt gewannen die Dampfschiffe zunehmend an Bedeutung. Für die Überfahrt von Europa nach Amerika benötigten Segelschiffe damals durchschnittlich 35 Tage, Dampfschiffe nur 12 ½ Tage.

Auch im Schiffbau verdrängten Eisen und Stahl das Holz. Die Schiffe wurden größer, Die Werften und Häfen nahmen einen schnellen Aufschwung.

Im Jahre 1869 wurde nach zehnjähriger Bauzeit der Suezkanal eröffnet. Er verband das Mittelmeer mit dem Roten Meer. Der 163 Kilometer lange Kanal verkürzte den Seeweg von Europa nach Ostasien außerordentlich. Von Hamburg nach Bombay beispielsweise benötigten Schiffe jetzt 24 Tage weniger als bei Fahrten um das Kap der Guten Hoffnung.

Die Bedeutung des Suezkanals. Die Karten geben die Hauptrichtungen der Schifffahrt wieder, die Stärke der Linien deutet die ungfähre Intensität der befahrenen Schifffahrtslinien an
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Einführung der elektrischen Telegrafie (Erfindungen von Gauß, Weber und Morse, industrielle Fertigung durch Siemens) ermöglichte eine schnelle und genaue Nachrichtenübermittlung. 1851 wurden die ersten Seekabel zwischen England und Frankreich, 1866 zwischen Europa und Amerika verlegt.

Neuerungen in der Landwirtschaft

Die neue Technik und die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse fanden Eingang in die Landwirtschaft. Mit einer von Pferden gezogenen Mähmaschine konnten in 10 Stunden fast 5 Hektar Getreide gemäht und dadurch mindestens 8 Arbeiter ersetzt werden. Die Dampf-Dreschmaschine fand vielfach Verwendung an Stelle des Handdruschs der Göpeldreschmaschinen. Der erste Dampfpflug in Deutschland wurde 1868 in Sachsen eingesetzt. Führend in der Produktion und im Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen waren die USA und England.

Dreschmaschine mit Dampflokombile aus dem Jahre 1865. (Zeitgenössische Darstellung)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Wesentlich höhere Erträge konnten durch die künstliche Düngung erreicht werden. Justus von Liebig (1803 bis 1873) schuf dafür die wissenschaftliche Grundlage. Sein Hauptwerk „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie“ erschien 1840. In Deutschland wurden seit 1843 Chilesalpeter und seit 1858 Kali aus Staßfurt zur künstlichen Düngung verwendet. 1872 wurden bereits in 33 Fabriken mehr als 500 000 Tonnen Kalisalze verarbeitet. Von 1850 bis 1870 stiegen die Hektarerträge bei Weizen um 10 bis 25 Prozent, bei Roggen und Gerste um 10 Prozent.

Heute haben wir weitere Fortschritte, die damals undenkbar waren. Einige Fortschritte von damals gibt es heute nicht mehr, da sie durch weitere Fortschritte ersetzt wurden.

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Bedeutende Veränderungen in der Produktion

Die steigende Nachfrage nach gewerblichen Produkten

Die kolonialen Eroberungen im 17. Und 18. Jahrhundert, an denen englische Kolonisten führend beteiligt waren, erweiterten die Möglichkeiten des Handels mit englischen Produkten. Überall, wo sich englische Kaufleute und Kolonisten niederließen, begannen sie, die Bevölkerung mit Erzeugnissen der englischen Manufakturen zu beliefern. Diese waren meistens besser und billiger als die einheimischen Produkte. Zum Teil aber weckten die bisher unbekannten Erzeugnisse der englischen Manufakturen ganz neue Bedürfnisse bei der Bevölkerung. Dadurch stieg die Nachfrage nach englischen Waren in Europa und Übersee gewaltig an.

Auch innerhalb Englands erhöhte sich die Nachfrage sowohl nach landwirtschaftlichen wie nach gewerblichen Produkten. Weil die Manufakturen eine größere Menge an Stoffen, Kleidung, Hausrat und anderen zum Leben notwendigen Dingen herstellen mussten, benötigten sie ihrerseits mehr Eisen, Kohle, Wolle und andere Rohstoffe. Infolgedessen verdoppelte sich die englische Industrieproduktion von 1650 bis 1750. Am meisten vermehrte sich die Produktion von Garn und Tuchen aus Wolle und auch aus Leinen. Trotzdem vermochten die Manufakturen nicht mehr die steigende Nachfrage zu befriedigen.

England vor der industriellen Umgestaltung

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Die Entwicklung der Baumwollspinnerei

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war in England die Textilproduktion und innerhalb dieser die Wollwarenherstellung der vorherrschende Produktionszweig. Die emporschnellende Nachfrage nach gewerblichen Produkten, vor allem nach Bekleidungsgegenständen, richtete sich daher in erster Linie auf die Wollwarenerzeugung.

Neben diesem Produktionszweig, der Schafwolle verarbeitete, war in England ein anderer Zweig, die Baumwollverarbeitung, entstanden. Sie bezog ihren Rohstoff, die Baumwolle, aus den Kolonien. Die Baumwollverarbeitung war noch jung, und die Besitzer von Baumwollmanufakturen waren allen Neuerungen zugänglich, weil sie sich sonst gegenüber den anderen Produktionszweigen nicht behaupten konnten. Ein zweiter Grund für technische Neuerungen lag in der ungleichmäßigen Entwicklung der englischen Baumwollspinnerei. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts war die tägliche Garnproduktion von etwa 10 Spinnern erforderlich, um einen Weber einen Tag zu beschäftigen. Dieses Missverhältnis gab den Anstoß zur Erfindung von Maschinen, die in der Baumwollverarbeitung angewendet werden konnten.

 

Hargreaves, Watt und Cartwright, die Erfinder neuer Maschinen

Seit dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts gab es Versuche, Baumwollgarn maschinell herzustellen. Im Jahre 1764 erfand der Weber James Hargreaves seine Spinnvorrichtung, die er nach seiner Tochter Jenny die „spinning-Jenny“, die spinnende Jenny nannte. Diese „spinning-Jenny“ war eine Arbeitsmaschine, die die Herstellung des Baumwollgarns von Grund auf veränderte. Mit dieser Spinnmaschine konnte an einem Tag wesentlich mehr Baumwollgarn hergestellt werden als mit Hilfe des Spinnrades. Eine Arbeitsmaschine arbeitete gleichzeitig mit vielen Werkzeugen, z.B. Baumwollspindeln, während ein Mensch zur gleichen Zeit immer nur ein Werkzeug, z.B. das Spinnrad, benutzen konnte. Der Mensch bediente und kontrollierte die Maschine.

Durch den Einsatz der Spinnmaschine wurde das Gleichgewicht zwischen Baumwollspinnerei und –weberei abermals gestört, dieses Mal jedoch zugunsten der Baumwollspinnerei.

Erste Spinnmaschine

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Die Weber hatten jetzt Mühe, das von den Spinnern maschinell hergestellte Garn zu verarbeiten. Es wurde daher notwendig, die Weberei zu verbessern. In den Jahren 1785 bis 1786 konstruierte der Engländer Cartwright Webmaschinen(Maschinenwebstühle oder mechanische Webstühle), die mittels Wasserkraft angetrieben wurden. Durch die Benutzung dieser Webmaschinen konnte die Herstellung von Baumwollgeweben erheblich erhöht werden. Einige Jahrzehnte später wendete man Spinn- und Webmaschinen auch in der englischen Woll-, Leinen- und Seidenindustrie an, wodurch deren Produktion anstieg.

Um die neuen Arbeitsmaschinen anzutreiben, benutzte man zunächst die Kraft des Wassers. In manchen Fällen, vor allem bei den allerersten Arbeitsmaschinen, besorgten dies auch di Arbeiter. Als immer mehr Spinn- und Webmaschinen angewendet wurden, genügte das nicht mehr. Man musste sich nach einer anderen Antriebskraft umsehen und fand sie in der Dampfmaschine James Watts. Zwar benutzte man bereits seit etwa 1740 Dampfmaschinen, um das Wasser aus den englischen Steinkohleschächten zu pumpen, aber erst James Watt gelang es, die Dampfmaschine 1784 soweit zu verbessern, dass sie zum Antrieb der Arbeitsmaschinen verwendet werden konnte. Die Dampfmaschinen war eine Antriebsmaschine, weil sie mit Hilfe des Dampfes und auf mechanischem Wege Kraft zum Antrieb der Arbeitsmaschinen erzeugte.

James Watt

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Alle Antriebsmaschinen einer Fabrik wurden über eine Transmissionseinrichtung und Treibriemen von einer Dampfmaschine angetrieben. Diese drei verschiedenen Maschinenarten bildeten das Maschinensystem. Man spricht von einem System deswegen, weil nur durch das Zusammenwirken aller drei Maschinenarten das fertige Produkt hergestellt werden konnte. Die Anwendung der Maschinen steigerte die englische Industrieproduktion gewaltig. Zwischen 1780 und 1840 verdoppelte sie sich.

Dampfmaschine und erste Lok

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Die ersten Eisenbahnen

Infolge des Maschinenbetriebes und der schnell wachsenden Industrieproduktion konnten viel mehr Rohstoffe als vorher verarbeitet werden. Die Rohstoffe mussten zu den Industriezentren transportiert werden, ebenso die fertigen Produkte an die Orte, wo sie gebracht wurden. Vor allem stieg der Transport zwischen den englischen Industriezentren und den Ausfuhrhäfen stark an. Das konnte nicht mehr nur durch Pferde und Wagen bewältigt werden. Eine solche neue Transporteinrichtung war die Eisenbahn.

Auch hier bewährte sich die von Watt verbesserte Dampfmaschine. Auf Räder gestellt, gab sie das Vorbild für die Lokomotive ab. Die erste leistungsfähige Lokomotive wurde von George Stephenson erbaut.

Stephenson erhielt 1825 den Auftrag, eine Eisenbahnlinie zwischen Stockton und Darlington in Nordengland zu bauen. Er konstruierte eine Lokomotive, die 34 Wagen ziehen konnte und für die 15 Kilometer lange Strecke 65 Minuten benötigte. Das war für die damalige Zeit eine große Leistung. Eine seiner Lokomotiven siegte beim Lokomotivrennen, das 1829 von einer englischen Eisenbahngesellschaft veranstaltet wurde. 1830 verfügte England bereits über 108 Kilometer Eisenbahnlinie, im Jahre 1850 schon über 10 000 Kilometer. Die Vorteile der Eisenbahn bestanden darin, dass mehr und größere Lasten schneller und billiger transportiert werden konnten.

Geschichtsbuch DDR 7. Klasse Kopie

 

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Bedeutende Veränderungen in der Produktion