Der vaterländische Krieg des russischen Volkes

Der Einfall der „Großen Armee“

Russland gehörte zu jenen Ländern, die von der Kontinentalsperre besonders hart betroffen wurden. Seit Jahrhunderten blühte der englisch-russische Handel. Holz, Getreide, Pelze, Flachs und andere Waren wurden nach England ausgeführt. Dafür kamen viele gewerbliche Produkte ins Land. Die russischen Gutsbesitzer und Kaufleute wollten auf dieses einträgliche Geschäft nicht verzichten. Als Napoleon Nachricht erhielt, dass neutrale Schiffe laufend englische Waren nach Russland brachten, wollte er nicht länger warten, um auch dem russischen Volk seinen Willen aufzuzwingen. Aus Soldaten Frankreichs und der von ihm abhängigen Länder stellte er eine gewaltige Armee auf. Man nannte sie die „Große Armee“, weil sie hinsichtlich ihrer Stärke beispiellos war. Ohne Kriegserklärung überschritt sie am 24. Juni 1812 den Grenzfluss Neman. Es begann der Vaterländische Krieg des russischen Volkes.

Truppekontingente „Große Armee“

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

 

Der Sieg des russischen Volkes über Napoleon

Vor der Übermacht der Napoleonischen Truppen musste sich die russische Armee kämpfend zurückziehen. Sie war etwa 180 000 Man stark. Aber bald regte sich der Widerstand des russischen Volkes. Vor allem waren es die russischen Bauern, die den Eindringlingen mutig entgegentraten. Im Rücken des Feindes bildeten sich kleine bewaffnete Abteilungen. Sie überfielen Transporte für Munition und Verpflegung. Auch Meldereiter wurden von ihnen abgefangen. Diese tapferen Kämpfer bezeichnete man als Partisanen.

Manchmal nur mit Sensen, Heugabeln und Spießen ausgerüstet, schwächsten sie die Napoleonische Armee bedeutend. Bei Borodino kam es schließlich zu einer blutigen Schlacht, die unentschieden ausging. Das war für die sieggewohnten Franzosen eine Überraschung.

In weiteren Kämpfen nahm Napoleon wohl Moskau ein, aber seine Hoffnungen erfüllten sich nicht. Ein großer Teil der Stadt ging in Flammen auf, so dass die „Große Armee“ in ihr nicht überwintern konnte. Sie musste den Rückzug antreten.

Unter dem Befehl des Feldherren Kutusow ging nun die russische Armee zum Gegenangriff über. Gemeinsam mit den Partisanen trieb sie die einstmals stolze Armee aus dem Lande heraus. Frühzeitig brach ein strenger Winter herein. Viele Soldaten erfroren oder verhungerten. Jetzt rächte sich, dass die Napoleonischen Soldaten auf ihrem Vormarsch Hab und Gut der russischen Menschen vernichtet hatten.

Als Gefangene mussten sie durch das von ihnen verwüstete Gebiet zurückziehen. Selten fanden sie ein schützendes Dach oder ein stück Brot. Ständig wurden sie von Kosaken umschwärmt und angegriffen. Als die Truppen den Fluss Beresina überschreiten wollten, ertranken viele in den eisigen Fluten.

Bericht über Rückzug Napoleons

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

So endete Napoleons Zug nach Russland mit einer Katastrophe. Die „Große Armee“ gab es nicht mehr. Nur etwa 30 000 Mann erreichten die russische Westgrenze. Napoleon eilte nach Paris, um eine neue Armee aufzustellen. Das russische Volk hatte ihm den Ruf eines Unbesiegbaren genommen. Die unterdrückten Völker Europas schöpften neue Hoffnungen und rüsteten sich zu Entscheidungskampf gegen die fremden Eroberer.

Vertreibung Napoleons aus Russland 1812

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Karikatur Niederlage Napoleons

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Die deutsch-russische Waffenbrüderschaft

Tausende deutscher Männer waren gezwungen worden, als Angehörige der „Großen Armee“ in Russland einzufallen. Es gab aber viele deutsche Patrioten, die auf der Seite des russischen Volkes standen. Ihre Absicht war es, die Kräfte der beiden Völker zu vereinen und die Napoleonische Fremdherrschaft zu beseitigen.

Im Juni 1812 bildete sich auf russischem Boden ein „Komitee für deutsche  Angelegenheiten“, in dem der Freiherr vom Stein und andere Patrioten mitarbeiteten. Sie wollten nicht tatenlos zusehen, wie deutsche Soldaten für die französischen Interessen geopfert wurden. Der 30. Dezember 1812 brachte ihnen einen großen Erfolg. An diesem Tage schloss General York, der die in die „Große Armee“ eingegliederten preußischen Truppen befehligte, mit dem russischen General Diebitsch bei Tauroggen ein Abkommen. Darin wurde vereinbart, dass sich York mit seinen Soldaten künftig neutral verhalten sollte. Die war ein kühner Entschluss, denn York handelte ohne Zustimmung des preußischen Königs, der zunächst die Meldung veröffentlichte, er habe York dafür abgesetzt. Er schreckte aber davor zurück. Schon während der Verhandlungen konnte beobachtet werden, wie sich russische und preußische Soldaten verbrüderten.

Zusammenkunft York mit Dibitsch

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

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entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

bearbeitet von Petra Reichel

 

 

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der Vaterländische Krieg des russischen Volkes

 

Friedrich Ludwig Jahn(Turnvater Jahn)

Johann Friedrich Ludwig Jahn, bekannt als Turnvater Jahn, wurde am 11. August 1778 in Lanz(Prignitz)geboren und ist am 15. Oktober 1852 in Feyburg(Unstrut)gestorben. Er war ein deutscher Pädagoge, der die sogenannte deutsche Turnbewegung initiierte. Aus dem von ihm begründeten Turnen ging u. a. die heutige Sportart Gerätturnen hervor. Zahlreiche Turngeräte, wie beispielsweise das Reck und der Barren, wurden von ihm eingeführt. Zudem war Jahn Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung.

FRiedrich Ludwig Jahn

Friedrich Ludwig Jahn

Bildquelle: Von Lithograph Georg Ludwig Engelbach (* 28. Februar 1817, † 4. Dezember 1894) – zeitgenössische Lithographie, gescannt von APPER/2004, de.Wikipedia, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7887115

 

Die Turnbewegung (auch: Turnerbewegungturnerische Bewegung) war von Anfang an mit der frühen Nationalbewegung verknüpft. Sie war unter anderem mit der Zielsetzung entstanden, die Jugend auf den Kampf gegen die napoleonische Besetzung und für die Rettung Preußens und Deutschlands vorzubereiten. Den ersten Turnplatz schuf Jahn 1811 in der Berliner Hasenheide. Die von ihm und seinen Mitstreitern auf dem Turnplatz in der Hasenheide demonstrierten Vorstellungen von der „Deutschen Turnkunst“ sind im heutigen Turnbetrieb noch wiederzufinden. Ebenso haben grundlegende von Jahn eingeführte Begriffe und Bezeichnungen Eingang in die Terminologie des Gerätturnens gefunden.

Widmungen am Jahndenkmal in der Berliner Hasenheide

Widmungen am Jahndenkmal in der Berliner Hasenheide

Bildquelle: Von Malud, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6962726

 

Friedrich Ludwig Jahn, wurde zuerst vom Vater unterrichtet. 1791 besuchte er das Gymnasium in Salzwedel (Altmark), das 1931 nach ihm benannt wurde (Jahngymnasium Salzwedel), ab 1794 das Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, das er zwei Jahre später ohne Abschluss verließ.

Gedenktafel am Wohnhaus in Salzwedel

Gedenktafel am Wohnhaus in Salzwedel

Bildquelle: Silesia711-Eigenes Werk, bitte aufs Bild klicken.

 

Ohne das damals noch nicht verbindliche Abitur immatrikulierte er sich 1796 an der Universität Halle zum Theologie-Studium. Häufig verbarg sich Jahn um 1800 in Halle in einer Höhle in einem Felsen an der Saale, heute als Jahnhöhle bekannt. Jahn trat für die Reinheit der deutschen Sprache ein und verfasste die Schrift „Patriotismus in Preußen“, daraufhin musste er Halle verlassen und ging nach Breslau. 1800 wurde ihm in Leipzig der Prozess gemacht und ein Verbot für alle deutschen Universitäten ausgesprochen. Von Juli 1801 bis Januar 1802 hielt er sich ohne Immatrikulation an der Brandenburgischen Universität Frankfurt auf.

Insgesamt verbrachte Jahn sieben Jahre an verschiedenen Universitäten, darunter der Universität Greifswald, wo er 1802 Ernst Moritz Arndt begegnete und wo die vaterländische Idee des „Vereinigten Deutschland“ entstand. Nach einigen Jahren als Hauslehrer in Mecklenburg setzte Jahn, der sich inzwischen intensiv mit deutscher Sprache und Geschichte befasste, von 1805 bis 1806 sein Studium an der Universität Göttingen fort.

Auch Greifswald hatte Jahn wieder ohne Abschluss verlassen und ging zunächst nach Neubrandenburg, wo er 1803–1804 als Hauslehrer die Kinder von Baron Friedrich Heinrich (Gottlieb) von le Fort (1762–1833) unterrichtete. Danach ging er in die Glashütte Sophienthal bei Waren (Müritz) und schließlich als Privatlehrer nach Jena. 1807 traf er Johann Christoph Friedrich GutsMuths in Schnepfenthal, dem er Impulse für das Turnen in Deutschland verdankte. Während des Krieges(Schlacht bei Jena und Auerstedt)fungierte Jahn als Kurier im Regierungsauftrag. 1810 wurde er an der Plamannschen Erziehungsanstalt in Berlin tätig, scheiterte dann aber an einer Prüfung für die Oberlehrerstelle in Königsberg. Er wurde Hilfslehrer in Berlin und widmete sich der Turnerei.

In seiner 1808 verfassten Schrift „Deutsches Volksthum“, 1810 in Lübeck publiziert, skizzierte er erstmals seinen entschiedenen Nationalismus, zu dem er während der französischen Besatzung gekommen war und den er mit scharfen Angriffen verband.

Seine Angriffe richtete er auch gegen die seiner Ansicht nach minderwertige Unterhaltungsliteratur der damaligen Zeit: „Diese sogenannten Unterhaltungsbücher werden zusammengeschmiert von elenden Hungerleidern …“

Hier vertrat Jahn die Ansicht, Deutschland solle eine größere Rolle in Europa einnehmen; dies sei auch möglich, wenn man sich auf die Einheit der „Deutschen“ besinne. Ihm schwebte ein „Großdeutschland“ vor, zu dem auch die Schweiz, Holland und Dänemark gehören würden. Hauptstadt solle die neue Stadt „Teutonia“ werden, die in Thüringen gegründet werden solle, wo sich die Fernstraßen aus den dann „deutschen“ Grenzstädten Genf, Memel, Fiume, Kopenhagen, Dünkirchen und Sandomir  treffen würden.

Turn und Nationalbewegung

Am 13. November 1810 gründete Jahn mit elf Freunden in der Hasenheide bei Berlin den geheimen Deutschen Bund zur Befreiung und Einigung Deutschlands. Aus den ausgedehnten Wanderungen, die Jahn mit seinen Schülern unternahm, entwickelte sich schließlich regelmäßiges Turnen. Am 19. Juni 1811 begann er an dem Treffpunkt der Schüler- und Freundesgruppe mit dem öffentlichen Turnen. So war die Hasenheide der erste deutsche Turnplatz, der mit Geräten nach dem Vorbild von GutsMuths ausgestattet wurde. Ebenso entstammten die Leibesübungen, die Jahn Turnen nannte, dem Vorbild GutsMuths’, allerdings meinte Jahn mit Turnen die Gesamtheit aller Leibesübungen: Geräteübungen wurden weiterentwickelt und durch Spiele, Schwimmen, Fechten und Wandern ergänzt.

200 Jahre Turnplatz im Volkspark Hasenheide- deutsche Briefmarke von 2011

200 Jahre Turnplatz im Volkspark Hasenheide: deutsche Briefmarke von 2011

Bildquelle: Von Annegret Ehmke, Deutsche Post AG – Deutsche Post, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15457946

 

Zunächst war das Turnen ein buntes Treiben auf den Turnplätzen mit dem Ausdruck einer romantischen Volksbewegung, um die „Feinde der Freiheit“ zu besiegen. Diese Feinde waren neben den Franzosen auch Fürsten aus Deutschland, die weiterhin die Einheit und Freiheit der deutschen Nation verhinderten. Jahn war gegen die Kleinstaaterei und für ein einheitliches Deutschland (weswegen er 1819 verhaftet wurde und sechs Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte). Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Jugend und wollte diese für einen eventuellen Kampf vorbereiten. Er erfand das Turnen als eine körperliche Betätigung für jedermann mit einem durchaus wehrpolitischen Nutzen. Jahn entwickelte das Turnen weiter zur „patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg“. Er sah das Turnen in engem Zusammenhang mit politischen Zielen: der Befreiung Deutschlands von napoleonischer Herrschaft, der Idee eines künftigen deutschen Reiches unter preußischer Führung und der Teilnahme der einzelnen Staatsbürger am Wohl und Weh des Ganzen. Hierzu sollten die Turner als Guerilla-Kämpfer (die kurz zuvor in Spanien im Kampf gegen Napoleon erfunden worden waren) tätig werden.

Auch das Turnen ordnete er politischen Gesichtspunkten unter. Jahn wollte die Jugend für den Kampf gegen Frankreich trainieren. Mit anderen versuchte er dem preußischen Königshof die Notwendigkeit des Aufstands deutlich zu machen. Offenbar verabredete er mit Scharnhorst und Hardenberg die Gründung eines Freikorps, denn er kam schon zum Sammelplatz, bevor dem König von den Ministern die Bitte um die Errichtung des Lützowschen Freikorps vorgelegt wurde. Mit einigen Turnern aus Berlin kam er dazu auch nach Breslau, viele weitere Freunde und Bekannte aus Studientagen konnte er darüber hinaus für das Korps gewinnen. Bei der Anreise regte er in Frankfurt (Oder) die Gründung des ersten Turnplatzes auf den Laudonsbergen der Frankfurter Dammvorstadt an.

Im Freikorps leistete er vor allem bei der Verwaltung, der Ermutigung und Anfeuerung der Freiwilligen sowie durch seine Ortskenntnis in Mittel- und Norddeutschland besondere Dienste. Er war auch zeitweise als Anführer eines Bataillons eingesetzt.

Mit der Niederlage Napoleons 1813 wurde die Voraussetzung für die nationale Befreiung Deutschlands geschaffen. Mit dem Sieg in der Völkerschlacht bei Leipzig wurde Jahns Wunsch in gewissem Sinn Wirklichkeit.

1813, in der Zeit der Völkerschlacht bei Leipzig, forderte Jahn: „… freie Rede, Verfassung, Einheit des Vaterlandes …“ Im selben Jahr nahm Jahn in Berlin den in der Zwischenzeit von Ernst Eiselen geleiteten Turnbetrieb wieder in seine Hand. Er half bei der Verbreitung des Turnens, wo es ihm möglich war: Er schickte Vorturner und besuchte auf seinen Turnfahrten selbst verschiedene Turnplätze.

Am 12. Juni 1815 wurde in Jena die Urburschenschaft gegründet. 1816 erschien Jahns Buch Die Deutsche Turnkunst (mit Ernst Eiselen). In diesem Buch beschreibt Jahn folgende Punkte:

  1. Ziele, Inhalte und Formen
  2. Verhaltens- und Kleiderordnung
  3. allgemeine Verhaltensregeln

Dieses Buch ist aus der Praxis heraus für die Praxis entstanden. Für die Turner und Anhänger Jahns war es eine Art Bibel einer neuen volkstümlichen Erziehung über den Körper. Das Buch ist in mehrere Abschnitte unterteilt:

  1. In einem Vorbericht wird die Entstehung des Buches als Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit beschrieben.
  2. Die eigentlichen Turnübungen werden behandelt: Gehen, Laufen, Springen, Schwingen, Schweben, Reckübungen, Barrenübungen, Werfen, Ziehen, Schieben, Heben, Tragen, Strecken, Ringen.
  3. Turnspiele
  4. Musterbeschreibung eines Turnplatzes und der Turngeräte
  5. Turnordnung, Turngesetze, das Verhalten und die Kleidung der Turner und Lehrer

Den Höhe- und Wendepunkt der frühen Turnbewegung konnte man in den Jahren 1817/18 vermerken. Nach den Befreiungskriegen gewannen die konservativen politischen Kräfte in Preußen wieder an Einfluss. Somit war der Reformfrühling vorüber.

 

Beginn der Restauration

Der Wiener Kongress enttäuschte Jahn, da sich dort eine Politik des europäischen Gleichgewichts durchgesetzt hatte. Der Deutsche Bund unterdrückte die liberalen Verfassungsbewegungen in den Einzelstaaten. Von den eigentlichen Zielen Jahns war nur die Befreiung von Frankreich erfüllt.

Er begann 1817 mit einer Vortragsreihe zum deutschen Volkstum, in dem er die Missstände im preußischen Heer anprangerte und die Beschränkung der bürgerlichen Rechte im Staat bedauerte. Damit schuf er sich nicht nur Freunde, sondern auch Feinde wie den Staatskanzler Hardenberg, der das Turnen unter staatliche Aufsicht an den Schulen übernehmen wollte. Außerdem gab er immer wieder in derben Worten seinem Patriotismus bzw. Nationalismus Ausdruck. Zuhörer waren von seiner Schroffheit nicht selten unangenehm berührt, etwa wenn Jahn auch noch nach dem Sieg über Napoleon die französische Sprache und ihr Erlernen verteufelte.

In engem Bezug zum Turnwesen stand auch die Bewegung der Burschenschaften. Sie und die Turner verfolgten im Grunde die gleichen politischen Ziele. Allerdings gab es auch kleine Gruppierungen, die sich von diesen Zielsetzungen abhoben. Es kam zur Spaltung des deutschen Liberalismus in eine demokratische und eine nationalliberale Richtung.

Auf dem Höhepunkt der Turnbewegung in Deutschland (mit über 100 Turnplätzen alleine in Preußen) fand am 18./19. Oktober 1817 das Wartburgfest statt. Dabei kam es auf Jahns Initiative zur ersten neuzeitlichen (rein symbolischen)Bücherverbrennung im deutschsprachigen Raum. Jahn war zwar nicht bei dem Fest anwesend, hatte aber die Liste der Bücher zusammengestellt, sein Schüler Hans Ferdinand Maßmann war maßgeblich an der Aktion beteiligt. Dieser symbolträchtige Akt der Bücherverbrennung zog den Argwohn Metternichs auf sich. Nachdem Jahn zudem bei einer Abendgesellschaft – mit nur gemischtem Erfolg – ein Hoch auf die Studenten des Wartburgfestes ausgebracht hatte, wurde er beim preußischen Ministerium zunehmend zur missliebigen Person. Seine Vorlesung über „Deutsches Volksthum“ durfte er im Wintersemester nicht mehr offiziell an der Universität halten.

 

Turnverbot und Inhaftierung

Die Ermordung des Schriftstellers, Journalisten und russischen Generalkonsuls August von Kotzebue, zuvor schon durch die Bücherverbrennung betroffen, durch den Studenten und Turner (oder Burschenschafter) Karl Ludwig Sand im März 1819 löste letztendlich das Turnverbot aus Im Zuge der sogenannten Demagogenverfolgung wurde dem Turner und Burschenschafter Jahn die Wiederaufnahme des Turnens auf der Hasenheide untersagt, da die Turnübungen im Rahmen des Unterrichts stattfanden und der Schulbehörde untergeordnet werden sollten. Im Sommer 1819 kam es zur Berliner und Breslauer Turnfehde, worin Kritik gegen das Turnen oder gegen seine religiös-patriotische Richtung laut wurde.

Die Auswirkung der Karlsbader Beschlüsse vom August/September 1819 trafen die Turnbewegung hart. Die Burschenschaften wurden verboten, Universitäten unter Staatsaufsicht und viele studentische Turner und Burschenschafter unter polizeiliche Aufsicht gestellt. Mehrere Turner aus Jahns Umfeld wurden festgenommen oder erhielten ein Berufsverbot, so dass sie ins Ausland (vor allem nach Amerika) auswanderten. Ein Turnverbot in ganz Preußen und anderen deutschen Staaten wurde erlassen. Somit war offiziell in Preußen 1820 das Turnen eingestellt, allerdings fanden weiterhin vielerorts trotz dieser Sperre Leibesübungen statt.

Jahn, der schon am 13. Juli 1819 verhaftet worden war, verbrachte die nächsten fünf Jahre in Haft in Spandau, Küstrin und Kolberg. Der Dichter und Richter E. T. A. Hoffmann leitete die Ermittlungen im Fall Jahns und seines Umfeldes. Jahn verharmloste seine Rolle im vergangenen Jahrzehnt, was durch seine ebenfalls verhörten Freunde gedeckt wurde. Hoffmann fällte 1820 ein mildes Urteil, trotz Beschuldigung des Regierungsrats Johann Ernst Theodor Janke, eines ehemaligen Mitglieds des geheimen Deutschen Bundes. Jahn solle freigelassen werden, da keine hochverräterischen Tendenzen bei ihm sichtbar geworden seien. Jedoch wurde Jahn „auf höhere Anweisung“ trotz des Urteils noch fünf Jahre in politischer Gefangenschaft gehalten, da er weiterhin revolutionärer Umtriebe verdächtigt wurde. Neben Fichte und Arndt galt Jahn nicht ganz unzutreffend als geistiger Vater der studentischen Freiheits- und Einheitsbewegung.

Am 15. März 1825 wurde er freigelassen, unter der Bedingung, in keiner Universitäts- oder Gymnasialstadt zu wohnen.

 

Rehabilitation

1825 bis 1852 lebte Jahn unter Polizeiaufsicht in Freyburg an der Unstrut (heute in Sachsen-Anhalt). Hier steht heute noch die älteste Turnhalle Deutschlands, deren Bau Jahn nach der politischen Rehabilitation initiiert hatte. Im September 1828 wurde er wegen des Kontakts mit Schülern und Lehrern bis 1835 nach Kölleda ausgewiesen.

Im Laufe der Jahre wurden die Bestimmungen gelockert, und Ärzte und Pädagogen unterstützten das Wiederaufleben der Leibesübungen. 1837 wurden in den Gymnasien Leibesübungen gestattet.

1840 erfolgte Jahns Amnestierung und vollkommene Rehabilitierung durch Friedrich Wilhelm IV. Jahn erhielt das ihm aberkannte und vorenthaltene Eiserne Kreuz aus den Befreiungskriegen. 1842 hob Friedrich Wilhelm IV. den Erlass seines Vaters auf und beendete damit offiziell die Turnsperre. Turnen wurde in Preußen zugelassen und sogar Schulfach.

1848 gehörte er dem Vorparlament an. Kurz darauf wurde Jahn in die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche gewählt. Erwandte sich vom patriotischen Turnen ab, engagierte sich für Ruhe und Ordnung und vertrat die Idee eines preußischen Erbkaisertums. Damit büßte er seine Volkstümlichkeit zwar weitgehend ein, gelangte aber in der Folgezeit zu voller Anerkennung als Bahnbrecher der Leibeserziehung.

Im Alter von 74 Jahren starb Jahn am 15. Oktober 1852 in Freyburg (Unstrut). Dort wurde er an der Stirnseite der ersten deutschen Turnhalle beigesetzt. Aus Anlass der Olympischen Spiele in Berlin 1936 wurden seine Gebeine umgebettet. Sie fanden ihre letzte Ruhestätte im Ehrenhof seines Wohnhauses, das er 1838/39 erbaut hatte. Dieses Gebäude beherbergt heute das Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum.

 

Gedenkbriefmarke der Deutschen Post der DDR zum 200. Geburtstag

Gedenkbriefmarke der Deutschen Post der DDR zum 200. Geburtstag

Bildquelle: Hochgeladen von –Nightflyer (talk) 20:13, 10 October 2009 (UTC) – German post Bitte aufs Bild klicken

 

 

5 Mark Gedenkmünze DDR

5-Mark-Gedenkmünze der DDR zum 125. Todestag(1977)

Bildquelle: Von Matd13, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12729623

 

Weitere Einzelheiten Turnerkreuz (FFFF) am Giebel eines Sportlerheims in Eisenberg

Turnerkreuz (FFFF) am Giebel eines Sportlerheims in Eisenberg

Bildquelle: Immanuel Giel 08:54, 25 September 2007 (UTC) – Selbst fotografiert Bitte aufs Bild klicken

 

Heute findet man überall Jahn-Hallen, nach Friedrich Ludwig Jahn benannt(Turnvater Jahn)

 

Entnommen aus Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

Ernst Moritz Arndt

Ernst Moritz Arndt, geboren am 26. Dezember 1769 in Groß Schoritz, Rügen, gestorben am 29. Januar 1860 in Bonn, war ein deutscher Schriftsteller, Historiker, Freiheitskämpfer und Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung. Er widmete sich hauptsächlich der Mobilisierung gegen die Besetzung Deutschlands durch Napoleon. Er gilt als einer der   bedeutendsten Lyriker der Epoche der Befreiungskriege und wird sehr unterschiedlich beurteilt.  Einige betonen seine demokratischen Gedanken und sehen in als deutschen Patrioten in turbulenten Zeiten, andere wiederum charakterisieren ihn als Nationalisten und thematisieren vorhandene antisemitische Tendenzen in seinen Schriften.

Arndts Geburtshaus

Arndts Geburtshaus

 

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Sein Vater Ludwig Nikolaus (1740–1808) konnte sich, obwohl er nur der Sohn eines Hirten der Herrschaft zu Putbus in Schwedisch-Vorpommern war, am 28. März 1769 für die hohe Summe von 80 Talern aus der Leibeigenschaft des Grafen Malte Friedrich zu Putbus freikaufen und arbeitete zur Zeit von Arndts Geburt als Inspektor auf dem Gut des Grafen. 1776 wurde der Vater Pächter verschiedener Güter auf Rügen.

Seine Mutter Friederike Wilhelmine (geb. Schumacher, 1747–1804), Tochter eines Bauern, prägte seine Früherziehung maßgeblich durch volkstümliche Sagen und Bibelgeschichten.

Der Vater schickte seinen frei geborenen Sohn nach dem Unterricht durch Hauslehrer von Februar 1787 bis 1789 auf das Gymnasium im Stralsunder Katharinenkloster.

Ernst Moritz Arndt Kopie

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Ab 1788 besuchte Arndt die Prima bei Rektor Christian Heinrich Groskurd. Im Herbst 1789 wurde er für seine erfolgreich bestandenen Herbstprüfungen öffentlich gelobt. Er selbst sah jedoch im Lernen am Gymnasium keinen Sinn mehr, verließ Stralsund und ging nach Zemmin außerhalb Schwedisch-Pommerns. Nach der Intervention seines Vaters, der ihm die Wahl ließ zwischen einer Fortsetzung des Studiums oder Mitarbeit auf dem elterlichen Gut in Löbnitz, kehrte Arndt zu seinen Eltern zurück und blieb dort bis Ostern 1791, wobei er das Gymnasium praktisch im „Fernstudium“ beendete.

Ab Mai 1791 studierte er an den Universitäten Greifswald und später Jena neben evangelischer Theologie, Geschichte, Erd- und Völkerkunde auch Sprachen und Naturwissenschaften. Nach der Kandidaten- und Hauslehrerzeit bei Ludwig Gotthard Kosegarten unternahm er 1798/99 eine Bildungsreise durch Österreich, Oberitalien, Frankreich, das heutige Belgien und einen Teil Norddeutschlands. Er schilderte seine Eindrücke in verschiedenen Reiseberichten.

Im April 1800 habilitierte sich Arndt in Greifswald in Geschichte und Philologie mit einer Schrift, in der er sich gegen die Ideen Jean-Jacques Rousseaus aussprach. Er heiratete Charlotte Marie Quistorp, die Tochter von Professor Johann Quistorp, die 1801 nach der Geburt des Sohnes Karl Moritz an Kindbettfieber starb. Am 22. April 1800 bat Arndt die Universität Greifswald um die Lehrerlaubnis für Geschichte und Philologie, die ihm am 5. Mai 1800 vom Generalgouverneur und Universitätskanzler Hans Henrik von Essen erteilt wurde, dem Arndt später seinen „Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ widmete.

Arndts Schreibtisch Museum Stralsund

Arndts Schreibtisch, Museum Stralsund

Bildquelle: Von Hermann Junghans – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=35446730

 

Arndt wurde 1801 Privatdozent an der Universität. 1803 wurde Arndt nach dem Erscheinen seines „Versuchs einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen“ von adligen Gutsbesitzern verklagt. Darin hatte er voller Empörung das Bauernlegen und die Leibeigenschaft in Vergangenheit und Gegenwart kritisiert. Arndt schrieb in seiner Autobiographie, die 1806 erfolgte Aufhebung der Leibeigenschaft und der Patrimonialgerichtsbarkeit(Gerichtsbarkeit durch die Gutsherren und vom Staat unabhängige Rechtspflege) in Schwedisch-Vorpommern durch den schwedischen König sei aus der Lektüre seiner Studie gefolgt. Im selben Jahr verfasste Arndt den ersten Teil seiner antinapoleonischen Flugschrift „Geist der Zeit“. Er erhielt, nach einem Schweden-Aufenthalt 1803/1804, auf seinen Antrag vom November 1805 hin am 11. April 1806 eine außerordentliche Professur an der philosophischen Fakultät in Greifswald.

1805 erarbeitete Arndt für die schwedische Regierung eine Verordnung über die Errichtung einer Landwehr in Schwedisch-Pommern, die am 30. April 1806 in Kraft trat. Ab dem Sommer war Arndt dann öfter für die Regierung tätig, was seinen Aufenthalt in Stralsund erforderte, wo er sich mit dem seit 1799 als Arzt arbeitenden Christian Ehrenfried Weigel anfreundete. Er geriet mit einem schwedischen Offizier namens Gyllensvärd aneinander, dem er antideutsche Äußerungen unterstellte, und duellierte sich mit ihm am 12. Juli 1806, wobei er von einer Pistolenkugel im Bauchraum verwundet wurde.

Arndt musste nach der Niederlage Preußens in der Schlacht bei Jena und Auerstedt vor den Truppen Napoleons nach Schweden flüchten. Er traf am 26. Dezember 1806 in Stockholm ein, wo er den zweiten Teil von „Geist der Zeit“ schrieb, der Wege aus der „fremdherrschaftlichen Bevormundung Deutschlands“ aufzeigen sollte. Arndt arbeitete in Schweden an der Übersetzung des schwedischen Gesetzbuches, um es in Schwedisch-Pommern einführen zu können.

Nach dem Sturz König Gustavs IV. Adolf verließ Arndt 1809 sein Asyl und kehrte illegal nach Deutschland zurück. Er lebte zunächst bei seinen Geschwistern auf dem Land und ging dann nach Berlin zu Georg Andreas Reimer, wo er in einen patriotischen Kreis eingeführt wurde, zu dem u. a. Friedrich Ludwig Jahn, Hermann von Boyen, August Neidhardt von Gneisenau und Friedrich Schleiermacher gehörten.

Als im Jahr 1812 Napoleon Friedrich Wilhelm III. von Preußen in ein Bündnis zum Krieg gegen Russland gezwungen hatte, gingen zahlreiche deutsche Gegner Frankreichs nach Russland. Unter ihnen befand sich der Freiherr vom Stein, der in Arndt einen Gefährten zur Unterstützung des deutschen Nationalbewusstseins gegen die französische Fremdherrschaft sah und ihn einlud, sein Privatsekretär zu werden. Arndt folgte ihm über Prag nach Sankt Petersburg. Zu seinen Aufgaben gehörten vor allem Briefwechsel mit England und Deutschland, besonders die Russisch-Deutsche Legion betreffend sowie eine Koalition Englands mit Russland. In dieser Zeit publizierte Arndt den Großteil seiner patriotischen Lieder und Gedichte und seiner Schriften gegen Frankreich.

Zu Beginn des Befreiungskrieges verfasste Arndt die Schriften „Kurzer Katechismus für den teutschen Soldaten“ und „Katechismus für den teutschen Kriegs- und Wehrmann. In dieser Schrift geißelt er den „Krieg der Tyrannen“.

Sein Beispiel für den Tyrannen in einer seiner Schriften ist Napoleon Bonaparte. In zahlreichen Gedichten thematisiert er das Streben nach größtmöglicher Freiheit. Diese stellte er als konstitutelle Monarchie dar. Auch das Verhalten von Soldaten ist Thema seiner Schriften.

Nach Napoleons Niederlage im Russlandfeldzug und dem Beginn der Befreiungskriege kehrte Arndt 1813 nach Schwedisch-Pommern zurück. Von Sommer 1816 bis März 1817 war Arndt im seit 1815 preußischen Stralsund und traf u. a. seinen langjährigen Freund Gottfried Christian Mohnike, seinen ehemaligen Konrektor Furchau und dessen Sohn Adolf Friedrich. Er unterstützte weiterhin die nationale Einheitsbewegung durch diverse Schriften, u. a. „Der Rhein, Deutschlands Strom, aber nicht Deutschlands Grenze“, in der er die Ablösung des deutschsprachigen Rheinlands von Frankreich forderte.

Zur Unterstützung des evangelischen Pietismus veröffentlichte er den „Deutschen Volkskatechismus“. Arndt schrieb außerdem gegen französische Politik, Philosophie und Lebensart an.

Im April 1817 verlobte sich Arndt in Berlin mit Anna Maria Schleiermacher, einer Schwester des Theologen Friedrich Schleiermacher, die er am 18. September des gleichen Jahres heiratete. In diesem Jahr erschienen auch seine „Märchen und Jugenderinnerungen“ und der vierte Teil von „Geist der Zeit“. Er ging an die von Preußen in Bonn errichtete Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, wo er 1818 Professor für Geschichte wurde.

Im Jahr 1819 veröffentlichte Arndt das Gedicht „Der Fels des Heils“ in seiner Schrift „Von dem Wort und dem Kirchenliede“. Es lehnt sich an die Bibelstelle „Ich weiß, an wen ich glaube“ aus 2. Timotheus 1,12 LUT an. Noch zu Arndts Lebzeiten wurde das Lied in zahlreiche Gesangbücher aufgenommen. Es ist heute unter dem Titel „Ich weiß, woran ich glaube im Evangelischen Gesangbuch enthalten. Die Melodie stammt von HeinrichSchütz aus dem Jahr 1628 in einer minimal veränderten Version von 1661.

Arndts akademisches Wirken war nur von kurzer Dauer. 1819 wurden seine Papiere im Rahmen der sogenannten Demagogenverfolgungen infolge der Karlsbader Beschlüsse wegen des vierten Bandes von „Geist der Zeit“ und Privatäußerungen beschlagnahmt, er selbst am 10. November 1820 von seinem Lehramt suspendiert. Im Februar des folgenden Jahres wurde ein Verfahren wegen „demagogischer Umtriebe“ gegen ihn eröffnet. Es endete ohne Ergebnis. Arndts Forderung einer Ehrenerklärung wurde nicht erfüllt, er selbst aber auch nicht für schuldig erklärt. Bei Weiterbezug seines Gehaltes wurde ihm die Erlaubnis entzogen, an der Universität Vorlesungen zu halten. Die Berufsverbote sind also keine Erfindung der BRD(Radikalenerlass).

1826 musste Arndt sein Professorenamt ganz niederlegen. Erst 1840 wurde er durch Friedrich Wilhelm IV. rehabilitiert. Eine Schilderung des Prozesses gab Arndt in dem „Notgedrungenen Bericht aus meinem Leben, aus und mit Urkunden der demagogischen und antidemagogischen Umtriebe“ (1847).

Auch im Privatleben musste Arndt mit Schicksalsschlägen fertigwerden. 1834 ertrank sein jüngster Sohn Wilibald im Rhein. Sein Sohn Sigerich Arndt wurde gegen den erbitterten Widerstand seines Vaters, der der Burschenschaft zugeneigt war und das Prinzip politischer Neutralität strikt ablehnte, Mitglied des Corps Rhenania Bonn. 1841 wurde Arndt Rektor der Bonner Universität und lehrte und publizierte bis zu seiner Emeritierung(Ruhestand) 1854.

Arndt im fortgeschrittenem Lebensalter

Arndt in fortgeschrittenem Lebensalter

Bildquelle: Von Carl Wildt – zeno.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6910961

 

Am 18. Mai 1848 zog Arndt als Abgeordneter für Solingen in die Frankfurter Nationalversammlung ein. Er blieb fraktionslos, war aber Mitglied der Kaiserdeputation. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte Arndt schon vor der Konstituierung der Versammlung geschrieben, dass er die von einem demokratischen Parlament angebotene Krone nicht annehmen werde. Am 20. Mai 1849 legte Arndt sein Mandat nieder und widmete sich wieder dem akademischen Leben.

Ernst Moritz Arndt als Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung

Ernst Moritz Arndt als Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung

 

Bildquelle: Von Jacob Seib (1812-1883) – Fritz Kempe: Daguerreotypie in Deutschland, Heering-Verlag, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2762218

 

 

Arndt blieb weiter aktiv als patriotischer Literat. Er verfasste „Blätter der Erinnerung, meistens um und aus der Paulskirche in Frankfurt(1849), „Mahnruf an alle deutschen Gauen in betreff der schleswig holsteinischen Sache“ (1854), „Pro populo germanico“ (1854), „Blütenlese aus Altem und Neuem“(1857) und „Meine Wanderungen und Wandelungen mit dem Reichsfreiherrn H. K. Fr. vom Stein“ (1858). Wegen einer Generalfeldmarschall Carl Philipp von Wrede und das bayerische Militär verleumdenden Stelle in der letztgenannten Schrift wurde Arndt vor das Schwurgericht in Zweibrücken geladen und in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

1858 widmeten Hermann und Moritz Schauenburg Arndt die erste Ausgabe des „Allgemeinen deutschen Kommersbuches“. Diese Widmung und ein Faksimile(Verkleinerung des Originals) seiner Antwort werden bis heute in jeder Auflage des Kommersbuches abgedruckt. Unter allgemeiner und öffentlicher Teilnahme feierte Arndt 1859 seinen 90. Geburtstag. Er starb kurz darauf am 29. Januar 1860. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Friedhof in Bonn.

Grabstätte auf dem alten Friedhof in Bonn

Grabstätte auf dem Alten Friedhof in Bonn

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Sir_James

 


 

Bewertungen und Ehrungen:

Arndt war rassistisch, insbesondere den Franzosen und Juden gegenüber.

Zu Lebzeiten wurde Arndt hoch verehrt und gefeiert, seine Schriften führten zur Gründung patriotischer Vereinigungen, u. a. in Gießen, Heidelberg und Marburg, die als Vorgänger der Burschenschaften angesehen werden können. Sein Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ war lange Zeit die inoffizielle Hymne der deutschen Einigungsbewegung. Für Arndt wurden eine Reihe von Denkmälern errichtet, u. a. in Bonn und Stralsund.

Arndts Schreibtisch Museum Stralsund

Arndts Schreibtisch in Stralsund

Grabstätte auf dem alten Friedhof in Bonn

Grabstätte auf dem Alten Friedhof in Bonn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arndts erklärtes Ziel war es, mit seinen Texten über den Kreis der Gebildeten hinaus zu wirken; er bemühte sich daher um eine allgemeinverständliche Sprache. Er war sich durchaus im Klaren darüber, dass einige seine Publikationen, wie zum Beispiel die Schriften „Geist der Zeit“, nur Leser in gebildeten Schichten finden würden, und arbeitete daher Teile davon um in ein einfacher gehaltenes Volksbuch. Dessen Auflagen waren 1813/14 innerhalb weniger Monate vergriffen. Die Flugschriften Arndts sollten den gebildeten wie auch den ungebildeten Leser ansprechen. Er bediente sich bewusst einer Sprache, die „einfältig, klar und ohne alle Klügelei des Worts“ war. Während viele die Breitenwirkung Arndts hervorheben, resümiert ein anderer:

„Gut ist es, daß es [Arndts Wirken] nur zu den Studenten gedrungen und das Volk noch unangesteckt geblieben ist. Darum ist es auch lächerlich von diesen Gelehrten immer als vom Volk zu sprechen. Der Bürger und Bauer wünscht ihren Himmel nicht.“

Genauso, wie es aus den verschiedensten Richtungen Ehrungen und Berufungen auf Freiherr vom Stein gibt, so ist das auch bei Ernst Moritz Arndt der Fall.

Die Faschisten betrachteten Arndt als ihren Vordenker. Kurz nach der Machtübernahme durch die Faschisten beantragte der örtliche Leiter des Stahlhelms die Benennung der Greifswalder Universität nach Arndt. Das preußische Staatsministerium erteilte die Bewilligung im Mai 1933, da Arndt „..stets für die Freiheit, die Ehre und die Macht des Deutschen Vaterlandes an erster Front gekämpft“ habe. Die 1935 in Berlin-Zehlendorf eingeweihte Kirche erhielt den Namen Ernst-Moritz-Arndt-Kirche; angesichts des erstarkenden Neuheidentums galt Arndt den Verantwortlichen als Kronzeuge dafür, dass man sehr wohl ein guter Christ und ein Patriot sein konnte.

Im Juli 1943 beriefen sich Antifaschisten in der Wehrmacht auf der Gründungsversammlung des Nationalkomitees Freies Deutschland(NKFD) ebenfalls auf Arndt.

In der DDR wurde Arndt als Kämpfer gegen Feudalismus und Vorbild für die Freundschaft mit Russland geehrt.

Der Nationalrat der DDR verlieh an Kulturschaffende die Ernst-Moritz-Arndt-Medaille, die Arndts Porträt zeigte und die Unterschrift „Das ganze Deutschland soll es sein“. Bekannte Empfänger der Medaille waren u. a. Johannes R. Becher und Karl-Eduard von Schnitzler.

Im Gegensatz dazu ist die Ernst-Moritz-Arndt-Plakette die höchste Auszeichnung, die vom Revanchistenverband „Bund der Vertriebenen“, Landesverband Nordrhein-Westfalen vergeben wird.

1992 wurde die Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft e. V. gegründet, welche die wissenschaftliche Erforschung des Lebens und des Wirkens von Ernst Moritz Arndt im Kontext seiner Zeit und in der Nachwirkung auf spätere Epochen fördert und betreibt.

Im Jahr 2009 wurden an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität 1400 Unterschriften für eine Umbenennung der Universität in „Universität Greifswald“ gesammelt. Als Grund wurden seine antisemitischen Äußerungen genannt. An der Abstimmung vom 11. bis 15. Januar 2010 nahmen rund 23 Prozent der 12.300 Studierenden teil. Mit 56 Prozent der Abstimmenden sprach sich die Mehrheit gegen die angestrebte Umbenennung aus. Vorerst beendete der Senat den Streit am 17. März 2010, als 22 von 36 Senatoren für die Beibehaltung des Namens stimmten. Am 18. Januar 2017 kam es zu einer erneuten Abstimmung des Senats der Universität Greifswald über den Namenspatron. Dabei sprachen sich diesmal 24 von 36 Senatoren für ein Ablegen des Namens „Ernst Moritz Arndt“ aus. Auf Grund von Rechtsmängeln im Verfahren verweigerte das Bildungsministerium der Senatsentscheidung die Zustimmung. Am 17. Januar 2018 beschloss der Akademische Senat der Greifswalder Universität erneut, den Namen Ernst Moritz Arndt abzulegen, wobei nach einer Kompromissformel Arndts Name zu bestimmten Anlässen der offiziellen Bezeichnung Universität Greifswald vorangestellt werden kann. Die Änderung bedarf der Zustimmung des Bildungsministeriums.

 

Briefmarke 1969

Briefmarke BRD 1969

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Entnommen aus Wikipedia, Bearbeitet von Petra Reichel

 

Johann Gottlieb Fichte

Johann Gottlieb Fichte, geboren am 19. Mai 1762 in Rammenau, Kurfürstentum Sachsen, gestorben am 29. Januar 1814 in Berlin, Königreich Preußen, war ein deutscher Erzieher und Philosoph.

Johann Gottlieb Fichte

Johann Gottlieb Fichte

Bildquelle: Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=223061

 

Fichte war das erste von acht Kindern des Bandwebers Christian Fichte (1737–1812) und seiner Frau Maria Dorothea (geb. Schurich, 1739–1813) in Rammenau in der Oberlausitz. Er wuchs ärmlich in einem von Frondiensten geprägten dörflichen Milieu auf.

Fichtes Wohnhaus in Rammenau

Fichtes Wohnhaus in Rammenau, Zeichnung von Kantor Riedel

Bildquelle: Von Verschiedene – Scan des Originals, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18305663

 

Fichte-Denkmal im Schlosspark von Rammenau

Fichte-Denkmal im Schlosspark in Rammenau

Bildquelle: Martin Geisler – Selbst fotografiert

 

Seine Auffassungsgabe und sein gutes Gedächtnis fielen einem Verwandten der örtlichen Gutsherrschaft, dem Gutsherrn Ernst Haubold von Miltitz (1739–1774), bei einem Besuch in Rammenau auf: Er hatte eines Sonntags die kirchliche Predigt verpasst, woraufhin der zehnjährige Fichte gerufen wurde, von dem man versicherte, er könne die Predigt wiederholen. Daraufhin imitierte dieser den Pfarrer so perfekt, dass der Freiherr in seiner Entzückung dem Kind nach einer Vorbereitungszeit im Pfarrhaus zu Niederau den Besuch der Stadtschule in Meißen ermöglichte. Danach finanzierte ihm sein Förderer 1774 eine Ausbildung an der Landesschule Pforta bei Naumburg, verstarb jedoch im selben Jahr.

Fichte Gedenktafel Landesschule Pforta

Fichte-Gedenktafel an der Landesschule Pforta

Bildquelle: Von Keichwa, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27849737

 

Nach seiner Schulzeit zog Fichte 1780 nach Jena, wo er an der Universität ein Theologie-Studium begann, wechselte jedoch bereits ein Jahr später den Studienort nach Leipzig. Die Familie von Miltitz unterstützte ihn nun nicht mehr finanziell, er war gezwungen, sich durch Nachhilfeunterricht und Hauslehrerstellen zu finanzieren und brachte das Studium zu keinem Abschluss.

In dieser aussichtslosen Lage bekam er 1788 in Zürich eine Stelle als Hauslehrer, die er aber nur zwei Jahre innehatte, da er der Auffassung war, dass man, bevor man Kinder erzieht, zuallererst die Eltern erziehen müsse. Dort verlobte er sich mit Johanna Marie Rahn (1755−1819), Tochter des Kaufmanns und Waagmeisters Johann Hartmut Rahn und Nichte des Dichters Klopstock.

Fichtes Wohnhaus 1805 Erlangen

Fichtes Wohnhaus 1805, Erlangen

Bildquelle: Von Keichwa, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27849737

 

Anschließend ging er wieder nach Leipzig. Fichtes Plan, Prinzenlehrer zu werden, scheiterte. Seine zweite Idee, eine „Zeitschrift für weibliche Bildung“, lehnten mehrere Verleger ab. Trauerspiele und Novellen brachten ihm ebenfalls keine finanzielle Sicherheit.

In Leipzig lernte Fichte 1790 die Philosophie Immanuel Kants kennen, die ihn stark beeindruckte.

Nach einem kurzen Intermezzo auf einer Hauslehrerstelle in Warschau nahm Fichte Anfang November 1791 eine auf ein Jahr befristete Anstellung als Hauslehrer des Sohns des Ehepaars Louise von Krockow, geb. von Göppel, die mit Kant persönlich bekannt war, und Heinrich Joachim Reinhold von Krockow (1736–1796), Königl. Preußischer Obrist, im gräflichen Schloss Krockow in der Nähe der pommerellischen Ostseeküste an. Im selben Jahr besuchte er Kant in Königsberg, wo dieser ihm einen Verleger für seine Schrift „Versuch einer Critik aller Offenbarung“(1792) verschaffte, die anonym veröffentlicht wurde. Das Buch galt zunächst als ein lange erwartetes religionsphilosophisches Werk von Kant selbst. Als Kant den Irrtum klarstellte, war Fichte berühmt und erhielt einen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Jena, den er 1794 antrat. Zuvor hatte er nach längerer Überlegung, ob eine Eheschließung ihm nicht die „Flügel abschneide“, 1793 Johanna Rahn geheiratet. Drei Jahre später kam Sohn Immanuel Hermann (1796–1879) zur Welt.

Während seiner Jenaer Professur (1794–1799) wurde er zur Zielscheibe im so genannten „Atheismusstreit“. Ausgelöst wurde dieser Streit 1798 durch zwei Schriften, wobei nur eine („Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung“) von Fichte selbst stammt. Beide Schriften waren im „Philosophischen Journal“, dessen Herausgeber Fichte zusammen mit Friedrich Immanuel Niethammer zu dieser Zeit war, erschienen. Fichte wurde wegen Verbreitung atheistischer Ideen und Gottlosigkeit verklagt, erhielt einen Verweis und trat daraufhin zurück, wie er es zuvor angedroht hatte. 1805 bekam er den Lehrstuhl für Philosophie in Erlangen, 1807 war er Zensor der Hartungschen Zeitung in Königsberg, wurde aber auf Befehl des preußischen Generals Ernst von Rüchel entlassen. Wenige Jahre darauf, 1810, bekam er die Position des Dekans der philosophischen Fakultät und für kurze Zeit war er von 1811 bis 1812 Rektor der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.

1789 wurde Fichte in Zürich in den Freimaurerbund „Modestia cum Libertate“ aufgenommen, in dieselbe Loge, in der auch Johann Wolfgang von Goethe freundschaftlich verkehrte. Später ließ er sich am 6. November 1794 als Mitglied der Freimaurerloge „Günther zum stehenden Löwen“ in Rudolstadt annehmen und war auch nach seinem Umzug nach Berlin mit den dortigen Freimaurerkreisen verbunden. 1799 traf er auf Ignaz Aurelius Feßler und arbeitete nach seiner Annahme am 17. April 1800 mit ihm an der Reform der Großloge „Royal York zur Freundschaft“. Am 14. Oktober 1799 hielt er einen Vortrag über „den wahren und richtigen Zweck der Maurerei“. Am 13. und 27. April 1800 hielt er mehrere Vorlesungen, die später unter dem Titel „Philosophie der Freimaurerei. Briefe an Constant“ erneuert und veröffentlicht wurden. Schon bald kam es zum Streit und Fichte trat am 7. Juli 1800 aus der Freimaurerei aus. Auch bei der Entstehung der „Gesellschaft der freien Männer“ hatte er einen bedeutenden Anteil. In Berlin wurde er Mitglied der „Deutschen Tischgesellschaft“, ab Sommer 1811 deren „Sprecher“ (Vorsitzender).

Hatte sich Fichte zuvor als Anhänger der Französischen Revolution bezeichnet, so profilierte er sich nun insbesondere durch die flammend patriotischen „Reden an die deutsche Nation“(als Text veröffentlicht bis 1808) als Gegner Napoleons.

Johann G. Fichte als Freiwilliger im Kampf gegen Napoleon Zeitgenössische Karikatur

Johann G. Fichte als Freiwilliger im Kampf gegen Napoleon Zeitgenössische Karikatur

Bildquelle: Von C. Zimmermann – Klaus Günzel: Die deutschen Romantiker. Artemis, Zürich 1995, ISBN 3-7608-1119-1, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2151853

 

Aufruf Fichtes Kopie

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Ein utopisches Gesellschaftsmodell – eine Art sozialistische Gesellschaft aufnationalstaatlicher Grundlage – findet sich in dem Werk „Der geschlossene Handelsstaat“(1800).

Fichte äußerte sich judenfeindlich. In seiner 1794 erschienen Streitschrift „Eisenmenger der Zweite“polemisierte Saul Ascher gegen die judenfeindlichen Äußerungen Fichtes, dem er den Namen des seinerzeit bekannten Judenfeindes Johann Andreas Eisenmenger, des Autors des Pamphlets „Entdecktes Judentum beilegte. Mit Fichte sei eine neue Dimension des säkularen Judenhasses zu verzeichnen.

In den „Reden an die deutsche Nation“ finden sich mit einer klar konturierten Ausdifferenzierung der Menschheit in nicht gleichwertige Sprach- und Kulturgemeinschaften sowie dem grundsätzlichen Streben nach deren Reinheit Ansätze einer rassistischen Theoriebildung.

Weitere philosophische Themenfelder mit denen sich Fichte beschäftigte, findet man auf Wikipedia.

Fichte in späteren Jahren(Skizze)

Fichte in späteren Jahren(Skizze)

Bildquelle: Der ursprünglich hochladende Benutzer war DarkScipio in der Wikipedia auf Deutsch – Übertragen aus de.wikipedia nach Commons 

Vermutlich Ende 1813 erkrankte seine Frau Johanna am sogenannten Lazarettfieber, welches sie sich bei der Pflege von verwundeten Soldaten zugezogen hatte. Auch Fichte sollte an dieser vom Kot von Kleiderläusen übertragenen Seuche erkranken, die vornehmlich unter der Bezeichnung Fleckfieber berüchtigte Bekanntheit erlangte und insbesondere im Kriegswinter 1813/14 in Mitteleuropa (unter anderem in Berlin, Dresden, Leipzig, Hamburg, Frankfurt am Main, Wiesbaden und Mainz) katastrophale Ausmaße annahm. Im Gegensatz zu seiner Frau konnte er sich von diesem Fieber nicht erholen. Er starb am 29. Januar 1814 in Berlin und wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt. Die Ehrengrabstelle in der Abt. CH, G2 trägt ein Porträtmedaillon (Kopie) von Ludwig Wilhelm Wichmann.

Gräber von Fichte und seiner Frau

Gräber von Fichte und seiner Frau

Bildquelle: Nemo bis https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Nemo_bis

 

 

Deutsche Sondermarke 2002

Deutsche Sondermarke 2002

Bildquelle: Von Friedrich Bury – Deutsche Post AG, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19533418

 

 

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

 

 

 

 

Ferdinand von Schill

Ferdinand Baptista von Schill, geboren am 06. Januar 1776 in Wilmsdorf bei Dresden, gestorben am 31. Mai 1809 in Stralsund, war ein preußischer Offizier, der als Freikorpsführer in den Kriegen von 1806/07 und 1809 bekannt wurde.

Ferdinand von Schill Kopie

Ferdinand von Schill

 

Bildquelle: Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

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Schill entstammte einer Soldatenfamilie. Sein Vater Johann Georg von Schill (1736–1822) war Kavallerieoffizier in der österreichischen, später in der sächsischen, zuletzt in der preußischen Armee.

 

 

Geburtshaus in Wilmsdorf (Ferdinand von Schill)

Geburtshaus in Wilmsdorf

Bildquelle: Von Bernievancastle, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2533472

 

Von seinem Vater wurde Schill im Jahr 1790 dem Grafen Kalckreuth vorgestellt, dem Kommandeur des renommierten Dragonerregiments Anspach-Bayreuth mit dem Ehrennamen „Die Hohenfriedberger“, welcher Schill als Fähnrich aufnahm. In Pasewalk diente Schill, seit 1793 als  Sekondeleutnant, im genannten Dragonerregiment, das seit März 1806 den Namen „Königin-Dragoner“ trug. Sein Wohnhaus befand sich in der Grünstraße 17.

 

Freikorps Schill in Pommern 1806/07

1806 zog Schill in den vierten Koalitionskrieg, wurde in der Schlacht bei Auerstedt durch einen Säbelhieb auf den Kopf schwer verwundet und rettete sich über Magdeburg und Stettin bis nach Kolberg, wo er sich beim Kommandanten Oberst Lucadou gesund meldete. Dieser gestattete Schill, mit wenigen Leuten Streifzüge in die Umgebung zu unternehmen. Er sollte Verteidigungsmittel, Rekruten und Geld in die Festung bringen sowie Aufklärung betreiben. Aber Schill begann einen Kleinkrieg gegen französische Besatzungstruppen in Pommern. Für den gelungenen Überfall auf Gülzow am7. Dezember 1806 wurde er vom König FriedrichWilhelm III. noch im selben Monat zum Premierleutnant befördert und mit dem Orden Pour le Mérite dekoriert. Aufforderungen seines Regimentskommandeurs, zum Regiment nach Ostpreußen zurückzukehren, ignorierte er. Schill wurde schnell berühmt und seine Truppe wuchs rasch an.

Der König gestattete ihm per Kabinettsorder vom 12. Januar 1807, mit eigenen Mitteln ein Freikorps aus versprengten oder ranzionierten Soldaten der preußischen Armee aufzustellen. Von der Bevölkerung nach Kräften unterstützt, verliefen die kleineren Unternehmungen des Korps meist glücklich, die größeren aber unglücklich. Der am 15. Februar 1807 versuchte Überfall auf Stargard wurdemit Verlusten zurückgeschlagen, das befestigte Naugarder Amt von Schill, der zum Rittmeister befördert worden war, tapfer, aber erfolglos verteidigt. Schon bei diesen Aktionen zeigte sich eine verhängnisvolle Selbstüberschätzung Schills. Er musste verwundet nach Kolberg zurück, wo sich der Gegensatz zum Kommandanten Lucadou infolge seines vom König nicht klar festgelegten Unterstellungsverhältnisses verschärfte.

Mitte März ging Schill nach Stralsund,um ein gemeinsames Vorgehen mit den Schweden zu verabreden, Mitte April in derselben Mission nach Stockholm. Am 12. Mai schiffte er sich mit seiner Kavallerie von Kolberg nach Vorpommern zu Blücher ein, während die Infanterie zur Verteidigung der Maikuhle zurückblieb. Nachdem die Schlacht beiFriedland am 14. Juni 1807 Preußen zum Frieden von Tilsit gezwungen hatte, mussten sich Schill und seine Truppe – ohne an Kämpfen teilgenommen zu haben – mit Blücher in den Demarkationsbezirk zwischen Kammin und Köslin zurückziehen; das Korps wurde in den Ausbildungsdienst versetzt.

Für seine Verdienste am 30. Juni 1807 vom preußischen König zum Major befördert, wurde Schill im September zum Inhaber des aus seiner Reiterei gebildeten 2. Brandenburgischen Husarenregiments („von Schill“) ernannt. Seine Fußtruppe gliedert der König als Leichtes Bataillon von Schill in das neue Leib-Infanterie-Regiment ein. Am 10. Dezember 1808 ritt Schill nach dem Abzug der französischen Besatzer im Triumph mit seinem Husarenregiment an der Spitze der zurückkehrenden Truppen in Berlin ein.

 

Erhebung 1809

Der jubelnde Beifall der Bevölkerung, der wieder erwachte Patriotismus und wohl auch eine gewisse Portion Selbstüberschätzung hoben den Husarenoffizier Schillüber sich selbst hinaus und verleiteten ihn zu unüberlegten, mit der Armeeführung nicht abgestimmten Handlungen. In den für 1809 vorgesehenen Aufständen gegen die Herrschaft Napoléon Bonapartes in Deutschland war ihm eine wichtige Rolle zugedacht, aber Schill wollte nicht abwarten. Vergeblich versuchte auch General Ernst von Rüchel, mit dessen Tochter Elise sich Schill verlobt hatte und auf dessen hinterpommerschen Gut Haseleu er gelegentlich zu Gast war, mäßigend einzuwirken. Nach Ausbruch des Fünften Koalitionskriegs verließ Schill am 28. April – wie zum Manöver – mit seinem Regiment Berlin. Eine Meile außerhalb der Stadt hielt er seinen Soldaten eine Ansprache, die den Eindruck verstärkte, erhandele in höherem Auftrag. Den Befehl der Kommandantur zur sofortigen Rückkehr beachtete er nicht.

Er wandte sich zunächst nach Dessau, das er am 2. Mai besetzte. Dort ließ er seinen Aufruf „An die Deutschen“ drucken.

Aufruf Schills Kopie

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die7. Klasse, Stand 1982

 

Die Anfang Mai eintreffende Nachricht von der Niederschlagung der Erhebung in Österreich versetzte seinem Tatendrang einen deutlichen Dämpfer, aber er ließ sich von seinen Offizieren mitreißen und lieferte sich am 5. Mai bei Dodendorf unweit von Magdeburg mit der Schlacht bei Dodendorf ein auch für die französische Seite verlustreiches Gefecht mit einer Abteilung der Magdeburger Garnison. Am selben Tag hatte Jérôme Bonaparte, der Bruder Napoleons und König von Westphalen, einen Preis von 10.000 Francs auf seinen Kopf ausgesetzt. Der König von Preußen sprach sich scharf gegen seine eigenmächtige Tat aus.

Sein Regiment, das durch Anwerbung von Nachwuchs noch anwuchs, ging an die untere Elbe und von dort, durch Holländer unter Carl Heinrich Wilhelm Anthing und Dänen verfolgt, in Richtung Stralsund, dessen aus Polen und Mecklenburgern bestehende Besatzung ihm entgegenkam, aber schon bei Damgarten geschlagen wurde

 

Das Ende in Stralsund

Am 25. Mai 1809 traf aus Damgarten das schillsche Korps gegen zehn Uhr in Stralsund ein. Er zog durch das Tribseer Tor in die Stadt ein, die er noch aus dem Jahr 1807 kannte. Nachdem er in Damgarten erfolgreich gekämpft hatte, hoffte er in der Festungsstadt Stralsund auf ein Fanal für die Befreiung von der französischen Fremdherrschaft. Seinem Mitkämpfer Leutnant Leopold von Lützow rief er zu: „Wir brauchen Stralsund als Stützpunkt für den Kleinkrieg, auch wenn wir ehrenvoll fallen sollten.“

Schills Einzug in Stralsund begleitete ein Sieg gegen in der Mönchstraße kämpfende französische Artilleristen. Mit Hilfe des in schwedischen Diensten stehenden Offiziers Friedrich Gustav von Petersson gelang es Schills Truppen, die französische Besatzung der Stadt zu vertreiben. Er trieb nun die Wiederanlage der geschleiften Verteidigungsanlagen voran und zog dazu bis zu 1000 Bauern der Umgebung heran. Sein Eintreffen begeisterte die Stralsunder allerdings nicht wie erhofft, da sie weniger patriotisch gesinnt waren als Schill und eher über die erneute Einbeziehung ihrer Stadt in Kampfhandlungen stöhnten, die immer Belastungen der Bürger mit sich brachten. Zweifel kamen auch in Schills Truppen auf angesichts der aussichtslos erscheinenden Lage in Stralsund. Truppen der Generäle Gratien und Ewald zogen heran, die mit 6000 Mann (Dänen und Niederländer) eine Übermacht darstellten. Einige der Offiziere Schills zogen aus Stralsund ab, darunter auch Leo von Lützow.

Am 31. Mai 1809 griffen die Franzosen, wie von Schill erwartet, die Stadt am Tribseer Tor an, durch das Schill selbst sechs Tage zuvor eingerückt war. Der erste Angriff konnte abgewehrt werden. Jedoch rückten die angreifenden Truppen am Tribseer Tor nur zur Ablenkung an. Ihre Hauptmacht konzentrierte sich auf das Kniepertor, wo sie schnell in die Stadt vordringen konnte. Gegen die Übermacht wehrten sich die schillschen Truppen verzweifelt. Nur einem kleinen Teil gelang die Flucht durch das Frankentor; die meisten fielen im Kampf. Einige Offiziere gerieten in Gefangenschaft und wurden zunächst im Keller des Hauses Fährstraße/Alter Markt gefangen gehalten, woran eine Gedenktafel über dem Kellereingang noch heute erinnert.

Kellergefängnis der Schillschen Offiziere im Haus Fährstr.:Alter Markt

Kellergefängnis der Schillschen Offiziere im Haus Fährst./Alter Markt

Bildquelle: Von Hermann Junghans – Eigenes Werk Originaltext: eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=47621228

 

Schill selbst wurde nach einem Fluchtversuch, der ihn in der Annahme, die Stadt dort verlassen zu können, ins Johanniskloster geführt hatte, beim Ritt durch die Fährstraße vor dem Haus Nummer 21 von einer Kugel tödlich getroffen.

Gedenkstein an der Stelle, an der Schill fiel

Gedenkstein an der Stelle, an der Schill fiel

Bildquelle: Von Klugschnacker aus Stralsund – selbst fotografiert mit Fujifilm Finepix A510, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1240717

 

Sein Leichnam mit einer Verletzung im Gesicht und mit von einem Bajonett durchbohrten Unterleib, wurde in das Haus des städtischen Chirurgen am Alten Markt gebracht. Am 1. Juni 1809 fand in der Stadt eine Siegesparade statt. Anschließend wurde in Gegenwart Gratiens der Kopf Schills abgetrennt und als Trophäe an König Jerome geschickt. Schills Körper wurde am 2. Juni 1809 auf dem Stralsunder St.-Jürgen-Friedhof an unbekannter Stelle verscharrt. Schills Kampfgefährte von Petersson geriet in Gefangenschaft und wurde am 4. Juni 1809 vor dem Kniepertor erschossen. Daran erinnert heute eine Gedenktafel.

 

Schills Totenmaske

Schills Totenmaske

 

Bildquelle: Von Sendker – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2409529

 

 

Etwa 200 Reiter und einige Jäger schlugen sich durch und erzwangen die Bewilligung freien Abzugs nach Preußen, wo die Soldaten in ihre Heimat entlassen wurden. Die Offiziere des Korps wurden, teilweise in Abwesenheit, vor ein Kriegsgericht gestellt. Einige wurden freigesprochen, andere mit Festungshaft bestraft, und sechs Offiziere, die Schill erst nachträglich gefolgt waren, wegen Desertion zu unehrenhafter Entlassung aus dem Militärdienst (Kassation) verurteilt.

Eine andere Abteilung entkam von Rügen aus zu Wasser nach Swinemünde, der Rest des Korps aber blieb im Gefecht. In Gefangenschaft gingen 557 Unteroffiziere und Mannschaften. Nach Loswurf wurden vierzehn der Gefangenen in Braunschweig an der Stelle des heutigen Schill-Denkmals erschossen. Der Rest kam in französische Bagnes (so hießen in Italien und Frankreich seit dem 17. Jahrhundert die Strafanstalten, in denen zur Zwangsarbeit Verurteilte ihre Strafe verbüßten.)

Elf gefangene Offiziere wurden nach Wesel verbracht und am 16. September 1809 standrechtlich erschossen. 1835 wurde ihnen hier von der preußischen Armee ein Denkmal errichtet. Der Desertionsprozess(Prozess wegen Fahnenflucht) gegen den gefallenen Schill wurde vom König niedergeschlagen, da er ja schon tot war. Schills Vermögen dagegen wurde, wie bei Desertionen üblich, für den Staat beschlagnahmt.

Der Ausspruch „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ geht auf von Schill und auf diese Zeit zurück und bringt seine Entschlossenheit zum Ausdruck, in einer Situation ein schnelles Ende herbeizuführen, auch wenn man dabei größere Nachteile in Kauf nehmen muss.

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Ferdinand von Schill

Ferdinand von Schill

Bildquelle: Von Unbekannt – NYPublic Library, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56829510

 

Erinnerung und Ehrung

Bereits am 18. Oktober 1838 legten Stralsunder Bürger an Schills Grab eine Eisentafel mit der (im Original lateinischen, aus Vergils „Aeneis“ stammenden) Inschrift:

„Großes gewollt zu haben ist groß. Er sank hin durch das Schicksal. Am Gestade liegt der mächtige Rumpf. Ward entrafft auch das Haupt, ist doch der Körper nicht namenlos.“

Am 30. Mai 1859 fand in Stralsund eine Gedenkfeier von überlebenden schillschen Kampfgefährten und Stralsundern statt, 1909 wurde das bronzene Schill-Denkmal in den Schillanlagen errichtet.

An Schill erinnern außerdem eine in den Bürgersteig eingelassene steinerne Gedenktafel am Ort seines Falles in der Fährstraße. Die Schillstraße in der Nähe seines Todesortes erinnert ebenfalls an ihn.

 

Bildquelle: Von Klugschnacker aus Stralsund – selbst fotografiert mit Fujifilm Finepix A510, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1240717
Gedenkstein an der Stelle, an der Schill fiel

Gedenkstein an der Stelle, an der Schill fiel

 

 

 

 

 

 

Erst 1837 wurde Schills Kopf, der sich lange in einem Naturalienkabinett im niederländischen Leiden befunden hatte, in einer Urne nach Braunschweig gebracht. Dort war im selben Jahr ein Schill-Denkmal errichtet worden, unter dem sich eine Gruft befindet, in der Schills vierzehn erschossene Kampfgefährten beigesetzt worden waren. Die Urne mit Schills Schädel wurde am Fuße des Denkmals in der Schillstraße beigesetzt.

1870 wurde eine Straße in Berlin-Tiergarten nach Ferdinand von Schill benannt. In Dodendorf erinnert ein Gedenkstein an das Gefecht bei Magdeburg. Auf dem Marktplatz von Arneburg steht ein Gedenkstein zu seinen Ehren.

1870 wurde eine Straße in Berlin-Tiergarten nach Ferdinand von Schill benannt. In Dodendorf erinnert ein Gedenkstein an das Gefecht bei Magdeburg. Auf dem Marktplatz von Arneburg steht ein Gedenkstein zu seinen Ehren.

In Wilmsdorf bei Dresden steht das Geburtshaus Schills, das sogenannte Schillgut. Außer einer Gedenktafel am Haus wurde hier 1904 ein Schill-Denkmal errichtet und 1984, zum 175. Todestag Schills, die Dorfstraße in Ferdinand-von-Schill-Straße umbenannt.

Geburtshaus in Wilmsdorf (Ferdinand von Schill)

Geburtshaus in Wilmsdorf

Bildquelle: Von Bernievancastle, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2533472

 

 

 

Anlässlich des 200. Geburtstags prägte die Münze der DDR 1976 eine 5-Mark-Gedenkmünze in einer Auflage von 100.000 Stück.

5-Mark-Gedenkmünze der DDR zum 200. Geburtstag von Ferdinand von Schill aus dem Jahr 1976

5-Mark-Gedenkmünze der DDR zum 200. Geburtstag von Ferdinand von Schill aus dem Jahr 1976

Bildquelle: Von Matd13, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12729426

 

Das Kampfhubschraubergeschwader 67 (später: Kampfhubschraubergeschwader 3) der Armeefliegerkräfte der NVA erhielt 1984 den Traditionsnamen „Ferdinand von Schill“.

Unmittelbar an der Baumgartenbrücke zwischen Werder/Havel und Geltow an der Bundesstraße 1 im Landkreis Potsdam-Mittelmark befindet sich der Schill-Gedenkstein. Dort biwakierte am 28. April 1809 Major Ferdinand von Schill mit seinem 2. Brandenburgischen Husarenregiment.

Schill-Gedenkstein an der Baumgartenbrücke in Geltow

Schill-Gedenkstein an der Baumgartenbrücke in Geltow

Bildquelle: Von Biberbaer 18:16, 19 April 2007 (UTC) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1970509

 

Zur Erinnerung an den Major Ferdinand von Schill wird seit 2005 an jedem zweiten Septemberwochenende durch die Stralsunder Schützencompagnie 1451 die Schlacht um Stralsund als Reenactment nachgestaltet.

Im Hotel „Norddeutscher Hofin Stralsund, direkt am Neuen Markt, befindet sich eine „Schillstube“, in der Zeugnisse und Dokumente über das Leben und Wirken Schills gezeigt werden.

Schilldenkmal in Stralsund

Schilldenkmal in Stralsund

Bildquelle: Von D.j.mueller 17:26, 11 November 2007 (UTC) – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3073594

 

Die Kaserne der Bundeswehr in Torgelow heißt Ferdinand-von-Schill Kaserne. In den Bundeswehrstandorten Lütjenburg und Wesel wurden weitere Kasernen nach Ferdinand von Schill benannt, dort heißen sie Schill-Kaserne.

Gedenktafel in Wittenberg

Gedenktafel am Schloßplatz, in der Lutherstadt Wittenberg

Bildquelle: Von OTFW, Berlin – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15856663

 

 

Schill diente mehrfach als Motiv der Literatur und für Spielfilme

  • „Der Feuerreiter“, Spielfilm um Ferdinand von Schill, 1940
  • „Kolberg“, Spielfilm um die Verteidigung Kolbergs, 1945
  • „Die elf Schill’schen Offiziere“, Märkische Film GmbH Berlin

 

 

Entnommen aus Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

Freiherr vom Stein: Berufungen und Ehrungen

Aus den unterschiedlichsten politischen Richtungen beruft man sich auf Freiherrn vom Stein.

Ernst Moritz Arndt begründete 1858 eine Tradition der kritiklosen Stein-Verehrung. Eine erste sechsbändige Stein-Biographie verfasste Georg Heinrich Pertz nach 1849. Hinter einer quellengesättigten Darstellung verbarg sich dabei der Versuch, das Bild eines sowohl antirevolutionären wie antirestaurativen national gesinnten Liberalen zu zeichnen.

In den 1870er Jahren versuchten sowohl Liberale wie auch Konservative, sich auf Stein zu berufen. Aber auch der Staat und die Monarchie begannen, Stein für sich zu reklamieren.

Neben Liberalen berufen sich auch Sozialdemokraten auf Stein. Der Marxist Franz Mehring lobte Steins Patriotismus und seine Durchsetzungsfähigkeit gegenüber einem zaudernden König. Vor diesem Hintergrund wurde der hundertste Todestag Steins als Vorläufer der Republik gefeiert. Zahlreiche Schulen wurden zu dieser Zeit nach Stein benannt.

Daneben erschien mit Gerhard Ritters Stein-Biographie eine bedeutende neue Interpretation. Dieser betonte die altständischen Wurzeln Steins in der Tradition des Heiligen Römischen Reiches. Er stilisierte ihn zwar zu einem Nationalhelden, sah aber innenpolitisch Bismarck als wichtigere Person an.

Auch für die Faschisten war Stein ein Vorbild. Die Gemeindeordnung in der Zeit des Faschismus berief sich ausdrücklich auf Stein. Erich Botzenhart, Herausgeber der ersten Gesamtausgabe der Schriften Steins, sah in ihm gar einen Vorläufer des  Faschismus.

Nach dem zweiten Weltkrieg ist Stein in beiden deutschen Staaten als Vorbild gesehen worden.

Gedenkmünze der DDR zum 150. Todestag 1981

Gedenkmünze der DDR zum 150. Todestag 1981

Bildquelle: Von Jobel – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41347535

 

Weitere Einzelheiten Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost 1957 zum 200. Geburtstag Freiherr vom und zum Stein

Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost 1957 zum 200. Geburtstag Freiherr vom und zum Stein

Bildquelle: Von scanned by NobbiP – scanned by NobbiP, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4303497

 

Im Alt-Bundesland Rheinland-Pfalz wird alle drei Jahre die Freiherr-vom-Stein-Plakette für langjährige kommunalpolitische Tätigkeit verliehen.

Im Jahr 1952 wurde in der BRD die Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft gegründet mit dem Ziel, Ideen und Gedanken Steins wissenschaftlich zu betrachten und der Öffentlichkeit zugänglich zu erhalten. Die Gesellschaft gab verschiedene Schriften zu Einzelaspekten aus dem Leben und dem Wirken Steins heraus. Wissenschaftlich bedeutsam war die Neuausgabe der Schriften Steins durch Walther Hubatsch. Dieser war 1957 an der Ausrichtung des zweihundertsten Geburtstages Steins führend beteiligt.

In der DDR sah man Steins Wirken als fortschrittlich an. Dies geschah in Bezug auf die Preußischen Reformen, die in der DDR als Fortschritt gesehen wurden. Dass Freiherr vom Stein letztendlich gar nicht so fortschrittlich gesonnen war, blendete die Geschichtsschreibung der DDR aus.

Der US-amerikanische Historiker und Schriftsteller schottischer Herkunft Gordon A. Graig wies auf die Tatsache hin, dass Freiherr vom Stein längere Zeit in der historischen Forschung sowohl in der BRD und der DDR ähnlich positiv beurteilt wurde.

Eine frühere Ausgabe des Handbuchs der deutschen Geschichte bezeichnete ihn als den „besten Staatsmann, über den Deutschland damals verfügte“. Das Pendant aus der DDR, die Deutsche Geschichte in drei Bänden, bezeichnete ihn als den „bedeutendsten deutschen Staatsmann der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“.

Später, insbesondere in den späten 1960er Jahren, wurde das Wirken Steins in Teilen der historischen Forschung der BRD kritisch gesehen.

 

Liste der Ehrungen und Denkmäler siehe Wikipedia

 

Freiherr vom Stein Denkmäler

Freiherr vom Stein - Ehrungen

 

entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein

(Gemälde von Johann Christoph Rincklake), 1804

Freiherr vom Stein (Gemälde von Johann Christoph Rincklake), 1804

Bildquelle: Von Johann Christoph Rincklake – Eigener Scan, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3528899

 

 

Heinrich Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein, geboren am 25. Oktober 1757 in Nassau,; gestorben am 29. Juni 1831 in Cappenberg bei Lünen/Westfalen, war ein preußischer Beamter, Staatsmann und Reformer.

Im Alter von 16 Jahren nahm Stein 1773 ein Studium der Jura, Geschichte und Kameralwissenschaften (Vorläufer der Wirtschaftswissenschaft) an der Universität Göttingen auf. Erheblichen geistigen Einfluss auf ihn übte August Ludwig Schlözer aus, der versuchte, zwischen modernem Verfassungsdenken und konservativen Vorstellungen von altdeutscher Libertät zu vermitteln. Daneben studierte Stein auch bei Johann Stephan Pütter, einem der besten Kenner der Verfassung und Struktur des Heiligen Römischen Reiches. Wie damals für Studenten adeligen Standes üblich, verließ er die Universität 1777 ohne Abschluss.

Da sein Studium vor allem auf den Reichsdienst ausgerichtet war, absolvierte Stein anschließend für einige Monate ein Praktikum beim Reichskammergericht in Wetzlar. Dort trat er auch der Freimaurerloge Joseph zum Reichsadler bei. Auf verschiedenen Kavaliersreisen 1778/80 lernte er Regensburg als Sitz des Reichstages, die Höfe und Regierungen verschiedener Territorien des Reiches wie Mainz, Mannheim, Darmstadt, München sowie in Wien die Residenz des Kaisers kennen. Außerdem reiste Stein in die Steiermark und nach Ungarn. Dabei interessierte er sich auch für das Bergwerkswesen.

Auf Bemühen seiner Mutter trat Stein 1780 in den preußischen Staatsdienst ein. Er selbst begründete diesen Schritt mit seiner Bewunderung für Friedrich II. und der Liberalität des preußischen Staates, der keine Vorbehalte gegen Außenseiter kannte und ihnen gute Aufstiegsmöglichkeiten bot.

Als Referendar wurde er in Berlin beim Bergwerks- und Hüttendepartment des Generaldirektoriums angestellt, wo ihn Minister Friedrich Anton von Heynitz förderte. Stein absolvierte eine entsprechende Fachausbildung, teilweise an der sächsischen Bergakademie in Freiberg. Ausgedehnte Dienstreisen mit dem Minister vervollständigten seine Kenntnisse.

Eine eigenverantwortliche Stellung nahm er 1784 im Bereich des Bergbaus des westfälischen Teils der preußischen Staaten ein.

Verschiedene Male wurden ihm diplomatische Posten angeboten, die er bis auf eine Gesandtschaftsreise 1785 nach Mainz, mit dem Ziel, den Kurfürsten zum Anschluss an den Fürstenbund zu bewegen, ausschlug.

Im Jahr 1786 reiste er nach England, um den dortigen Bergbau, Kanalbau und insgesamt die Anfänge der industriellen Revolution zu studieren. Die so gewonnenen Erkenntnisse konnte er nach seiner Rückkehr teilweise im Ruhrbergbau umsetzen. Auch gelang es ihm, einen Liefervertrag für eine Dampfmaschine von Boulton & Watt abzuschließen.

Im Jahr 1787 wurde Stein Leiter der märkischen Kriegs- und Domänenkammern in Hamm. In dieser Funktion war er für die Schiffbarmachung der Ruhr verantwortlich, ließ als einer der ersten in Deutschland einige Meilen befestigter Chausseen(veralteter Ausdruck für Landstraße) anlegen und verzichtete dabei auf die sonst übliche Fronarbeit. Außerdem sorgte er für eine Beschränkung der Steuern und eine Liberalisierung der Verkehrs- und Gewerbebestimmungen. Im Jahr 1792 erhielt Stein als Landtagskommissar die Staatsaufsicht für die Landstände der Grafschaft Mark.

Seit 1793 war er zusätzlich Präsident der Kammer des Herzogtums Kleve mit Sitz in Kleve. Seinen Wohnsitz nahm er im Klever Herzogsschloss.

Im selben Jahr heiratete er die vierzehn Jahre jüngere Gräfin Wilhelmine von Wallmoden.   Mit ihr hatte Stein drei Töchter, von denen Henriette (* 1796) und Therese (* 1803) das Kindesalter überlebten.

Als leitender Beamter war Stein in der Grafschaft Mark für eine umfassende Steuerreform zuständig, die für die Einwohner eine Verringerung der Abgaben bedeutete. Den durch die kriegsbedingte Teuerung hervorgerufenen Unruhen begegnete Stein, indem er gegen den Widerstand des Militärs Getreide aus den Speichern der Armee zu günstigen Preisen an die Bevölkerung abgeben ließ. Gegen die Versuche der preußischen Zentralverwaltung schützte Stein die Reste der Ständeverfassung und der kommunalen Selbstverwaltung.

Stein war Zeuge der Belagerung und des Falls von Mainz, der Hauptstadt der Mainzer Republik. Er war auch an der Festnahme und der körperlichen Misshandlung des Revolutionärs  Friedrich Georg Pape beteiligt.

Im Jahr 1796 wurde Stein zum Oberkammerpräsidenten aller westlichen preußischen Territorien mit Amtssitz in Minden ernannt. Im Auftrag Berlins sorgte er für eine Förderung der Wirtschaft durch Abbau von Vorschriften, Zöllen und ähnlichen ökonomischen Hemmnissen. Zwischen Bielefeld und Osnabrück ließ er eine befestigte Straße erbauen und sorgte für die Verbesserung des Schiffsverkehrs auf der Weser. Außerdem leitete er für die vereinigten Territorien Minden-Ravensberg Agrarreformen ein. Dazu gehörte die Verringerung der Hand- und Spanndienste. Hinzu kamen Reformen der Verwaltung in seinem Amtsbereich.

Politisch war Stein in dieser Zeit ein Anhänger des englischen Verfassungssystems. Allerdings stand er anfangs auch der französischen Revolution nicht ohne Sympathie gegenüber. Beide Einflüsse führten dazu, dass er dem preußischen, auf die Bürokratie gestützten Absolutismus zunehmend kritisch gegenüberstand. Allerdings wandelte sich Steins Bild von der französischen Revolution rasch. Dazu trug nicht zuletzt der Kontakt zu hochrangigen französischen Emigranten bei, die in Hamm Zuflucht gefunden hatten.

Obwohl Stein Reichspatriot und nicht nur preußischer Beamter war, billigte er die von Napoleon diktierten territorialen Veränderungen im Westen des Reiches und insbesondere die Säkularisation(Kirchenbesitz in Staatsbesitz überführen)der geistlichen Territorien.

In seiner westfälischen Zeit präsentierte sich Stein als überdurchschnittlich tüchtiger Verwaltungsbeamter insbesondere in Wirtschaftsfragen. Dadurch empfahl er sich für Aufgaben in der Berliner Zentrale.

1804 wurde Stein als königlicher Finanz- und Wirtschaftsminister ins Generaldirektorium nach Berlin berufen, wo er für das Akzise(Verbrauchsteuer/Binnenzoll)-, Zoll-, Fabrik- und Kommerzialwesen zuständig war. Hinter der Ernennung steckte vor allem der Kabinettsrat Carl Friedrich von Beyme, der in dem neuen Minister einen Anhänger einer umfassenden Reformpolitik sah. Bereits bei der Übernahme dieser Aufgabe machte Freiherr vom und zum Stein deutlich, dass er über Preußen hinaus das gesamte Deutschland im Blick hatte.

Stein versuchte als Verantwortlicher für den Staatshaushalt angesichts des drohenden Krieges die Staatseinnahmen zu erhöhen, bemühte sich aber auch um die Angleichung der regional sehr unterschiedlichen Steuern und Abgaben. So wurden im Bereich des staatlichen Salzmonopols einheitliche Preise eingeführt, diese aber insgesamt erhöht, so dass sich daraus erhebliche Mehreinnahmen ergaben. In begrenztem Umfang wurden Binnenzölle zwischen einigen Teilgebieten der Monarchie abgeschafft. Außerdem gründete er das Preußische Statistische Bureau. Später gehörten zudem die Königliche Hauptbank sowie die Seehandlung zu seinem Zuständigkeitsbereich.

Stein gehörte 1805 zur Kriegspartei um Königin Luise, die gemeinsam mit Louis Ferdinand Prinz von Preußen und General Ernst von Rüchel versuchte, König Friedrich Wilhelm III. davon zu überzeugen, Napoleon entgegenzutreten. Am 10. Mai 1805 übergab Stein eine entsprechende Denkschrift, die in ihrer extrem schroffen Art – den Außenminister Christian Graf von Haugwitz (1752–1832) nannte er beispielsweise einen „Mann ohne Wahrhaftigkeit, einen abgestumpften Wollüstling, schwelgend in Genüssen aller Art“ – dazu beitrug, die Ablehnung gegen seine Vorstellungen noch zu verstärken. Der König lehnte vorerst ab und sah in der Gruppe um Louis Ferdinand und Stein nicht zu Unrecht eine gegen seine Politik gerichtete Fronde. Schließlich gab er jedoch nach und befahl die Mobilmachung. Dies führte zum Krieg von 1806.

Nach dem für Preußen katastrophal verlaufenden Feldzug flohen der Hof und maßgebliche Politiker nach Königsberg. Stein sorgte für die Rettung der Staatskassen und empfahl in Königsberg, den Krieg gegen Napoleon mit allen Kräften fortzusetzen.

Charles Meynier- Einzug Napoleons am 27. Oktober 1806 in Berlin

Charles Meynier: Einzug Napoleons am 27. Oktober 1806 in Berlin

Bildquelle: Von Charles Meynier – adhoc-immo.de, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=251627

 

Infolge der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt und der durch sie offenkundig gewordenen Verkrustungen in Verwaltung und Militär war der preußische Staat zu Veränderungen gezwungen. Stein kritisierte scharf die während des Krieges deutlich gewordenen Schwächen der zivilen und militärischen Führung und machte auch vor dem monarchischen Regierungsstil nicht halt. Stattdessen forderte er grundlegende Reformen in der Struktur des Staates, um einen stabilen Unterbau für die Kriegsanstrengungen zu gewinnen. Dazu zählte insbesondere seine bereits vor Kriegsausbruch einsetzende Kritik am bisherigen absolutistischen Kabinettsystem; stattdessen plädierte er für ein Staatsministerium aus verantwortlichen Ministern, die mit dem Monarchen zusammenarbeiten.

Die Aufforderung, das Außenministerium anzunehmen, um den Frieden zu erreichen, lehnte Stein schroff ab. Dies und seine scharfe Kritik an der bisherigen Politik führten zu seiner Entlassung am 3. Januar 1807 durch Friedrich Wilhelm III.

Die Niederlage von 1806 stürzte den preußischen Staat in eine der schwersten Krisen seiner Geschichte. Im Frieden von Tilsit vom 7. Juli 1807 verlor Preußen alle Territorien westlich der Elbe sowie einen Großteil der in den polnischen Teilungen gewonnenen Gebiete. Damit büßte der Staat etwa die Hälfte seiner Einwohner ein. Dem Königreich wurden hohe Kontributionen auferlegt. Außerdem durfte Preußen nur noch eine Armee von 40.000 Mann unterhalten und musste die französische Besatzung in wichtigen Festungen dulden. Insgesamt 150.000 fremde Soldaten standen im Land und mussten von Preußen unterhalten werden.

Stein zog sich nach der Entlassung auf seine Besitzungen in Nassau zurück. Noch im Jahr 1807 verfasste er die Nassauer Denkschrift als Reformprogramm für den preußischen Staat, wobei dessen Verwaltung im Zentrum stand. Dazu gehörte die Forderung nach Selbstverwaltung für Provinzen, Kreise und Gemeinden. Dabei griff Stein weniger auf die damals moderne Staats- und Verfassungstheorie, sondern auf das Vorbild der älteren ständischen Verfassung zurück, wie er sie in Westfalen kennengelernt hatte. Für Stein spielten in dieser Frage nicht nur funktionelle Erwägungen, sondern in erster Linie politisch-pädagogische Ziele eine Rolle. In der Denkschrift formulierte er als Reformziel: „Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns, die Benutzung der schlafenden und falsch geleiteten Kräfte und zerstreut liegenden Kenntnisse, der Einklang zwischen dem Geist der Nation, ihren Ansichten und Bedürfnissen und denen der Staatsbehörden, die Wiederbelebung der Gefühle für Vaterland, Selbständigkeit und Nationalehre.“ Diese Schrift war, ebenso wie die von einem Kreis um Karl August von Hardenberg erarbeitete Rigaer Denkschrift aus demselben Jahr, eine Basis für die preußischen Reformen.

In Steins Denkschrift und der von ihm vertretenen Politik spielten immer der Rückbezug auf die altständischen Zustände und ganz allgemein auf die Einrichtungen des alten Reiches eine Rolle. Stein stand den zentralen Behörden und der Bürokratie insgesamt skeptisch gegenüber. Stattdessen setzte er auf Dezentralisation und kollegiale Führung.

Nicht zuletzt auf Drängen Napoleons, der in Stein fälschlich einen Unterstützer Frankreichs sah, und der Reformpartei um Hardenberg wurde Stein am 10. Juli 1807 zum Staatsminister berufen. Die Annahme machte Stein von einigen Vorbedingungen abhängig. Dazu gehörte das Ende des Kabinettssystems. Stattdessen sollten die Minister unmittelbares Vortragsrecht beim König erhalten. Nachdem die Erfüllung dieser zentralen Forderung zugesagt worden war, trat Stein das Amt an. Direkt zuständig war er für die Zivilverwaltung, über die anderen Ressorts übte er Kontrollfunktionen aus. In den nächsten vierzehn Monaten wurden die wichtigsten Reformgesetze erlassen oder vorbereitet. Steins persönlicher Anteil an den einzelnen Reformen war dabei unterschiedlich. Mit Detailfragen beschäftigte er sich kaum, viele Gesetze wurden im Kern von Mitarbeitern wie Theodor von Schön oder Ludwig von Vincke entworfen. Aber Stein war verantwortlich für ihre Durchsetzung gegenüber dem König und verschiedenen widerstrebenden gesellschaftlichen Kräften.

Einige der Reformideen kamen von Mitarbeitern, so das Oktoberedikt zur Bauernbefreiung, das eines der zentralen Reformgesetze war; es wurde nur fünf Tage nach der Ernennung Steins unterzeichnet und beruhte auf einem Entwurf Theodor von Schöns. Mit ihm wurden die Leibeigenschaft und Erbuntertänigkeit aufgehoben sowie die Freiheit der Berufswahl eingeführt. Besonders deutlich war Steins Handschrift hingegen in der neuen Städteordnung vom 19. November 1808. Deren Grundkonzeption stammte von seinem Mitarbeiter Johann Gottfried Frey. Die dort stark ausgeprägte Selbstverwaltungsidee nach dem Subsidiaritätsprinzip spiegelte Steins aus altständischen Wurzeln stammende Ablehnung des zentralisierten und bürokratischen Staates wider. Gescheitert war er mit dem Versuch, die Selbstverwaltung auch auf das platte Land auszudehnen.

Im Bereich der staatlichen Verwaltung ließ Stein das bisherige Generaldirektorium auflösen. Am 24. November 1808 trat an dessen Stelle ein Staatsministerium mit fünf Fachministern für Inneres, Finanzen, Auswärtiges, Krieg und Justiz. Außerdem wurden zahlreiche, oft auch gegeneinander arbeitende Sonder- und Nebenbehörden aufgelöst. Im Bereich der Zentralverwaltung orientierte sich Stein an der französischen Verfassung von 1791. Als beratendes Gremium war zusätzlich ein Staatsrat vorgesehen. Für die Ebene unterhalb der Berliner Zentrale konzipierte Stein die Oberpräsidenten und die Regierungspräsidien, welche die Kriegs- und Domänenkammern ersetzten.

Diese Politik wurde vollzogen vor dem Hintergrund einer schwerwiegenden Finanzkrise, hervorgerufen von den Forderungen Napoleons. Dies zwang Stein zu einer radikalen Sparpolitik. Außerdem wurde staatlicher Besitz verpfändet, hinzu kamen Bürgschaften.

Nach dem erzwungenen Ausscheiden Steins konnte Hardenberg, nach einer kurzen Zwischenphase unter Karl vom Stein zum Altenstein, einen laufenden Reformprozess übernehmen. Hardenberg orientierte sich, im Gegensatz zum ständisch denkenden Stein, an modernen Vorbildern. Allerdings gelang es ihm wegen der wachsenden restaurativen Tendenzen nicht mehr, eine Nationalrepräsentation umzusetzen.

Anfangs setzte Stein auf eine Erfüllungs- und Koexistenzpolitik gegenüber Napoleon. Insbesondere die Verhandlungen über die Höhe der Kriegskontributionen und die immer wieder von französischer Seite vorgebrachten neuen Forderungen ließen bei ihm im Laufe seiner Amtszeit den Gedanken an Widerstand wachsen. Dazu trug auch der beginnende Aufstand gegen Napoleon in Spanien bei. Stein setzte auf einen allgemeinen Volksaufstand im nördlichen Deutschland und ein Bündnis mit Österreich. Wie für August Neidhardt von Gneisenau und Gerhard von Scharnhorst war auch für ihn das Hauptziel der Politik Preußens, sich auf einen künftigen Krieg vorzubereiten. Die oppositionelle Haltung Steins gegenüber den Besatzern kam in einem abgefangenen Brief zum Ausdruck, der in der französischen Regierungszeitung „Le Moniteur“ abgedruckt wurde. Napoleon nutzte den Brief dazu, Preußen unter Druck zu setzen und zur Annahme der Kriegskontributionen zu zwingen.  Von Spanien aus gab Napoleon selbst einen Heeresbefehl, in dem er Stein zu einem Feind Frankreichs erklärte. Napoleon befahl, die Besitzungen Steins zu beschlagnahmen und Stein erschießen zu lassen. Friedrich Wilhelm III., der keinen Bruch mit Frankreich riskieren wollte, entließ Stein am 24. November 1808 mit Dank für die geleisteten Dienste und der Fortzahlung seines Ministergehalts für ein Jahr. Im Geschichtsbuch der DDR wird die Rolle der Junker im Zusammenhang mit Steins Entlassung als Minister benannt. Auf Wikipedia wird das ausgeblendet.

Noch am Tag der offiziellen Entlassung übersandte Stein den Mitgliedern des Königshauses sowie des Staatsrates eine im Wesentlichen durch von Schön verfasste Schrift, die später unter dem Namen „politisches Testament“ bekannt wurde. Sie zog einerseits ein Resümee der bisherigen Reformpolitik und sprach andererseits die nach Steins Meinung nötigen weiteren Veränderungen an. Zu letzteren gehörte etwa die Gemeinheitsteilung und die Aufhebung der Fronarbeit, die Einführung einer Staatsrepräsentation, aber auch die Erziehung der Jugend zu Religion und Vaterlandsliebe sowie eine Stärkung des Adels.

Die Entlassung markierte trotz der Reformen aber auch das politische Scheitern Steins als leitender Minister. Dabei war die Zerstörung seiner Machtbasis vielfach auf ihn selbst zurückzuführen: So hatte er sich in vielen Bereichen gleichzeitig Gegner gemacht, deren Stärke er unterschätzte. Dazu gehörte insbesondere die Widerstandsfähigkeit von Adel und Krone. Beim König spielte auch der Unwillen über die Selbstherrlichkeit Steins eine Rolle. Nicht zuletzt die Schroffheit seines Wesens und die Eruptivität(feinerer Ausdruck für Wutausbrüche) seines Temperaments verringerten zunehmend seinen Einfluss. Dies waren auch zentrale Gründe, weshalb er später keine wirkliche Führungsrolle mehr einnehmen konnte.

Nachdem Stein vom Befehl Napoleons erfahren hatte, flüchtete er nach Böhmen und hielt sich in Brünn, Troppau und Prag auf. In der habsburgischen Monarchie lebte Stein mehr als drei Jahre. In dieser Zeit hoffte er vergeblich auf einen Aufstand vor allem in den napoleonischen Staaten Königreich Westphalen und Großherzogtum Berg. Mit großer Sympathie beobachtete er den Aufstand der Tiroler um Andreas Hofer.

Tiroler_Landsturm_1809

Tiroler Landsturm 1809

Bildquelle: Von Joseph Anton Koch – http://www.zeno.org/Kunstwerke/B/Koch,+Joseph+Anton%3A+Der+Tiroler+Landsturm+im+Jahre+1809, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2992592

 

Im Exil entwarf er verschiedene Verfassungskonzepte für eine deutsche Verfassung; dabei spielte auch die Wiederherstellung des alten Reiches eine Rolle. Scharfe Kritik übte er an der Willfährigkeit der Rheinbundfürsten gegenüber den Franzosen. Mehrfach versuchte Stein eine Begnadigung oder Milderung von Napoleon zu erreichen. Noch im Jahr 1811 sah dieser in Stein, teilweise zu Recht, den Kopf eines möglichen Widerstands in den deutschen Staaten, verzichtete aber darauf, Österreich auf eine Auslieferung zu drängen. Die Ächtung Steins entgegen allen zwischenstaatlichen Gepflogenheiten hatte ihr Ziel letztlich nicht erreicht, da dieser zu einem Symbol und einer führenden Persönlichkeit des antinapoleonischen Widerstandes geworden war.

In Erwartung des drohenden Kriegs mit Frankreich begann Zar Alexander I., Gegner Napoleons an seinen Hof zu ziehen. Zu diesen gehörte auch Stein, der zu einem Berater des Zaren wurde, ohne jedoch in ein offizielles Dienstverhältnis zu treten. Er begann nunmehr offensiv für den antinapoleonischen Widerstand zu werben. So schlug er zur Koordination und Vorbereitung eines Volksaufstandes ein „Deutsches Komitee“ vor.

Nach dem Rückzug der Großen Armee zog Stein mit dem Hauptquartier des Zaren in Richtung der preußischen Grenze. Auf ostpreußischem Gebiet ließ Stein im Auftrag des Zaren sofort Landwehreinheiten bilden, obwohl Preußen noch immer mit Frankreich verbündet war. Auch die Landstände ließ er einberufen. Nachdem der preußische General Ludwig Yorck von Wartenburg in der Konvention von Tauroggen zu den alliierten Gegnern Napoleons übergewechselt war, drängte Stein den noch immer zaudernden Friedrich Wilhelm III. zum Seitenwechsel. Im März 1813 schloss dieser dann, vermittelt durch Stein, im Vertrag von Kalisch ein Bündnis mit Russland und der Befreiungskrieg wurde proklamiert. In dieser Zeit präzisierte Stein seine Verfassungsvorstellungen vom vorangegangenen Jahr. Danach sollten nicht nur der Rheinbund zerschlagen, sondern auch die Souveränitätsrechte der übrigen Staaten, wie die Entscheidung über Krieg und Frieden, zu Gunsten eines deutschen Kaisers und eines Reichstages begrenzt werden. Eine starke zentrale Exekutivgewalt sollte hinzu treten. Um das Übergewicht Österreichs nicht zu groß werden zu lassen, forderte Stein auch eine Stärkung Preußens.

Stein hatte die Einrichtung einer alliierten Zentralverwaltungsbehörde als Besatzungsbehörde und als Beschaffungsstelle für Geld, Waffen und Soldaten vorgeschlagen. Dahinter steckte vor allem die Absicht, eine Basis für die Wiederherstellung eines deutschen Reiches zu errichten. Diesem Konzept folgten die Regierungen Preußens und Russlands nicht. Die Aufgaben blieben rein administrativer Natur. Stein wurde Chef dieser Behörde. Dies brachte ihm den spöttischen Beinamen „Kaiser von Deutschland“ ein. Zu den zu verwaltenden Gebieten gehörten neben Teilen der ehemaligen napoleonischen Modellstaaten wie Westphalen, Berg und Frankfurt auch das Königreich Sachsen, dessen König Friedrich August I. wegen seiner Treue zu Napoleon verhaftet worden war. Vergeblich plädierte Stein dafür, die süddeutschen Rheinbundstaaten zu besetzen. Der Verwaltungsrat wurde am 21. Oktober 1813 faktisch aufgelöst. An seine Stelle trat das Departement Central d’Administration, das auch für die linksrheinischen Gebiete und die von den Koalitionstruppen besetzten französischen Gebiete zuständig wurde. Stein hatte auch darin die Leitung inne. Er erhielt seine Weisungen von einem Diplomatenrat der Alliierten.

Während des Krieges und nach dem Sieg der Alliierten legte Stein zahlreiche Vorstellungen zur Neuordnung Deutschlands und Europas vor. Sowohl seine Kritik am russischen Plan, in Polen einen abhängigen Staat (Kongresspolen) zu errichten, wie seine Forderung nach einer Verschiebung der französischen Grenze nach Westen wurden abgelehnt. Steins Entwürfe für die Gestaltung Deutschlands waren von idealisierten Vorstellungen vom deutschen Kaisertum im Mittelalter bestimmt. Er plädierte für die Erneuerung des Kaisertums. Freilich wollte er kein Zurück zum Zustand des Reiches im 18. Jahrhundert, sondern schlug einen preußisch-österreichisch dominierten Föderationsstaat vor. Insgesamt fanden Steins Vorstellungen bei den maßgeblichen Fürsten und Politikern keinen Rückhalt. Zwar war er russischer Gesandter auf dem Wiener Kongress, doch blieb sein Einfluss gering. Zudem waren seine Positionen widersprüchlich. Als ehemaliger Reichsunmittelbarer unterstützte er die Forderung der mediatisierten Reichsstände nach Restauration ihrer Stellungen, andererseits sprach er sich für eine starke Kompetenz des Deutschen Bundes und die Einschränkung der Souveränität der Einzelstaaten aus. Ohne Erfolg reiste Stein noch vor Verabschiedung der Bundesakte ab.

Stein beteiligte sich an der Ausarbeitung einer Verfassung für Nassau.  Dadurch war das Land 1814 Vorreiter im deutschen Bund.

Die Position eines Bundestagsgesandten, die ihm sowohl von Österreich wie auch von Preußen angetragen wurde, lehnte Stein ab. Er war aber durch eine umfangreiche Korrespondenz, die Besuche zahlreicher Gäste auf Cappenberg und seine Lektüre über das Zeitgeschehen gut informiert.

Stein unterstützte als reichsritterlicher Reichspatriot die nationale Bewegung. In einem Brief an Ernst von Münster schrieb er „Es tut mir leid, daß Euer Exzellenz in mir den Preußen vermuten … Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teil desselben angehörte, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teil desselben von ganzer Seele ergeben.“ Darüber hinaus kritisierte er die Karlsbader Beschlüsse und die Demagogenverfolgung und begrüßte den Übergang der süddeutschen Staaten zum Konstitutionalismus. Die Zentraluntersuchungsbehörde verdächtigte ihn daher, die oppositionelle Bewegung im Deutschen Bund zu schützen und zu fördern. Er unterstützte teilweise mit erheblichen Geldbeträgen die Freiheitsbewegung in Griechenland und stand vergleichbaren nationalen Bewegungen, etwa in Polen oder in Süd- und Mittelamerika, positiv gegenüber. Allerdings lehnte Stein die frühliberale Bewegung und die Bildung von politischen Parteien ab, da sie nicht seinen altständischen Grundsätzen entsprachen. Scharf kritisierte er die belgische Revolution, da er in dem neuen Staat eine „Pöbelherrschaft“ befürchtete.

Wie sehr Steins politische ständische Ziele von denen der Liberalen entfernt waren, zeigte sich im Vorfeld der Einrichtung der Provinziallandtage. Er beteiligte sich an Diskussionen und Forderungen des westfälischen Adels. An einer Petition im Jahr 1818 war er maßgeblich beteiligt. Zwar sollten die Bauern nicht von den Gremien ausgeschlossen werden, aber Stein verlangte, dass ihre Deputierten aus der Bauernschaft selbst und nicht aus den ländlichen Unterschichten oder aus der Schicht der Intellektuellen kommen sollten. Darüber hinaus kämpfte er für besondere Adelsrechte, wie eine erbliche Mitgliedschaft in den Landtagen, einen Vorzug bei der öffentlichen Stellenbesetzung, einen privilegierten Gerichtsstand und Ähnliches. Diese Vorstellungen gingen zumindest teilweise in die Organisation der Provinzialstände ein. Für die Provinz Westfalen wurde die Provinzialordnung per Gesetz am 27. März 1824 erlassen. Der Provinziallandtag war in vier Stände eingeteilt. Stein gehörte als Standesherr automatisch zur Mitgliedschaft und bildete zusammen mit zehn weiteren Personen den ersten Stand. Hinzu kamen die Stände der Besitzer landtagsfähiger Rittergüter, der Städte und der Landgemeinden.

Der erste westfälische Provinziallandtag trat am 29. Oktober 1826 in Münster zusammen und tagte etwa zwei Monate. Stein wurde zum Landtagsmarschall und damit zum Vorsitzenden ernannt. In seiner Eröffnungsrede begrüßte er die Wiedereinführung der ständischen Verfassung und grenzte diese von der „alles umformenden Verfassung“ zur Zeit der französischen Vorherrschaft ab. Auch die folgenden Tagungen der Versammlung standen unter seinem Vorsitz.

Auf dem ersten Provinziallandtag kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Adelsvertretern mit Stein an der Spitze auf der einen Seite und den Abgeordneten der Städte und Landgemeinden auf der anderen Seite.

Auch in zahlreichen anderen Punkten, etwa der Erfassung der adeligen Besitzer durch staatliche Kataster als Basis einer Grundsteuer, oder in der Frage, ob Landbesitz frei verkäuflich sein sollte, zeigte er sich als Gegner wirtschaftsliberaler Reformen und Verteidiger adelig-ständischer Vorherrschaft.

Zur Judenemanzipation wiederum, die er im Zuge der Städteordnung von 1808 auf den Weg gebracht hatte, verhielt er sich ablehnend und dachte 1816 an eine Ausweisung der Juden an „die Nordküste Afrikas“. Er beschwor antijüdische Klischees in Form angeblicher, von Juden ausgehender Gefahren, warnte davor, dass die aus der Leibeigenschaft befreiten Bauern in die Hörigkeit an die Juden und an die Wucherer“ geraten würden, sprach von der Verderblichkeit der jüdischen Horde“ und unterstellte jüdischen Bankiers 1823 einen „Mangel an Ehrgefühl“ und „Befriedigung der Habsucht“.

Wie weit er sich von seinen Positionen der Reformzeit entfernt hatte, wurde nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Revision der Städteordnung von 1808 deutlich. Während er den Entwurf einer solchen Ordnung 1831 positiv bewertete, lehnten ihn die Vertreter der Städte wegen der vorgesehenen stärkeren staatlichen Kontrolle und Einschränkung der Selbstverwaltung ab. Allerdings hielt Stein an seinen Vorstellungen eines gesamtstaatlichen Konstitutionalismus fest, wie sich während des Provinziallandtages von 1830/31 zeigte. Dabei gingen die Vorstellungen insbesondere des Bürgertums inzwischen deutlich weiter als die Steins. Während das Bürgertum unter Eindruck der revolutionären Ereignisse von 1830 einen direkten Antrag auf die Einberufung eines gesamtstaatlichen Parlaments forderte, hielt Stein diese offene Kampfansage für ungebührlich. Ihm gelang es nur mit Mühe, einen Kompromiss durchzusetzen und die Forderungen an den Prinzen Wilhelm zu richten.

In seinen letzten Lebensjahren litt Stein unter einem Lungenleiden und Herzkrankheiten.

Begraben liegt Stein in der Familiengruft in Frücht bei Bad Ems, die er von dem Kölner Bildhauer Peter Joseph Imhoff bauen ließ. Seine älteste Tochter, Gräfin Giech, veranlasste nach künstlerischer Beratung durch Sulpiz Boisserée 1836–1843 den Bau einer neugotischen Kapelle darüber, die der Münchner Architekt Joseph Daniel Ohlmüller entwarf. Das Marmorrelief auf Steins Grabdenkmal schuf 1837–1840 Ludwig Schwanthaler.

 

Entnommen aus Wikipedia, bearbeitet und gekürzt von Petra Reichel

 

Ehrungen und Denkmäler

Liste der Ehrungen und Denkmäler, siehe Wikipedia

Freiherr vom Stein Denkmäler

 

Siehe auch

Berufungen und Ehrungen

 

Reformen in Preußen

Preußische Reformen Übersicht -1

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Entnommen aus „Geschichte in Übersichten“, Berlin/DDR 1982

 

 

siehe auch PDF-Datei

Preußische Reformen Übersicht -1

 

Die Ziele des Freiherrn vom Stein

Fortschrittliche Leute erkannten, dass der Zusammenbruch Preußens im Jahre 1806 kein Zufall war. Ihnen blieben die rückständigen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht verborgen. Da ihnen die Zukunft Deutschlands am Herzen lag, drängten sie gerade auch in Preußen auf Veränderung. An der Spitze dieser politisch klugen Leute stand der Freiherr vom Stein. Er war kein Revolutionär, aber er trat für wirksame Reformen in Preußen ein. Die Geschichtsschreibung der DDR blendete allerdings aus, dass Freiherr vom Stein letztendlich gar nicht so fortschrittlich gesonnen war. Aus den verschiedensten politischen Richtungen ist sich auf Stein berufen worden.

vom Stein

Bildquelle: Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

Die Lage der Bauern sollte verbessert werden. Den Adel wollte er nicht abschaffen, aber in seiner wirtschaftlichen und politischen Macht beschränken.

Freiherr vom Stein wusste, dass die französische Fremdherrschaft nicht ohne das Volk abgeschüttelt werden konnte. Die Bauern und Bürger sollten sich in Zukunft nicht in erster Linie als Preußen, Sachsen, Mecklenburger usw. fühlen, sondern als Deutsche.

Die Junker(Gutsherren) hassten Freiherr vom Stein, weil er sich als Patriot zeigte und nicht für ihre egoistischen Ziele eintrat. Sie erreichten, dass ihn der preußische König im November 1808 als Minister entließ, was auch Napoleon gefordert hatte. Die Rolle der Junker im Zusammenhang mit der Entlassung Steins als Minister wird in der Personenbeschreibung von Wikipedia ausgeblendet. Aber Freiherr vom Stein gab sich nicht geschlagen und setzte seinen Kampf gegen die französischen Unterdrücker fort. Daraufhin ließ ihn Napoleon verfolgen.

Freiherr vom Stein über das Vaterland

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Die Veränderung der Lage unter den Bauern

Noch immer war der größte Teil der preußischen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Die Masse der Bauern und Landarbeiter befand sich in einer Art Leibeigenschaft, der sogenannten Erbuntertänigkeit. Oft schon hatten sie an dieser feudalen Fessel gerüttelt und sich gegen die Unterdrückung aufgelehnt. Doch den Junkern(Gutsherren) gelang es stets, die aufflackernden Bauernunruhen zu ersticken.

Als preußischer Minister war Freiherr vom Stein mit einsichtsvollen Leuten bemüht, die menschenunwürdigen Zustände auf dem Lande zu beseitigen.

Am 09. Oktober 1807 erschien eine Verordnung, die den Bauern die persönliche Freiheit brachte. Sie ist als Oktoberedikt in die Geschichte eingegangen. Die Bauern konnten nun ohne Genehmigung des Gutsherrn den Wohnort wechseln und ihre Kinder ein Handwerk lernen lassen. Sie forderten seit langem aber auch die Beseitigung der Frondienste und Abgaben. Diesen Verpflichtungen mussten sie weiterhin nachkommen. Ihr Wegfall sollte erst durch neue Verordnungen geregelt werden. Auch die Gerichtsgewalt verblieb weiter in den Händen der Gutsherren. Die Junker versuchten, die eingeleiteten Maßnahmen vielfach zu erschweren und zu verhindern.

 

Die Städtereform

Wichtige Neuerungen ergaben sich in dieser Zeit auch für Bürger der preußischen Städte. Sie wurden von der Städteordnung vom 19. November 1808 festgelegt.

Während bisher die Verwaltung der Städte durch königliche Beamte erfolgt war, galt nun die städtische Selbstverwaltung. Die wohlhabenden Bürger erhielten das Recht Stadtverordnete zu wählen. Diese entschieden über alle wichtigen Angelegenheiten, wie z.B. Finanzen und Polizei, und wählten den Magistrat(Stadtrat). Für den Posten des Oberbürgermeisters konnten sie drei Kandidaten vorschlagen, die Bestätigung nahm jedoch der preußische König vor.

—Zu diesen Neuerungen kamen wirtschaftliche Veränderungen hinzu. Der Zunftzwang wurde aufgehoben und die Gewerbefreiheit erklärt. Damit waren dem Kapitalismus einige Hindernisse aus dem Wege geräumt worden.

 

Die Heeresreform

Napoleon hatte der preußischen Armee einen schweren Schlag versetzt. Sie konnte sich von ihm nur erholen, wenn sie insgesamt reformiert wurde. Zu dieser Einsicht kamen patriotische Offiziere, die sich um den General Gerhard David von Scharnhorst scharten.

Scharnhorst

Bildquelle: Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Sein engster Mitarbeiter wurde August Neithardt von Gneisenau. Beide hatten sich 1806/07 im Kampf gegen die französischen Truppen tapfer gehalten und nicht ehrlos gehandelt. Sie sahen, wie mutig die französischen Soldaten kämpften, weil sie keine Söldner waren und den Prügelstock nicht fürchten mussten. Scharnhorst und Gneisenau setzten sich deshalb das Ziel, die Grundlagen für ein Volksheer zu schaffen. Nach ihren Vorstellungen sollte die preußische Armee nicht mehr als Strafanstalt für Schwachköpfe und Taugenichtse gelten. Daher forderten sie vor allem:

  • Einführung der allgemeinen Wehrpflicht
  • Abschaffung der grausamen Strafen
  • Beseitigung der Vorrechte des Adels auf die Offiziersstellen
  • Änderung der militärischen Ausbildung und Kampfesweise

 

Gneisenau

Bildquelle: Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Es war nicht leicht, diese Vorstellungen zu verwirklichen, denn der preußische König und die Junker widersetzten sich allen weitreichenden Reformen. Sie hatten Angst vor den bewaffneten Bauern und Bürgern. Die Patrioten ließen sich jedoch durch die Haltung des Königs und der Junker nicht entmutigen. Schritt für Schritt suchten sie ihre Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen. Dies gelang ihnen aber nur teilweise. Das Spießrutenlaufen und die Prügelstrafe wurden abgeschafft. Tüchtige und tapfere Soldaten sollten zukünftig Offiziere werden. Außerdem schmiedeten sie Pläne, um große Teile des Volkes zu bewaffnen und gegen die Franzosen führen zu können.

Da Preußen nur 42 000 Mann unter Waffen halten durfte, kam Scharnhorst auf folgenden Gedanken: Ein Teil der Soldaten wird jeweils beurlaubt. An ihre Stelle treten neue Rekruten. Diese werden nach kurzer Ausbildung wieder verabschiedet. Durch diese laufende Abwechslung wird die Gesamtstärke der Armee nicht überschritten, aber das Land verfügt über viel mehr Männer, die an den Waffen geübt sind. Das Volk nannte die auf diese Weise ausgebildeten Soldaten Krümper.

—Die Reformen insgesamt dienten der Vorbereitung des nationalen Befreiungskampfes. Sie leiteten die bürgerliche Umwälzung in Preußen ein, die mehrere Jahrzehnte andauerte. Engels charakterisierte das Reformwerk daher als Beginn der bürgerlichen Reform in Preußen.

Hauptforderung Heeresreform

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Entnommen aus „Geschichte in Übersichten“, Berlin/DDR 1982

 

 

siehe auch PDF-Datei

Hauptforderung Heeresreform

In der BRD und der DDR gelten(galten) die preußischen Reformen als gesellschaftlicher Fortschritt. Insbesondere die Heeresreform steht(stand) in der Tradition von Bundeswehr und NVA.

 

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Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

Bearbeitet von Petra Reichel

 

 

 

Original-Beitrag aus dem Geschichtsbuch der DDR

Reformen in Preußen