Die Gründung der Partei der Bolschewiki

Die soziale Lage der Arbeiterklasse in Russland am Ende des 19. Jahrhunderts

Unter den imperialistischen Staaten in Europa nahm das zaristische Russland eine besondere Stellung ein. Um die Jahrhundertwende gab es dort nur wenige Industriezentren. Dafür waren aber ungewöhnlich große Betriebe entstanden. Bereits 1890 lieferten nur sieben Prozent der Betriebe über die Hälfte der gesamten Industrieproduktion. In den Industriegebieten konzentrierten sich gewaltige Armeen von Lohnarbeitern. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren über 50 Prozent aller Industriearbeiter Russlands in Großbetrieben mit über 500 Beschäftigten tätig.

Eine große Rolle in der industriellen Entwicklung Russlands spielten ausländische Monopolgruppen. Sie gewährten der zaristischen Regierung große Anleihen zu hohen Zinssätzen. Einige Monopolgruppen erhielten das Recht, in Russland Fabriken und Gruben zu betreiben.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Lage der Arbeiter in Russland war weit schlechter als in anderen europäischen Ländern. In vielen Fabriken herrschten noch halbfeudale Verhältnisse. Nirgendwo in den imperialistischen Staaten Europas wurden so niedrige Löhne gezahlt, mussten die Arbeiter so lange arbeiten und so schlecht wohnen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die politische Macht in Russland lag in den Händen der adligen Gutsbesitzer. Der größte und reichste Gutsbesitzer war der Zar. Die Arbeiter und andere Werktätige waren der Willkür der zaristischen Beamten und der Polizei ausgeliefert. Jede demokratische Regung wurde sofort mit Polizei- oder Militärgewalt verfolgt und unterdrückt. Mit der Arbeiterklasse entwickelte sich jedoch eine gesellschaftliche Kraft, die den Kampf des Volkes gegen imperialistische Ausbeutung und zaristische Unterdrückung organisierte. In Russland entwickelte sich seit der Jahrhundertwende eine revolutionäre Situation.

Unter unmenschlichen Bedingungen arbeiteten die Bergleute in den Kohlengruben Russlands. (Fotografie)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Lenin wird zum Führer der russischen Arbeiterklasse

Die reaktionären Zustände im zaristischen Russland empörten die ausgebeuteten Massen immer mehr. Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu bedeutenden Streiks der Industriearbeiter für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse und für demokratische Rechte. In den Industriezentren entstanden – zunächst mit Hilfe demokratischer Intellektueller- geheime Zirkel. Ihre Teilnehmer studierten den Marxismus und bemühten sich um die Organisierung der Arbeiter. Zum bedeutendsten Führer der russischen Marxisten entwickelte sich entwickelte sich Wladimir Iljitsch Lenin.

W.I. Uljanow, später von seinen Freunden Lenin genannt, wurde am 22. April 1870 in Simbirsk, dem späteren Uljanowsk, geboren. Sein Vater war Schulinspektor. Lenins Geschwister beteiligten sich alle an der revolutionären Tätigkeit gegen den Zarismus. Besonders eng schloss Lenin sich seinem älteren Bruder Alexander an, der in Petersburg studierte und ihn mit revolutionären Schriften bekannt machte.

Mit 15 Jahren lernte Lenin Arbeiten von Marx und Engels kennen. Da er sich in der Schule gute Kenntnisse in der lateinischen, griechischen, französischen und deutschen Sprache angeeignet hatte, konnte er bereits damals die Schriften von Marx und Engels, die illegal aus dem Ausland bezogen wurden, in deutscher Sprache lesen.

1887 wurde Lenins Bruder Alexander hingerichtet. Er hatte gemeinsam mit anderen Revolutionären ein Attentat auf den Zaren vorbereitet. Der Tod des Bruders beeindruckte Lenin außerordentlich stark. Er hatte begriffen, dass mit Einzelaktionen die reaktionären Verhältnisse in Russland nicht geändert werden können.

Nach der Schulzeit studierte Lenin in Kasan Rechtswissenschaft. Er lernte gleichgesinnte Studenten kennen und traf sich heimlich mit ihnen, um die Werke von Marx und Engels zu studieren. Dieses Studium vermittelte ihm die Erkenntnis, dass der Kampf gegen die Grundlagen der gesellschaftlichen Zustände geführt werden musste.

Die Kasaner Polizei entdeckte den Zirkel und dessen Teilnehmer wurden zu Gefängnishaft verurteilt. Gleichzeitig wurde Lenin von der Universität ausgeschlossen. 1891 legte er jedoch das juristische Examen als Externer an der Universität in Petersburg als Bester von 33 Kandidaten ab. In nur einem Jahr hatte Lenin sich in hartem, regelmäßigem Selbststudium die Kenntnisse angeeignet, die andere in vier Studienjahren erwarben.

1893 übersiedelte Lenin nach Petersburg. Dort schloss er sich den vorhandenen illegalen Arbeiterzirkeln an.

W.I. Lenin während seines Aufenthaltes in Petersburg
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Unter Lenins Leitung vereinigten sich die Petersburger Zirkel 1895 zum Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse. Das war der erste Schritt zur Gründung einer sozialistischen Arbeiterpartei in Russland.

Lenins Bemühungen galten stets der engen Verbindung des Studiums marxistischer Werke mit der praktischen revolutionären Arbeit. Der Kampfbund wirkte unter seiner Leitung in den Petersburger Betrieben und half bei der Organisierung von Streiks. Im Dezember 1895 verhaftete die zaristische Polizei zahlreiche Mitglieder des Kampfbundes, unter anderem Lenin. Nach 14 Monaten Gefängnishaft wurde er für drei Jahre nach Ostsibirien verbannt. Vertreter der illegalen Organisationen trafen sich 1898 in Minsk und gründeten die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Der 1. Parteitag hatte große Bedeutung für die Entwicklung der sozialistischen Bewegung in Russland. Er wählte ein Zentralkomitee und orientiert die Arbeiterklasse in einem Manifest auf die wichtigsten Aufgaben. Doch noch fehlte der Partei ein einheitliches Programm und ein gemeinsames Statut.

Lenins Kampf für die Schaffung einer marxistischen Partei in Russland

Im Jahre 1900 kehrte Lenin aus der Verbannung zurück. Weil ihm die zaristische Polizei jede revolutionäre Arbeit unmöglich machte, musste er Russland verlassen. Im Ausland gründete Lenin mit anderen Sozialisten eine revolutionäre Zeitung, die den symbolischen Namen „Iskra“ („Der Funke“) erhielt. Sie diente der Propagierung des Marxismus in Russland und bereitete die Gründung einer revolutionären Partei vor.

In der Druckerei der „Arbeiterzeitung“ in Leipzig-Probstheida, der späteren Iskra-Gedenkstätte, wurde die erste Nummer gedruckt. Die Iskra-Gedenkstätte existierte von 1956 bis 1993. Siehe z. B. Facebook „Altes Leipzig“, weiteres kann ergooglet werden.

Die „Iskra“ spielte in folgenden Monaten und Jahren eine wichtige Rolle. Durch sie kam eine engere Bindung zwischen den verschiedenen illegalen marxistischen Gruppen und Zirkeln in Russland zustande. Sie erzog die Arbeiter zum Klassenbewusstsein. Lenin nutzte die „Iskra“, um die vorhandenen opportunistischen Auffassungen zu kritisieren und die marxistischen Ideen zu verbreiten.

Die erste Nummer der illegal gedruckten „Iskra“ vom Dezember 1900. (Ausschnitt der Titelseite)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

1902 erschien die Schrift Lenins „Was tun?“ Lenin enthüllte darin die Wurzeln und Gefährlichkeit des Opportunismus; er begründete die Bedeutung der wissenschaftlichen Theorie für die revolutionäre Arbeiterbewegung.

Vorbereitet mit der „Iskra“, fand 1903 der II. Parteitag der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei statt. Die Beratungen wurden in Brüssel begonnen und in London fortgesetzt.

Bei der Wahl zur Parteiführung erhielten Lenin und seine Anhänger die Mehrheit der Stimmen. Sie wurden fortan Bolschewiki, die Opportunisten dagegen Menschewiki genannt.

Unter dem Einfluss der Bolschewiki stimmte der Parteitag einem revolutionären Programm zu, das im Unterschied zu den Programmen aller andren Parteien der II. Internationale die Diktatur des Proletariats als wichtigste Voraussetzung für die Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische bezeichnete.

Das wichtigste Ergebnis des II. Parteitages war die Schaffung einer revolutionären marxistischen Partei der Bolschewiki. Eine solche Partei neuen Typus zeichnete sich aus durch festes Vertrauen zu den demokratisch gewählten Leitungen, eiserne revolutionäre Disziplin bei der Beschlusserfüllung, hohes Klassenbewusstsein aller Parteimitglieder, enge Verbindung der Parteimitglieder mit den Massen der Arbeiter und Bauern, unbedingte Treue zum wissenschaftlichen Kommunismus, Verwirklichung des proletarischen Internationalismus und Beseitigung jeglicher opportunistischer Einflüsse in der Partei.

Lenins theoretische und praktische Arbeit für die Gründung einer Partei neuen Typus bedeutet eine Weiterentwicklung des Marxismus unter den Bedingungen der imperialistischen Herrschaft. Der Marxismus wird zum Marxismus-Leninismus.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Arbeiterklasse zu Beginn der imperialistischen Herrschaft

Die Auswirkungen der imperialistischen Herrschaft auf die soziale Lage der Arbeiterklasse

Die Herausbildung des Monopolkapitalismus brachte für alle Klassen und Schichten große Veränderungen.

Die Anzahl der Arbeiter wuchs. Sie waren vor allem in den Großbetrieben konzentriert. 1909 zählten nur 1,1 Prozent der der Betriebe in den USA zu den Großbetrieben. In diesen waren aber 30,5 Prozent aller Industriearbeiter beschäftigt.

Auch innerhalb der Arbeiterklasse kam es mit der Herausbildung des Imperialismus zu Veränderungen der sozialen Struktur. Die Anzahl der ungelernten Arbeiter stieg stark an. Gleichzeitig nahm die Anzahl der Vorarbeiter, Meister, Techniker und Spezialisten zu. Die Arbeitslosigkeit wurde eine ständige Begleiterscheinung des Kapitalismus, die dazu benutzt wurde, die Löhne zu drücken. Das hat sich bis heute nicht geändert. Frauen und Kinder erhielten zum Teil bevorzugt Arbeit in bestimmten Monopolbetrieben (vor allem in der Textilindustrie), weil sie schlechter bezahlt wurden. Die Intensität der Arbeit stieg. Ständig steigende Intensität der Arbeit ist uns auch heute wohlbekannt.

Ein trauriges Kapitel imperialistischer Ausbeutung war die Kinderarbeit. 1910 arbeiteten in den USA knapp 2 Millionen Kinder im Alter zwischen 10 und 15 Jahren. Das waren 5,2 Prozent der Beschäftigten und 10,8 Prozent aller Kinder. Es gibt auch heutzutage noch Länder, wo Kinderarbeit gang und gäbe ist.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse verschlechterten sich nach 1910 in Deutschland. Zölle und indirekte Steuern trieben die Preise der Lebensmittel und Kleidung in die Höhe. Etwa 25 Prozent ihres Lohnes mussten die Arbeiter in den Großstädten als Miete für eine vielfach ungesunde, lichtarme Wohnung bezahlen. Nun ja, die Mieten sind heute genauso ein Problem, auch wenn es die ungesunden Wohnungen in diesem Sinne nicht mehr gibt. Dafür müssen viele, die sich die Mieten in einer Großstadt nicht leisten können, lange Wege zur Arbeit in Kauf nehmen und pendeln.

Der Kampf gegen den vordringenden Opportunismus in der internationalen und deutschen Arbeiterbewegung

Durch die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter, der Kolonialvölker und abhängigen Länder sowie durch die Monopolstellung auf den Märkten erzielten die Finanzkapitalisten hohe Profite. Zum Teil verwandten sie diese Geldmittel auch dazu, bestimmte Arbeiterschichten (Meister, Techniker, spezialisierte Facharbeiter usw.) bevorzugt zu behandeln. Mit Hilfe einer unterschiedlichen Entlohnung und Gewährung von Sonderrechten (Werkswohnungen, Beamtenpensionen usw.) sollten diese Arbeiterschichten, Arbeiteraristokratie genannt, bestochen werden. Das hat sich bis heute auch nicht geändert. Die mit der Großindustrie entstandene Differenzierung wurde (wird) so von den Monopolherren bewusst genutzt, um das einheitliche Handeln der Arbeiterklasse zu untergraben.

Die Arbeiteraristokratie und die kleinbürgerlichen Elemente bildeten die soziale Grundlage für die Herausbildung einer besonderen opportunistischen Strömung in der Arbeiterbewegung. Ihre Wortführer behaupten, dass unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen die Lehren von Marx und Engels nicht mehr voll gültig wären, sondern abgeändert, revidiert werden müssten. Diese Thesen kennen wir heute auch noch. Sie wurden (werden) deshalb Revisionisten genannt. Der Revisionismus lehnte (lehnt) den revolutionären Klassenkampf ab und trat (tritt) für die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Klassen ein. Die Revisionisten behaupteten (behaupten), es sei möglich, durch Reformen im Rahmen der bestehenden kapitalistischen Ausbeutergesellschaft allmählich und friedlich in den Sozialismus hineinzuwachsen. Sie verzichteten (verzichten) auf das revolutionäre Ziel der Arbeiterbewegung: die Eroberung der politischen Macht.

Entsprechend dieser theoretischen Grundlage entwickelten die Opportunisten eine reformistische Politik. Der Reformismus wollte die Arbeiterbewegung auf parlamentarisches und gewerkschaftliches Handeln beschränken.

Der Opportunismus konnte sich in der Arbeiterbewegung rasch ausbreiten, weil mit dem Imperialismus soziale Grundlagen (Arbeiteraristokratie, kleinbürgerliche Elemente in der Arbeiterbewegung) dafür entstanden waren. Die Gefährlichkeit des Opportunismus bestand (besteht) darin, dass er die ideologische Spaltung der Arbeiterklasse und damit die Schwächung der Arbeiterorganisationen in ihrem Kampf um Frieden, Demokratie und Sozialismus bewirkte.

Der Opportunismus fand (findet) Anhänger in der gesamten internationalen Arbeiterbewegung. Überall beherrschten (beherrschen) diese Kräfte (nach und nach) wichtige Schlüsselpositionen in den Arbeiterparteien und Gewerkschaften.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Das Auftreten der Revisionisten und Reformisten löste in der deutschen Arbeiterbewegung heftige Auseinandersetzungen über das Ziel, den Weg und die Mittel des Klassenkampfes aus. Diese Auseinandersetzungen wurden auf den Parteitagen, in der Presse sowie innerhalb der Mitgliedschaft der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften geführt. Auf dem Parteitag in Dresden im September 1903 rechnete der Führer der Sozialdemokratie, August Bebel, scharf mit den Opportunisten ab.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die überwiegende Mehrheit der sozialdemokratischen Parteimitglieder lehnte die opportunistischen Ansichten und Bestrebungen entschieden ab.

Die Arbeiter erlebten und erkannten, dass die Junker und Monopolisten ihre Macht allein für ihre Klasseninteressen einsetzten und nicht im Entferntesten daran dachten, dem werktätigen Volk freiwillig demokratische und politische Rechte zu gewähren. Alle Reformen, Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsverhältnisse und politischen Rechte hatte die Arbeiterklasse im harten Arbeitskampf, einschließlich ihres parlamentarischen Wirkens errungen. Das hat sich bis heute nicht geändert. 

Die Preisgabe des Klassenkampfes hätte die Entwaffnung der Arbeiterbewegung, ihre völlige Unterordnung unter die Politik der Imperialisten bedeutet. Heute ist der Klassenkampf preisgegeben worden. Insbesondere nach der großen Niederlage 1989/90. Die Arbeiterklasse spielt heute politisch nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie hat sich spätestens 1989/90 der Politik der Imperialisten untergeordnet.

Der Dresdner Parteitag war ein Höhepunkt im Kampf der revolutionären Kräfte gegen Revisionismus und Reformismus. Mit nur wenigen Gegenstimmen wurde di Resolution angenommen, die die revisionistischen Bestrebungen entschieden verurteilt.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Trotz der entschiedenen Ablehnung und Verurteilung des Revisionismus konnte er seinen Einfluss in der Arbeiterbewegung verstärken, weil keine organisatorischen Konsequenzen – Ausschluss der Opportunisten– gezogen wurden.

Der Crimmitschauer Textilarbeiterstreik

Unter den vielen Klassenkämpfen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ragt besonders der Crimmitschauer Textilarbeiterstreik hervor, der vom 22. August 1903 bis Ende Januar 1904 andauerte.

Bei unzureichendem Lohn mussten die Textilarbeiter 11 und mehr Stunden am Tag arbeiten, obwohl durch die Einführung schnelllaufender Spindeln die Intensität der Arbeit und die Gewinne der Textilfabrikanten gestiegen waren. Mit Recht forderten die Arbeiter Verkürzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden und Lohnerhöhung um 10 Prozent. Nachdem die Fabrikanten diese Forderungen abgelehnt hatten, legten am 22. August 1903 600 Textilarbeiter des sächsischen Städtchens Crimmitschau die Arbeit nieder. Die Drohung mit der Aussperrung seitens der Fabrikanten beantworteten andere Arbeiter mit Streik. Schließlich befanden sich Ende August 1903 sämtliche Textilarbeiter von Crimmitschau im Kampf; 9 000 Textil- und Heimarbeiter streikten oder waren ausgesperrt. Mit Bestechungsgeldern versuchten die Fabrikanten, die Einheitsfront der Arbeiter zu erschüttern. In allen Teilen Deutschlands und im Ausland versuchten sie darüber hinaus Streikbrecher zu werden, allerdings mit wenig Erfolg.

Flugblatt der Textilfabrikanten von Crimmitschau
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Flugblatt der streikenden Crimmitschauer Textilarbeiter
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Da die Kampffront der Textilarbeiter unerschüttert blieb, griff die staatliche Macht mit starken, schwerbewaffneten Polizeikräften ein. Jede Versammlung, jede Zusammenkunft der Arbeiter sowie das Streikpostenstehen wurden verboten. Doch die Arbeiter beharrten unbeirrt auf ihren Forderungen, die Frauen und Mädchen standen fest an ihrer Seite. Der Kampf förderte das Klassenbewusstsein der Arbeiter. Die Streikenden wurden von den Arbeitern ganz Deutschlands und dem Ausland wirksam unterstützt. Die deutschen Arbeiter brachten über 1 ¼ Millionen Mark zu Unterstützung ihrer kämpfenden Klassengenossen auf. Der Streik wurde erst im Januar 1904 von opportunistischen Gewerkschaftsführern gegen den Willen der streikenden Textilarbeiter von Crimmitschau abgebrochen.

Die Anfänge der Arbeiterjugendbewegung

Die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen hatten es im damaligen Deutschland besonders schwer. Sie erhielten sehr geringen Lohn bei einer bis zu 12 Stunden ausgedehnten Arbeitszeit. Dazu waren sie der Willkür ihrer Arbeits- und Lehrherren recht- und schutzlos ausgesetzt. Schläge und Misshandlungen waren an der Tagesordnung.

Doch die Jugend war bereits von sozialistischen Ideen erfasst. Immer mehr junge Arbeiter erkannten, dass sie nur im gemeinsamen Kampf und in Verbindung mit der Arbeiterbewegung ihre Lage verbessern konnten.

Lehrling (zum Meister, der eben seinen Dreijährigen versohlt): „Meester, lernt der ooch schon Lehrling?“ Karikatur aus dem „Wahren Jacob“ zur Prügelstrafe gegen Lehrlinge
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im Oktober 1904 entstanden gleichzeitig in Berlin und in Mannheim selbstständige proletarische Jugendvereine, die sich über Nord- und Süddeutschland ausbreiteten und Ende 1906 zur Gründung von zwei Arbeiterjugendorganisationen führten, dem Verband junger Arbeiter Deutschlands (Sitz Mannheim) und der Vereinigung der freien Jugendorganisationen (Sitz Berlin). Die norddeutsche Organisation gab seit 1905 die Monatszeitschrift „Die arbeitende Jugend“ und die süddeutsche Organisation seit 1906 „Die junge Garde“ heraus. Die revolutionären Kräfte der deutschen Arbeiterbewegung unterstützten die Arbeiterjugendorganisationen mit Rat und Tat. In Karl Liebknecht hatte die Arbeiterjugend einen bewährten Freund, ideologischen Führer und Förderer ihrer Organisation.  Durch die Jugendorganisationen im revolutionären Geist erzogen, beteiligten sich die jungen Proletarier aktiv am Kampf gegen Reaktion, Militarismus und Imperialismus.

Im August 1907 wurde die Sozialistische Jugendinternationale gegründet. Karl Liebknecht wurde zum Vorsitzenden des Büros gewählt.

Kopf der Zeitschrift „Die junge Garde“
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Aufgrund des Reichsvereinsgesetzes siehe in Beitrag „Der beginnende Kampf um die Neuaufteilung der Welt….“ verfielen die Arbeiterjugendorganisationen der Auflösung. Ihre Zeitschriften mussten das Erscheinen einstellen. Doch der revolutionäre Geist unter der Arbeiterjugend konnte durch die Unterdrückungsversuche der herrschenden Klasse nicht mehr erstickt werden.

Die neuen Anforderungen an den Kampf der revolutionären Arbeiterbewegung

Mit dem Übergang zum Imperialismus hatte der Kapitalismus seine höchste Entwicklungsstufe erreicht. Der Widerspruch zwischen der reaktionären Politik der herrschenden Klassen im Innern und nach außen einerseits und den Lebensinteressen der Völker andererseits forderte gebieterisch die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und den Übergang zum Sozialismus. Der Imperialismus war zugleich der Vorabend der proletarischen Revolution. Aus dieser neuen Situation ergaben sich für die Arbeiterbewegung neue Aufgaben.

Die antidemokratische Innen- und die aggressive Außenpolitik der imperialistischen Staaten erforderte die Zusammenfassung aller Kräfte, die für Demokratie und Frieden kämpften. Die Führung einer solchen antiimperialistischen Volksbewegung konnte nur die revolutionäre Arbeiterbewegung übernehmen, die weitergehende Ziele- die sozialistische Revolution- verfolgte und über eine revolutionäre Theorie sowie starke Organisation der Arbeiterklasse verfügte.

Für die sozialistische Bewegung ergab sich mit dem Beginn der imperialistischen Herrschaft die Notwendigkeit, wirksamere Mittel des Massenkampfes anzuwenden. Entscheidende Bedeutung erlangten die außerparlamentarischen Aktionen. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging die Arbeiterklasse dazu über, im ökonomischen und politischen Kampf den Massenstreik anzuwenden.  1902 streikten über 300 000 belgische Arbeiter für ein demokratisches Wahlrecht. 1903 fand ein Massenstreik in den Niederlanden, 1904 ein Massenstreik in Italien statt.

Die Herausbildung des Imperialismus erforderte von den Arbeiterparteien, sich für die neuen Bedingungen des Klassenkampfes organisatorisch und ideologisch zu wappnen. Notwendig war die Beseitigung des opportunistischen Einflusses auf die Partei; die Arbeiterpartei musste auf dem Boden des Marxismus stehen und ihn weiterentwickeln, den proletarischen Internationalismus festigen und eine straff organisierte revolutionäre Kampforganisation bilden. Eine solche revolutionäre Kampfpartei entstand zunächst in Russland.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel.

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der beginnende Kampf um die Neuaufteilung der Welt und die aggressive Rolle des deutschen Imperialismus

Die unterschiedliche Entwicklung der kapitalistischen Länder

Die industrielle Entwicklung vollzog sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in den einzelnen kapitalistischen Ländern sehr unterschiedlich.

Siehe: Die Entwicklung Deutschlands zu einer führenden Industriemacht

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Starke Unterschiede zwischen den kapitalistischen Ländern entstanden auch im Anteil an Kolonialbesitz und Einflussgebieten. (Karte „Die Welt im Jahre 1914“)

Die Welt im Jahre 1914
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR, Stand 1982

Die traditionelle Vorherrschaft Englands auf dem Weltmarkt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in wichtigen Bereichen beseitigt, in anderen ernsthaft gefährdet. Englands Hauptkonkurrent wurde der deutsche Imperialismus.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR, Stand 1982

Die ungleichmäßige wirtschaftliche Entwicklung hatte Widersprüche im Verhältnis der einzelnen imperialistischen Staaten untereinander zur Folge. Die wirtschaftlich erstarkten, aber bei der Aufteilung der Welt zu spät gekommenen imperialistischen Staaten forderten eine Neuaufteilung. Zu erreichen war dieses Ziel nur mit Gewalt, also mit Krieg. 

Geschützmontage in einem Werk von Schneider-Creuzot. (Fotografie)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR, Stand 1982

Der spanisch-amerikanische Krieg 1898

In den Annexionsplänen der USA-Regierung kam Kuba, das seit dem 16. Jahrhundert spanische Kolonie war, eine besondere Bedeutung als Rohstofflieferant (Zucker und Tabak), als günstiges Kapitalanlagegebiet und als wichtiger militärischer Stützpunkt (Zugang zur Panama-Landenge und Mexiko) zu.

Ein Aufstand der kubanischen Bevölkerung gegen die spanische Kolonialherrschaft, der im Jahre 1895 begann, lieferte den Vorwand für die Einmischung der USA. Die USA-Regierung erklärte, sie wolle den Befreiungskampf der Kubaner unterstützen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR, Stand 1982

1898 explodierte ein USA-Kriegsschiff im Hafen von Habana. Die Ursachen der Explosion sind bis heute nicht geklärt. Diesen Zwischenfall nahmen die USA zum Anlass, Spanien den Krieg zu erklären.  Die Spanier unterlagen. Im Friedensvertrag wurde Kuba formell die Unabhängigkeit zugestanden. Tatsächlich aber ging die Herrschaft an die USA-Monopole über.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR, Stand 1982

Spanien verlor außerdem die Herrschaft über die Philippinen, Puerto Rico und Guam an die USA. Die deutschen Imperialisten nutzten die Situation und zwangen die Regierung Spaniens, ihnen die Karolinen-, die Marianen- und Palauinseln zu überlassen.

Der spanisch-amerikanische Krieg 1898 eröffnete die lange Kette imperialistischer Kriege um die Neuaufteilung der Welt.

Aufgabe aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Welt im Jahre 1870
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Die Welt im Jahre 1914
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Niederschlagung des chinesischen Volksaufstandes

In den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts verstärkten die Imperialisten ihre Bemühungen, in China Fuß zu fassen. Zu den konkurrierenden Staaten Russland, England und Frankreich kamen die japanischen, nordamerikanischen und deutschen Imperialisten hinzu. Der Kampf um den beherrschenden Einfluss spielte sich auf Kosten des chinesischen Volkes ab. Im Jahre 1900 kam es zu einer bewaffneten Erhebung chinesischer Patrioten.

Auszug aus „Hunnenrede“
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die imperialistischen Mächte organisierten einen gemeinsamen Feldzug zur Niederwerfung des chinesischen Volksaufstandes. 40 000 schwerbewaffnete Soldaten wurden nach China geschickt.

General von Moltke am 11. Juli 1900 in einer geheimen Tagebucheintragung:“…denn wenn wir ganz ehrlich sein wollen, so ist es Geldgier, die uns bewogen hat, den großen chinesischen Kuchen anzuschneiden. Wir wollen Geld verdienen, Eisenbahnen bauen, Bergwerke in Betrieb setzen, europäische Kultur bringen, das heißt in einem Wort ausgedrückt, Geld verdienen.“ Zitiert nach: G. Förster/H. Helmert/ H. Otto/H. Schirmer Der preußisch-deutsche Generalstab 1640 bis 1965. Berlin 1966, Seite 92. Die zeitgenössische französische Karikatur zeigt von links nach rechts die Kaiser, Könige und Präsidenten Deutschlands, Frankreichs, Russlands, Japans, der USA und Englands
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Kolonialtruppen begannen eine grausame Strafexpedition. Tausende unschuldiger chinesischer Männer, Frauen und Kinder wurden dabei ermordet.

Die Arbeiter Deutschlands protestierten gegen den Chinafeldzug. Im Reichstag forderten die sozialdemokratischen Abgeordneten unter Führung August Bebels die Anerkennung Chinas als gleichberechtigten Staat und den Rückzug der imperialistischen Truppen. Zur Entlarvung der militärischen Brutalität veröffentlichten sozialdemokratische Zeitungen Soldatenbriefe aus China, „Hunnenbriefe“ genannt.

Auszug aus einem der „Hunnenbriefe“
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Aufgabe Vergleich „Hunnenrede“ und „Hunnenbriefe“
Vor der Hinrichtung von Teilnehmern des chinesischen Volksaufstandes durch imperialistische Kolonialtruppen. (Fotografie aus dem Jahre 1900)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Aufteilung Chinas in Einflussgebiete imperialistischer Mächte wurde fortgesetzt. Da nicht alle Beteiligten mit ihrem Anteil zufrieden waren, entstanden in diesem Raum immer neue Konflikte zwischen den imperialistischen Staaten.

Die aggressive Außenpolitik des deutschen Imperialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Mit der ökonomischen Macht wuchs zugleich das Streben der Monopole – unterstützt von der imperialistischen kaiserlichen Regierung – versuchten auf fast allen Kontinenten, ihre Herrschaft zu errichten oder auszudehnen. Ein Mittel, dieses Ziel zu erreichen, war der Kapitalexport. Wie die Monopolverbände oder die Regierungen der anderen Staaten, so legten auch die deutschen Imperialisten immer größere Mengen ihres Kapitals in wirtschaftlich schwach entwickelten Ländern an, weil sie dort viel höhere Profite, sogenannte Extraprofite, erzielen konnten.

Neben der unmittelbaren Kapitalanlage (Errichtung von Fabriken und Tochtergesellschaften, Bau von Verkehrswegen, Gründung großer Plantagen) erfolgte der Kapitalexport auch in Form von Krediten, die den Regierungen dieser Länder gegen hohe Zinsen und nur unter bestimmten Bedingungen gewährt wurden. So konnten die Imperialisten mit dem Kapitalexport gleichzeitig ihre politischen Machtpositionen in den wirtschaftlich schwach entwickelten, darunter auch imperialistischen Ländern ausbauen. (Na ja, da hat sich bis heute nichts geändert.)

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Zusammenhang zwischen Kapitalexport und den Aggressionsplänen des deutschen Imperialismus kam besonders in der Türkei zum Ausdruck. Der türkischen Regierung wurden von der DEUTSCHEN BANK, in enger Zusammenarbeit mit der deutschen Regierung, Kredite zum Bau der Bagdad-Bahngewährt. Der türkische Staat musste hohe Zinsen zahlen und sich dazu verpflichten, alle Bau- und Betriebsmaterialien aus Deutschland zu beziehen. Damit die Türkei die Zinsen bezahlen konnte, zwangen ihr die deutschen Imperialisten bestimmte Maßnahmen auf, zum Beispiel eine Verwaltungsreform. (Das kommt uns auch heute bekannt vor.)

Der Einfluss der deutschen Imperialisten auf die türkische Regierung wurde immer größer, die Türkei nach und nach in eine deutsche Halbkolonie verwandelt.

Die Beherrschung der Türkei bot den deutschen Imperialisten einen wichtigen Ausgangspunkt für weitergehende Expansionen und Aggressionen. Von hier aus konnten vor allem die englischen Kolonien und Verbindungswege bedroht und erobert werden. So verschärfte die Vorherrschaft des deutschen Imperialismus in der Türkei den deutsch-englischen Gegensatz.

Die Bagdad-Bahn
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die aggressiven Bestrebungen der deutschen Imperialisten zur Neuaufteilung der Welt verstärkten die Spannungen zwischen den imperialistischen Staaten außerordentlich. Der deutsche Imperialismus verursachte wiederholt internationale Konflikte und steigerte die Gefahr eines Kriegsausbruchs.

Die Verstärkung der Rüstungen und die Abwälzung der Lasten auf das Volk

Die gesamte Wirtschaft in Deutschland wurde in immer steigendem Maße den militärischen Belangen untergeordnet, so auch der Bau der Eisenbahnen, Straßen und Kanäle. Insbesondere erweiterte sich die Rüstungsindustrie. Wissenschaftliche Institutionen und spezielle Forschungseinrichtungen stellte man in den Dienst der Rüstungsindustrie. Die gesamte Rüstung wurde ständig verstärkt und modernisiert.

Montage schwerer Schiffsgeschütze in den Kruppwerken. In den vier Jahren von 1910 bis 1914 verdiente Krupp an der Rüstung 207 Millionen Mark.
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Vergleichsbild:

Geschützmontage in einem Werk von Schneider-Creuzot. (Fotografie)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

1898 und 1900 wurden zwei Flottengesetze vom Reichstag angenommen, die eine gewaltige Vergrößerung der deutschen Kriegsflotte vorsahen. Sie sollte danach untern anderem 38 Linienschiffe, 14 große und 38 kleine Kreuzer umfassen. Ab 1906 wurden besonders große Schlachtschiffe gebaut. Diese Flottenrüstung verstärkte den Gegensatz zu England. Die englischen Imperialisten wollten ihre Seeherrschaft erhalten und zugleich die Verbindungswege zu ihren Kolonien sichern. Die deutsche Flottenausrüstung veranlasste sie zu eigenen umfangreichen Flottenbauten. Beide Staaten steigerten sich in ein Wettrüsten um die stärkste Kriegsflotte.

Dieses Wettrüsten brachte den Monopolkapitalisten ständig höhere Profite. Für die Werktätigen (arbeitenden Menschen) dagegen, die diese Rüstungslasten zu tragen hatten, verschlechterten sich zunehmend die Lebensverhältnisse.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Deutsche Kriegsschiffe in dem 1895 eröffneten, militärisch wichtigen Nord-Ostsee-Kanal. (Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Am Wettrüsten beteiligten sich alle imperialistischen Staaten. Ganz Europa starrte bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in Waffen. Ein Funke genügte, um das Pulverfass zur Explosion zu bringen.

Rüstungsausgaben einiger imperialistischer Länder vor 1914. (Angaben in Millionen Mark)

Was lässt diese Darstellung in bezug auf den deutschen Imperialismus erkennen?

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Größenwahn bringt man immer mit Adolf Hitler, den man spöttisch „Gröfaz“ nennt, in Verbindung. Doch schon lange zuvor, bereits im Kaiserreich, gab es solche größenwahnsinnigen Pläne.

Diese Karte zeigt als besonders weitgehendes Beispiel die Eroberungsabsichten des Alldeutschen Verbandes, der aggressivsten imperialistischen Organisation im Deutschen Reich
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die ideologische Kriegsvorbereitung

Die deutschen Imperialisten bereiteten die kriegerische Auseinandersetzung um die Neuaufteilung der Welt nicht nur wirtschaftlich und militärisch, sondern auch ideologisch vor. Sie versuchten, die Volksmassen durch Irreführung und Verhetzung für den imperialistischen Krieg zu gewinnen.

Der ideologischen Kriegsvorbereitung dienten auch die Schulen, Hochschulen, Theater, Kirchen und vor allem die Presse. Um die Werktätigen (arbeitenden Menschen) für einen Eroberungskrieg zu begeistern, war eine Reihe besonderer imperialistischer Organisationen gegründet worden. Die führende Organisation war dabei der Alldeutsche Verband. Von ihm beeinflusst wirkten außerdem die Deutsche Kolonialgesellschaft, der Ostmarkenverein, der Deutsche Flottenverein, der Reichsverband gegen die Sozialdemokratie, der Jungdeutschland-Bund, der Deutsche Wehrverein und zahlreiche Kriegervereine.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Kaiser Wilhelm II. als Vertreter der deutschen Imperialisten und Militaristen spannt alle Mittel der Wirtschaft, Ideologie und Politik ein, um di aggressiven Ziele zu erreichen. (Zeitgenössische Karikatur aus den USA)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die deutschen Imperialisten behaupteten, Deutschland habe nicht genügend Raum und Möglichkeiten, seine Bewohner zu ernähren und seine Industrie zu entfalten. Deshalb müsse es sich neuen Lebensraum, „seinen Platz an der Sonne“, erkämpfen. Diese Propaganda griffen später die Faschisten wieder auf. („Fehlender Lebensraum“, „Lebensraum im Osten erobern.“ U.ä.) Mit solchen und anderen Theorien versuchten die Imperialisten, das deutsche Volk irrezuführen und die Aggressionspläne als nationale Politik auszugeben. Zum Großteil ist das ja gelungen, genauso wie später bei den Faschisten. (Genau das gleiche Prinzip, das später die Faschisten anwandten.)

Die deutschen Imperialisten versuchten den Werktätigen (arbeitenden Menschen) einzureden, dass das deutsche Volk berufen und berechtigt sei, über andere Völker zu herrschen. Mit dieser Propaganda wurde ein gefährlicher Chauvinismus gezüchtet und das Bewusstsein großer Teile des Volkes, insbesondere des Kleinbürgertums und der Jugend, systematisch vergiftet.

Teil der ideologischen Kriegsvorbereitungen war die Erziehung zum Untertanen. Das Volk sollte gehorsam und blind der imperialistischen Politik folgen. Es sollte über die Politik und die Maßnahmen der herrschenden Klassen nicht nachdenken oder sie gar kritisieren. Als „gottgewollt, weise und väterliche besorgt und um das Wohl des Volkes“ wurde die Regierung und Herrschaft der Imperialisten und Militaristen hingestellt. Schule und Kirche erzogen und beeinflussten in diesem Sinne, und durch militärischen Drill in der Kaserne sollte vollends jedes selbstständige Denken und Wollen abgetötet werden. Der Militarismus beherrschte weitgehend das gesellschaftliche Leben.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
„Die militärisch Rangordnung“. (Karikatur des „Simplizissismus“ aus dem Jahre 1919)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die politische Unterdrückung des Volkes

Mit ideologischen Mitteln allein vermochten die deutschen Imperialisten nicht, das Volk in ihre Aggressionspolitik einzuspannen, den Widerstand gegen Militarismus und Kriegsvorbereitung zu überwinden. Deshalb wurden von den herrschenden Klassen auch politische Mittel, einschließlich das der Gewalt, eingesetzt. Dieses Vorgehen richtete sich in erster Linie gegen die Arbeiterklasse und ihre Organisationen.

1899 wurde von der deutschen Regierung ein Gesetzentwurf „zum Schutz der gewerblichen Arbeit“ eingebracht. Nach Annahme dieses Gesetzes sollten die Vorbereitungen und die Durchführung von Streiks mit schweren Zuchthausstrafen geahndet werden. Die Arbeiter nannten deshalb diesen Gesetzentwurf Zuchthausvorlage.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Gegen diesen Anschlag auf die Rechte der Arbeiter entfaltete die Sozialdemokratie eine machtvolle Protestbewegung, der sich auch bürgerliche Kreise anschlossen. Unter dem Eindruck dieses Widerstandes wurde der Gesetzentwurf von der Mehrheit der Abgeordneten im Reichstag abgelehnt.

Doch immer wieder versuchten die herrschenden Klassen mit allen Mitteln, die Rechte der Arbeiter einzuschränken oder gar aufzuheben. Viele Kapitalisten verboten unter Androhung der sofortigen Entlassung den Arbeitern den Beitritt zu den Freien Gewerkschaften. Polizei und Militär wurden gegen streikende und demonstrierende Arbeiter eingesetzt.

Neben den Freien Gewerkschaften, die sich die Arbeiterklasse geschaffen hatte, bestanden auch noch Gewerkschaften unter der Kontrolle und dm Einfluss der Bourgeoisie
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Immunität=verfassungsrechtlich festgelegter Schutz von Parlamentsmitgliedern vor strafrechtlichen Maßnahmen
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

So wurde das Militär, das angeblich nur zum „Schutze des Vaterlandes“ da sein sollte, für den Einsatz gegen das eigene Volk gedrillt. Karl Liebknecht bezeichnete diese Erscheinung als „Militarismus nach innen“. Damit sollte das Hinterland für die geplanten Aggressionen für den „Militarismus nach außen“ gesichert werden.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im April 1908 wurde das Reichsvereinsgesetz vom Reichstag beschlossen. Es dienste der verstärkten Unterdrückung der nationalen Minderheiten. Das Gesetz forderte die deutsche Sprache in Schulde und Öffentlichkeit. Dadurch sollte die weitere Entwicklung einer eigenen Nationalkultur bei den polnischen, sorbischen und dänischen Minderheiten gehindert werden.

Das Reichsvereinsgesetz untersagte weiter den Jugendlichen unter 18 Jahren jegliche politische Tätigkeit. Sie durften an keinen Veranstaltungen der Arbeiterbewegung teilnehmen und sich nicht in politischen Vereinen zusammenschließen.

Selbst Sport und Spiel in den Arbeiter-Turn-und-Sportvereinen wurden als politische Betätigung ausgelegt und verboten.

Die Imperialisten versuchten dadurch, die Arbeiterjugend von der Arbeiterbewegung zu trennen und ihre sozialistische Beeinflussung zu verhindern, damit sie möglichst nur der imperialistischen Verhetzung ausgeliefert war. Mit Recht wurde das Reichsvereinsgesetz von der werktätigen(arbeiteten) Bevölkerung das „Sozialistengesetz für die Jugend“ genannt.

Durch einschränkende Bestimmungen im Wahlrecht versuchten die herrschenden Klassen, den Eintritt von Vertretern der Arbeiterklasse in die Parlamente zu verhindern oder wenigstens zu erschweren. Das kennen wir ja heute auch noch. Z.B. die Fünfprozentklausel.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Anmerkung: Manches kommt uns bekannt vor und hat sich bis heute nicht geändert. Allenfalls ist es abgemildert worden. (mit zeitweiligen Unterbrechungen auf dem Gebiet der DDR, bzw. der heutigen neuen Bundesländer)

In Koblenz gibt es das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, das nach 1990, also nach der Annexion der DDR durch die BRD, wiederaufgebaut worden ist.

 In Bad Kreuznach sind zwei Straßen nach Kaiser Wilhelm benannt. Die Wilhelmstraße und die Kaiser-Wilhelm-Straße. Außerdem gibt es die Moltkestraße, nach dem unrühmlichen General benannt. Das muss zu denken geben.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der Beginn des Imperialismus

Die Herrschaft der Monopolverbände

Die rasche Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte alle wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder erfasst. Neue Industriestaaten rückten in die Reihe der führenden kapitalistischen Länder auf: USA, Deutschland und Japan.

In allen bedeutenden kapitalistischen Staaten hatten um die Jahrhundertwende – wie in Deutschland – die Industrie- und Bankmonopole beherrschenden Einfluss erlangt.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Periode des Kapitalismus der freien Konkurrenz war zu Ende; die neue Stufe der kapitalistischen Entwicklung wird als Monopolkapitalismus oder Imperialismus bezeichnet.

Der Begriff „Imperialismus“ wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Bezeichnung für das Eroberungsstreben Napoleons (imperare, lat. = herrschen) und in dn1870eer Jahren als Schlagwort für die Kolonialpolitik der englischen Regierung verwendet. Mit der Herausbildung des Monopolkapitalismus bekam der Begriff die jetzige Bedeutung.

Die Monopole untereinander führten heftige Kämpfe um die Beherrschung der Märkte und Rohstoffquellen. Dem Konkurrenzkampf und den Wirtschaftskrisen waren nicht alle Monopole in gleicher Weise gewachsen. Die schwächeren Monopole wurden von den stärkeren geschluckt.

Nicht immer konnten die Monopole ihre Konkurrenten vernichten. In solchen Fällen zogen sie es vor, mit konkurrierenden Monopolen Abkommen zu treffen, die allen Beteiligten weiterhin höchste Preise für ihre Waren sicherten. So entstanden mächtige Monopolverbände.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Entwicklung des Finanzkapitals

Die Monopolbildung erstreckte sich auch auf die Banken. Es entwickelten sich Großbanken, die über beträchtliche Teile des Vermögens der Wirtschaft und des Staates verfügten. Kredite gewährten sie vor allem solchen Betrieben, die hohe Profite erzielten. Die Großbanken förderten die Bildung und Festigung der Industriemonopole. Um zu sichern, dass die Kredite möglichst gewinnbringend verwendet wurden, forderten sie die direkte Teilnahme an der Leitung der Monopole. Dazu ernannten sie ständige Vertreter der Banken.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Industriemonopole waren an einer festen Verbindung mit bestimmten Großbanken interessiert, von denen sie ihr Kapital verwalten lassen und jederzeit größere Kredite bekommen konnten. Auch die Industriemonopole sandten ihre Vertreter in die Leitungen der Großbanken. Außerdem kauften die Banken Aktien der Industrieunternehmen und diese wiederum Aktien der Banken auf.

Zeitgenössische Karikatur über die Herrschaft der Monopole in den USA
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Diese personelle und ökonomische Verflechtung gipfelte in der Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital. Dadurch gelangte eine nur kleine Schicht von Finanzkapitalisten zu überaus großer ökonomischer Macht. Der amerikanische Finanzkapitalist Morgan war beispielsweise in den Leitungen von 5 Banken, 50 Eisenbahngesellschaften, 3 Schifffahrtsgesellschaften, 8 Versicherungen und 40 Industrieunternehmen vertreten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Finanzkapitalisten nutzten ihre ökonomische Machtstellung, um politischen Einfluss auf den bürgerlichen Staat und die ganze Gesellschaft zu erlangen. Der bürgerliche Staat wurde mehr und mehr zu einer Interessenvertretung der mächtigsten Monopole. In den USA, in England und Japan übernahmen Vertreter der Monopole Regierungsämter. Der englische Finanzkapitalist Balfour, der an der Spitze bedeutender Eisen- und Stahlwerke stand, leitete von 1902 bis 1905 als Premierminister die Regierungsgeschäfte. Außerdem waren mindestens 11 Mitglieder seiner Regierung Gründer oder Direktoren von 17 Monopolvereinigungen.

Der Kampf um die ökonomische Aufteilung der Welt

Um möglichst hohe Profite zu erzielen, strebten die Monopolverbände ständig nach weiteren Rohstoffquellen und Absatzmärkten. Ökonomisch schwächere Länder, wie die Türkei, China, Persien oder die Balkanstaaten, wurden zum Tummelplatz einander bekämpfender Monopolverbände und imperialistischer Regierungen. Um ungestört die Rohstoffe und Bodenschätze in solchen Ländern nutzen, die billigen Arbeitskräfte ausbeuten und diese Gebiete als Absatzmärkte sichern zu können, wurde ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf geführt. Bei der Wahl der Mittel für den Kampf gegen die Konkurrenten gab es für die Leitungen der Monopole keinerlei Hemmungen. Zeitweilige Preisunterbietungen, Dumping genannt, Bestechungen, Drohungen und Gewalttaten gegen Konkurrenzvertreter sollten die Ziele erreichen helfen.

Die imperialistischen Regierungen griffen oftmals in solche Auseinandersetzungen ein und unterstützten die Monopole ihrer Länder mit staatlichen Mitteln: Kredite wurden gewährt oder plötzlich gekündigt, Erpressungen mit diplomatischen Mitteln organisiert, militärische Gewalt angedroht oder eingesetzt, um di betroffenen Länder in ökonomische und politische Abhängigkeit zu bringen.

Konnten die Konkurrenten nicht aus dem Felde geschlagen werden, so kamen oft Vereinbarungen mit ihnen zustande, die die gemeinsame Unterdrückung und Ausbeutung abhängiger Länder regelten. Es entstanden internationale Monopolverbände. Solche Vereinbarungen beendeten jedoch den Konkurrenzkampf nicht. Sobald sich das Kräfteverhältnis zwischen den konkurrierenden Monopolverbänden veränderte, wurden solche Vereinbarungen gebrochen.

Die Aufteilung der Welt unter die Monopolverbände am Beispiel der Elektroindustrie vor dem ersten Weltkrieg
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

So hörte trotz der Vereinbarungen zwischen der AEG und der CEC über die Ausbeutungsgebiete (siehe Karte) der Konkurrenzkampf nicht auf.

Besonders raffiniert ging die AEG zu Werke, um den Herrschaftsbereich dieses Elektromonopols zu vergrößern. In allen von der AEG beherrschten Ländern gründete ihr Präsident Emil Rathenau einheimische Tochtergesellschaften, die leichter zu den betreffenden Ländern vordringen konnten und die Herrschaft der AEG verschleierten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Kampf um die ökonomische Aufteilung der Welt unter die Monopolverbände vertiefte die Widersprüche zwischen den imperialistischen Staaten sowie die Widersprüche zwischen den imperialistischen und abhängigen Staaten.

Die Unterwerfung Afrikas durch England und Frankreich

In den Kolonien, das heißt in den Ländern, die völlig von kapitalistischen Staaten beherrscht wurden, konnten die Monopole ohne ausländische Konkurrenz geschützt durch die Staatsgewalt Rohstoffquellen erschließen, den Absatz der Waren organisieren, Betriebe und Verkehrsanlagen bauen und vorhandene billige Arbeitskräfte mit doppeltem und dreifachem Profit ungehindert ausbeuten. Diese Profitmöglichkeiten lösten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine wilde Jagd nach Kolonien aus, an der sich alle kapitalistischen Industrieländer beteiligten.

Zwei der ältesten kapitalistischen Staaten – England und Frankreich – hatten bereits bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts riesige Kolonialgebiete in Asien, Amerika und Afrika erobert. (siehe Karte „Die Welt im Jahre 1870“)

Die Welt im Jahre 1870
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Ein Ziel zahlreicher Kolonialeroberungen der Kapitalisten und ihrer Regierungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war der afrikanische Kontinent.

Nach einem Gefecht französischer Kolonialsoldaten und ihrer Hilfstruppen gegen die Bevölkerung von Dahomey (1891). (Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die bedeutendsten Kolonialgebiete eroberten Frankreich und England. Zwischen beiden Staaten kam es dabei immer wieder zu Auseinandersetzungen. Ein solcher Konflikt war zum Beispiel die Faschodakrise 1898. Eine englische Militärabteilung, die den Sudan unterwerfen und damit die Herrschaft Englands über Ägypten sichern sollte, traf Mitte September 1897 bei Faschoda auf französische Kolonialsoldaten, die den Ort bereits besetzt hatten. Dieser Wettlauf um die Unterwerfung des Sudan führte 1898 zu ernsten Konflikten zwischen England und Frankreich. 1899 einigten sich die Regierungen über die Abgrenzung der englischen und französischen Kolonialgebiete in Afrika (siehe Karte „Die Welt im Jahre 1914“)

Die Welt im Jahre 1914
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Um die Jahrhundertwende war Afrika unter die imperialistischen Mächte aufgeteilt. Dabei war es für die Völker Afrikas völlig ohne Bedeutung, ob ihre imperialistischen Unterdrücker deutscher, englischer oder französischer Nationalität waren. Imperialistische Kolonialpolitik bedeutete immer: Ausbeutung, Unterdrückung, Hunger und Rechtlosigkeit.

„Die englische Kolonialpresse.“ (Zeitgenössische Karikatur von Th. Th. Heine aus dem „Simplizissimus“
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Kolonialkrieg gegen die Herero

Mit besonderer Grausamkeit unterdrückten die deutschen Imperialisten die von ihnen beherrschten Kolonialvölker. Ein charakteristisches Beispiel dafür war der Krieg gegen die Herero von 1904 bis 1907. Die deutschen Kolonialherren verdrängten die Herero, eine große Völkerschaft in Südwestafrika, aus den fruchtbarsten Gebieten in Küstennähe.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die offizielle Entschuldigung der Familie von Trotha erfolgte erst im Jahre 2004.                                     Siehe Wikipedia.

Im Jahre 1904 erhoben sich die verzweifelten Hereros gegen ihre Unterdrücker und die Räuber ihres Besitzes. Die kaiserliche Regierung sandte daraufhin 14 000 Soldaten nach Südwestafrika. Die Herero wehrten sich tapfer, konnten aber gegen die modernen Gewehre und Geschütze der Soldaten wenig ausrichten. Nur 6 000 Hereros besaßen unmoderne Gewehre, die übrigen nur Holzkeulen. Gewaltsam wurden sie von den Wasserstellen abgedrängt. Der Kommandeur der deutschen Kolonialsoldaten verweigerte selbst Frauen, Kindern und Verwundeten das lebensnotwenige Wasser.

Voller Verzweiflung wagten die Herero einen Marsch durch die wasserlose Wüste von Omaheke, um Südafrika zu erreichen. Von 100 000 Herero überlebten nur 20 000 den Kolonialkrieg.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Anmerkung von Petra Reichel: In der alten BRD hat man nichts über den Kolonialkrieg gegen die Herero gelernt. Es wurde sich nur in der DDR damit befasst.

Erst Jahre nach der Annexion der DDR durch die BRD, beschäftigten sich politisch Verantwortliche mit dem brutalen Vorgehen gegen die Herero. 

Näheres dazu: siehe Wikipedia

Deutsche Offiziere Keetmannshoop(heute Namibia) um 1904
 Bild entnommen aus DER SPIEGEL  48a, 2021

Siehe Artikel aus DER SPIEGEL 48a, Dez 2021

Artikel aus DER SPIEGEL 48a, Dez 2021
Völkermorddenkmal in Windhoek (2016)
Bildquelle: Von Pemba.mpimaji – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54308729

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR