30jähriger Krieg aus Sicht der offiziellen Geschichtsschreibung

30jähriger Krieg

Bild entnommen aus der „Rhein-Zeitung“ vom 11.05.2018

 

 

30jähriger Krieg heute gesehen(offizielle Geschichtsschreibung)

 

Original-Artikel aus der „Rhein-Zeitung“(Autor Christoph Driessen) als PDF-Datei, Bitte Link klicken

30jähriger Krieg heute gesehen(offizielle Geschichtsschreibung)

 

Text aus der „Rhein-Zeitung“ vom 11.05.2018:

Westfälischer Frieden als Blaupause für Syrien-Konflikt?                                        Jahrestag Dreißigjähriger Krieg weist viele Parallelen mit der Gegenwart auf

RZ Koblenz und Region vom Freitag, 11. Mai 2018, Seite 6 

Zitternd drängen sich Vater und Mutter Friese mit ihren Kindern auf dem Dachboden zusammen. Sie stehen schier unerträgliche Todesangst aus. Gestern noch war ihre Welt in Ordnung. Da lebten sie als wohlhabende Bürger in einer der bedeutendsten deutschen Städte, größer als Berlin, größer als München: Magdeburg. Aber an diesem Morgen des 20. Mai 1631 sind feindliche Soldaten in die Stadt eingedrungen, die jetzt plündern, brandschatzen und morden. Die Frieses horchen panisch hinaus auf die Straßen. Vielleicht werden die Totschläger sie hier oben nicht finden? Doch plötzlich steht einer in der Tür, in der Hand einen Spitzhammer. Sofort geht er auf den Vater los. Mutter und Kinder schreien panisch. Ist das das Ende? Da tritt der jüngste Sohn auf den Soldaten zu, der kleine Christian, der erst vor Kurzem laufen und sprechen gelernt hat. „Ach, lasst doch nur den Vater leben!“, bettelt er. „Ich will euch gern meinen Dreier, den ich am Sonntag bekommen habe, geben“ – sein Taschengeld also. Und da geschieht es: Der Angreifer hört auf zu schlagen. Seine Gesichtszüge entspannen sich, er lächelt. Es ist, als hätten die Worte des Jungen wieder Menschlichkeit in ihm geweckt. „Ey, das sind feine Bübel“, soll er gesagt haben. Die bewegende Schilderung stammt von Christians damals zwölf Jahre altem Bruder Johann Daniel Friese. Ein kleines Wunder im großen Schlachten. Die Familie überlebte mit viel Glück das größte Inferno des Dreißigjährigen Krieges, die Zerstörung Magdeburgs. Damals sollen an einem Tag 20 000 der etwa 30 000 Einwohner gestorben sein. Der Historiker Christian Pantle spricht vom „Hiroshima des Dreißigjährigen Krieges“.

Das große Sterben beginnt 1618 mit dem Prager Fenstersturz

Am 23. Mai ist es genau 400 Jahre her, dass der Krieg mit dem Prager Fenstersturz begann. Dabei wurden katholische Statthalter von wütenden Protestanten aus einem Fenster der Prager Burg geworfen. Aus dieser lokalen Krise im Königreich Böhmen entwickelte sich der verheerendste Konflikt der deutschen Geschichte, bis dieser traurige Rekord 300 Jahre später vom Ersten Weltkrieg abgelöst werden sollte. Genaue Opferzahlen sind zwar nicht bekannt. Die Mehrheit der Historiker nimmt allerdings an, dass die Bevölkerung Deutschlands von 15 bis 16 Millionen auf weniger als zwölf Millionen gesunken ist. Dabei waren die Regionen unterschiedlich stark betroffen: Ein Korridor der Zerstörung zog sich von Mecklenburg-Vorpommern über Mitteldeutschland und Hessen nach Bayern.                                                                                                               Wenn man den prozentualen Anteil der Bevölkerung, der durch den Konflikt umkam, zum Maßstab nimmt, war der Dreißigjährige Krieg sogar der blutigste überhaupt: Selbst nach den vorsichtigsten Schätzungen verringerte sich die Bevölkerung um 15 Prozent – weniger durch Schlachten als durch Seuchen. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger gibt den Forschungsstand wieder, wenn er schreibt, dass der Dreißigjährige Krieg „zu den gewalttätigsten, brutalsten und zerstörerischsten Kriegen der Geschichte gezählt werden“ muss.                                                                                                                        Das Geschehen ist von beklemmender Aktualität. Für den Politikwissenschaftler Herfried Münkler ist die Rebellion in Böhmen „strukturanalog zu dem, was inzwischen als Arabischer Frühling bezeichnet wird“. Also zur Serie von Rebellionen in der arabischen Welt seit Ende 2010. Und der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer sagt: „Vergleichen Sie Syrien mit einer Geschichte des Dreißigjährigen Krieges: Es trifft fast eins zu eins zu. Es gibt da sehr, sehr viele Gemeinsamkeiten. Das geht so weit, dass Sie Magdeburg mit Aleppo vergleichen können.“                                                              Wie konnte es überhaupt zu der „Urkatastrophe der Deutschen“ kommen? Es gibt mehrere Erklärungen. Die neueste: Das Klima war schuld. Im 17. Jahrhundert erlebte Europa eine Kleine Eiszeit. Es war im Durchschnitt 2 Grad kälter als heute, der erste Schnee fiel schon im Herbst. Die Sommer waren kurz, kühl und nass, was zu Missernten und zu einer Verteuerung von Lebensmitteln führte.                                                      „Während der größere Teil der Gesellschaft tendenziell verarmte, zeitweise sogar hungerte, machten Grundherren, Großbauern, Händler, aber auch Müller, Bäcker und Metzger glänzende Geschäfte“, schreibt der Historiker Georg Schmidt. „Die Schere zwischen Reich und Arm, zwischen Oben und Unten öffnete sich weiter.“                        Einige Historiker glauben deshalb, dass der Dreißigjährige Krieg auch ein Verteilungskampf um verknappte Ressourcen war. Als sicher gilt, dass die Klimaveränderung eine der Hauptursachen der Hexenverfolgung war, die während des Krieges ihren Höhepunkt erreichte. Der „Schadenszauber“ der als Hexen verleumdeten Frauen wurde für Missernten, Hagelstürme und Überschwemmungen verantwortlich gemacht.                                                                                                                                                In mancherlei Hinsicht erscheint die Zeit des Dreißigjährigen Krieges vertraut: Es gab damals schon Aktien, Lochbildkameras und windbetriebene Wagen, die 50 Kilometer in der Stunde erreichten. Aber die Menschen dachten doch ganz anders als heute. „Alle waren tief religiös“, betont der Historiker Peter H. Wilson. „Alle waren davon überzeugt, dass ihre Version des Christentums den einzig wahren Heilsweg versprach.“ Der Glaube, katholisch, evangelisch-lutherisch und reformiert-calvinistisch, durchdrang das ganze Leben. Religion, Staat und Gesellschaft waren so stark miteinander verwoben wie heute in einem fundamentalistisch-islamischen Land. Erneut drängt sich hier der Vergleich mit Syrien auf: „Die Parallele, dass die Religion für machtpolitische Zwecke missbraucht wird, ist auch gegeben“, sagt Joschka Fischer. „Der innerislamische Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten wird sowohl vom Iran als auch von sunnitischen Mächten wie Saudi-Arabien und anderen benutzt.“                                                                                          Auch im Dreißigjährigen Krieg ging es nur vordergründig um Religion. Dahinter standen vielmehr ganz konkrete Machtinteressen. So kämpfte das katholisch geführte Frankreich auf der Seite der Protestanten gegen die katholischen Habsburger, die in Wien und Madrid regierten. Dänemark und Schweden mischten sich ebenfalls ein – ähnlich wie heute in Syrien der Iran, Russland und die Türkei.                                                                      Der Krieg setzte große Flüchtlingsströme in Gang. „Ich sah Mütter, die mehrere Kinder, zwei auf dem Rücken und eines auf den Armen, daherschleppten“, schilderte ein Abt. Der Anblick sei „kaum auszuhalten“ gewesen. Wer noch etwas Geld und die nötigen Kraftreserven hatte, versuchte, sich in die Niederlande durchzuschlagen, damals das reichste und freieste Land Europas.                                                                                              Bald war jeder dritte Einwohner von Amsterdam Deutscher. Der lutherische Kirchenrat der Stadt registrierte 1631, dass „täglich Personen, die aus Magdeburg geflüchtet sind, hier ankommen und um Hilfe ersuchen“. Trotz der Massenzuwanderung kam es in den Niederlanden nie zu Anschlägen auf Flüchtlinge. Misstrauen gab es allerdings schon. So klagte ein Ratsherr, früher habe er die Haustür einfach offen gelassen, aber mittlerweile sei das wegen der vielen Fremden nicht mehr möglich.                                        Niederländische Rüstungsfabrikanten verdienten derweil prächtig an dem großen Schlachten: Sie versorgten beide Seiten mit Kanonen, Pulver und Pistolen. Einer der größten Profiteure des Krieges war Albrecht von Wallenstein, der als klassischer Warlord selbst eine Armee aufstellte und unermesslich reich wurde. Allein die „Kuchl-Partei“, eine Küche auf Rädern, die ihn ständig begleitete, umfasste 40 vierspännige Karossen.                                                                                                                                              Aus dem Westfälischen Frieden, der den Krieg 1648 schließlich beendete, versuchen Forscher heute, Lehren für aktuelle Konflikte zu ziehen. So gibt es in Großbritannien an der Universität Cambridge das Projekt „A Westphalia for the Middle East“. Noch als Außenminister regte Frank-Walter Steinmeier vor zwei Jahren an, man solle sich bei der Suche nach einer Lösung für den Nahostkonflikt am Westfälischen Frieden orientieren.

Die Friedensgespräche zogen sich über mehrere Jahre hin

Ausgehandelt wurde der Frieden von 1644 bis 1648 im katholischen Münster und im protestantischen Osnabrück. Es war eine Konferenz, wie sie die Welt noch nicht gesehen hatte: 109 diplomatische Vertretungen aus 16 europäischen Staaten beteiligten sich. Die Verhandlungen bildeten die Grundlagen des modernen diplomatischen Protokolls heraus, etwa Begrüßungs- und Verabschiedungszeremonien und Rangfolgen. Auch der „Ehrenlaufsteg“ oder Rote Teppich, der schon aus den antiken Quellen belegt ist, wurde damals wiederentdeckt.                                                                                                                     Der Verhandlungsmarathon war erfolgreich, weil am Schluss jede der beteiligten Mächte ihr Gesicht wahren konnte. Der Schlüssel dazu war das „Separieren der Konfliktebenen“, wie es Herfried Münkler ausdrückt: Die unterschiedlichen Konflikte zwischen Kaiser und Schweden, Kaiser und Franzosen, Niederländern und Spaniern wurden jeweils einzeln verhandelt. Dabei hätten die Diplomaten gleichzeitig sichergestellt, dass die Kompromisse am Ende nicht miteinander kollidierten, erläutert Münkler.                         Eines der größten Probleme war die Demobilisierung der vielen Tausend Söldner. Man befürchtete, dass die arbeitslosen Berufssoldaten könnten plündernd durchs Land würden. So wie heute Experten davor warnen, dass viele IS-Kämpfer nach ihrer endgültigen Niederlage in Syrien nach Europa kommen könnten.                                  Während andernorts nicht mehr viel an den Dreißigjährigen Krieg erinnert, kann man die Schauplätze der vier Jahre währenden Konferenz in Münster und Osnabrück noch besuchen. Der Stolz beider Städte sind die holzvertäfelten Friedenssäle in ihren Rathäusern. Aus Gemälden blicken dort die Chefdiplomaten auf die Besucher herab. Im Rathaus von Münster wurde der Frieden beschworen. Von den Stufen des Osnabrücker Rathauses wurde er verkündet. Die Deutschen atmeten auf – endlich! Wird dieser Moment auch für Syrien kommen? „Am Ende wird es nach vielen, vielen Toten und furchtbaren Gräueltaten einen Kompromiss aller Beteiligten brauchen“, glaubt Fischer. „Ob der mit Assad erreichbar ist, das wage ich zu bezweifeln. Dazu hat der zu viele auf dem Gewissen. Wir werden es sehen.“ 

Christoph Driessen

RZ Koblenz und Region vom Freitag, 11. Mai 2018, Seite 6 

Karte 30jähriger Krieg

Karte 30jähriger Krieg aus der „Rhein-Zeitung“

 

Der Autor des Textes aus der „Rhein-Zeitung“ vergleicht den 30jährigen Krieg mit dem Syrien-Konflikt heute.

Syrienkonflikt

Syrienkonflikt heuteDer Dreißigjährige Krieg war für die Zeitgenossen eine Katastrophe. Millionen starben an Seuchen, Hunger und direkten Kriegseinwirkungen. Vordergründig ging es in dem Konflikt um Religion. Tatsächlich waren aber auch politische und wirtschaftliche Interessen im Spiel. Ähnlich wie im aktuellen Syrien-Konflikt versuchten damals auch viele ausländische Staaten, von den verheerenden Schlachten zu profitieren. Fotos: dpa

RZ Koblenz und Region vom Freitag, 11. Mai 2018, Seite 6

Die Bildbeschreibung kommt der Wahrheit schon näher. Siehe Beiträge von DIE TROMMLER-ARCHIV, entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR.

Der einzigste wahre Fakt im Artikel ist der Hinweis auf die Kriegsprofiteure.

 

Anmerkungen von Petra Reichel

 

Ach nee, das Klima war schuld. Warum scheut sich die offizielle Geschichtsschreibung  sachlich die Gründe für die 30 jährigen Krieg und die Machtkonstellation in Europa zuvor, darzulegen? 

Ebenso wird heute behauptet, dass das Klima an den Hexenverfolgungen schuld war. Ursache war doch wohl eher, dass diese Frauen aufgemuckt hatten und über Wissen verfügten, dass nicht unter die Leute gelangen durfte. Durch so eine dumme Behauptung wird das Volk heute genauso verdummt, wie damals. 

Es wird über die Niederlande als Ziel für die Flüchtlinge des 30jährigen Krieges gesprochen. Es gab aber auch in Deutschland Gebiete, die vom Krieg relativ schont wurden, wohin die Menschen flüchteten.

Wallenstein ein Warlord? Aus dem Artikel geht nicht hervor, dass Wallenstein im Auftrag des Kaisers handelte, vorübergehend den Auftrag entzogen bekam und später einen neuen Auftrag bekam, um im Krieg zu agieren. Wallenstein suchte nach einem Weg den Krieg zu beenden. Er wurde am Ende erneut abgesetzt und der Kaiser gewann dessen Generale und Obersten. Diese wollten den Krieg weiterführen, um sich weiterhin persönlich zu bereichern. Auf kaiserliche Weisung wurde Wallenstein von ihnen ermordet. Das hat mit den heutigen Warlords wenig zu tun, die meist auf eigene Faust handeln.

Was hat der 30jährige Krieg mit dem „arabischen Frühling“ zu tun? Nichts.

DIE TROMMLER hat sich mit dem Thema beschäftigt und das Geschichtsbuch der DDR 

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zu Rate gezogen. Näheres siehe in den Beiträgen von DIE TROMMLER-ARCHIV.

Ebensowenig kann der „westfälische Frieden“ ein Vorbild dafür sein den Syrienkonflikt zu beenden. 

 

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Die Tätigkeit der Spezialkommissionen

In Jahr 1958 wurde auf Befehl des Ministers in der HA IX eine spezielle
 Kommission zur Untersuchung von Brand- und Mordfällen geschaffen: die „Spezialkommission“. 1967 wurden gleichartige Spezialkommissionen in
einigen, später in allen Abteilungen IX(die Abteilungen des MfS waren mit römischen Zahlen gekennzeichnet. Dazu in einem späteren Beitrag mehr.) der Bezirksverwaltungen gebildet.
Sie hatten insbesondere Brände, Havarien, Gewaltakte und Todesfälle zu untersuchen, bei denen es sich um Terror- oder Diversionsakte handeln konnte, die einen möglicherweise staatssicherheitsspezifischen Hintergrund hatten
oder die wegen beträchtlicher Unruhe in der Bevölkerung und anderen Auswirkungen die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich beeinträchtigen
oder berühren konnten. Kritisch anzumerken ist, dass mitunter diese
Spezialkräfte des MfS auch zur Aufklärung und Untersuchung von Vorkommnissen eingesetzt wurden, obwohl dafür andere Staatsorgane zuständig
 und dazu auch in der Lage waren.

Zuständigkeitsstreit

Bildquelle: Pharmazeutische Zeitung online https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=6489

 

Das Zuständigkeitsgerangele kennen wir aus allen Ländern der Welt und das gab es früher und gibt es auch heute. In US-amerikanischen Krimis wird dieses Thema oft angesprochen. So z.B. das Zuständigkeitsgerangele zwischen FBI und örtlicher Polizei

Die Kommissionen arbeiteten mit den kriminalistischen Mitteln und Methoden,
wie sie auch von den entsprechenden Spezialkommissionen der Deutschen
 Volkspolizei zur Anwendung kamen. Sie konnten sich aber in ihrer
Tätigkeit zugleich auf das gesamte operative Potential(mit geheimdienstlichen Mitteln agieren)des MfS stützen. Mit
den Untersuchungsorganen(Polizei) des Ministeriums des Innern(MdI) wurde dabei eng zusammengearbeitet. Das war in der DDR selbstverständlich und entsprach der Rechtsordnung und auch den Erwartungen der Bevölkerung
zum Schutz vor Straftaten und anderen schwerwiegenden Störungen
 ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Unter aktiver Mitwirkung der Spezialkommissionen erfolgte die Aufklärung
 von Morden und Todesfällen, einer beträchtlichen Anzahl schwerer Anschläge
 gegen Grenzsicherungskräfte und Grenzsicherungsanlagen, die Aufklärung
 von Flugzeugunfällen und anderen Vorkommnissen im Flugbetrieb sowie
 von Großbränden, Havarien(größere Unfälle/Unglücke) und anderen schweren Störungen in der Volkswirtschaft. Beispielsweise wurden in den Jahren 1969 bis 1971 in den Kreisen
Eberswalde und Oranienburg gemeinsam mit Angehörigen der Deutschen
 Volkspolizei Morde an Kindern aufgeklärt, die zu erheblicher Beunruhigung
 unter der Bevölkerung geführt hatten.

Straftaten im Transitverkehr zwischen der BRD und Westberlin aufzuklären
war besonders schwierig, da es kein Rechtshilfeabkommen zwischen
der DDR und der BRD gab. Erinnert sei an den spektakulären Mord
 an der BRD-Bürgerin Maria H. im Herbst 1966 auf einem Parkplatz bei
Eisenberg (Thüringen). Ihre Leiche war bei Leipzig abgelegt worden. Der
 Täter schleuste mit den Papieren der Ermordeten die minderjährige DDR-Bürgerin
 Elke K. aus. Die Übergabe der Beweise führte dazu, dass die Behörden 
der BRD dem Wunsch der Elke K. nach Rückführung in die DDR entsprechen 
mussten.

Wie dieses Vorkommnis, so wurde auch der tragische Todesfall eines Transitreisenden bei der Grenzpassage an der Grenzübergangsstelle Drewitz im 
April 1983 seitens der BRD zu einem Politikum gemacht und führte zu einer erheblichen Verschärfung der Beziehungen zwischen der DDR und der BRD.
 Es konnte gerichtsmedizinisch nachgewiesen werden, dass der Mann nicht misshandelt worden war, sondern an 
Herzversagen starb. Beim Sturz vom Stuhl hatte sich der bereits Tote Verletzungen
 am Kopf zugezogen. Sie waren Folge, nicht Ursache seines Todes.
 Dieser Fall wurde in der Asphaltpresse der BRD hochgekocht und von anderen Westmedien übernommen. Das löste Missstimmung in der Bevölkerung der BRD gegenüber der DDR aus und führte auch in der hohen Politik zu einer Krise. Die DDR musste Geld ausgeben, um den Fall in Hamburg untersuchen zu lassen. Da hat sich bestätigt, dass er Betroffene an  Herzversagen während der Kontrolle am Grenzübergang starb. Die angebliche Misshandlung durch Grenz-“beamte“ hat sich als Märchen (der Asphaltpresse der BRD)entpuppt. Aus der heutigen Sicht müssen auch der DDR gegnerisch eingestellte Medien und Institutionen(es gibt einen Link zur „Bundeszentrale für politische Bildung“)die Wahrheit sagen. Siehe nachfolgende Artikel und Link.

Ausschnitt Toter vom Grenzübergang Drewitz 1983

 

60 x Deutschland Artikel Toter Grenzübergang Drewitz 1983


 

Nach 1989 wurde versucht, im Falle des angeblichen Honecker-Attentates
 bei Wandlitz die Untersuchungsergebnisse der Spezialkommission in Zweifel
 zu ziehen. Die Untersuchungen hatten seinerzeit zweifelsfrei ergeben,
dass es sich bei dem Vorkommnis Sylvester 1982 nicht um einen Anschlag
 gehandelt hatte. Vielmehr hatte ein betrunkener Autofahrer, der durch verkehrswidriges Verhalten aufgefallen und deshalb von Sicherungskräften angehalten
 worden war, mit einer von ihm mitgeführten Pistole geschossen und
 sich dann selbst durch Kopfschuss getötet.
 Dennoch wurde gegen einen Angehörigen der Sicherungskräfte ein Ermittlungsverfahren wegen Mordverdachts eingeleitet. Erst 1995 gestand die
zuständige Staatsanwaltschaft ein, dass es weder einen Attentatsversuch auf
 Erich Honecker gegeben noch der beschuldigte Angehörige der Sicherungskräfte
einen Mord begangen hatte.
 Darüber ist in den West-Medien viel spekuliert worden. Nach 1990 hat man dies wieder herausgeholt. Der „Focus“ berichtet in einem Artikel vom 16.05. 2014 im Nachhinein sachlich über die Erinnerungen von Honeckers Leibwächter Bernd Brückner.

online Focus

 

Bernd Brückner Leibwächter von Honecker

Bernd Brückner, Leibwächter von Erich Honecker

Bildquelle: Online Focus https://www.focus.de/politik/deutschland/das-honecker-attentat-von-klosterfelde-als-ein-betrunkener-ddr-waffennarr-die-stasi-blossstellte_id_3850919.html

 

Erich Honeckers 1989er Citroën CX Prestige Rallongée Turbo II

Honeckers Auto

Bildquelle: Online Focus https://www.focus.de/politik/deutschland/das-honecker-attentat-von-klosterfelde-als-ein-betrunkener-ddr-waffennarr-die-stasi-blossstellte_id_3850919.html

 

 

Es ist aber schleierhaft, wieso bei dem strengen Waffenrecht der DDR(„Otto Normalbürger“ und „Lieschen Müller“ hatten in der DDR keine Chance Waffen zu besitzen)Paul Eßling ein ganzes Waffenarsenal besitzen konnte? Hatte schon 1982, als der Vorfall geschah, die DDR-Staatsmacht gebröckelt? In diesem Fall ist die reißerische Überschrift des „Focus“ „Als ein betrunkener DDR-Waffennarr die Stasi bloßstellte“ nicht mal verkehrt.

online Focus

 


 

Insgesamt haben die Untersuchungsorgane des MfS im Zusammenwirken mit anderen Untersuchungsorganen jährlich mehrere Hundert Havarien, Brände und Störungen in der Volkswirtschaft, Verluste von geheimen Dokumenten, Diebstähle und Verluste von Waffen und Militärtechnik und ähnliche schwerwiegende Vorkommnisse untersucht und aufgeklärt.

 

Buchtitel Die Sicherheit Kopie 3

 

Text:

Karli Coburger und Dieter Skiba, bearbeitet von Petra Reichel

 

Entnommen aus dem Buch „Die Sicherheit“

Website MfS-Insider

 

 

Das gesamte Buch oder einzelne Kapitel können von der Website www.mfs-insider.de heruntergeladen werden.

 

 

 

Original-Text

Spezialkommissionen

 

 

 

 

Abhanden gekommenes Klassenbewusstsein

Rotfuchs

 

In der Ausgabe des „RotFuchs“ von Mai 2017 beschreibt ein Artikel die Vorgänge in einem Betrieb während der Konterrevolution in der DDR. Dazu kann man nur sagen, dass der Arbeiterklasse in der DDR das Klassenbewusstsein abhanden gekommen ist. Wäre dieses noch vorhanden gewesen, wäre der Ablauf der Ereignisse ein Anderer gewesen und die DDR würde vielleicht noch bestehen.

Der Artikel beschreibt auch, dass es bald diesen Betrieb nicht mehr gab. Die damaligen Arbeiterinnen und Arbeiter lernten bald Arbeitslosigkeit, Armut und prekäre Beschäftigung kennen.


 

Was nicht in den Personalakten stand

Autor: Dr. Hans Rost

Wir schrieben das Jahr 1989. In unserem damals volkseigenen Werk waren insgesamt etwa 900 Beschäftigte tätig. Die Unzufriedenheit hatte zugenommen und nun, zum 40. Jahrestag der DDR, ihren Höhepunkt erreicht. Da erschien eines Tages eine Abordnung von Betriebsangehörigen in meinem Büro. Sie verlangten im Namen aller anderen Einsicht in ihre Personalakten und deren Herausgabe. Der Wortführer, ein junger Mann aus dem Bereich der Instandhaltung, erklärte: „Wir wollen alle sehen, was ihr über uns an die Staatssicherheit berichtet habt, und warum wir nicht, so wie wir wollen, in den Westen fahren dürfen, und warum keiner etwas gegen die immer größer werdenden Missstände unternimmt.“

Ich hatte nur wenig Zeit zum Überlegen. Ich entschied aufgrund der aufgeheizten Stimmung, der Forderung nach Akteneinsicht nachzukommen. „Morgen früh ab 7 Uhr können alle in der Personalabteilung Einsicht in ihre Akte nehmen. Jeder kann dann – mit Ausnahme des Arbeitsvertrages – das für ihn Relevante mit nach Hause nehmen“, war meine Antwort. Die Abordnung war damit einverstanden. Dies war eine eigenmächtige Entscheidung, doch ich war der Meinung, dass die Leute ein Recht auf ihre Unterlagen hatten. Wir hatten ja nichts zu verheimlichen. Meine Mitarbeiterinnen wies ich an, einen Raum mit drei Tischen getrennt voneinander einzurichten und jedem, der es wünschte, seine Personalakte zur Einsicht zu geben. Sie sahen mich erstaunt an, fragten aber nicht weiter nach dem Grund. Nachdem alles vorbereitet war, machten wir wie immer 16.30 Uhr Feierabend.

Am nächsten Morgen kam ich etwas zeitiger zur Arbeit. Ich staunte nicht schlecht. Vor dem Eingang zum Büro stand eine lange Schlange wartender Personen. Außer einiger spitzer Bemerkungen und versteckter Beleidigungen verhielten sie sich ruhig und diszipliniert. Meine Mitarbeiterinnen waren inzwischen auch eingetroffen. Obwohl es noch nicht 7 Uhr war, öffnete ich die Tür und ließ die ersten drei Kollegen eintreten.

Meine Stellvertreterin bot ihnen einen Platz an den Tischen an und übergab die jeweilige Personalakte. Jeder las interessiert in seinen Papieren, blätterte von vorn bis zur letzten Seite und wieder zurück, schüttelte mit dem Kopf, las weiter, manche murmelten auch etwas vor sich hin. Nach ca. zehn Minuten stand der erste auf, warf die Akte auf den Tisch und wollte gehen. „Einen Moment“, sagte ich zu ihm, „außer dem Arbeitsvertrag, dem Laufzettel und dem Einstellungsprotokoll können Sie alles mitnehmen, wir benötigen es eigentlich nicht.“ „Was soll ich damit machen?“, fragte er etwas unwirsch. Auch die anderen waren jetzt mit ihrer Durchsicht fertig. Es folgte das gleiche Spiel. „Habt ihr wirklich nicht mehr?“, fragte einer. „Nein, das sind vollständig eure Akten“, war meine Antwort. Wort- und grußlos verließen sie dann den Raum. Die Nächsten kamen. Die Stimmung war angespannt. So ging es nun fast den ganzen Tag. Viele schüttelten nur mit dem Kopf oder lachten, als sie ihre Akte lasen. Eine Kollegin fragte, wieso ihre Kurbestätigung hier drin sei. Einer wollte wissen, wo denn der „Strenge Verweis sei, den er im vergangenen Jahr erhalten habe. „Nach einem Jahr“, antwortete meine Kollegin, „wird er, wenn nichts wieder vorgefallen ist, aus der Akte genommen und vernichtet.“ Einer erkundigte sich, wer die Beurteilung wegen seiner Reise in die BRD geschrieben habe. Er wollte nicht glauben, dass der Direktor für Produktion die Reise befürwortet hatte, die Personalabteilung einver­standen war, sie aber dennoch von anderer Stelle abgelehnt worden war. Wir konnten seine Frage nicht beantworten.

Viele verließen den Raum mit enttäuschtem Gesicht. „So ein Unsinn, was die alles aufgehoben haben“, meinten mehrere von ihnen. Sie hatten offenbar nicht gefunden, was angeblich in der Akte sein sollte und wonach sie hauptsächlich gesucht hatten. Wir hatten uns darauf eingerichtet, an diesem Tag einige Stunden länger zu öffnen, um auch den Schichtarbeitern die Möglichkeit zur Einsichtnahme zu geben.

Offensichtlich hatte es sich bis zum Mittag im Betrieb herumgesprochen, was in den Personalakten enthalten war. Der Andrang am Nachmittag nahm spürbar ab, und am nächsten Morgen kamen nur noch vereinzelte Kolleginnen und Kollegen. Nach unserer Rechnung waren bisher nicht einmal 30 % der Betriebsangehörigen zur Einsichtnahme gekommen. Deshalb übergaben wir am Nachmittag jeder Abteilung ein Schreiben mit dem Angebot, in die Akten einzusehen, da wir diese Aktion abschließen wollten. Es kamen nur noch ganz wenige. Warum also vorher die große Aufregung?

In der Zwischenzeit ordneten meine Kolleginnen die Akten für jeden, der Einsicht genommen hatte, neu. Die Unterlagen, die nicht mitgenommen wurden, warfen sie in einen Papiersack, um ihn am nächsten Tag im Kesselhaus des Betriebes zu verbrennen. Als ich den ersten Sack in das Kesselhaus brachte, kam ein Kollege auf mich zugestürzt und brüllte mich an: „Ihr wollt wohl die Berichte an die Stasi verbrennen“? „Nein“, sagte ich ganz ruhig, „das sind nur die Reste der Akten, welche die Kollegen nicht mitgenommen haben.“ „Das wollen wir sehen“, forderte er barsch. Obwohl das eigentlich nicht rechtens war, weil es ja auch damals noch einen bestimmten Datenschutz gab, nahm ich den Sack, drehte ihn um und schüttete ihm alles vor die Füße. „So“, sagte ich, „sieh nach, was es für Unterlagen sind.“ Eifrig begannen sie – es waren noch zwei Kollegen hinzugekommen – einzelne Schrift­stücke herauszuziehen und zu lesen. Ihre Gesichter wurden immer länger. Ich stand daneben und schaute zu. Etwa nach einer Viertelstunde hörten sie auf. „Los, verbrennt das Zeug“, knurrte der Anführer seine Kollegen an, drehte sich um und verschwand. Die beiden nahmen die Schriftstücke und warfen sie in die Feuerung. Ich blieb dabei, bis alles verbrannt war.

Einige Tage später ging ich durch einzelne Abteilungen des Betriebes. Ein Teil der Kolleginnen und Kollegen sagten: „Ihr habt euch ja große Mühe gegeben, aber was sollen wir mit dem ganzen Zeug machen? Außer der Beurteilung und ein paar anderen Sachen war ja nur viel Papier in der Akte!“ Einzelne machten einen großen Bogen um mich, sie konnten die Enttäuschung wahrscheinlich nicht verwinden, dass sie nicht das gefunden hatten, was ihnen eingeflüstert worden war. Immerhin waren ja innerhalb von zehn Jahren 168 Betriebsangehörige, nicht nur Rentner, in die BRD gereist. Eine einzige Kollegin ist in der BRD geblieben, aus persönlichen Gründen. Alle anderen kehrten wieder an ihren Arbeitsplatz zurück.

Wenige Monate später wurde der Betrieb abgewickelt. Anlagen und Maschinen hat man in der Nacht auf Waggons verladen und in die alten Bundesländer verbracht. Alle Angehörigen des Betriebes wurden arbeitslos. Unser Werk wurde zum zweiten Mal nach 1945, dieses Mal aber für immer, geschlossen.

RotFuchs Mai 2017

Titel RF Mai 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Original-Artikel:

-nicht in Personalakte RF Mai 2017

 

Artikel und Titelblatt der entsprechenden Ausgabe als PDF-Datei:

PDF -nicht in Personalakte

 

 

 

Mit 22 ins Parlament

Titel RF Mai 2017 Kopie

 

 

entnommen aus der „RotFuchs“-Ausgabe Mai 2017

Autor Rainer Fehlberg

Ich hatte mir vorgenommen, Ingrid Wünsche, eine 22jährige Kandidatin für die Volkskammer, die oberste Volksvertretung der DDR, kennenzulernen. Mein erster Annäherungsversuch schlug fehl: „Montag habe ich den zweiten Hochzeitstag und möchte keinen Journalistenbesuch, auch nicht von einem ,Jugend‘-Redakteur.“

Foto Günter Jazbec

Foto: Günter Jazbec

Beim zweiten Anlauf ein paar Tage später hatte ich mehr Glück: Während einer ihrer Wahlkampfveranstaltungen stand die junge Frau Oberschülern Rede und Antwort. Sie hatte Lampenfieber. Man spürte ein wenig Unsicherheit: „Und wenn ich keine Antwort auf eine Frage weiß?“ Einer der Anwesenden, der sie offenbar schon länger kannte, darauf: „Das wäre ja das erste Mal, Ingemaus, daß Du um eine Antwort verlegen wärst!“ Und während die Fragen der 18jährigen Schüler kamen, zögernd anfangs, später immer lebhafter, verriet Ingrid eine – wie ich meine – Abgeordnetentugend: Sie kann zuhören. Ihre großen, klugen Augen lassen den Fragesteller nicht los, sehr gewissenhaft schreibt sie alles mit. Und antwortet klar und präzis. Zum Beispiel auf diese Frage: „Ist es denn vertretbar, daß man schon mit 18 Abgeordnete werden kann?“ Ingrid: „Du meinst: Man kann als 18jähriger nicht alles. Das stimmt. In diesem Alter hat man aber oft schon eine große Verantwortung, muß seinen Mann stehen, auf der Arbeit oder sonst irgendwo. Sollten die jungen Menschen von der Machtausübung ausgeschlossen bleiben? Ich finde, die Jugend muß deshalb auf allen Ebenen in unseren gewählten Organen vertreten sein. Und noch etwas: Wo sollten wir das Regieren lernen, wenn nicht auch in unseren Machtorganen?“ Ingrid befriedigte auch die Neugier ihrer Zuhörer, warum und wie gerade sie als Abgeordnete der FDJ fürs Parlament vorgeschlagen worden sei. Weil ich es noch genauer wissen wollte, überprüfte ich ihre Worte ein paar Tage später in ihrem Betrieb.                                                                                                                                                 „Ich habe mir gedacht, daß mal so was mit der Ingrid kommen muß, aber daß es gleich die Volkskammer wird, natürlich nicht“, meinte Karin, Freundin, Kollegin der Ingrid Wünsche. Und ähnlich dachten und äußerten sich die fünf anderen Mitglieder der Jugendbrigade „Artur Becker“ des Bereichs Farbfilmentwicklung 35 mm im DEFA-Kopierwerk Berlin. So auch, als sie ihre Meinung zum Kandidatenvorschlag der FDJ-Leitung sagen sollten. Sylvia Rieck, die FDJ-Sekretärin im Werk, erläuterte, warum die Wahl auf Ingrid gefallen war: „Wir kamen zu dem Schluß, daß wir einen Arbeiter unseres Betriebes vorschlagen sollten. Der Farbbereich 35 mm – das ist der größte Bereich, überlegten wir weiter. Vorbildlich in der Arbeit, als FDJler, in seinem ganzen Auftreten sollte der Kandidat sein – das war eine weitere Bedingung. Da sind wir auf die Ingrid gekommen – was denkt ihr darüber?“ „Sie hat’s verdient; zu ihr kann man kommen, wenn man was nicht richtig verstanden hat; ein dufter Kumpel, die Ingrid; es gibt keine Bessere!“ meinten sie, und es schwang immer ein bißchen Stolz mit, weil es jemand aus ihrer Truppe war. Sie hielten aber auch nicht mit kritischen Worten hinter dem Berg, fanden, daß Ingrid sich bemühen müßte, bei aller Unduldsamkeit gegen Mängel und Schwächen immer den richtigen Ton zu finden und nicht unsachlich zu reagieren, als Meistervertreterin lernen sollte, nicht alles alleine zu machen, sondern die Kollegen richtig einzusetzen. Als Einrichterin an den Entwicklermaschinen, das bescheinigten ihr alle, leistet sie Ausgezeichnetes, „Wenn es darum ging, sich eine Meinung zur Schichtarbeit, zum volkswirtschaftlich notwendigen 3-Schicht-Rhythmus, zu bilden oder wenn die Kollegen weiter lernen, sich qualifizieren sollten, da war sie nicht nur selbst sofort bereit, sondern suchte das Gespräch mit den anderen, um auch sie mitzuziehen“, erinnert sich Willi Heermann, der Parteisekretär des Betriebes, Ingrids Genosse, bei dem sie sich gerade in nächster Zeit manchmal Rat wird holen können. Das Verhältnis zwischen beiden – so schien es mir jedenfalls – ist ein sehr herzliches, kameradschaftliches, produk­tives, obwohl vom Alter und den Erfahrungen her viele Jahre zwischen ihnen liegen. Oder gerade deshalb?                                                          Vorbild für die anderen zu sein, das war bei Ingrid nicht von Anfang an so. Sie, die bald – wenn alles gutgeht – ihren Meisterbrief in der Tasche haben wird, schloß die Lehre nur mit der Note 3 ab. „Es ging ihr nicht um eine Karriere“, erwähnt der Parteisekretär, „ich habe mit ihr oft gesprochen, ihr zugeredet, gesagt, daß sie mehr könne. Nach ungefähr drei Jahren hat es dann gefunkt.“ Daß der Knoten bei ihr platzte, dafür sieht sie vor allem zwei Gründe: einmal ihre Heirat vor zwei Jahren. Mit allen Fragen, die sie hatte, konnte sie ihm kommen, dem Feldwebel der Grenztruppen der DDR Jürgen Wünsche. „Warum ist es bei uns so und dort im Kapitalismus anders?“ prüfte sie sich selbst, als sie über die Arbeitslosigkeit, den Lehrstellen­mangel, die Preistreiberei nachdachte – und fand nun schon alleine Antworten. Mit solchen und anderen Einsichten wuchs auch eine neue Einstellung zu ihrer eigenen Arbeit. Sie begann zu begreifen, daß es einen engen Zusammenhang gibt zwischen ihrer Arbeit und dem Wohl der ganzen Gesellschaft. Während sie dies alles beschäftigte, wurde ihr von einem Tag auf den anderen die Funktion des Einrichters anvertraut, für einen Kollegen, der zu den Soldaten gegangen war. „Mit der mir übertragenen Verantwortung“, so denkt sie heute darüber, „habe ich mich verändert, gesteigert, bin ich bewußter geworden, gewachsen.“                               Etwas über sich zu erzählen, wie sie sich selber sieht, warum man auf sie gekommen sei, wo es doch im Betrieb noch eine Anzahl von möglichen jungen Volksvertretern gegeben hätte, fällt ihr sichtlich schwer. „Das mache ich nicht gern“, wehrt sie mehrmals ab, als wir uns zum Kaffeeplausch in ihrer Wohnung in einem Berliner Hinterhaus treffen. Komplimente verteilend und Kaffee schlürfend taste ich mich so langsam an den Grund meines Besuches heran: Wie sieht sie sich als Volkskammer­abgeordnete, was hat sie sich vorgenommen? „Am Anfang“, so schätzt sie ein, „wird’s wohl darum gehen, sich an die Tätigkeit im Parlament zu gewöhnen, Augen und Ohren aufzusperren, noch viel, viel zu lernen. Noch bin ich gar nicht richtig über die Frage hinweg, die mir vor allem andere erklärt haben: ,Warum gerade ich?‘ Aber weil ich bei allem nicht allein stehe, eine starke FDJ-Fraktion neben mir weiß, eine Brigade, die schon laut und deutlich gesagt hat, daß sie mir helfen wird, ist mir nicht bange.“ Die Frage, ob sie Angst davor habe, vor der Volkskammer zu sprechen, erübrigt sich angesichts des Berliner Mundwerks und des Temperaments eigentlich und wird auch mit einem eindeutigen „Nö“ beantwortet und mit dem Nachsatz ergänzt: „Ich red’ halt so, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Ingrid hat sich unter anderem vorgenom­men, sich besonders um die Interessen der Jugend zu kümmern, der im Betrieb und im Wohngebiet, ihre Fragen und Vorschläge will sie unterbreiten, dafür sorgen, daß sich das Freizeitangebot weiter verbessert, weil auch sie gerne einmal tanzen geht. Womit sogar am Beispiel dieses Freizeitvergnügens gezeigt wird, daß die Interessen des Volkes dort am besten vertreten werden, wo Leute aus dem Volke als Volksvertreter ins Parlament einziehen, auch und gerade Arbeiter, 22jährige wie Ingrid Wünsche.

Aus „Jugend“, 1/1977

RF Mai 2017

Mit 22 ins Parlament RF Mai 2017

Originalseite des „RotFuchs“, Mai 2017

 

 

Mit 22 in Parlament  

PDF-Datei des „RotFuchs“-Artikels

 

 

 

„Junge Welt“ zum Tod von Horst Hesse

Logo JUNGE WELT zum Tod Horst Hesse

 

Wie jW erst jetzt bekannt wurde, verstarb am 16. Dezember im Alter von 84 Jahren in Schwedt an der Oder der ehemalige DDR-Kundschafter Horst Hesse. Er landete den vermutlich größten Coup des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), für dessen Abwehr er arbeitete: 1955 gelang es ihm, nach langwierigen Überprüfungen in der Würzburger Zentrale des US-Militärspionagedienstes MID (Military Intelligence Division) Leiter der »Agentenwerbung« zu werden. Pfingsten 1956 stahl er zwei Panzerschränke aus dem Hauptquartier und brachte sie in die DDR inklusive einer kompletten Agentenkartei, einigen tausend Blankoausweisen westdeutscher Institutionen, Angaben über »Schweigefunker«, die im Kriegsfall aktiviert werden sollten, und zahlreiche andere Dokumente. In der Folge flogen 521 vom MID geführte Mitarbeiter auf; Hesse wurde von einem US-Militärgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Seine abenteuerliche Aktion in der Hochzeit des Kalten Krieges lieferte die Vorlage für einen der erfolgreichsten DEFA-Filme. »For eyes only« fand 1963 über zwei Millionen Zuschauer in der DDR und begründete den Ruf des Hauptdarstellers Alfred Müller als »James Bond des Ostens«.

Horst Hesse stammte aus einer Arbeiterfamilie, war gelernter Instrumentenfeinmechaniker und arbeitete in den Magdeburger Kruppwerken. Ende der 40er Jahre ging er zur Volkspolizei. Über seine Motivation sagte er in einem jW-Interview 2002: »Der Hauptgrund waren meine Kriegserlebnisse. Stellen Sie sich vor: Ich war 1942 als knapp 20jähriger in den Krieg gegangen und kam im Oktober 1945 in meine Heimatstadt Magdeburg zurück. Ich hatte eine heile Stadt verlassen und kam in einen Trümmerhaufen zurück. Meine Gesundheit hatte ich eingebüßt, denn ich war zweimal schwer verwundet worden.« In den Nachkriegsjahren habe er erlebt, »wie die einen die Trümmer beiseite schafften und die anderen sich an der Not bereicherten.«

Hesse lebte nach seiner spektakulären Flucht zurückgezogen. Das war nicht nur Sicherheitsgründen geschuldet. Er war ein sehr bescheidener und wenig auffälliger Mann, der allenfalls bei MfS-internen Vorträgen über seinen Einsatz im »Operationsgebiet« berichtete. Nach 1990 wurde gegen ihn ermittelt, doch ohne Konsequenzen.

Im 2006 erschienenen Buch »Der Botschaftsflüchtling und andere Agentengeschichten« (edition ost), der letzten von Markus Wolf betreuten Publikation, wird über diesen Fall und seine Folgen berichtet. Horst Hesse, der in zweiter Ehe verheiratet war, wird am heutigen Freitag beigesetzt.

https://www.mfs-insider.de/Presse/Hesse.htm

 

 

 

Artikel von „Spiegel online“ vom 11.05.2016 zu Horst Hesse

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Spiegel online Artikel zu Horst Hesse

 

Im „Spiegel online“-Artikel vom 11.05.2016 wird einerseits der Unterschied zwischen der wahren Geschichte und der verfilmten Geschichte erklärt, andererseits wird der wahre Fall klein geredet und relativiert.

Laut dem Artikel von „Spiegel online“ hat Hesse selbst sein Lebenswerk relativiert indem er als 80jähriger, als er seine Wirkungsstätte in Würzburg besuchte, gesagt haben soll: „Ich stehe heute da, wie ein Lügner.“

 

DER SPIEGEL 44/1993 zum Tod von Friedrich Dickel

Im Nachruf zum Tod von Friedrich Dickel hatte DER SPIEGEL den Nachruf mit antikommunistischer Propaganda gespickt.

DER SPIEGEL 44:1993 Der Spiegel 44:1993 Tod F. Dickel

DER SPIEGEL 44/1993 zum Tod von Friedrich Dickel

 

Die Original-SPIEGEL-Seite kann als PDF-Datei heruntergeladen werden.

SPIEGEL_1993_Nachruf Friedrich Dickel