Der Beginn des Imperialismus

Die Herrschaft der Monopolverbände

Die rasche Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte alle wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder erfasst. Neue Industriestaaten rückten in die Reihe der führenden kapitalistischen Länder auf: USA, Deutschland und Japan.

In allen bedeutenden kapitalistischen Staaten hatten um die Jahrhundertwende – wie in Deutschland – die Industrie- und Bankmonopole beherrschenden Einfluss erlangt.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Periode des Kapitalismus der freien Konkurrenz war zu Ende; die neue Stufe der kapitalistischen Entwicklung wird als Monopolkapitalismus oder Imperialismus bezeichnet.

Der Begriff „Imperialismus“ wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Bezeichnung für das Eroberungsstreben Napoleons (imperare, lat. = herrschen) und in dn1870eer Jahren als Schlagwort für die Kolonialpolitik der englischen Regierung verwendet. Mit der Herausbildung des Monopolkapitalismus bekam der Begriff die jetzige Bedeutung.

Die Monopole untereinander führten heftige Kämpfe um die Beherrschung der Märkte und Rohstoffquellen. Dem Konkurrenzkampf und den Wirtschaftskrisen waren nicht alle Monopole in gleicher Weise gewachsen. Die schwächeren Monopole wurden von den stärkeren geschluckt.

Nicht immer konnten die Monopole ihre Konkurrenten vernichten. In solchen Fällen zogen sie es vor, mit konkurrierenden Monopolen Abkommen zu treffen, die allen Beteiligten weiterhin höchste Preise für ihre Waren sicherten. So entstanden mächtige Monopolverbände.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Entwicklung des Finanzkapitals

Die Monopolbildung erstreckte sich auch auf die Banken. Es entwickelten sich Großbanken, die über beträchtliche Teile des Vermögens der Wirtschaft und des Staates verfügten. Kredite gewährten sie vor allem solchen Betrieben, die hohe Profite erzielten. Die Großbanken förderten die Bildung und Festigung der Industriemonopole. Um zu sichern, dass die Kredite möglichst gewinnbringend verwendet wurden, forderten sie die direkte Teilnahme an der Leitung der Monopole. Dazu ernannten sie ständige Vertreter der Banken.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Industriemonopole waren an einer festen Verbindung mit bestimmten Großbanken interessiert, von denen sie ihr Kapital verwalten lassen und jederzeit größere Kredite bekommen konnten. Auch die Industriemonopole sandten ihre Vertreter in die Leitungen der Großbanken. Außerdem kauften die Banken Aktien der Industrieunternehmen und diese wiederum Aktien der Banken auf.

Zeitgenössische Karikatur über die Herrschaft der Monopole in den USA
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Diese personelle und ökonomische Verflechtung gipfelte in der Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital. Dadurch gelangte eine nur kleine Schicht von Finanzkapitalisten zu überaus großer ökonomischer Macht. Der amerikanische Finanzkapitalist Morgan war beispielsweise in den Leitungen von 5 Banken, 50 Eisenbahngesellschaften, 3 Schifffahrtsgesellschaften, 8 Versicherungen und 40 Industrieunternehmen vertreten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Finanzkapitalisten nutzten ihre ökonomische Machtstellung, um politischen Einfluss auf den bürgerlichen Staat und die ganze Gesellschaft zu erlangen. Der bürgerliche Staat wurde mehr und mehr zu einer Interessenvertretung der mächtigsten Monopole. In den USA, in England und Japan übernahmen Vertreter der Monopole Regierungsämter. Der englische Finanzkapitalist Balfour, der an der Spitze bedeutender Eisen- und Stahlwerke stand, leitete von 1902 bis 1905 als Premierminister die Regierungsgeschäfte. Außerdem waren mindestens 11 Mitglieder seiner Regierung Gründer oder Direktoren von 17 Monopolvereinigungen.

Der Kampf um die ökonomische Aufteilung der Welt

Um möglichst hohe Profite zu erzielen, strebten die Monopolverbände ständig nach weiteren Rohstoffquellen und Absatzmärkten. Ökonomisch schwächere Länder, wie die Türkei, China, Persien oder die Balkanstaaten, wurden zum Tummelplatz einander bekämpfender Monopolverbände und imperialistischer Regierungen. Um ungestört die Rohstoffe und Bodenschätze in solchen Ländern nutzen, die billigen Arbeitskräfte ausbeuten und diese Gebiete als Absatzmärkte sichern zu können, wurde ein erbarmungsloser Konkurrenzkampf geführt. Bei der Wahl der Mittel für den Kampf gegen die Konkurrenten gab es für die Leitungen der Monopole keinerlei Hemmungen. Zeitweilige Preisunterbietungen, Dumping genannt, Bestechungen, Drohungen und Gewalttaten gegen Konkurrenzvertreter sollten die Ziele erreichen helfen.

Die imperialistischen Regierungen griffen oftmals in solche Auseinandersetzungen ein und unterstützten die Monopole ihrer Länder mit staatlichen Mitteln: Kredite wurden gewährt oder plötzlich gekündigt, Erpressungen mit diplomatischen Mitteln organisiert, militärische Gewalt angedroht oder eingesetzt, um di betroffenen Länder in ökonomische und politische Abhängigkeit zu bringen.

Konnten die Konkurrenten nicht aus dem Felde geschlagen werden, so kamen oft Vereinbarungen mit ihnen zustande, die die gemeinsame Unterdrückung und Ausbeutung abhängiger Länder regelten. Es entstanden internationale Monopolverbände. Solche Vereinbarungen beendeten jedoch den Konkurrenzkampf nicht. Sobald sich das Kräfteverhältnis zwischen den konkurrierenden Monopolverbänden veränderte, wurden solche Vereinbarungen gebrochen.

Die Aufteilung der Welt unter die Monopolverbände am Beispiel der Elektroindustrie vor dem ersten Weltkrieg
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

So hörte trotz der Vereinbarungen zwischen der AEG und der CEC über die Ausbeutungsgebiete (siehe Karte) der Konkurrenzkampf nicht auf.

Besonders raffiniert ging die AEG zu Werke, um den Herrschaftsbereich dieses Elektromonopols zu vergrößern. In allen von der AEG beherrschten Ländern gründete ihr Präsident Emil Rathenau einheimische Tochtergesellschaften, die leichter zu den betreffenden Ländern vordringen konnten und die Herrschaft der AEG verschleierten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Kampf um die ökonomische Aufteilung der Welt unter die Monopolverbände vertiefte die Widersprüche zwischen den imperialistischen Staaten sowie die Widersprüche zwischen den imperialistischen und abhängigen Staaten.

Die Unterwerfung Afrikas durch England und Frankreich

In den Kolonien, das heißt in den Ländern, die völlig von kapitalistischen Staaten beherrscht wurden, konnten die Monopole ohne ausländische Konkurrenz geschützt durch die Staatsgewalt Rohstoffquellen erschließen, den Absatz der Waren organisieren, Betriebe und Verkehrsanlagen bauen und vorhandene billige Arbeitskräfte mit doppeltem und dreifachem Profit ungehindert ausbeuten. Diese Profitmöglichkeiten lösten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine wilde Jagd nach Kolonien aus, an der sich alle kapitalistischen Industrieländer beteiligten.

Zwei der ältesten kapitalistischen Staaten – England und Frankreich – hatten bereits bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts riesige Kolonialgebiete in Asien, Amerika und Afrika erobert. (siehe Karte „Die Welt im Jahre 1870“)

Die Welt im Jahre 1870
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Ein Ziel zahlreicher Kolonialeroberungen der Kapitalisten und ihrer Regierungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war der afrikanische Kontinent.

Nach einem Gefecht französischer Kolonialsoldaten und ihrer Hilfstruppen gegen die Bevölkerung von Dahomey (1891). (Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die bedeutendsten Kolonialgebiete eroberten Frankreich und England. Zwischen beiden Staaten kam es dabei immer wieder zu Auseinandersetzungen. Ein solcher Konflikt war zum Beispiel die Faschodakrise 1898. Eine englische Militärabteilung, die den Sudan unterwerfen und damit die Herrschaft Englands über Ägypten sichern sollte, traf Mitte September 1897 bei Faschoda auf französische Kolonialsoldaten, die den Ort bereits besetzt hatten. Dieser Wettlauf um die Unterwerfung des Sudan führte 1898 zu ernsten Konflikten zwischen England und Frankreich. 1899 einigten sich die Regierungen über die Abgrenzung der englischen und französischen Kolonialgebiete in Afrika (siehe Karte „Die Welt im Jahre 1914“)

Die Welt im Jahre 1914
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Um die Jahrhundertwende war Afrika unter die imperialistischen Mächte aufgeteilt. Dabei war es für die Völker Afrikas völlig ohne Bedeutung, ob ihre imperialistischen Unterdrücker deutscher, englischer oder französischer Nationalität waren. Imperialistische Kolonialpolitik bedeutete immer: Ausbeutung, Unterdrückung, Hunger und Rechtlosigkeit.

„Die englische Kolonialpresse.“ (Zeitgenössische Karikatur von Th. Th. Heine aus dem „Simplizissimus“
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Kolonialkrieg gegen die Herero

Mit besonderer Grausamkeit unterdrückten die deutschen Imperialisten die von ihnen beherrschten Kolonialvölker. Ein charakteristisches Beispiel dafür war der Krieg gegen die Herero von 1904 bis 1907. Die deutschen Kolonialherren verdrängten die Herero, eine große Völkerschaft in Südwestafrika, aus den fruchtbarsten Gebieten in Küstennähe.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die offizielle Entschuldigung der Familie von Trotha erfolgte erst im Jahre 2004.                                     Siehe Wikipedia.

Im Jahre 1904 erhoben sich die verzweifelten Hereros gegen ihre Unterdrücker und die Räuber ihres Besitzes. Die kaiserliche Regierung sandte daraufhin 14 000 Soldaten nach Südwestafrika. Die Herero wehrten sich tapfer, konnten aber gegen die modernen Gewehre und Geschütze der Soldaten wenig ausrichten. Nur 6 000 Hereros besaßen unmoderne Gewehre, die übrigen nur Holzkeulen. Gewaltsam wurden sie von den Wasserstellen abgedrängt. Der Kommandeur der deutschen Kolonialsoldaten verweigerte selbst Frauen, Kindern und Verwundeten das lebensnotwenige Wasser.

Voller Verzweiflung wagten die Herero einen Marsch durch die wasserlose Wüste von Omaheke, um Südafrika zu erreichen. Von 100 000 Herero überlebten nur 20 000 den Kolonialkrieg.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Anmerkung von Petra Reichel: In der alten BRD hat man nichts über den Kolonialkrieg gegen die Herero gelernt. Es wurde sich nur in der DDR damit befasst.

Erst Jahre nach der Annexion der DDR durch die BRD, beschäftigten sich politisch Verantwortliche mit dem brutalen Vorgehen gegen die Herero. 

Näheres dazu: siehe Wikipedia

Deutsche Offiziere Keetmannshoop(heute Namibia) um 1904
 Bild entnommen aus DER SPIEGEL  48a, 2021

Siehe Artikel aus DER SPIEGEL 48a, Dez 2021

Artikel aus DER SPIEGEL 48a, Dez 2021
Völkermorddenkmal in Windhoek (2016)
Bildquelle: Von Pemba.mpimaji – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=54308729

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Otto von Bismarck

Otto Fürst von Bismarck (1815 bis 1898). Seit 1862 war er als preußischer Ministerpräsident entscheidend an der Einigung Deutschlands auf undemokratischem Wege beteiligt. (Fotografie, 1871)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bismarcks Biografie entnommen aus Lemo  Lebendiges Museum online,

bearbeitet von Petra Reichel

Otto von Bismarck

 

  • 1815
  1. April: Otto Eduard Leopold von Bismarck wird als viertes von sechs Kindern des Gutsbesitzers Ferdinand von Bismarck und dessen Frau Wilhelmine Luise (geb. Mencken) in Schönhausen (Altmark) geboren. Außer ihm überleben nur der ältere Bruder Bernhard (1810-1893) und die jüngere Schwester Malwine (1827-1908) die ersten Jahre. 
  • 1821

Bismarck wird Schüler der Plamannschen Lehranstalt in der Wilhelmstraße in Berlin. 

  • 1827-1830

Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin. 

  • 1830

Fortsetzung der Schulausbildung am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. 

  • 1832

Nach dem Abitur immatrikuliert sich Bismarck an der Universität Göttingen für das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften.  
Aufnahme in das landsmannschaftliche Studentenkorps „Hannovera“. Später rühmt er sich, „innerhalb von drei Semestern 28 Mensuren gehabt und immer gut davongekommen zu sein.“ 

  • 1833

Februar: Erste Karzerstrafe wegen Anwesenheit bei einem Pistolenduell.  
September: Bismarck wechselt an die Universität Berlin. 

  • 1835

Erstes juristisches Staatsexamen.  
Referendariat am Königlichen Stadtgericht in Berlin. 

  • 1836

Regierungsreferendar in Aachen. 

  • 1837

Der Verwaltungstätigkeit überdrüssig, lässt sich Bismarck wegen Unwohlseins beurlauben und reist monatelang ohne genehmigten Urlaub seiner ersten großen Liebe hinterher. Bei seiner Rückkehr wird er aus dem Regierungsdienst in Aachen entlassen.  
Fortsetzung der Referendarzeit bei der Potsdamer Provinzialregierung. 

 

  • 1838

Bismarck bricht sein Referendariat ab und beginnt den Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger. 

  • 1839
  1. Januar: Bismarcks Mutter stirbt. Otto und sein Bruder Bernhard übernehmen gemeinsam die Bewirtschaftung der väterlichen Güter Kniephof, Külz und Jarchelin in Pommern. 
  • 1844

Er setzt seine Referendarzeit in Potsdam fort. Nach zwei Wochen bricht er seine Ausbildung erneut ab und entscheidet sich damit endgültig gegen die Beamtenlaufbahn. 

  • 1845

Oktober: Eintritt als Abgeordneter in den Provinziallandtag von Pommern.  
22. November: Bismarcks Vater stirbt. 

  • 1846

Februar: Bismarck übernimmt das väterliche Gut Schönhausen.  
Herbst: Ernennung zum Deichhauptmann von Jerichow für das rechte Elbufer. 

  • 1847
  1. Mai: Bismarck rückt als Stellvertreter eines erkrankten Abgeordneten in den Vereinigten Preußischen Landtag nach. Mit seinen Reden und Wortmeldungen erwirbt er sich rasch den Ruf als Gegner des bürgerlichen Liberalismus.  
    28. Juli: Heirat mit Johanna von Puttkamer in Reinfeld/Pommern. Aus der Ehe gehen drei Kinder hervor: Marie (1848-1926), Herbert (1849-1904) und Wilhelm (1852-1901). 
  • 1848

Mitbegründer und zeitweiliger Mitarbeiter der konservativen „Neuen Preußischen Zeitung“, nach dem Eisernen Kreuz im Titelkopf bald nur noch „Kreuzzeitung“ genannt.  
18./19. August: Bismarck nimmt am so genannten Junkerparlament in Berlin teil, einer konservativen Tagung zur Wahrung der Interessen der Grundbesitzer. 

  • 1849
  1. Februar: Wahl in die Zweite Kammer des Preußischen Landtags. 
  • 1850
  1. Januar: Wahl zum Abgeordneten des Erfurter Unionsparlaments, das über eine Verfassung für die geplante Union von 26 kleineren deutschen Staaten unter Preußens Vorsitz beraten soll. 
    3. Dezember: Im Preußischen Landtag verteidigt Bismarck die „Olmützer Punktuation“, in der Preußen mit Rücksicht auf Österreich von einer Fortführung der Unionspolitik absieht: Eine gemeinsame Politik der „gleichberechtigten Schutzmächte Deutschlands“ sei besser für die „preußische Ehre“ als eine „schmachvolle Verbindung mit der Demokratie“. Mit dieser Rede empfiehlt er sich insbesondere den hochkonservativen Kreisen um König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. 
  • 1851
  1. Mai: Ernennung zum Geheimen Legationsrat und Rat bei der preußischen Gesandtschaft am Bundestag in Frankfurt/Main.  
    15. Juli: Ernennung zum preußischen Bundestagsgesandten in Frankfurt/Main. Sein vorrangiges Ziel ist die Gleichstellung der beiden Großmächte Preußen und Österreich innerhalb des Deutschen Bundes und die Reduzierung der österreichischen Präsidentschaft auf eine bloße Ehrenstellung.  
    2. Dezember: Wiederwahl in die zweite Kammer des Preußischen Landtags. 
  • 1852
  1. März: Unblutiges Pistolenduell mit dem liberalen Abgeordneten Georg Freiherr von Vincke (1811-1875) nach einer sehr persönlich geratenen Kammerdebatte um die Zollpolitik. 
  • 1854
  1. November: Berufung in das preußische Herrenhaus, der 1. Kammer des preußischen Landtags. 
  • 1859-1862

Als preußischer Gesandter am russischen Hof in St. Petersburg hält Bismarck engen Kontakt zu einflussreichen Persönlichkeiten, unter anderem zum russischen Außenminister Alexander Gortschakow (1798-1883), und gewinnt so wertvolle Kenntnisse über die politischen und gesellschaftlichen Strömungen Russlands, die für seine spätere Außenpolitik nützlich sind. 

  • 1862

März-September: Preußischer Gesandter in Paris. 
23. September: An dem Tag, als das preußische Abgeordnetenhaus alle Ausgaben für die Heeresreform ablehnt und sich der seit 1860 schwelende Heereskonflikt zum Verfassungskonflikt ausweitet, beruft Wilhelm I. von Preußen Bismarck zum vorläufigen preußischen Ministerpräsidenten. Bis 1866 regiert Bismarck ohne parlamentarisch genehmigtes Budget. 
30. September: In der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses versucht Bismarck, die liberale Opposition zur außenpolitischen Kooperation zu bewegen. Mit den Worten „Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschiedenen – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut“ nährt er jedoch das Misstrauen der Abgeordneten gegen ihn. 
8. Oktober: Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten und Minister des Auswärtigen. 

  • 1863
  1. Februar: Mit Unterzeichnung der Alvenslebenschen Konvention unterstützt Bismarck Russland in der Bekämpfung des polnischen Aufstands und sichert sich so den in den kommenden Jahren wichtigen russischen Rückhalt.  
    12./13. Mai: In einem ersten geheimen Gespräch mit dem Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV)Ferdinand Lassalle, sondiert Bismarck die Möglichkeiten politischer Kooperation mit der Arbeiterbewegung, um einen Rückhalt gegen seine liberalen Gegner im Abgeordnetenhaus zu haben. 
  • 1864
  1. Februar: Mit Beginn des Deutsch-Dänischen Krieges kommt Bismarck dem zunächst geheim gehaltenen Ziel, Schleswig und Holstein in den preußischen Staat einzuverleiben, näher. 
  • 1865
  1. August: In der „Konvention von Gastein“ einigen sich Preußen und Österreich zunächst auf eine Aufteilung Schleswig-Holsteins. Die sich daraus ergebenden Konflikte sowie das Ringen zwischen Österreich und Preußen um die Vorherrschaft in Deutschland führen schließlich zum Deutschen Krieg 1866. 
    Vorrangige Ziele Bismarcks bleiben die Erringung und der Ausbau einer preußischen Vormachtstellung in Deutschland und Europa. Die im Nachhinein „Einigungskriege“ genannten Kriege gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und Frankreich 1870/71 sind in diesem Sinne das Mittel, einen kleindeutschen bzw. großpreußischen Nationalstaat ohne Österreich zu verwirklichen. 
    16. September: Bismarck wird in den Grafenstand erhoben. 
  • 1866
  1. April: In einem Geheimvertrag sichert sich Bismarck als Gegenleistung für den in Aussicht gestellten Erwerb von Venetien die italienische Unterstützung im Krieg gegen Österreich. 
    7. Mai: Der Tübinger Student Ferdinand Cohen-Blind, Stiefsohn eines 1848er Revolutionärs, verübt in Berlin Unter den Linden ein Pistolen-Attentat auf Bismarck, um gegen dessen antiliberale Politik zu demonstrieren. Bismarck bleibt unverletzt und deutet dies als gutes Omen für seine Politik. 
    3. Juli: Nach dem preußischen Sieg über Österreich und Sachsen bei Königgrätz (Böhmen) erreicht Bismarck sein Ziel der Annexion Schleswigs und Holsteins und der Herausdrängung Österreichs aus Deutschland. 
    3. September: Mit der Annahme der so genannten Indemnitätsvorlage billigt das preußische Abgeordnetenhaus nachträglich die Staatsausgaben für die Heeresreform. Damit ist der seit 1862 bestehende Verfassungskonflikt zwischen Bismarck und dem Parlament beendet. 
    Bismarck beginnt seine Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen. 
  • 1867
  1. Februar: In Anerkennung seiner Verdienste um Preußen erhält er von König Wilhelm I. eine Dotation über 400.000 Taler, von der er unter anderem das Gut Varzin bei Köslin in Pommern erwirbt.  
    14. Juli: Bismarck wird Kanzler des unter preußischer Führung gegründeten Norddeutschen Bundes, dessen Verfassung inklusive allgemeinem und gleichem Wahlrecht weitgehend auf seine eigenen Entwürfe zurückgeht. 
  • 1870
  1. Juli: Einen Tag nach dem Verzicht Leopolds von Hohenzollern-Sigmaringen (1835-1905) auf die spanische Thronkandidatur verlangt der französische Botschafter von König Wilhelm I. in Bad Ems die Zusicherung, auch künftig keine Hohenzollernkandidatur in Spanien zuzulassen. Der König lehnt ab und berichtet telegraphisch an Bismarck. Bismarck veröffentlicht diese „Emser Depesche“ in verschärfter Form in der Presse. Sie erregt einen Sturm nationaler Entrüstung in Frankreich und Deutschland und führt zur französischen Kriegserklärung am 19. Juli und damit zum Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Bismarcks Kalkül, Preußen als Opfer einer vermeintlichen französischen Aggression darzustellen und damit die übrigen Mächte aus dem Konflikt herauszuhalten, geht auf. 
  • 1871
  1. März: Bismarck wird in den erblichen Fürstenstand erhoben und zum ersten Reichskanzler des neu gegründeten Deutschen Reichs ernannt. Seine Ämter als preußischer Ministerpräsident und Außenminister behält er bei.  
    24. Juni: In Anerkennung seiner Verdienste um Preußen erhält er von Kaiser Wilhelm I. den Sachsenwald bei Friedrichsruh im Herzogtum Lauenburg übereignet. 
  • 1872
  1. Mai: Bismarck erklärt im Reichstag in Zusammenhang mit dem von ihm gemeinsam mit den Liberalen gegen die katholische Kirche und dieZentrumspartei geführten „Kulturkampf“: „Seien Sie außer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht.“ Mit dem auf den Bußgang Kaiser Heinrichs IV. (1050-1106) zum Papst nach Canossa im Jahre 1077 rekurrierenden Schlagwort will Bismarck die Unnachgiebigkeit seiner Politik unterstreichen. 
  • 1873
  1. Oktober: Das Drei-Kaiser-Abkommen zwischen Österreich, Russland und dem Deutschen Reich ist das erste einer Reihe von Abkommen in Bismarcks so genanntem Bündnissystem, welches das europäische Gleichgewicht und damit die Position des seiner Ansicht nach saturierten Deutschlands in der Mitte Europas sichern soll. Insbesondere die Gefahr eines französisch-russischen Bündnisses sucht er einzudämmen. 
  • 1874
  1. Juli: Der katholische Böttchergeselle Eduard Kullmann (1853-1892) verübt in Kissingen ein Pistolen-Attentat auf Bismarck, bei dem dieser leicht am rechten Handgelenk verwundet wird. Obwohl sich die Zentrumspartei kurz darauf von dem Täter distanziert, trägt der Vorfall wesentlich zur Verschärfung des Kulturkampfes bei. Kullmann selbst wird im Oktober 1874 zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. 
  • 1875
  1. April-13. Mai: Mit einem von ihm selbst angeregten Zeitungsartikel unter der Überschrift „Ist der Krieg in Sicht?“ provoziert Bismarck die so genannte Krieg-in-Sicht-Krise zwischen dem wieder erstarkten Frankreich und dem Deutschen Reich. Sein eigentliches Ziel ist die Einschüchterung Frankreichs. Durch diplomatische Intervention Großbritanniens und Russlands kann die Krise beigelegt werden. 
  • 1877
  1. Juni: Im so genannten Kissinger Diktat spricht sich Bismarck für die russische Schwarzmeerherrschaft aus. Großbritannien solle Ägypten erhalten, das Deutsche Reich sei hingegen nur an der Erhaltung des Status quo interessiert. Bismarck skizziert damit sein außenpolitisches Ziel, dass das Deutsche Reich gute und nicht einseitig gebundene Beziehungen zu allen europäischen Mächten außer Frankreich erhalten und zugleich den europäischen Frieden sichern könne. 
  • 1878
  1. Februar: Bismarck erklärt vor dem Reichstag seine Bereitschaft, in der Orientkrise als „ehrlicher Makler“ zu vermitteln. Erneut unterstreicht er damit sein außenpolitisches Ziel des europäischen Gleichgewichts und sucht dieses auch durch Einberufung des Berliner Kongresses zur Lösung der Balkan-Krise im Juni 1878 zu verwirklichen.  
    17. Juli: Mit der Arbeiterschutz-Novelle wird die obligatorische Fabrikaufsicht durch staatliche Fabrikinspektoren eingeführt. Mit dieser sozialpolitischen Maßnahme beginnt Bismarck den sukzessiven Ausbau des staatlichen Fürsorge- und Wohlfahrtssystems, um damit der Sozialdemokratieihre Basis zu entziehen. Es folgen die in ihren Grundzügen bis heute gültigen drei großen Bismarkschen Sozialgesetze, das Krankenversicherungsgesetz 1883, das Unfallversicherungsgesetz 1884 und das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung 1889.  
    18. Oktober: Mit dem Reichsgesetz „wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, dem so genannten Sozialistengesetz, erreicht Bismarck das seit 1874 von ihm geforderte Verbot der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) und der Arbeiterbewegung. Sein Ziel, die Sozialdemokratie nachhaltig zu zerstören, erreicht er nicht. 
  • 1880
  1. September: Bismarck übernimmt das preußische Handelsministerium und schlägt in Abkehr vom bisherigen „Laissez Faire“ eine Politik des ordnenden staatlichen Eingriffs ein. 
  • 1884
  1. April: Unterstützt von Bismarck wird mit Angra Pequena an der südwestafrikanischen Küste die erste Kolonialerwerbung unter deutschen Schutz gestellt. Infolge der seit 1873 andauernden Weltwirtschaftskrise und der zunehmenden Bedeutung der Kolonialfrage für die Politik der europäischen Mächte gibt Bismarck ab 1880 seine zunächst ablehnende Haltung gegenüber deutschen Kolonialerwerbungen auf.  
    15. November: Gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten Jules Ferry (1832-1893) beruft Bismarck die Kongokonferenz in Berlin ein. Bis zum 26. Februar 1885 tagen die Bevollmächtigten von 13 europäischen Staaten sowie der Vereinigten Staaten von Amerika und einigen sich in der Kongo-Akte über eine Zollfreiheit im Kongo- und Nigergebiet sowie die Errichtung eines Kongostaates unter dem belgischen König Leopold II. (1835-1909). Außerdem wird in diesem Dokument der Anspruch der Europäer, Afrika untereinander aufzuteilen, festgeschrieben.  siehe „Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches“
  • 1885
  1. April: Kaiser Wilhelm I. schenkt Bismarck zu seinem 70. Geburtstag Anton von Werners Gemälde „Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches (18. Januar 1871)“.  
    17. Mai: Eine zu Deutsch-Neuguinea gehörende melanesische Inselgruppe erhält unter dem Namen Bismarck-Archipel den kaiserlichen Schutzbrief. 
  • 1888
  1. Juni: Mit der Thronbesteigung Wilhelms II.wandelt sich das seit den 1870er Jahren unveränderte Machtgefüge an der Spitze des Deutschen Reiches, da der junge Kaiser im Gegensatz zu seinem Großvater Wilhelm I. nicht gewillt ist, sich dem Willen Bismarcks unterzuordnen. 
  • 1890
  1. Januar: Als Wilhelm II. während Bismarcks Abwesenheit beginnt, Pläne für eine eigene Sozialpolitik zu entwickeln, die unter anderem ein breit angelegtes Programm zur Verbesserung des Arbeiterschutzes vorsehen, und Bismarcks Vorlage für ein unbefristetes Sozialistengesetz im Reichstag abgelehnt wird, tritt er von dem für die Sozialpolitik zuständigen Amt des preußischen Handelsministers zurück.  
    15. März: Nach weiteren Meinungsverschiedenheiten – neben der Sozialpolitik kommt auch Bismarcks Festhalten an einer Kabinettsordre von 1852, die den Verkehr der einzelnen Minister mit der Krone unter die Kontrolle des Ministerpräsidenten stellt, ins Spiel, – kommt es zum Bruch zwischen Kaiser Wilhelm II. und Bismarck. In einer Unterredung fordert Wilhelm II. Bismarck unmissverständlich zum Rücktritt auf.  
    18. März: Bismarck reicht sein Abschiedsgesuch ein, das so geschickt formuliert ist, dass dem Kaiser die ganze Verantwortung für das Zerwürfnis zufällt. Das Gesuch wird erst unmittelbar nach Bismarcks Tod veröffentlicht.  
    20. März: Entlassung Bismarcks als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident. Bismarck erhält den Titel eines Herzogs von Lauenburg, den zu tragen er sich jedoch weigert. In weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit herrscht Erleichterung über Bismarcks Sturz. Im Ausland hingegen wird der Machtwechsel mit gemischten Gefühlen aufgenommen, da Bismarck als Garant einer friedlichen Außenpolitik gilt. Von Friedrichsruh aus kommentiert und kritisiert der „Alte vom Sachsenwald“, wie Bismarck nun genannt wird, unablässig die Politik seines Nachfolgers Leo von Caprivi und des Kaisers
  • 1891
  1. April: Bismarck lässt sich als Kandidat der Nationalliberalen in den Reichstag wählen. Er übt das Mandat zwar nie aus, erfreut sich aber an der politischen Unruhe, die dieser Schachzug auslöst. 
  • 1892

Ein kaiserlicher Erlass, der Bismarck von fast allen offiziellen Kontakten abschneidet, ruft in der Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung hervor. Erst jetzt beginnt ein regelrechter Kult um den „Reichsgründer Bismarck“, dessen Verehrung als lebendes Denkmal nach der offiziellen Aussöhnung mit Kaiser Wilhelm II. 1894 noch weiter zunimmt. 

  • 1894
  1. November: Tod von Bismarcks Frau Johanna. 
  • 1895
  1. März: Wegen der anhaltenden Kritik Bismarcks an der Politik des Reichskanzlers und des Parlaments lehnt die Reichstagsmehrheit eine Glückwunschadresse zu Bismarcks 80. Geburtstag ab.  
    1. April: Zu seinem 80. Geburtstag erreicht der Bismarck-Kult einen vorläufigen Höhepunkt: Über 450 Städte verleihen Bismarck die Ehrenbürgerschaft, 9.875 Telegramme und 450.000 Briefe werden vom Postamt in Friedrichsruh ausgeliefert, Tausende pilgern zu Bismarcks Ruhesitz. 
  • 1896
  1. Oktober: Bismarck enthüllt in dem „Hamburger Nachrichten“ den von 1887 bis 1890 bestehenden geheimen deutsch-russischen Rückversicherungsvertrag. 
  • 1898
  1. Juli: Otto von Bismarck stirbt in Friedrichsruh bei Hamburg. Bismarcks Tod erregt auch international solches Aufsehen, dass für die Dauer einer Woche allein in der Presse zuvor bestimmende Themen wie der spanisch-amerikanische Krieg gänzlich in den Hintergrund geraten. 
    Die Familie widersetzt sich dem Wunsch Kaiser Wilhelms II., den Leichnam nach Berlin zu überführen. Die Beisetzung findet gemäß Bismarcks Vorgaben in Friedrichsruh statt. 
    November: Die ersten zwei Bände von Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen“ erscheinen. Innerhalb kürzester Zeit sind die ersten 100.000 Exemplare vergriffen. Der dritte Band, der die Umstände der Entlassung Bismarcks schildert, darf erst 1919, nach dem Sturz der Hohenzollernmonarchie, veröffentlicht werden. 
    Von den über 700 Bismarck-Denkmälern, die bis 1914 im Deutschen Reich in Planung sind, werden mindestens 500 realisiert. 
  • 2012

Veröffentlichung von verschollen geglaubten Tonaufzeichnungen Bismarcks, die 1889 mit dem Phonographen des amerikanischen Erfinders Thomas Edison (1847-1931) entstanden waren.

Dorlis Blume
© Deutsches Historisches Museum, Berlin
  1. September 2014
Text: CC BY NC SA 4.0

Den erfolgreichen Kampf der Arbeiterklasse gegen das Sozialistengesetz erwähnt dieses Museum nicht. Der Kaiser wird als „guter Mensch“ dargestellt, der zuerst auf die Idee der Sozialgesetze gekommen wäre. 

eingefügt von Petra Reichel

Bismarck zu den Sozialgesetzen

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Sozialgesetze

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bildersammlung

zusammengestellt von Petra Reichel
Zeitgenössische Karikatur auf den Dreibund. Von links nach rechts: Bismarck, der Kaiser von Österreich Ungarn und der König von Italien
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Die Kaiserproklamation Wilhelms I. (Gemälde von Anton von Werner, 1877, Ausschnitt)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Der Norddeutsche Bund
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Herstellung der Einheit der Arbeiterbewegung und einer einheitlichen revolutionären Partei

Die neuen Aufgaben der Arbeiterklasse

Die Ereignisse des Jahres 1871 stellten die deutsche Arbeiterklasse vor eine neue Situation und brachten neue Aufgaben für die revolutionäre Führung des Proletariats. Die durch die Einigung Deutschlands beschleunigte kapitalistische Entwicklung bot einerseits günstigere Entwicklungsbedingungen für die Arbeiterklasse. Es kam jetzt darauf an, die Arbeiterklasse verstärkt in proletarischen Organisationen zu sammeln und sie mit dem Marxismus vertraut zu machen. Andererseits schuf aber die reaktionäre „Einigung von oben“ für die Arbeiterklasse auch sehr schwierige Kampfbedingungen. Zwar war die Einheit Deutschlands hergestellt, aber Junker und Militaristen spielten die entscheidende Rolle im Staat, und die Bourgeoisie verband sich mit ihnen. Daher fiel der Arbeiterklasse die Aufgabe zu, für eine demokratische Umgestaltung Deutschlands zu kämpfen. Sie musste den Kampf der demokratischen Kräfte von 1848 und aus den 1860er Jahren um ein demokratisches Deutschland fortsetzen. Die Arbeiterklasse wurde zur einzigen Kraft, die die Interessen der Nation wahrnehmen konnte.

Um diese Aufgaben zu lösen, brauchte die deutsche Arbeiterklasse eine einheitliche und schlagkräftige Partei. Die Arbeiterbewegung war durch die Politik der lasselleanischen Führer in den ADAV und die SDAP gespalten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Vereinigungsparteitag in Gotha

Als 1873/74 die SDAP das deutsche Volk zu einer großen antimilitaristischen Protestbewegung aufrief, kam es zu gemeinsamen Veranstaltungen von ADAV und SDAP. In großen Kundgebungen zeigte sich die Kraft der einheitlich handelnden Arbeiterklasse. Die Arbeiter erkannten ihre gemeinsamen Feinde. Die Führer des ADAV konnten sich nun dem Einigungsstreben nicht widersetzen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im Mai 1875 traten 56 Delegierte der SDAP und 73 Delegierte des ADAV zum Vereinigungsparteitag in Gotha zusammen. Sie vertraten rund 25 000 Mitglieder. Der Gothaer Vereinigungsparteitag beschloss einstimmig die Vereinigung der SDAP und des ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Die Organisation der vereinigten Parteien wurde dem bewährten Organisationsaufbau der SDAP nachgebildet. Die Ziele der Partei wurden im Gothaer Programm festgelegt.

August Bebel spricht auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha 1875.(Gemälde von Hermann Kohlmann; 1953)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Vor der Vereinigung hatten Wilhelm Liebknecht und andere Eisenacher Programmforderungen der Lasselleaner nachgegeben, weil sie meinten, eine schnelle Einigung sei wichtiger als ein marxistisches Programm. So entstand ein Programmentwurf, der nicht den Anforderungen des Kampfes gegen den preußisch-deutschen Militarismus entsprach.

Marx und Engels traten gegen diesen Programmentwurf auf. Marx kritisierte 1875 den Entwurf in seinen „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“. In dieser Schrift verallgemeinerten die Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus die Erfahrungen der Pariser Kommune. Marx‘ Arbeit gehört zu den wichtigsten Schriften des Marxismus.

Der Programmentwurf stellte das Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse falsch dar. Es vermengte demokratische Forderungen im bürgerlichen Staat mit der sozialistischen Gesellschaft. Im Programmentwurf wurde nicht gesagt, dass die Arbeiterklasse die politische Macht erobern muss. Marx kritisierte das und schrieb: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“

Zitatquelle

Die Diktatur des Proletariats ist notwendig, um den Widerstand der Ausbeuter_klassen zu brechen und den Sozialismus aufzubauen.

Der Programmentwurf dagegen wies der Arbeiterklasse einen falschen Weg zu ihrem Ziel. Er weckte den Anschein, als könne die Arbeiterklasse durch die Errichtung von Produktionsgenossenschaften mit Hilfe des Staates (des Staates der Junker und Kapitalisten) die wirtschaftliche Herrschaft der Ausbeuter_klassen vermindern und gar beseitigen.

Der Programmentwurf enthielt falsche Auffassungen über die Feinde der Arbeiterklasse. Er sprach nur von der Kapitalisten_klasse und ließ die Junker, die den größten Anteil an der politischen Macht besaßen, unberücksichtigt. Der Charakter des Klassenstaates wurde verwischt.

Der Programmentwurf leugnete die internationale Solidarität der Arbeiterklasse. Auf Grund der Kritik von Karl Marx korrigierten die Verfasser das Programm in dieser Frage. Trotz der Kritik von Karl Marx wurde der Programmentwurf der Partei sonst nur unerheblich verändert.

Daher blieb das Gothaer Programm hinter dem Entwicklungsstand der Arbeiterbewegung zurück. Es war seinem Wesen nach opportunistisch und belastete die Einigung schwer. Dennoch war die Einigung ein Erfolg. Seit 1875 verfügte die deutsche Arbeiterklasse über eine einheitliche sozialistische Partei, und die Arbeiter legten das Programm im revolutionären Sinne aus.

Mit Hilfe von Marx und Engels setzten sich die marxistischen Kräfte in der Partei durch. Dadurch errang die Partei große Erfolge. 1877 gab sie allein 41 Zeitungen heraus, die von 200 000 Arbeitern abonniert wurden. Im gleichen Jahr entsandte die Partei 12 Abgeordnete in den Reichstag. Die Gewerkschaften breiteten sich nach 1875 aus und erhöhten damit ihre Kampfkraft.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches

Die außenpolitischen Folgen des Raubfriedens mit Frankreich

Die Herstellung der Einheit Deutschlands veränderte das Kräfteverhältnis in Europa. Für die Großmächte Frankreich, das zaristische Russland, England und die Habsburger Monarchie war es nun nicht mehr möglich, einen oder mehrere deutsche Kleinstaaten als Spielball für ihre Interessen zu benutzen. Das Deutsche Reich wurde zu einer europäischen Großmacht (siehe farbige Karte „Die Welt im Jahre 1870“).

Die Welt im Jahre 1870
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der einheitliche und mit einer starken Militärmacht ausgestattete Staat trat jetzt als Interessenvertreter der herrschenden Klassen Deutschlands auf, um deren wirtschaftliche und politische Interessen gegenüber den ausländischen Mächten wahrzunehmen.

Die Herstellung des einheitlichen Staates war aber von vornherein auch außenpolitisch außerordentlich belastet. Durch die Bedingungen des Frankfurter Friedensvertrages vom 10. Mai 1871 entstand ein unüberbrückbarer Gegensatz des Deutschen Reiches zu Frankreich. Diesen Gegensatz versuchten die herrschenden Klassen Deutschlands in erster Linie durch die weitere Aufrüstung zu begegnen. Die Regierung in Deutschland, insbesondere Bismarck, fürchteten, dass sich andere Mächte – vor allem Russland – mit Frankreich verbinden würden. Bismarck sprach von einem „Alpdruck der Koalitionen“. Daher konzentrierte er seine Bemühungen darauf, Frankreich zu isolieren. Außerdem versuchte Bismarck, die Stellung des deutschen Reiches gegen jede revolutionäre Bewegung abzusichern. So bemühte er sich um eine Zusammenarbeit der drei Monarchien Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland. Diese Entwicklung fand im Dreikaiserabkommen von 1873 ihren Ausdruck. Das Abkommen verpflichtete die Regierungen zu gegenseitiger Verständigung im Falle eines militärischen Angriffs und zur Solidarität im Kampf gegen revolutionäre Bewegungen.

Der Aufbau des Bündnissystems Deutschlands 1879

Das Dreikaiserabkommen konnte jedoch die gegensätzlichen Interessen Russlands und Österreich-Ungarns auf dem Balkan nicht überbrücken. Auf Kosten der hier noch um nationale Befreiung kämpfenden Völker wollten diese Mächte ihren Einfluss erweitern. Bismarcks Versuch, keine entscheidende Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen den beiden anderen Kaiserstaaten zuzulassen, erregte besonders den Unwillen der herrschenden Klassen in Russland und führte zur Verschlechterung der deutsch-russischen Beziehungen gegen Ende der 1870er Jahre.

Die deutsche und die österreichisch-ungarische Regierung schlossen im Oktober 1879 einen geheimen Bündnisvertrag ab. Dieser sogenannte Zweibundvertrag verpflichtete beide Mächte zur Hilfe bei einem Angriff Russlands oder Frankreichs. Dieses Bündnis wurde im Mai 1882 durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert. Die Politiker der herrschenden Klassen in Deutschland sahen, dass durch den Raubfrieden mit Frankreich 1871 ein Zweifrontenkrieg – Frankreich und Russland gegen Deutschland – drohte. Die Militaristen drängten daher auf eine noch stärkere Aufrüstung und einen Krieg.

Zeitgenössische Karikatur auf den Dreibund. Von links nach rechts: Bismarck, der Kaiser von Österreich-Ungarn und der König von Italien

Charakterisiere die Ziele des Dreibundes auf der Grundlage dieser Karikatur!

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Bismarck versuchte die Gefahr eines Zweifrontenkrieges durch ein Bündnis mit Russland zu begegnen: Im Jahre 1887 schloss er den sogenannten Rückversicherungsvertrag mit Russland ab, der beide Staaten im Falle eines Angriffs von dritter Seite zur Neutralität verpflichtete. Aber die Annäherung Russlands an Frankreich war damit nicht mehr aufzuhalten. 1890 wurde der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert, und 1892/93 kam s zu einem festen Militärbündnis zwischen Frankreich und Russland.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Das Expansionsstreben der deutschen Großbourgeoisie. Erste Kolonialeroberungen

Die deutsche Großbourgeoisie versuchte mit wachsendem Aufschwung ihrer Industrie, neue Absatzmärkte und Ausbeutungsobjekte zu gewinnen. Da die politische Situation keine Eroberungen in Europa zuließ, konzentrierten sich Banken, Handelshäuser und Industrieunternehmen auf die Eroberungen von Kolonien in Afrika und anderen Erdteilen. 1884 wurde dann auch die erste Kolonie in Afrika erobert.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Hinrichtung eines Freiheitskämpfers in der deutschen Kolonie in Ostafrika im Mai 1889.(Fotografie)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Wenn auch in schneller Folge noch mehrere Kolonien erobert werden konnten, so wurde doch sehr deutlich, dass die deutsche Großbourgeoisie im Kampf um Kolonien nicht mit den Kapitalisten anderer Länder mithalten konnte.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Das preußisch-deutsche Reich als Militärstaat

Der Klassencharakter des Staates

Preußen und der preußische Militarismus hatten bei der Einigung Deutschlands auf reaktionäre Weise die entscheidende Rolle gespielt.

Daher sicherten sich die Junker auch im neugegründeten Reich ihre politischen Machtpositionen. In den Regierungen Preußens und des Reiches, in den Verwaltungen und im Militärwesen, überall saßen vornehmlich Junker.

Die wirtschaftlich stärkste Klasse im Reich war die Bourgeoisie. Um hohe Profite zu erreichen, versuchte sie, reaktionäre Hemmnisse für die Entwicklung der Wirtschaft zu beseitigen. Junker und Bourgeoisie hatten als gemeinsames Hauptinteresse die Ausbeutung und Unterdrückung der Werktätigen (Erwerbstätige), insbesondere der Arbeiterklasse. So arbeiteten Junker und Bourgeoisie zusammen und festigten das schon früher entstandene Klassenbündnis. In diesem Bündnis hatten die Junker die wichtigsten politischen Positionen inne.

Das politische System und die Verfassung entsprachen diesen Klassenverhältnissen. Der Kaiser berief den Reichskanzler und die Leiter der Reichsämter (Ministerien), er hatte den Oberbefehl über Marine und Heer und vertrat das Reich gegenüber dem Ausland. Der Reichskanzler – bis 1890 Otto von Bismarck – war nur dem Kaiser rechenschaftspflichtig. Bismarck nutzte die verschiedenen Klassenwidersprüche im Reich, um sich eine diktatorische Stellung zu schaffen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Genehmigung eines Gesetzes
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Bundesrat setzte sich aus Regierungsbeauftragten der Einzelstaaten zusammen, war also nicht gewählt; er konnte Gesetzentwürfen zustimmen oder diese auch ablehnen. Im Bundesrat führte der Reichskanzler den Vorsitz. 25 Einzelstaaten mit insgesamt 58 (später 61) Stimmen waren in ihm vertreten. Preußen hatte allein 17 Stimmen und mit den Stimmen der von ihm abhängigen Kleinstaaten eindeutig das Übergewicht.

Der Reichstag wurde in allgemeiner, gleicher und geheimer Wahl von männlichen Bürgern über 25 Jahre gewählt. Die Einführung dieses Wahlrechts und einiger anderer demokratischer Rechte waren ein Ergebnis des Kampfes des Volkes. Aber aus Angst vor dem Volke wurden die Rechte des Reichstages sehr beschnitten. Gesetze, die vom Reichstag beschlossen wurden, konnten beispielsweise vom Bundesrat abgelehnt werden. Der Kaiser konnte den Reichstag einfach auflösen.

Durch politischen Druck und durch Beherrschung der Zeitungen konnten die herrschenden Klassen die Wähler beeinflussen. Die Junker und die Bourgeoisie hatten immer die Mehrheit im Reichstag.

Der preußisch-deutsche Militarismus

Nach dem deutsch-französischen Krieg breitete sich der preußische Militarismus weiterhin über Deutschland aus.

Der Kaiser hatte die oberste Kommandogewalt über die deutschen Streitkräfte. Er ernannte Offiziere und Generäle.

Das preußische Kriegsministerium – dem Reichstag nicht rechenschaftspflichtig – wurde das Organisationszentrum des Heeres, und der preußische Generalstab – nur dem Kaiser verantwortlich entwarf die Kriegs- und Operationspläne.

Im Heer selbst besaßen die Junker als Generale und Offiziere eine beherrschende Stellung.

Wie spiegeln sich die Rolle des Junkertums und das reaktionäre Klassenbündnis von Junkertum und Großbourgeoisie in der Armee wider?

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Junkertum und Bourgeoisie förderten vor allem den Ausbau und die Machterweiterung des preußischen Militarismus. Die herrschenden reaktionären Klassen nutzten die außenpolitischen Spannungen aus und verstärkten die Rüstungen. (Siehe: Die Außenpolitik des preußisch-deutschen Reiches)

Während die Bevölkerungszahl von 1872 bis 1893 um etwa 25 Prozent stieg, wuchs die Heeresstärke um nahezu 50 Prozent. Die Rüstungsausgaben verschlangen den größten Teil der Staatseinnahmen. In Preußen wurden zum Bespiel 1873 zwei Millionen Taler für Volksschulen ausgegeben, aber 60 Millionen Taler für Heer und Flotte.

Die wachsenden Rüstungskosten und die Folgen für das Volk. (Karikatur aus „Der wahre Jakob“)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Kapitalisten und Bankiers sahen in der Verstärkung des preußisch-deutschen Heeres eine Voraussetzung für ihre Ausbeutungs– und Eroberungspläne. Die Rüstung war zudem für sie eine gute Profitquelle. Nicht nur die Werke Krupps, die vor allem schwere Waffen lieferten, nahmen einen großen Aufstieg. Am Rüstungsgeschäft war der Besitzer großer Betriebe im Saargebiet, Stumm, beteiligt. Der Ausbau des Eisenbahnnetzes zu militärischen Zwecken brachte Stahlwerksbesitzern, den Lokomotivfabrikanten und anderen Firmen, die Eisenbahnausrüstungen herstellten, große Profite.  Die sich entwickelnde Elektroindustrie verdiente am Ausbau des militärischen Telefon- und Telegrafensystems. Und die Zeiss-Werke in Jena belieferten sehr bald die Heeresleitung mit Feldstechern und anderen optischen Instrumenten. Bauunternehmer schließlich verdienten am Festungs- und Kasernenbau. So waren Militarismus und Kapitalismus eng miteinander verbunden.

Der Militärapparat wurde nicht nur für außenpolitische Zwecke ausgebaut. Nach dem Motto der Junker aus der Revolution 1848/49 „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten! wurde das Militär auch gegen das eigene Volk eingesetzt.

Die Militärorganisation im Deutschen Reich
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die bevorzugte Stellung des Militärapparates beeinflusste das gesamte gesellschaftliche Leben. Kriegervereine und den Militarismus preisende Studentenverbindungen, militärische Aufmärsche zu Sedan-Feiern und Kaiser-Geburtstagen bestimmten das äußere Bild. In den Schulen und Universitäten, in Zeitungen und sogar durch Postkarten wurde der Krieg und das Militär verherrlicht.

Die Herrschaft der Junker und der Großbourgeoisie und die bestimmende Rolle des preußischen Militarismus kennzeichneten das Deutsche Reich als einen preußisch-deutschen Militärstaat.

Die Unterdrückung aller demokratischen Kräfte und der Arbeiterbewegung

Dem Wesen des preußisch-deutschen Militarismus entsprach die Verfolgung aller Gegner der Politik der herrschenden Klassen, insbesondere der Sozialdemokraten.

Schon zu Beginn des Krieges gegen Frankreich ließ der Militärbefehlshaber in Norddeutschland am 09. September 1870 den Braunschweiger Ausschuss der SDAP (Parteileitung) verhaften und in die Festung Lötzen verschleppen. Am 17. Dezember 1870 wurden August Bebel und Wilhelm Liebknecht verhaftet und bis zum März 1871 eingekerkert. Auch bürgerliche Demokraten, die gegen die Politik der Regierung auftraten, wurden verhaftet.

Die Unterdrückung der demokratischen Kräfte, insbesondere der Sozialdemokratie, wurde nach dem Kriege fortgesetzt. Zeitungsredakteure wurden verhaftet und ins Gefängnis gesperrt, die Mitglieder des Braunschweiger Ausschusses wegen angeblicher Vergehen gegen die öffentliche Ordnung zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Einen vorläufigen Höhepunkt dieser Terrormaßnahmen, die auch der Einschüchterung aller oppositionellen Kräfte dienen sollten, bildete der Leipziger Hochverratsprozess gegen Wilhelm Liebknecht und August Bebel. In diesem Prozess der im März 1872 in Leipzig stattfand, sollte den beiden Arbeiterführern Vorbereitung zum Hochverrat nachgewiesen werden.

Der Hochverratsprozess gegen Bebel und Liebknecht in Leipzig 1872.(Zeitgenössische Darstellung)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Liebknecht und Bebel nutzten die Verhandlungen zu einer ausführlichen, leidenschaftlichen Darlegung der Ziele der SDAP und der Grundsätze des Sozialismus. Arbeiterzeitungen und teilweise auch bürgerliche Zeitungen berichteten ausführlich über den Prozess und trugen damit wesentlich zur Ausbreitung der Gedanken und der politischen Grundsätze der revolutionären Sozialisten bei. So wurde der Prozess durch das mutige Auftreten der Angeklagten zu einem Erfolg für die Sache des Sozialismus. Obwohl Liebknecht und Bebel die gegen sie erhobenen Vorwürfe widerlegten und nachwiesen, dass die Sozialdemokraten den Interessen der Nation dienten, wurden sie zu je zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Dieses Urteil rüttelte viele Arbeiter auf.

Die Unterdrückung nationaler Minderheiten

Eine besonders brutale Unterdrückungspolitik betreiben die herrschenden Klassen gegenüber den im Deutschen Reich lebenden nationalen Minderheiten. Die preußisch-deutschen Junker und Militaristen gaben vor, diesen Völkern eine „höhere Kultur“ bringen zu wollen. Die richteten aber tatsächlich ihre Bestrebungen darauf, die zu „germanisieren“, das Heißt, die nationalen Minderheiten zu unterdrücken und zu verdrängen. Am stärksten waren die in den von Preußen eroberten Gebieten lebenden Polen betroffen. Die Verwaltung und Rechtsprechung in diesen Gebieten lagen in den Händen preußischer Beamter. In den Ämtern, vor Gericht und in den Schulen wurde die polnische Sprache schrittweise verboten. Die Lehrer demütigten und misshandelten(mobbten) die polnischen Kinder, wenn sie gegen dieses Verbot verstießen. Besondere Ansiedlungsgesetze sollten die polnischen Bauern zwingen, ihr Land zu billigen Preisen zu verkaufen und es preußischen Großgrundbesitzern und Großbauern zu überlassen.

Vertreibung eines polnischen Bauern von seinem Land durch preußische Polizei.(Zeitgenössische Darstellung auf einem damals heimlich verbreiteten Flugblatt)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die gleiche Politik der nationalen Entrechtung wurde gegenüber den Sorben betrieben.

In Elsass-Lothringen erhielt die Bevölkerung erst 1874 das Wahlrecht. Preußische Beamte und Offiziere spielten sich als die Herren auf. 42 Jahre nach der Annexion kam es noch zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und Militär, die durch die von preußischen Offizieren an einheimischen Rekruten verübten Schikanen ausgelöst worden waren.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der Kampf der Arbeiterklasse gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Streikkämpfe der Arbeiterklasse und die Herausbildung der Gewerkschaften

Der unversöhnliche Klassengegensatz zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie war auf ökonomischem Gebiet für die Arbeiter besonders sichtbar. Die Arbeiter erkannten deshalb bald, dass sie selbst die geringsten Forderungen – höheren Lohn, kürzere Arbeitszeit, bessere Arbeitsbedingungen – nur im ständigen Kampf gegen die Bourgeoisie durchsetzen konnten. Ein wirksames Mittel im Klassenkampf war die Verweigerung der Arbeit, der Streik. (Das Wort „Streik“ kommt vom englischen to Strike=schlagen und wurde zuerst 1856 im Sinne von „die Kapitalisten schlagen“ verwendet.)

Um erfolgreich kämpfen zu können, müssen sich die Arbeiter zusammenschließen. So entstanden zunächst örtliche Vereinigungen von Arbeitern eines Berufes, die Fachvereine. Sie bildeten die Grundlage für die Herausbildung zentraler Gewerkschaften.

In England, dem damals entwickelsten kapitalistischen Land, waren die Arbeiter am besten organisiert. Die Arbeiter verlangten die Abschaffung der vielen Überstunden. Daraufhin sperrten die Kapitalisten 1852 15 000 Arbeiter der Maschinenfabriken, darunter 3500 Gewerkschaftsmitglieder, in London und Lancashire aus. (Bei einer Aussperrung lassen die Kapitalisten die Arbeiter nicht an ihre Arbeitsplätze und zahlen ihnen keinen Lohn. Dadurch versuchen sie die Arbeiter zu zwingen, bestimmte Bedingungen anzunehmen.) Die Kapitalisten versuchten damit, die Arbeiter zum Austritt aus der Gewerkschaft zu zwingen. Nach dreimonatigem Ringen mussten die Arbeiter den Kampf abbrechen. Die Kapitalisten erreichten ihr Ziel jedoch nicht: Die Arbeiter blieben ihrer Organisation treu. Die Gewerkschaft der Maschinenbauer, die sich im Kampf bewährt hatte, wurde zum Vorbild für andere Gewerkschaften.

1858/59 forderten die Bauarbeiter Londons den neunstündigen Arbeitstag. Durch eine Massenaussperrung, von der 24 000 Arbeiter betroffen wurden, wollten die Kapitalisten die Bauarbeiter-Gewerkschaften sprengen. Arbeiter ganz Englands unterstützten das Ringen der Bauarbeiter Londons, das von August 1858 bis Februar 1860 währte. Die organisiert kämpfenden Arbeiter erwiesen sich als unbezwingbar.

Auch in Deutschland fanden in dieser Zeit Streiks statt. In der Zeit von 1852 bis 1859 kam es zu über 100, allerdings kleineren Streiks. Mehr als die Hälfte davon wurde polizeilich niedergeworfen.

Mit der Verschärfung des Gegensatzes zwischen der Arbeiterklasse und den Kapitalisten nahmen die Streiks zu, und die Gewerkschaften breiteten sich aus. Bisher noch nicht organisierte Arbeiter traten den Gewerkschaften bei. Fachvereine schlossen sich zentralen Verbänden an. Neue Gewerkschaften bildeten sich. Die Arbeiterklasse konnte den Klassenkampf gegen die Bourgeoise umfassender und erfolgreicher führen.

 

 

Streik um 1860 in einem Werk in L Creuzot (Frankreich). (Zeitgenössische Darstellung)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Vereinigte Gesellschaft der Maschinenbauer, 1851 gegründet, war die größte Gewerkschaft Englands. Die zählte 1851 5000 Mitglieder, 1866/67 waren es bereits 33 000. Um 1870 waren 375 000 englische Arbeiter gewerkschaftlich organisiert.

In Deutschland wurden die Arbeiterorganisationen rücksichtslos unterdrückt. Dennoch bestanden von 1852 bis 1859 über 800 lokale Arbeitervereinigungen, darunter Fachvereine und gewerkschaftliche Hilfskassen. Ein Teil knüpfte untereinander Verbindungen an. Es entstanden die ersten zentralen Gewerkschaftsverbände der Tabakarbeiter (1865) und der Buchdrucker (1866).

Die einzelnen Gewerkschaften erfassten die Arbeiter eines Berufs. Größere Kämpfe aber erforderten das Zusammenwirken der Gewerkschaften über die Berufsgrenzen hinaus. Veranlasst durch den Bauarbeiterstreik 1859/1860 entstand 1860 der Londoner Gewerkschaftsrat. Ihm gehörten viele Leiter von gewerkschaftlichen Zentralverbänden an. Er wurde bald zum führenden Organ der gesamten englischen Gewerkschaftsbewegung.

Bedeutung und Grenzen des ökonomischen Klassenkampfes des Proletariats

Der Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen bildete einen wichtigen Bestandteil des proletarischen Klassenkampfes. Durch ihn konnten auch noch nicht klassenbewusste Arbeiter in den Kampf einbezogen werden. So förderte er den Organisationsprozess der Arbeiterklasse. Dadurch wurden die Arbeiter aktionsfähiger; sie wurden zum gesellschaftlichen Machtfaktor. Die Gewerkschaften waren reine Arbeiterorganisationen. Durch ihren Kampf setzte die Arbeiterklasse -allerdings nur geringe- Lohnerhöhungen durch und erzwang die Verkürzung der Arbeitszeit.

Dieser ökonomische Kampf diente zunächst der Verbesserung der Lage der Arbeiter innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Er war überhaupt nicht auf die Beseitigung der Ausbeutung ausgerichtet. Deshalb konnte er die gesellschaftliche Lage der Arbeiterklasse im Kapitalismus als ausgebeutete und politisch unterdrückte Klasse nicht grundsätzlich ändern. Die Arbeiterklasse muss darum ihr ökonomisches Ringen mit dem politischen Kampf verbinden.

 

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Bourgeoisie setzte ihre wirtschaftliche und politische Macht gegen die Organisationsbestrebungen der Arbeiter ein. Jeder Fortschritt in der Organisierung der Arbeiter musste deshalb gegen die Bourgeoisie und ihren Staat erkämpft werden.

In Frankreich verbot das Gesetz „Le Chapelier“ von 1791 alle Arbeiterorganisationen und Streiks. Aber auch der französische Kaiser Napoleon III. und seine Polizei- und Militärmacht erwiesen sich außerstande, die Bildung von Arbeitervereinen und die Durchführung von Streiks zu verhindern. Durch ihren Kampf erzwang die Arbeiterklasse 1864 die teilweise Aufhebung dieses Gesetzes.

In allen kapitalistischen Staaten musste sich die Arbeiterklasse demokratische Rechte, wie das Versammlungs- und Vereinigungsrecht, selbst erkämpfen. Das Ringen um diese demokratischen Rechte ist Bestandteil des politischen Kampfes. Er muss sich letztendlich gegen das Herrschaftssystem der Bourgeoisie richten und zur Eroberung der politischen Macht der Arbeiterklasse führen. Der politische Kampf ist die höchste und wirkungsvollste Form des proletarischen Klassenkampfes.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982. Bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Durchsetzung des Kapitalismus in der Welt

Die Herausbildung des kapitalistischen Wirtschaftssystems

England, die „Werkstatt der Welt“, war das führende kapitalistische Land. Die maschinelle Fabrikproduktion hatte sich bereits in den 1830ern Jahren durchgesetzt. In Frankreich vollzog sich dieser Prozess seit 1830, in Deutschland besonders in den 1850er und 1860er Jahren. Während jedoch in England, Frankreich und in den USA (seit den 1860er Jahren) die kapitalistischen Verhältnisse Wirtschaft und Staat bestimmten, konnte sich der Kapitalismus in Deutschland zunächst nur in der Wirtschaft durchsetzen. Seine Entwicklung wurde durch die politische Herrschaft des Adels wesentlich behindert.

Der Produktionsaufschwung in den kapitalistischen Ländern und die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse führten zu einem raschen Aufschwung des internationalen Handels. Die Entdeckung reicher Goldfelder in Kalifornien (1848) und Australien (1841) förderte diesen Prozess. 1850 betrug der Gesamtwert des Außenhandels in der Welt 1,7 und 1870 bereits 4,4 Milliarden Dollar.

Durch diese Entwicklung der kapitalistischen Industrie und des Handels zwischen den kapitalistischen Ländern bildete sich allmählich das kapitalistische Weltwirtschaftssystem heraus. Was heute unter dem Schlagwort „Globalisierung“ läuft, ist also nichts Neues.

 

Die Einbeziehung zurückgebliebener Länder in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem

In Russland hatte die kapitalistische Entwicklung ebenfalls Fuß gefasst. Die unumschränkte Herrschaft des Zaren und die Leibeigenschaft hemmten jedoch die Entfaltung der kapitalistischen Wirtschaft. Selbst ein großer Teil der Manufaktur- und Fabrikarbeiter war noch leibeigen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In den 1850er Jahren geriet Russland in eine tiefe politische Krise. Nach Polizeiberichten gab es 1858 86, 1859 90 und 1860 108 Bauernaufstände. Revolutionäre Demokraten aus dem Bürgertum unterstützten die Bauern in ihrem Kampf gegen die Leibeigenschaft.

Um eine mögliche Revolution zu verhindern, verfügte der Zar am 19. Februar 1861 die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland. Die Bauern wurden persönlich frei. Sie konnten von nun an weder gekauft noch verkauft oder verschenkt werden. Die Reform wurde vom Zaren und den Großgrundbesitzern selbst durchgeführt. Sie versuchten deshalb, ihre Interessen -auf Kosten der Bauern- weitestgehend zu sichern. Die Bauern erhielten nur gegen hohe „Entschädigungen“ Land, oder sie mussten es von den Grundbesitzern pachten. Gegen die Unzulänglichkeiten der Reform kam es auf vielen Gütern zu Bauernunruhen, die jedoch niedergeschlagen wurden.

Die Aufhebung der Leibeigenschaft war dennoch die Voraussetzung für die kapitalistische Entwicklung in Russland. Die Kapitalisten konnten nunmehr freie Lohnarbeiter ausbeuten. Moskau, Kriwoi Rog, das Donezbecken und andere Gebiete entwickelten sich zu Industriezentren.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In Indien hatte sich England bereits seit langem die Vorherrschaft in grausamen Kolonialkriegen erobert. 1857 erhob sich das indische Volk gegen die englischen Kolonialherren. Der Volksaufstand wurde in einem fast dreijährigen Krieg blutig niedergeschlagen. 1858 wurde Indien zur britischen Kolonie erklärt. England nutzte die feudalen Klassengegensätze und die Nationalitäts- und Religionsunterschiede in Indien aus. Die indischen Fürsten wurden bestochen und damit zu einer Stütze der englischen Kolonialherren gemacht. Durch rücksichtslose Ausbeutung des indischen Volkes und der Naturschätze Indiens flossen den englischen Kapitalisten riesige Profite zu.

Erschießung aufständischer Inder mit Kanonen im Jahre 1857. (Nach einem Gemälde von W. Werestschagin um 1875)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Mit Waffengewalt erzwang England 1832 von China die Öffnung von fünf chinesischen Häfen für den englischen Handel, die Abtretung Honkongs an England und eine hohe Kriegsentschädigung. Damit begann eine Kette militärischer Überfälle, politischer und ökonomischer Erpressungen, durch die das feudale China zu einer kapitalistischen Halbkolonie wurde und damit seine politische Selbstständigkeit verlor. An der kapitalistischen Ausbeutung Chinas beteiligten sich außer England auch Frankreich, die USA, Russland, Deutschland und andere Staaten.

Unter Androhung militärischer Gewalt setzten die USA 1853/54 in Japan die Öffnung zweier Häfen für den Handel mit den USA durch. Ähnliche, mit Gewalt erzwungene Verträge schlossen unmittelbar darauf auch England, Russland, Frankreich und Holland mit Japan. Die gewaltsame Einbeziehung in den kapitalistischen Welthandel löste in Japan innenpolitische Kämpfe aus. Durch bürgerliche Reformen wurde 1867/68 das Feudalsystem durchbrochen und die rasche Entwicklung des Kapitalismus in Japan ermöglicht.

In den 1860er Jahren vollzog sich in der Welt ein Prozess, der mit der Auflösung feudaler Verhältnisse (Russland/Japan) und mit der zum Teil gewaltsamen Einbeziehung ökonomisch zurückgebliebener Länder in das kapitalistische System (Indien, China, Japan) verbunden war. Durch diese Veränderungen setzte sich der Kapitalismus in der Welt durch.

Die Welt im Jahre 1870
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Weltwirtschaftskrise von 1857 bis 1859

Der Aufschwung der kapitalistischen Produktion wurde durch die Wirtschaftskrise von 1857 bis 1859 jäh unterbrochen. Sie war die erste Wirtschaftskrise, die nicht nur auf wenige kapitalistische Staaten beschränkt war, sondern die gesamte kapitalistische Welt erfasste. Die Krise führte zu Absatzstockungen, zu zahlreichen Bankrotten und zum Rückgang der gesamten Produktion. Die Kapitalisten versuchten, die Folgen der Krise mittels Kurzarbeit, Lohnkürzungen und Entlassungen auf die Arbeiter abzuwälzen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die wirtschaftliche Entwicklung des Kapitalismus in den fortgeschrittenen Ländern

Der Abschluss der industriellen Revolution in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern

Die volle Durchsetzung des Kapitalismus vollzog sich durch zwei revolutionäre Prozesse, die sich gegenseitig bedingten und beeinflussten:

  • Erstens durch die bürgerliche Revolution, die die gesellschaftlichen Verhältnisse zugunsten der Bourgeoisie umwälzte.
  • Zweitens durch die industrielle Revolution, die grundlegend die Art und Weise der Produktion veränderte.

Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde die industrielle Revolution in den fortgeschrittensten Ländern (England, Frankreich, USA, Deutschland) beendet. Maschinen ersetzten in den wichtigsten Industriezweigen die Handwerkzeuge, mit denen bisher die Produktion betrieben worden war.

Zur Herstellung dieser Werkzeugmaschinen entstand ein neuer Industriezweig, der Maschinenbau. Maschinenfabriken lieferten zum Beispiel Pressen, Dreh- und Bohrmaschinen oder Textilmaschinen. Sie wurden als Ersatz für veraltete Maschinen gebraucht. So gewannen die Maschinenfabriken eine Schlüsselstellung in der kapitalistischen Industrie.

Die Dampfmaschine fand weite Verbreitung. In erster Linie wurde sie im Verkehrswesen (Lokomotiven, Dampfschiffe), im Bergbau (Wasserhaltung, Bewetterung, Transport) und als Antriebsmittel von Maschinen eingesetzt.

Maschinensaal der Firma Hartmann um 1850 in Chemnitz (vorübergehend Karl-Marx-Stadt)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Produktionsaufschwung nach 1850

Der Einsatz von Maschinen ermöglichte eine schnelle Produktionssteigerung. Maschinenbau Kohle- und Erzförderung, Eisen- und Stahlerzeugung sowie die Entwicklung des Verkehrs beeinflussten sich wechselseitig. Durch die Anwendung von Dampfmaschinen und modernerer Produktionsverfahren konnten zum Beispiel im Bergbau größere Tiefen erreicht und neue Kohle- und Erzvorkommen erschlossen werden.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Bedarf an Eisen und Stahl, dem wichtigsten Grundstoff der Industrie, wuchs ebenfalls rasch an. Die Eisen- und Stahlerzeugung wurde durch die Anwendung moderner Produktionsverfahren erhöht.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Kokshochöfen ersetzten in der Roheisenerzeugung immer mehr das alte Holzkohle-Verfahren. Gab es im Ruhrgebiet 1850 nur zwei Kokshochöfen, so waren es 1870 schon 50. Der Kokshochofen bot gegenüber den alten Verfahren große Vorteile. Hatte man früher für die Produktion einer Tonne Roheisen sieben bis acht Tonnen Holzkohle benötigt, so reichte nunmehr eine Tonne Koks aus. Die neuen Hochöfen wurden jetzt nicht mehr in der Nähe großer Wälder errichtet, sondern nahe den Eisenerz- und Kohlevorkommen.

Die Kokshochöfen ersetzten in der Roheisenerzeugung immer mehr das alte Holzkohle-Verfahren. Gab es im Ruhrgebiet 1850 nur zwei Kokshochöfen, so waren es 1870 schon 50. Der Kokshochofen bot gegenüber den alten Verfahren große Vorteile. Hatte man früher für die Produktion einer Tonne Roheisen sieben bis acht Tonnen Holzkohle benötigt, so reichte nunmehr eine Tonne Koks aus. Die neuen Hochöfen wurden jetzt nicht mehr in der Nähe großer Wälder errichtet, sondern nahe den Eisenerz- und Kohlevorkommen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

1864 entwickelten Wilhelm Siemens und die französischen Gebrüder Martin das Siemens-Martin-Verfahren. Dabei werden bei sehr hohen Temperaturen Roheisen und Schrott im Schmelzofen zu Stahl veredelt.

Die Entstehung von Großbetrieben

Die kapitalistische Produktion wurde anfangs in vielen selbstständigen Einzelunternehmen betrieben. Die einzelnen Kapitalisten führten gegeneinander einen erbitterten Konkurrenzkampf um möglichst hohe Profite. Dabei behielten diejenigen die Oberhand, die wirtschaftlich am stärksten waren und am brutalsten die Arbeiter ausbeuteten. In diesem Prozess wurden viele Betriebe ruiniert. Die volle Durchsetzung der kapitalistischen Warenproduktion in allen Wirtschaftsbereichen war zugleich der Höhepunkt des Kapitalismus der freien Konkurrenz.

Die Kapitalisten eigneten sich den Gewinn an, der von den Arbeitern erzeugt wurde. Einen Teil davon verwandten sie zur Vergrößerung und Modernisierung ihrer Betriebe. Der technische Fortschritt, wie zum Beispiel die neuen, aber kostspieligen Verfahren zur Stahlgewinnung, kam dabei vor allem den größeren Betrieben zugute.

Zur Errichtung eines Großbetriebes waren nicht nur ein günstiger Standort (Rohstoffnähe, Transportverhältnisse, gute Absatzmöglichkeiten, weitreichende Geschäftsverbindungen) und ein hohes Können der Arbeiter und Techniker notwendig, sondern auch viel Kapital.

Zum Aufbau einer größeren Maschinenfabrik waren in Deutschland 1847 etwa 150 000 Taler (1 Taler entsprach 3 Goldmark) erforderlich. Doch wesentlich mehr Kapital wurde zur Anlage eines Bergwerkes, eines Hüttenbetriebes oder Eisenbahnlinie benötigt. Zur Anlage eines Bergwerkes im Ruhrgebiet mit einer Jahresförderung von 100 000 Tonnen Steinkohle und einer Belegschaft von 500 bis 600 Arbeitern waren damals 500 000 bis 750 000 Taler erforderlich.

Krupps Gussstahlfabrik in den Jahren 1815, 1840 und 1864
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Ein einzelner Kapitalist konnte meist solche großen Summen nicht allein aufbringen. Deshalb schlossen sich mehrere Kapitalbesitzer zu einer Aktiengesellschaft (AG) zusammen. Sie zahlten Gelder in die Aktiengesellschaft ein und erhielten dafür Anteilsscheine, Aktien. Am Ende des Geschäftsjahres wurde der Profit der Aktiengesellschaft auf die Aktien aufgeteilt und die Dividende an die Aktionäre ausgezahlt. Ohne selbst zu arbeiten, eigneten sich die Aktionäre den Gewinn der Unternehmen an, den die Arbeiter schufen. Je mehr Aktien ein Aktionär von einem Betrieb besaß, desto größer war sein Einfluss auf die betreffende Aktiengesellschaft. Die Großaktionäre, die di meisten Aktien einer Aktiengesellschaft besaßen, entschieden deshalb über alle wichtigen Fragen, die die Aktiengesellschaft betrafen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Großbetriebe entstanden vor allem in den entscheidenden Industriezweigen, besonders im Bergbau, in der Eisen- und Stahlerzeugung und im Maschinenbau.

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Mit der fortschreitenden Industrialisierung bildeten sich Großstädte und Industriezentren.  Das Ruhrgebiet wurde nach 1850 zum industriellen Herzen des deutschen Kapitalismus.

Wesentlichen Einfluss auf die Industrie erlangten nunmehr die Banken. Sie beschränkten sich nicht mehr auf das Wechseln, Leihen und Aufbewahren von Geld, sondern übernahmen auch den Kauf von Verkauf von Aktien und legten in zunehmenden Umfang ihr Kapital selbst in wichtigen Großbetrieben an.

Die Entwicklung des Verkehrs- und Nachrichtenwesens

Eisenbahnlinien in Mitteleuropa im Jahre 1848
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die industrielle Revolution sprengte den örtlich begrenzten, den lokalen Markt, für den bisher die kleineren Handwerksbetriebe produziert hatten. Rohstoffzufuhr und Absatz der Fertigwaren verlangten ein leistungsfähiges Transportsystem sowohl im Inland als auch für den internationalen Handel.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Diesem dringenden Bedürfnis wurden die Eisenbahnen gerecht. Sie waren schneller, billiger und zuverlässiger als die herkömmlichen Transportmittel und deshalb erheblich besser für den größeren Warentransport geeignet. Das Eisenbahnnetz wuchs in dieser Zeit außerordentlich rasch an.

Eisenbahnlinien in Mitteleuropa im Jahre 1868
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In der Schifffahrt gewannen die Dampfschiffe zunehmend an Bedeutung. Für die Überfahrt von Europa nach Amerika benötigten Segelschiffe damals durchschnittlich 35 Tage, Dampfschiffe nur 12 ½ Tage.

Auch im Schiffbau verdrängten Eisen und Stahl das Holz. Die Schiffe wurden größer, Die Werften und Häfen nahmen einen schnellen Aufschwung.

Im Jahre 1869 wurde nach zehnjähriger Bauzeit der Suezkanal eröffnet. Er verband das Mittelmeer mit dem Roten Meer. Der 163 Kilometer lange Kanal verkürzte den Seeweg von Europa nach Ostasien außerordentlich. Von Hamburg nach Bombay beispielsweise benötigten Schiffe jetzt 24 Tage weniger als bei Fahrten um das Kap der Guten Hoffnung.

Die Bedeutung des Suezkanals. Die Karten geben die Hauptrichtungen der Schifffahrt wieder, die Stärke der Linien deutet die ungfähre Intensität der befahrenen Schifffahrtslinien an
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Einführung der elektrischen Telegrafie (Erfindungen von Gauß, Weber und Morse, industrielle Fertigung durch Siemens) ermöglichte eine schnelle und genaue Nachrichtenübermittlung. 1851 wurden die ersten Seekabel zwischen England und Frankreich, 1866 zwischen Europa und Amerika verlegt.

Neuerungen in der Landwirtschaft

Die neue Technik und die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse fanden Eingang in die Landwirtschaft. Mit einer von Pferden gezogenen Mähmaschine konnten in 10 Stunden fast 5 Hektar Getreide gemäht und dadurch mindestens 8 Arbeiter ersetzt werden. Die Dampf-Dreschmaschine fand vielfach Verwendung an Stelle des Handdruschs der Göpeldreschmaschinen. Der erste Dampfpflug in Deutschland wurde 1868 in Sachsen eingesetzt. Führend in der Produktion und im Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen waren die USA und England.

Dreschmaschine mit Dampflokombile aus dem Jahre 1865. (Zeitgenössische Darstellung)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Wesentlich höhere Erträge konnten durch die künstliche Düngung erreicht werden. Justus von Liebig (1803 bis 1873) schuf dafür die wissenschaftliche Grundlage. Sein Hauptwerk „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie“ erschien 1840. In Deutschland wurden seit 1843 Chilesalpeter und seit 1858 Kali aus Staßfurt zur künstlichen Düngung verwendet. 1872 wurden bereits in 33 Fabriken mehr als 500 000 Tonnen Kalisalze verarbeitet. Von 1850 bis 1870 stiegen die Hektarerträge bei Weizen um 10 bis 25 Prozent, bei Roggen und Gerste um 10 Prozent.

Heute haben wir weitere Fortschritte, die damals undenkbar waren. Einige Fortschritte von damals gibt es heute nicht mehr, da sie durch weitere Fortschritte ersetzt wurden.

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Eleonore Prochaska

Marie Eleonore Proschaska, geboren am 11. März 1785 in Potsdam, gestorben am 5. Oktober 1813 in Dannenberg, war eine Deutsche Soldatin in den Befreiungskriegen.

Siehe Beitrag auf You Tube:

 


 

Eleonore Prochaska kam am 11. März 1785 in Potsdam zur Welt. Ihr Vater war Unteroffizier in einem preußischen Bataillon der Garde. Als er 1793 in den Krieg gegen Frankreich ziehen musste, war die Mutter nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. Eleonore und ihre drei Geschwister wurden in das Große Militärwaisenhaus in Potsdam eingewiesen. Dort blieb sie bis 1797 und kehrte dann zu ihrem Vater zurück, der den Dienst verlassen hatte und von seiner Rente und vom Musikunterricht lebte. Um 1808/1809 interessierte sie sich für die Volksaufstände in Spanien und Tirolgegen Napoleon. Um diese Zeit verließ sie den väterlichen Haushalt und um 1810 diente sie als Köchin in einem Potsdamer Bürgerhaus.

Gedenktafel am Haus Lindenstraße 34 in Potsdam

Gedenktafel am Haus Lindenstraße 34 in Potsdam

Bildquelle: Von OTFW, Berlin – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4461172

 

 

Ende Juni 1813 trug sie sich unter dem Namen August Renz in die Stammrolle des Jägerdetachements des 1. Bataillons des Lützowschen Freikorps ein. Leutnant Otto Preuße schrieb:

„Wir standen in Sandau an der Elbe. Hier kam auch ein Jäger Renz zur Kompanie – wie sich später zeigte, ein Mädchen Namens Prochaska. Er wurde Flügelmann, 5 Fuß, 8 Zoll, 3 Strich hoch – Es wurden uns englische Schuhe geliefert, alle bedeutend zu groß, doch zu klein für Renz und ich musste besonders für ihn ein Paar arbeiten lassen. Seine Sprache war nicht besonders fein, so dass niemand in ihm ein Mädchen vermuten konnte. Übrigens kochte er vortrefflich in den Biwaks.“[3]

Brief Eleonores an ihren Bruder Kopie

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Das Freikorps Lützow verstärkte im Juli 1813 das Armeekorps von General Wallmoden, das an der Niederelbe positioniert war. Als Mitte August der Krieg erneut losbrach, stand Prochaskas Einheit in Büchen. Ihre Abteilung machte die ganze Kampagne mit, wurde aber in den vielen Scharmützeln gegen die Armee von Davout (Lauenburg, Vellahn, Gadebusch, Mölln usw.) nicht eingesetzt. Die Schlacht an der Göhrde im September 1813 wurde die erste ernste Kampfprobe für die Kompanie und für Prochaska.

Eleonore Proschaska Kopie

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

In der Schlacht an der Göhrde wurde sie durch eine Kartätsche schwer verwundet, als sie versuchte, einen verletzten Kameraden aus der Kampflinie zu tragen. Ein herbeigeeilter Vorgesetzter, der ihre Wunden versorgte, entdeckte ihr wahres Geschlecht und ließ sie in ein Bürgerhaus nach Dannenberg bringen, wo sie drei Wochen später ihren Verletzungen erlag.

Gedenktafel für Eleonore Prochaska an ihrem Sterbehaus, Lange Straße, Dannenberg

Gedenktafel für Eleonore Prochaska an ihrem Sterbehaus, Lange Straße, Dannenberg

Bildquelle: Von Hermann Junghans – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37408791

 

 

Ehrungen

Eine Zeitungsmeldung vom 7. Oktober 1813 berichtete: „Heute morgen um 9 Uhr wurde die Leiche der in der Schlacht bei Göhrde verwundeten Eleonore Prochaska zur Erde bestattet, welche als Jäger im Lützowschen Korps unerkannt ihren Arm aus reinem Patriotismus der heiligen Sache des Vaterlandes geweiht hatte. Gleich einer Jeanne d’Arc hatte sie mutvoll gekämpft den Kampf für König und Vaterland […] Trauernd folgten ihr das hannoversche und russisch-deutsche Jägerkorps, Se. Excellenz der Herr Minister und Grandmaitre de la Garderobe außerordentlicher Gesandter Graf von Grote, Ihr Kommandeur und Oberst Herr Graf von Kielmannsegg, mit sämtlichen Offizieren an der Spitze, und zollten ihrem Mut den letzten Beweis öffentlicher Würdigung ausgezeichneter Tapferkeit und weiblichen Heroismus.“

In der Folgezeit wurde sie als jungfräuliche Heldin stark idealisiert und als die „Potsdamer Jeanne d’Arc“ verehrt. Verschiedene Dramen und Gedichte wurden über sie geschrieben, unter anderem „Auf das Mädchen aus Potsdam, Prochaska“ von Friedrich Rückert.

Im Jahr 1865 wurde an ihrem Grab auf dem St.-Annen-Friedhof in Dannenberg ein Denkmal errichtet und 1889 erhielt ihre Heimatstadt Potsdam ihr zu Ehren ein Denkmal („Der Heldenjungfrau zum Gedächtnis“), das sich auf dem fast vollständig abgeräumten Alten Friedhof erhalten hat.

Grabstätte von Eleonore Prochaska auf dem ehemaligen St.-Annen-Friedhof in Dannenberg

Grabstätte von Eleonore Prochaska auf dem ehemaligen St.-Annen-Friedhof in Dannenberg

 

Bildquelle: Von Christian Fischer, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37344683

 

 

Auch musikalisch wurde ihr ein bemerkenswertes Denkmal gesetzt: Ludwig van Beethoven komponierte zum Gedenken an die Heldin zu dem (verschollenen) Schauspiel „Leonore Prohaska“, geschrieben vom Königlich preußischen Geheimsekretär Friedrich Duncker (1815), eine Schauspielmusik, bestehend aus einem Krieger-Chor, einer Romanze, einem Melodram und einem Trauermarsch (Werk ohne Opus 96). Eine literarische Würdigung erfuhr das Schicksal der ungewöhnlichen Frau durch den von Birgid Hanke verfassten Roman „Flammen der Freiheit“ (2013).

Denkmal für Eleonore Prochaska auf dem Alten Friedhof (in Potsdam)

Denkmal für Eleonore Prochaska auf dem Alten Friedhof (in Potsdam)

Bildquelle: Von karstenknuth – Eigenes Werk (Originaltext: eigene Arbeit), Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5705194

 

 

 

Der Mythos der Lützower Trommlerin

 

Der Leutnant Friedrich Christoph Förster, der am Angriff der Lützower an der Göhrde teilnahm, erzählte in seinem 1863 erschienenen Buch, wie Prochaska, um ihre Kameraden zu ermutigen, mit einer liegen gelassenen Trommel den Angriff fortsetzte. Als sie schwer getroffen wurde, konnte sie noch Förster ihre weibliche Natur preisgeben: „Herr Leutnant, ich bin ein Mädchen.“

Die Geschichte der Trommlerin fand sofort eine große Verbreitung und heute noch ist dieses Bild der Lützower Trommlerin von der Person Prochaska nicht weg zu denken.

Dieser Bericht von Förster ist allerdings von ihm frei erfunden worden. Alle früheren Quellen sind einig über die Tatsache, dass Prochaska getroffen wurde, als sie einen Kameraden aus der Feuerlinie wegtragen wollte und dass sie sich nicht dem Leutnant Förster, sondern wahrscheinlich dem Feldwebel Markworth, einem Schullehrer aus Berlin, offenbarte.

Ihre Person wurde immer wieder neu interpretiert und erfuhr im Laufe der Zeit mehrere Vereinnahmungen aus verschiedenen politischen Richtungen. Prochaska wurde nach und nach eine Symbolfigur für Patrioten, Nationalisten, Kriegsbefürworter, Kommunisten und Feministinnen.

 

Proschaska und die Gender-Forschung

 

Seit den 1990er Jahren bietet die Geschlechterforschung (mit zum Beispiel der deutschen Historikerin Karen Hagemann) eine neue Interpretation der Figur Prochaskas an. Mit der Einführung der Wehrpflicht in Preußen nach der vernichtenden Niederlage von Jena 1806 und während der Befreiungskriege 1813 hätte sich eine neue Ausformung der Männlichkeit herauskristallisiert. Der Mann wird Nationalkrieger und Staatsbürger und gegenüber dem mutigen männlichen Kämpfer entwickelt sich als Pendant eine „vaterländische“ Weiblichkeit. Frauen bekommen dabei die Rolle von „Heldenmüttern“, „Kriegerbräuten“ oder „hochherzigen Pflegerinnen“. In diesem Zusammenhang erscheint Prochaska (so wie die anderen Frauen, die in den Befreiungskriegen gekämpft haben) als Person, die den Handlungsrahmen ihrer zugedachten Rolle als Frau aus patriotischen Gründen nicht akzeptiert und überschreitet. Prochaska zieht in den Krieg, nicht nur um zu kämpfen, sondern auch um ihre Aufgaben als Bürgerin wahrzunehmen.

 

Andere Frauen in den Befreiungskriegen

 

Neben Eleonore Prochaska haben während der Freiheitskriege noch weitere Frauen in den beteiligten Armeen gekämpft, so beispielsweise die russische Offizierin Nadeschda Durowa oder die Tirolerin Katharina Lanz. Allerdings wurden fast alle, nachdem sie als Frauen erkannt wurden, aus dem Militärdienst entlassen. Die einzige Ausnahme war wohl Friederike Krüger (1789–1848), die dank Protektion ihres Brigadekommandeurs der einzige bekannte weibliche Unteroffizier der preußischen Armee wurde. Zuletzt diente sie im 2. Garde-Regiment zu Fuß. 1816 wurde ihr Abschiedsgesuch bewilligt und sie zog sich in das Zivilleben zurück.

 

Siehe auch:

Liste als Mann verkleideter Militärpersonen

 

Heute gibt es in einigen Ländern, darunter auch im heutigen Deutschland, offiziell Frauen bei der Armee, auch in der kämpfenden Truppe. Das ist aber umstritten.

 

Anmerkung: Kein Geschichtsbuch schreibt, wie als Mann verkleidete Frauen es geschafft haben sich zu waschen, Wäsche zu wechseln und auf Toilette zu gehen.(An die Monatshygiene muss man bei Frauen auch denken.)

 

Entnommen Wikipedia, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

 

Die Niederlage bei Jena und Auerstedt und der Frieden von Tilsit

Die Niederlage bei Jena und Auerstedt

Die französischen Kapitalisten gaben sich mit der Unterwerfung von einem Teil Deutschlands noch nicht zufrieden. Sie wollten das ganze Land beherrschen und ausplündern. Im Herbst 1806 kam es deshalb zum Krieg mit dem militaristischen Preußen. Überheblich hatte ein preußischer General geäußert, man brauche gar keine Gewehre und Säbel, um die Franzosen zu besiegen. Schon mit Knüppeln könne man sie in die Flucht schlagen. Aber Napoleons Armee lehrte die preußischen Junker etwas anderes. Rasch drang sie über den Thüringer Wald in die Gegend von Jena und Auerstedt vor. Hier kam es am 14. Oktober zu einer Doppelschlacht. Die preußischen Truppen wurden vernichtend geschlagen und zogen sich Hals über Kopf zurück.

Wie kam es zu dieser für Preußen so schmachvollen Niederlage? Sie war kein Zufall, sondern ergab sich aus den rückständigen gesellschaftlichen Verhältnissen. Die preußische Armee bestand aus Söldnern und Leibeigenen, deren menschenunwürdige Behandlung durch die Offiziere bekannt war. Demgegenüber hatten die französischen Soldaten das Gefühl freie Männer zu sein.

Schriftsteller zu Unterschied französische Und preußische Armee

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

 

Schlacht bei Jena 14.10.1806

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982

 

Wenige Wochen nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt waren auch die meisten preußischen Festungen in französischer Hand. Die Mehrzahl der Kommandanten kapitulierte feige. Manchmal waren es nur kleine französische Abteilungen, vor denen die Waffen gesteckt wurden. So geschah es auch in Magdeburg. Mit etwa 23 000 Mann, 800 Kanonen und reichen Vorräten ergab sich diese starke Festung den Franzosen, die nur drei Kanonen vor der Stadt aufgefahren hatten.

Aber nicht überall konnte die Napoleonische Armee so leichte Erfolge erringen. Blücher kapitulierte bei Lübeck erst, als er kein Brot und Pulver mehr hatte. Die Festung Kolberg wurde unter dem Befehl des Majors Neithardt von Gneisenau bis zum Kriegsende erfolgreich verteidigt.

Obwohl die russische Armee den Preußen zu Hilfe eilte, gefährdete sie den endgültigen Sieg Napoleons nicht mehr. Schon im Oktober konnte Napoleon in die preußische Hauptstadt Berlin einziehen. Er schlug sein Quartier im Königsschloss auf. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. war nach Memel geflohen. Wegen seiner feigen Haltung sangen die Berliner Jungen: „Unser Dämel ist Memel!“

 

Der Frieden von Tilsit

Preußen musste seine Niederlage sehr teuer bezahlen. Napoleon zeigte sein wahres Gesicht als Eroberer. Am 09. Juli 1807 schloss er mit Friedrich Wilhelm III. den Frieden zu Tilsit. Der preußische Staat verlor etwa die Hälfte seines Gebietes und seiner Einwohner. Im Osten handelte es sich um Gebiete, die Preußen im 18. Jahrhundert Polen geraubt hatte. Daraus wurde das Großherzogtum Warschau gebildet. Besonders schmerzlich war der Verlust der linkselbischen Provinzen. In ihnen gab es bedeutende Städte und Produktionsanlagen. Aus diesen und anderen Gebieten gründete Napoleon das Königreich Westfalen, in dem sein Bruder Jerome König wurde. Außerdem sollte Preußen so lange durch franzöisische Truppen besetzt bleiben, bis es die Kriegskosten bezahlt habe. Napoleon legte deren Höhe jedoch nicht fest, so dass er seine Forderungen laufend steigern konnte. Während Preußen im Jahre 1806 über mehr als 200 000 Soldaten verfügte, durfte es nach einem Vertrag von1808 künftig nicht mehr als 42 000 Mann unter Waffen halten. Nicht nur für Preußen, sondern für ganz Deutschland bedeutete der Tilsiter Frieden die größte Erniedrigung.

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Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 7. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

 

 

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Niederlage bei Jena und Auerstedt und Tilsiter Frieden