Die Arbeiterklasse zu Beginn der imperialistischen Herrschaft

Die Auswirkungen der imperialistischen Herrschaft auf die soziale Lage der Arbeiterklasse

Die Herausbildung des Monopolkapitalismus brachte für alle Klassen und Schichten große Veränderungen.

Die Anzahl der Arbeiter wuchs. Sie waren vor allem in den Großbetrieben konzentriert. 1909 zählten nur 1,1 Prozent der der Betriebe in den USA zu den Großbetrieben. In diesen waren aber 30,5 Prozent aller Industriearbeiter beschäftigt.

Auch innerhalb der Arbeiterklasse kam es mit der Herausbildung des Imperialismus zu Veränderungen der sozialen Struktur. Die Anzahl der ungelernten Arbeiter stieg stark an. Gleichzeitig nahm die Anzahl der Vorarbeiter, Meister, Techniker und Spezialisten zu. Die Arbeitslosigkeit wurde eine ständige Begleiterscheinung des Kapitalismus, die dazu benutzt wurde, die Löhne zu drücken. Das hat sich bis heute nicht geändert. Frauen und Kinder erhielten zum Teil bevorzugt Arbeit in bestimmten Monopolbetrieben (vor allem in der Textilindustrie), weil sie schlechter bezahlt wurden. Die Intensität der Arbeit stieg. Ständig steigende Intensität der Arbeit ist uns auch heute wohlbekannt.

Ein trauriges Kapitel imperialistischer Ausbeutung war die Kinderarbeit. 1910 arbeiteten in den USA knapp 2 Millionen Kinder im Alter zwischen 10 und 15 Jahren. Das waren 5,2 Prozent der Beschäftigten und 10,8 Prozent aller Kinder. Es gibt auch heutzutage noch Länder, wo Kinderarbeit gang und gäbe ist.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Lebensverhältnisse der Arbeiterklasse verschlechterten sich nach 1910 in Deutschland. Zölle und indirekte Steuern trieben die Preise der Lebensmittel und Kleidung in die Höhe. Etwa 25 Prozent ihres Lohnes mussten die Arbeiter in den Großstädten als Miete für eine vielfach ungesunde, lichtarme Wohnung bezahlen. Nun ja, die Mieten sind heute genauso ein Problem, auch wenn es die ungesunden Wohnungen in diesem Sinne nicht mehr gibt. Dafür müssen viele, die sich die Mieten in einer Großstadt nicht leisten können, lange Wege zur Arbeit in Kauf nehmen und pendeln.

Der Kampf gegen den vordringenden Opportunismus in der internationalen und deutschen Arbeiterbewegung

Durch die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter, der Kolonialvölker und abhängigen Länder sowie durch die Monopolstellung auf den Märkten erzielten die Finanzkapitalisten hohe Profite. Zum Teil verwandten sie diese Geldmittel auch dazu, bestimmte Arbeiterschichten (Meister, Techniker, spezialisierte Facharbeiter usw.) bevorzugt zu behandeln. Mit Hilfe einer unterschiedlichen Entlohnung und Gewährung von Sonderrechten (Werkswohnungen, Beamtenpensionen usw.) sollten diese Arbeiterschichten, Arbeiteraristokratie genannt, bestochen werden. Das hat sich bis heute auch nicht geändert. Die mit der Großindustrie entstandene Differenzierung wurde (wird) so von den Monopolherren bewusst genutzt, um das einheitliche Handeln der Arbeiterklasse zu untergraben.

Die Arbeiteraristokratie und die kleinbürgerlichen Elemente bildeten die soziale Grundlage für die Herausbildung einer besonderen opportunistischen Strömung in der Arbeiterbewegung. Ihre Wortführer behaupten, dass unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen die Lehren von Marx und Engels nicht mehr voll gültig wären, sondern abgeändert, revidiert werden müssten. Diese Thesen kennen wir heute auch noch. Sie wurden (werden) deshalb Revisionisten genannt. Der Revisionismus lehnte (lehnt) den revolutionären Klassenkampf ab und trat (tritt) für die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Klassen ein. Die Revisionisten behaupteten (behaupten), es sei möglich, durch Reformen im Rahmen der bestehenden kapitalistischen Ausbeutergesellschaft allmählich und friedlich in den Sozialismus hineinzuwachsen. Sie verzichteten (verzichten) auf das revolutionäre Ziel der Arbeiterbewegung: die Eroberung der politischen Macht.

Entsprechend dieser theoretischen Grundlage entwickelten die Opportunisten eine reformistische Politik. Der Reformismus wollte die Arbeiterbewegung auf parlamentarisches und gewerkschaftliches Handeln beschränken.

Der Opportunismus konnte sich in der Arbeiterbewegung rasch ausbreiten, weil mit dem Imperialismus soziale Grundlagen (Arbeiteraristokratie, kleinbürgerliche Elemente in der Arbeiterbewegung) dafür entstanden waren. Die Gefährlichkeit des Opportunismus bestand (besteht) darin, dass er die ideologische Spaltung der Arbeiterklasse und damit die Schwächung der Arbeiterorganisationen in ihrem Kampf um Frieden, Demokratie und Sozialismus bewirkte.

Der Opportunismus fand (findet) Anhänger in der gesamten internationalen Arbeiterbewegung. Überall beherrschten (beherrschen) diese Kräfte (nach und nach) wichtige Schlüsselpositionen in den Arbeiterparteien und Gewerkschaften.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Das Auftreten der Revisionisten und Reformisten löste in der deutschen Arbeiterbewegung heftige Auseinandersetzungen über das Ziel, den Weg und die Mittel des Klassenkampfes aus. Diese Auseinandersetzungen wurden auf den Parteitagen, in der Presse sowie innerhalb der Mitgliedschaft der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften geführt. Auf dem Parteitag in Dresden im September 1903 rechnete der Führer der Sozialdemokratie, August Bebel, scharf mit den Opportunisten ab.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die überwiegende Mehrheit der sozialdemokratischen Parteimitglieder lehnte die opportunistischen Ansichten und Bestrebungen entschieden ab.

Die Arbeiter erlebten und erkannten, dass die Junker und Monopolisten ihre Macht allein für ihre Klasseninteressen einsetzten und nicht im Entferntesten daran dachten, dem werktätigen Volk freiwillig demokratische und politische Rechte zu gewähren. Alle Reformen, Verbesserungen der Lebens- und Arbeitsverhältnisse und politischen Rechte hatte die Arbeiterklasse im harten Arbeitskampf, einschließlich ihres parlamentarischen Wirkens errungen. Das hat sich bis heute nicht geändert. 

Die Preisgabe des Klassenkampfes hätte die Entwaffnung der Arbeiterbewegung, ihre völlige Unterordnung unter die Politik der Imperialisten bedeutet. Heute ist der Klassenkampf preisgegeben worden. Insbesondere nach der großen Niederlage 1989/90. Die Arbeiterklasse spielt heute politisch nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie hat sich spätestens 1989/90 der Politik der Imperialisten untergeordnet.

Der Dresdner Parteitag war ein Höhepunkt im Kampf der revolutionären Kräfte gegen Revisionismus und Reformismus. Mit nur wenigen Gegenstimmen wurde di Resolution angenommen, die die revisionistischen Bestrebungen entschieden verurteilt.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Trotz der entschiedenen Ablehnung und Verurteilung des Revisionismus konnte er seinen Einfluss in der Arbeiterbewegung verstärken, weil keine organisatorischen Konsequenzen – Ausschluss der Opportunisten– gezogen wurden.

Der Crimmitschauer Textilarbeiterstreik

Unter den vielen Klassenkämpfen in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts ragt besonders der Crimmitschauer Textilarbeiterstreik hervor, der vom 22. August 1903 bis Ende Januar 1904 andauerte.

Bei unzureichendem Lohn mussten die Textilarbeiter 11 und mehr Stunden am Tag arbeiten, obwohl durch die Einführung schnelllaufender Spindeln die Intensität der Arbeit und die Gewinne der Textilfabrikanten gestiegen waren. Mit Recht forderten die Arbeiter Verkürzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden und Lohnerhöhung um 10 Prozent. Nachdem die Fabrikanten diese Forderungen abgelehnt hatten, legten am 22. August 1903 600 Textilarbeiter des sächsischen Städtchens Crimmitschau die Arbeit nieder. Die Drohung mit der Aussperrung seitens der Fabrikanten beantworteten andere Arbeiter mit Streik. Schließlich befanden sich Ende August 1903 sämtliche Textilarbeiter von Crimmitschau im Kampf; 9 000 Textil- und Heimarbeiter streikten oder waren ausgesperrt. Mit Bestechungsgeldern versuchten die Fabrikanten, die Einheitsfront der Arbeiter zu erschüttern. In allen Teilen Deutschlands und im Ausland versuchten sie darüber hinaus Streikbrecher zu werden, allerdings mit wenig Erfolg.

Flugblatt der Textilfabrikanten von Crimmitschau
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Flugblatt der streikenden Crimmitschauer Textilarbeiter
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Da die Kampffront der Textilarbeiter unerschüttert blieb, griff die staatliche Macht mit starken, schwerbewaffneten Polizeikräften ein. Jede Versammlung, jede Zusammenkunft der Arbeiter sowie das Streikpostenstehen wurden verboten. Doch die Arbeiter beharrten unbeirrt auf ihren Forderungen, die Frauen und Mädchen standen fest an ihrer Seite. Der Kampf förderte das Klassenbewusstsein der Arbeiter. Die Streikenden wurden von den Arbeitern ganz Deutschlands und dem Ausland wirksam unterstützt. Die deutschen Arbeiter brachten über 1 ¼ Millionen Mark zu Unterstützung ihrer kämpfenden Klassengenossen auf. Der Streik wurde erst im Januar 1904 von opportunistischen Gewerkschaftsführern gegen den Willen der streikenden Textilarbeiter von Crimmitschau abgebrochen.

Die Anfänge der Arbeiterjugendbewegung

Die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen hatten es im damaligen Deutschland besonders schwer. Sie erhielten sehr geringen Lohn bei einer bis zu 12 Stunden ausgedehnten Arbeitszeit. Dazu waren sie der Willkür ihrer Arbeits- und Lehrherren recht- und schutzlos ausgesetzt. Schläge und Misshandlungen waren an der Tagesordnung.

Doch die Jugend war bereits von sozialistischen Ideen erfasst. Immer mehr junge Arbeiter erkannten, dass sie nur im gemeinsamen Kampf und in Verbindung mit der Arbeiterbewegung ihre Lage verbessern konnten.

Lehrling (zum Meister, der eben seinen Dreijährigen versohlt): „Meester, lernt der ooch schon Lehrling?“ Karikatur aus dem „Wahren Jacob“ zur Prügelstrafe gegen Lehrlinge
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im Oktober 1904 entstanden gleichzeitig in Berlin und in Mannheim selbstständige proletarische Jugendvereine, die sich über Nord- und Süddeutschland ausbreiteten und Ende 1906 zur Gründung von zwei Arbeiterjugendorganisationen führten, dem Verband junger Arbeiter Deutschlands (Sitz Mannheim) und der Vereinigung der freien Jugendorganisationen (Sitz Berlin). Die norddeutsche Organisation gab seit 1905 die Monatszeitschrift „Die arbeitende Jugend“ und die süddeutsche Organisation seit 1906 „Die junge Garde“ heraus. Die revolutionären Kräfte der deutschen Arbeiterbewegung unterstützten die Arbeiterjugendorganisationen mit Rat und Tat. In Karl Liebknecht hatte die Arbeiterjugend einen bewährten Freund, ideologischen Führer und Förderer ihrer Organisation.  Durch die Jugendorganisationen im revolutionären Geist erzogen, beteiligten sich die jungen Proletarier aktiv am Kampf gegen Reaktion, Militarismus und Imperialismus.

Im August 1907 wurde die Sozialistische Jugendinternationale gegründet. Karl Liebknecht wurde zum Vorsitzenden des Büros gewählt.

Kopf der Zeitschrift „Die junge Garde“
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Aufgrund des Reichsvereinsgesetzes siehe in Beitrag „Der beginnende Kampf um die Neuaufteilung der Welt….“ verfielen die Arbeiterjugendorganisationen der Auflösung. Ihre Zeitschriften mussten das Erscheinen einstellen. Doch der revolutionäre Geist unter der Arbeiterjugend konnte durch die Unterdrückungsversuche der herrschenden Klasse nicht mehr erstickt werden.

Die neuen Anforderungen an den Kampf der revolutionären Arbeiterbewegung

Mit dem Übergang zum Imperialismus hatte der Kapitalismus seine höchste Entwicklungsstufe erreicht. Der Widerspruch zwischen der reaktionären Politik der herrschenden Klassen im Innern und nach außen einerseits und den Lebensinteressen der Völker andererseits forderte gebieterisch die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und den Übergang zum Sozialismus. Der Imperialismus war zugleich der Vorabend der proletarischen Revolution. Aus dieser neuen Situation ergaben sich für die Arbeiterbewegung neue Aufgaben.

Die antidemokratische Innen- und die aggressive Außenpolitik der imperialistischen Staaten erforderte die Zusammenfassung aller Kräfte, die für Demokratie und Frieden kämpften. Die Führung einer solchen antiimperialistischen Volksbewegung konnte nur die revolutionäre Arbeiterbewegung übernehmen, die weitergehende Ziele- die sozialistische Revolution- verfolgte und über eine revolutionäre Theorie sowie starke Organisation der Arbeiterklasse verfügte.

Für die sozialistische Bewegung ergab sich mit dem Beginn der imperialistischen Herrschaft die Notwendigkeit, wirksamere Mittel des Massenkampfes anzuwenden. Entscheidende Bedeutung erlangten die außerparlamentarischen Aktionen. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging die Arbeiterklasse dazu über, im ökonomischen und politischen Kampf den Massenstreik anzuwenden.  1902 streikten über 300 000 belgische Arbeiter für ein demokratisches Wahlrecht. 1903 fand ein Massenstreik in den Niederlanden, 1904 ein Massenstreik in Italien statt.

Die Herausbildung des Imperialismus erforderte von den Arbeiterparteien, sich für die neuen Bedingungen des Klassenkampfes organisatorisch und ideologisch zu wappnen. Notwendig war die Beseitigung des opportunistischen Einflusses auf die Partei; die Arbeiterpartei musste auf dem Boden des Marxismus stehen und ihn weiterentwickeln, den proletarischen Internationalismus festigen und eine straff organisierte revolutionäre Kampforganisation bilden. Eine solche revolutionäre Kampfpartei entstand zunächst in Russland.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel.

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Marx und Engels und die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert

Marx und Engels und die Positionen der Arbeiterbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts

Am 14. März 1883 starb Karl Marx. Sein ganzes Leben hatte er dem Kampf der Arbeiterklasse gewidmet.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Nach dem Tode von Karl Marx setzte Friedrich Engels das Werk fort. Er vollendet wichtige Arbeiten von Marx und schrieb noch bedeutende Werke. Sein Haus wurde zum Zentrum der internationalen Arbeiterbewegung. Als Engels am 05. August 1895 starb, wurde er wie Karl Marx von den Arbeitern der ganzen Welt betrauert.

Marx und Engels in den 1880er Jahren. (Gemälde von Hans Mocznay, 1953)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Leben und Werk von Karl Marx und Friedrich Engels bestimmten grundlegend die Entwicklung der proletarischen Bewegung im 19. Jahrhundert und damit auch die Zukunft der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung.

Karl Marx und Friedrich Engels haben die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung erforscht. Aus der Untersuchung des Systems des Kapitalismus entwickelten sie die Lehre von der historischen Mission der Arbeiterklasse: Die Arbeiterklasse hat die Aufgabe und die Kraft, sich selbst und die anderen Werktätigen von der Ausbeutung und Unterdrückung zu befreien. Sie kämpft um die Errichtung der kommunistischen Gesellschaft. Weg und Ziel des Kampfes zeigt ihnen die von Marx und Engels ausgearbeitete wissenschaftliche Theorie des Kommunismus. Zu ihrer Verwirklichung braucht die Arbeiterklasse eine revolutionäre Partei. Sie ist der Vortrupp der Klasse, der den Weg und die Mittel im Kampf um die politische Macht weist und unter dessen Leitung der proletarische Staat errichtet wird. Mit dem Bund der Kommunisten hatten Marx und Engels die erste proletarische Organisation geschaffen, die den wissenschaftlichen Kommunismus zur Grundlage der Politik machte und ihn mit der Arbeiterbewegung verband. Eine neue Stufe erreichte die Ausbreitung der Erkenntnis von der Rolle des Proletariats im Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung, für die Befreiung der Menschheit, für den Kommunismus mit der Gründung und Entwicklung der I. Internationale (1864 bis 1876). Diese von Marx und Engels gegründete und geleitete Organisation schuf die Voraussetzungen dafür, dass in den verschiedenen Ländern revolutionäre Massenparteien gegründet werden konnten. Auf der Basis der schnellen Entwicklung des Proletariats konnten die von Marx und Engels mit hohem theoretischem Wissen ausgerüsteten Arbeiterführer immer mehr Arbeiter für den Befreiungskampf gewinnen. Im täglichen Klassenkampf erfuhren die Arbeiter, dass die Lehre von Marx und Engels, dargelegt in solchen bedeutenden Werken wie dem „Manifest der Kommunistischen Partei“, dem „Kapital“, den „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ und anderen, ihren Interessen entsprach.

Zudem hatten Marx und Engels persönlich und brieflich Verbindung mit allen bedeutenden Arbeiterführern der verschiedenen Länder.

 

Zur Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Sie gaben ihnen Hilfe in theoretischen Fragen und vermittelten ihnen ihre umfangreichen Erfahrungen aus revolutionären Kämpfen. So gab es am Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern proletarische Massenparteien. Sie vereinigten etwa 300 000 Mitglieder in ihren Reihen. In zehn Ländern gab es über 200 sozialistische Abgeordnete. In den verschiedenen Gewerkschaften Europas und der USA waren rund 4 Millionen Werktätige organisiert.

Die Gründung der II. Internationale

Marx und Engels hatten in ihren Werken und in der praktischen Politik immer betont, dass eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Kampf der Arbeiter jedes einzelnen Landes die internationale Solidarität ist. Nach ihrer Losung aus dem Kommunistischen Manifest „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ handelten immer mehr Arbeiter in den einzelnen Parteien. Daher entstand in den 1880er Jahren das Bedürfnis, die Arbeiterparteien politisch und organisatorisch zusammenzuführen.

Am 14. Juli 1889, dem 100. Jahrestag des Sturmes auf die Bastille, versammelten sich rund 370 Delegierte aus 20 Ländern in Paris zu einem Kongress. Dieser Arbeiterkongress wurde zur Gründungsversammlung der II. Internationale.

Bedeutenden Anteil an der Gründung der II. Internationale hatte Friedrich Engels. Die deutsche Arbeiterpartei genoss großes Ansehen in der internationalen Arbeiterbewegung. Ihr Kampf gegen das Sozialistengesetz, gegen den Militarismus und gegen die Ausbeutung machte sie zur führenden Partei der II. Internationale.

Zu Beginn des Kongresses gedachten die Teilnehmer der Helden aus dem Revolutionsjahr 1848 und der Kämpfer der Pariser Kommune. Der Kongress fasste bedeutende Beschlüsse. Alljährlich am 1. Mai sollte das internationale Proletariat für seine Interessen demonstrieren.

Der 1. Mai war im Gedenken an US-amerikanische Arbeiter gewählt worden, die Anfang Mai 1886 in Chicago einer hinterhältigen Polizeiaktion zum Opfer gefallen waren.  Unmittelbares Ziel der Maidemonstration wurde zunächst der Kampf um den Achtstundentag. Im Jahre 1890 wurde der 1. Mai erstmalig als Kampf- und Feiertag der internationalen Arbeiterklasse begangen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Herstellung der Einheit der Arbeiterbewegung und einer einheitlichen revolutionären Partei

Die neuen Aufgaben der Arbeiterklasse

Die Ereignisse des Jahres 1871 stellten die deutsche Arbeiterklasse vor eine neue Situation und brachten neue Aufgaben für die revolutionäre Führung des Proletariats. Die durch die Einigung Deutschlands beschleunigte kapitalistische Entwicklung bot einerseits günstigere Entwicklungsbedingungen für die Arbeiterklasse. Es kam jetzt darauf an, die Arbeiterklasse verstärkt in proletarischen Organisationen zu sammeln und sie mit dem Marxismus vertraut zu machen. Andererseits schuf aber die reaktionäre „Einigung von oben“ für die Arbeiterklasse auch sehr schwierige Kampfbedingungen. Zwar war die Einheit Deutschlands hergestellt, aber Junker und Militaristen spielten die entscheidende Rolle im Staat, und die Bourgeoisie verband sich mit ihnen. Daher fiel der Arbeiterklasse die Aufgabe zu, für eine demokratische Umgestaltung Deutschlands zu kämpfen. Sie musste den Kampf der demokratischen Kräfte von 1848 und aus den 1860er Jahren um ein demokratisches Deutschland fortsetzen. Die Arbeiterklasse wurde zur einzigen Kraft, die die Interessen der Nation wahrnehmen konnte.

Um diese Aufgaben zu lösen, brauchte die deutsche Arbeiterklasse eine einheitliche und schlagkräftige Partei. Die Arbeiterbewegung war durch die Politik der lasselleanischen Führer in den ADAV und die SDAP gespalten.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Der Vereinigungsparteitag in Gotha

Als 1873/74 die SDAP das deutsche Volk zu einer großen antimilitaristischen Protestbewegung aufrief, kam es zu gemeinsamen Veranstaltungen von ADAV und SDAP. In großen Kundgebungen zeigte sich die Kraft der einheitlich handelnden Arbeiterklasse. Die Arbeiter erkannten ihre gemeinsamen Feinde. Die Führer des ADAV konnten sich nun dem Einigungsstreben nicht widersetzen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Im Mai 1875 traten 56 Delegierte der SDAP und 73 Delegierte des ADAV zum Vereinigungsparteitag in Gotha zusammen. Sie vertraten rund 25 000 Mitglieder. Der Gothaer Vereinigungsparteitag beschloss einstimmig die Vereinigung der SDAP und des ADAV zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Die Organisation der vereinigten Parteien wurde dem bewährten Organisationsaufbau der SDAP nachgebildet. Die Ziele der Partei wurden im Gothaer Programm festgelegt.

August Bebel spricht auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha 1875.(Gemälde von Hermann Kohlmann; 1953)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Vor der Vereinigung hatten Wilhelm Liebknecht und andere Eisenacher Programmforderungen der Lasselleaner nachgegeben, weil sie meinten, eine schnelle Einigung sei wichtiger als ein marxistisches Programm. So entstand ein Programmentwurf, der nicht den Anforderungen des Kampfes gegen den preußisch-deutschen Militarismus entsprach.

Marx und Engels traten gegen diesen Programmentwurf auf. Marx kritisierte 1875 den Entwurf in seinen „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“. In dieser Schrift verallgemeinerten die Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus die Erfahrungen der Pariser Kommune. Marx‘ Arbeit gehört zu den wichtigsten Schriften des Marxismus.

Der Programmentwurf stellte das Ziel des Kampfes der Arbeiterklasse falsch dar. Es vermengte demokratische Forderungen im bürgerlichen Staat mit der sozialistischen Gesellschaft. Im Programmentwurf wurde nicht gesagt, dass die Arbeiterklasse die politische Macht erobern muss. Marx kritisierte das und schrieb: „Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft liegt die Periode der revolutionären Umwandlung der einen in die andere. Der entspricht auch eine politische Übergangsperiode, deren Staat nichts anderes sein kann als die revolutionäre Diktatur des Proletariats.“

Zitatquelle

Die Diktatur des Proletariats ist notwendig, um den Widerstand der Ausbeuter_klassen zu brechen und den Sozialismus aufzubauen.

Der Programmentwurf dagegen wies der Arbeiterklasse einen falschen Weg zu ihrem Ziel. Er weckte den Anschein, als könne die Arbeiterklasse durch die Errichtung von Produktionsgenossenschaften mit Hilfe des Staates (des Staates der Junker und Kapitalisten) die wirtschaftliche Herrschaft der Ausbeuter_klassen vermindern und gar beseitigen.

Der Programmentwurf enthielt falsche Auffassungen über die Feinde der Arbeiterklasse. Er sprach nur von der Kapitalisten_klasse und ließ die Junker, die den größten Anteil an der politischen Macht besaßen, unberücksichtigt. Der Charakter des Klassenstaates wurde verwischt.

Der Programmentwurf leugnete die internationale Solidarität der Arbeiterklasse. Auf Grund der Kritik von Karl Marx korrigierten die Verfasser das Programm in dieser Frage. Trotz der Kritik von Karl Marx wurde der Programmentwurf der Partei sonst nur unerheblich verändert.

Daher blieb das Gothaer Programm hinter dem Entwicklungsstand der Arbeiterbewegung zurück. Es war seinem Wesen nach opportunistisch und belastete die Einigung schwer. Dennoch war die Einigung ein Erfolg. Seit 1875 verfügte die deutsche Arbeiterklasse über eine einheitliche sozialistische Partei, und die Arbeiter legten das Programm im revolutionären Sinne aus.

Mit Hilfe von Marx und Engels setzten sich die marxistischen Kräfte in der Partei durch. Dadurch errang die Partei große Erfolge. 1877 gab sie allein 41 Zeitungen heraus, die von 200 000 Arbeitern abonniert wurden. Im gleichen Jahr entsandte die Partei 12 Abgeordnete in den Reichstag. Die Gewerkschaften breiteten sich nach 1875 aus und erhöhten damit ihre Kampfkraft.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Die Trennung der Arbeiterklasse von der Bourgeoisie. Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei

Die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 1863

Um ihre historische Mission (S. 21) zu verwirklichen, brauchte die Arbeiterklasse eine selbständige, revolutionäre Arbeiterpartei. Machten die Streiks den Interessengegensatz zwischen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie auf ökonomischem Gebiet deutlich, so wurde der politische Gegensatz besonders im Kampf um die nationalstaatliche Einigung sichtbar. Die fortgeschrittesten Arbeiter erkannten, dass sie sich selbständig organisieren mussten, um entschieden für die Gegenwarts- und Zukunftsinteressen der Arbeiterklasse und damit des ganzen Volkes kämpfen zu können.

1862 schieden die oppositionell eingestellten Arbeiter aus dem unter bürgerlicher Führung stehenden Leipziger Arbeiterbildungsverein aus. Auf der Suche nach einem Programm kamen die Arbeiter mit dem Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand Lassalle (1825 bis 1864) in Verbindung, der sich an die Spitze der proletarischen Selbstständigkeitsbewegung stellte.

Im Mai 1863 wurde in Leipzig unter Führung Lassalles die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) vollzogen. Der ADAV erfasste die fortgeschrittesten deutschen Arbeiter. 1864 zählte er 3000 Mitglieder. Mit dem ADAV entstand eine selbständige, von der Bourgeoisie unabhängige Arbeiterorganisation in Deutschland. Darin bestand das Verdienst Lassalles.

Lassalle orientierte die Arbeiterbewegung auf den politischen Kampf. Aber er gab ihr keine revolutionäre Zielsetzung, obwohl der Karl Marx und dessen Arbeiten kannte.

Lassalle sah im Kampf um das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht das Hauptmittel des politischen Kampfes und erzeugte dadurch die Illusion, als könne die Herrschaft der Arbeiterklasse durch Wahlen erobert werden. Er verbreitete die Ansicht, dass die kapitalistische Ausbeutung durch Produktivgenossenschaften mit Hilfe des preußischen Staates überwunden werden könne. Mit dieser Auffassung vom „friedlichen Hineinwachsen“ in den Sozialismus lenkte er die Arbeiterklasse vom revolutionären Kampf ab. Das war Opportunismus. Das Wort wurde abgeleitet von „opportun“(lat.)=passend; nützlich, angebracht. Es deutet auf die „Anpassung an die herrschenden Klassen hin. Siehe auch die Begriffserklärung.

Lassalle missachtete ferner den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse. Schließlich begünstigte er die antidemokratische Einigung Deutschlands durch Preußen. Dadurch erschwerte er es der Arbeiterklasse, die führende Kraft für die Einigung von unten zu werden. Diese konnte sich nur im Kampf gegen den preußischen Militarismus, gegen die Bourgeoisie und gegen die Theorien Lassalles bilden.

Die Trennung des Verbandes deutscher Arbeitervereine von der Bourgeoisie

Um den Selbständigkeitsbestrebungen der Arbeiter und möglichen Ausstrahlungen des ADAV entgegenzuwirken, gründeten bürgerliche Politiker im Juni 1863 den Verband der deutschen Arbeitervereine. Er fasste die unter bürgerlichem Einfluss stehenden Arbeitervereine zusammen. Aber die Bourgeoisie konnte nicht verhindern, dass sich die Arbeiter ihrer eigenen Interessen bewusst wurden.

1865 fanden über 150 Streiks statt, einige hatten über 1000 Teilnehmer. Die Arbeiter wandten sich gegen die „Blut und Eisen“-Politik Bismarcks, die von der Bourgeoisie unterstützt wurde. Sie forderten demokratische Freiheiten. Entgegen den Bemühungen der Bourgeoisie nahmen die Arbeiter immer größeren Einfluss auf den Verband deutscher Arbeitervereine. Die führende Rolle in diesem Prozess spielten August Bebel und Wilhelm Liebknecht.

August Bebel
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982
Wilhelm Liebknecht
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In enger Kampfgemeinschaft erreichten August Bebel und Wilhelm Liebknecht in unermüdlicher Arbeit, dass sich die Arbeitervereine allmählich von der Bourgeoisie lösten. Von entscheidender Bedeutung war dabei die Hilfe von Karl Marx und Friedrich Engels. Seit 1865 bildeten sich in Deutschland die ersten Sektionen der I. Internationale. August Bebel wurde 1866 Mitglied der I. Internationale. Wilhelm Liebknecht stand mit Marx und Engels in ständiger Verbindung.

Die fortgeschrittesten Arbeiter begannen, die Ideen des „Kapitals“ aufzunehmen. Sie erkannten dadurch klarer das Wesen des Kapitalismus, die Notwendigkeit seiner Überwindung und vor allem die historische Mission der Arbeiterklasse als „Totengräber“ der kapitalistischen Gesellschaft. Damit wurden auch die Ideen Lassalles widerlegt.

1867 wurde August Bebel Präsident des Verbandes der deutschen Arbeitervereine. Zur gleichen Zeit wurden Bebel und dann auch Liebknecht als Abgeordnete in den Reichstag des Norddeutschen Bundes gewählt.

1968 fand der 5. Vereinstag des Verbandes deutscher Arbeitervereine in Nürnberg statt. 115 Delegierte vertraten 93 Vereine mit etwa 13 000 Mitgliedern.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Geführt von Bebel und Liebknecht erklärte der Vereinstag mit überwältigender Mehrheit seine Übereinstimmung mit dem Programm der I. Internationale und beschloss den Anschluss an die Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation“.

Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1869

Von Bebel, Liebknecht und anderen marxistischen Kräften der deutschen Arbeiterbewegung gründlich vorbereitet, tagte im August 1869 in Eisennach der bis dahin größte Arbeiterkongress. 262 Delegierte vertraten mehr als 10 000 Arbeiter. Aus der Einsicht, dass die politische und ökonomische Befreiung der Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich den Kampf führt, beschlossen sie die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. (SDAP).

Der Kongress nahm Programm und Statut, die Bebel ausgearbeitet hatte, an. Nach ihrem Gründungsort wurden die Mitglieder dieser Partei von den Arbeitern auch Eisenacher genannt.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

In der SDAP schlossen sich die unter Führung Bebels und Liebknechts stehenden Arbeitervereine, die proletarische Opposition, die sich vom ADAV getrennt hatte, und Mitglieder von Gewerkschaftsorganisationen zusammen. Die Mitglieder der I. Internationale bildeten in ihnen die bewusstesten und aktivsten Kräfte.

Auf dem Eisenacher Kongress schuf sich die deutsche Arbeiterklasse auf marxistischer Grundlage erneut eine revolutionäre proletarische Partei. Sie bekämpfte das Junkertum, die Bourgeoisie und deren Staatsmacht unversöhnlich. Damit hatten die Lehren von Marx und Engels in der deutschen Arbeiterbewegung einen wichtigen Sieg errungen. Die SDAP war die erste im Rahmen eines Landes organisierte sozialistische Arbeiterpartei überhaupt. Die Arbeiterklasse gewann in der SDAP eine zuverlässige Führung im Kampf um die Interessen des Volkes. Mit der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach wurde die wichtigste Voraussetzung für die Herstellung der Einheit der deutschen Arbeiterbewegung auf marxistischer Grundlage geschaffen.

Zur deutschen Arbeiterbewegung von 1850 bis 1869
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der Widerspruch zwischen dem reaktionären System und der kapitalistischen Entwicklung in Deutschland

Das Wiedererstarken der Reaktion

Die Revolution von 1848/49 hatte die gesellschaftlichen und politischen Zustände in Deutschland nicht zu ändern vermocht. Die historisch überlebten feudalen Kräfte – Könige, Fürsten und Junker – behielten weiter die politische Macht. Die Zersplitterung Deutschlands in über 30 Einzelstaaten blieb erhalten.

Die bürgerlichen Revolutionen 1848/49 in Europa
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die reaktionären Kräfte versuchten, die Niederlage der Revolution zur Festigung ihrer Herrschaft zu benutzen. So wurde der Deutsche Bund wiederbelebt. Er sollte dazu beitragen, dass die reaktionären Zustände in Deutschland erhalten blieben. Zwar gerieten Österreich und Preußen im Kampf um die Vorherrschaft im Deutschen Bund in zunehmenden Gegensatz zueinander, aber bei der Unterdrückung der Volksmassen wirkten sie einträchtig zusammen.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Durch Gesetze und Verordnungen, Polizeiterror und Justizwillkür versuchten die Einzelstaaten und der Deutsche Bund, jede demokratische Regung und erst recht die Arbeiterbewegung zu ersticken. Die demokratischen Volksvereine und die Arbeiterorganisationen wurden unterdrückt, Presse und Versammlungen einer strengen Aufsicht unterworfen. Die Geheimpolizei wurde vergrößert.

Im Jahre 1851 gelang es der Polizei, führende Mitglieder des Bundes der Kommunisten zu verhaften. Nach achtzehnmonatiger Untersuchungshaft fand 1852 gegen zwölf Angeklagte der berüchtigte Kölner Kommunistenprozess statt. Trotz der Haltlosigkeit der Anklage, die auf Fälschungen und Meineiden beruhte, wurden 7 Angeklagte zu insgesamt 36 Jahren Festungshaft verurteilt.

Mit der Verurteilung der ersten internationalen und deutschen Arbeiterpartei sollte die Arbeiterbewegung als gesellschaftliche Kraft ausgeschaltet und die gesamte demokratische Bewegung entscheidend getroffen werden.

Zur Wirtschaft Deutschlands um 1860
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Zuspitzung der Widersprüche in Deutschland

Selbst die angestrengsten Bemühungen der Reaktion, eine politische Friedhofsruhe in Deutschland zu schaffen, konnten die Entwicklung nicht rückgängig machen. Gegen die gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten war die Reaktion machtlos. Sie konnte nicht verhindern, dass sich auch in Deutschland der Kapitalismus in Industrie und Landwirtschaft schnell entwickelte.

So wirkten damals in Deutschland die gesellschaftlichen Widersprüche weiter, die schon zur Revolution von 1848/49 geführt hatten. Die kapitalistische Wirtschaft verlangte grundlegende politische Veränderungen. Wenn die deutsche Bourgeoisie auf dem Weltmarkt Schritt halten wollte, dann mussten die Fesseln fallen, die die kapitalistische Entwicklung hemmten. Noch immer gab es unterschiedliche Maße, Münzen und Gewichte, noch immer war die Gesetzgebung in den Einzelstaaten uneinheitlich. Die Bourgeoisie aber brauchte einen einheitlichen und starken Staat, der ihre Interessen im Inland wie auf dem Weltmarkt zu unterstützen vermochte.

Die Bildung des einheitlichen Nationalstaates musste antifeudalen Charakter tragen, als Aufgabe einer bürgerlichen Revolution sein. Während der Revolution war es die Aufgabe der Bourgeoisie, die Macht des Junkertums und der Dynastien zu beseitigen. Ein bürgerlich-demokratischer Nationalstaat lag aber nicht nur im Interesse der Bourgeoisie, sondern auch im Interesse der Arbeiterklasse. In einem solchen Staat hätte die Arbeiterklasse günstigere Bedingungen für ihre Organisation und die Entfaltung des proletarischen Klassenkampfes gegen die Bourgeoisie gehabt.

 

Die beiden Wege zur Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates

Nur zwei Kräfte waren nach 1848/49 in der Lage, die nationalstaatliche Einigung gegen den Widerstand der Einzelstaaten herzustellen: die Volksmassen oder das junkerlich-militaristische Preußen. Diesen beiden entgegengesetzten Kräften entsprachen zwei mögliche Wege zur nationalstaatlichen Einigung.

Der Weg, den die Volksmassen gehen wollten, war die Revolution von unten. Nur eine revolutionäre Volksbewegung gegen die historisch überlebten, aber noch die Macht ausübenden feudalen Kräfte konnte zur Beseitigung der vielen Herrscherhäuser und ihrer Stützen, zur Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates mit demokratischen Verhältnissen, zur Befreiung der national unterdrückten Völker und zur Herstellung friedlicher Verhältnisse zu den Nachbarvölkern führen. Dieser Weg war nur im Kampf gegen das junkerlich-militaristische Preußen für eine demokratische Republik möglich.

Der andere Weg, den das junkerlich-militaristische Preußen einschlagen wollte, war die Einigung Deutschlands von oben mit Gewalt durch den preußischen Militarismus. Dieser Weg richtete sich gegen die demokratischen Kräfte des deutschen Volkes und hatte die Erhaltung der Junker und Fürsten, die Vorherrschaft des reaktionären Preußens in Deutschland zum Ziel.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Wilhelm Liebknecht

Wilhelm Liebknecht
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Wilhelm Liebknecht (1826 bis 1900).

Er entstammte einer Gelehrten- und Beamtenfamilie und studierte Sprachwissenschaften und Philosophie. Weil er 1849 an den Revolutionskämpfen teilgenommen hatte, musste er nach der Niederlage der Revolution emigrieren. Aus der Schweiz wurde er ausgewiesen und siedelte nach London über. Hier zählte er bald zu den Anhängern und Freunden von Marx und Engels, deren Auffassungen er teilte und von denen er viel lernte. 1862 kehrte er nach Deutschland zurück. Als er 1865 aus Berlin ausgewiesen wurde, ging er nach Leipzig.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

August Bebel

August Bebel
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

August Bebel (1840 bis 1913).

Er wurde als Sohn eines preußischen Unteroffiziers in Köln geboren. Die Not der Armen lernte August Bebel von Jugend auf kennen. Als er vier Jahre alt war, starb sein Vater. Mit 13 Jahren verlor er seine Mutter. August Bebel kam zu einem Drechsler in Wetzlar in die Lehre. Als Handwerksgeselle durchzog er Süddeutschland und Österreich und kam schließlich nach Leipzig. Bebel sagt selbst, dass diese Reise nach Leipzig für seine weitere Zukunft entscheidend wurde. Dort fand er Anschluss an die Arbeiterbewegung.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Der Kampf der Arbeiterklasse gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Streikkämpfe der Arbeiterklasse und die Herausbildung der Gewerkschaften

Der unversöhnliche Klassengegensatz zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie war auf ökonomischem Gebiet für die Arbeiter besonders sichtbar. Die Arbeiter erkannten deshalb bald, dass sie selbst die geringsten Forderungen – höheren Lohn, kürzere Arbeitszeit, bessere Arbeitsbedingungen – nur im ständigen Kampf gegen die Bourgeoisie durchsetzen konnten. Ein wirksames Mittel im Klassenkampf war die Verweigerung der Arbeit, der Streik. (Das Wort „Streik“ kommt vom englischen to Strike=schlagen und wurde zuerst 1856 im Sinne von „die Kapitalisten schlagen“ verwendet.)

Um erfolgreich kämpfen zu können, müssen sich die Arbeiter zusammenschließen. So entstanden zunächst örtliche Vereinigungen von Arbeitern eines Berufes, die Fachvereine. Sie bildeten die Grundlage für die Herausbildung zentraler Gewerkschaften.

In England, dem damals entwickelsten kapitalistischen Land, waren die Arbeiter am besten organisiert. Die Arbeiter verlangten die Abschaffung der vielen Überstunden. Daraufhin sperrten die Kapitalisten 1852 15 000 Arbeiter der Maschinenfabriken, darunter 3500 Gewerkschaftsmitglieder, in London und Lancashire aus. (Bei einer Aussperrung lassen die Kapitalisten die Arbeiter nicht an ihre Arbeitsplätze und zahlen ihnen keinen Lohn. Dadurch versuchen sie die Arbeiter zu zwingen, bestimmte Bedingungen anzunehmen.) Die Kapitalisten versuchten damit, die Arbeiter zum Austritt aus der Gewerkschaft zu zwingen. Nach dreimonatigem Ringen mussten die Arbeiter den Kampf abbrechen. Die Kapitalisten erreichten ihr Ziel jedoch nicht: Die Arbeiter blieben ihrer Organisation treu. Die Gewerkschaft der Maschinenbauer, die sich im Kampf bewährt hatte, wurde zum Vorbild für andere Gewerkschaften.

1858/59 forderten die Bauarbeiter Londons den neunstündigen Arbeitstag. Durch eine Massenaussperrung, von der 24 000 Arbeiter betroffen wurden, wollten die Kapitalisten die Bauarbeiter-Gewerkschaften sprengen. Arbeiter ganz Englands unterstützten das Ringen der Bauarbeiter Londons, das von August 1858 bis Februar 1860 währte. Die organisiert kämpfenden Arbeiter erwiesen sich als unbezwingbar.

Auch in Deutschland fanden in dieser Zeit Streiks statt. In der Zeit von 1852 bis 1859 kam es zu über 100, allerdings kleineren Streiks. Mehr als die Hälfte davon wurde polizeilich niedergeworfen.

Mit der Verschärfung des Gegensatzes zwischen der Arbeiterklasse und den Kapitalisten nahmen die Streiks zu, und die Gewerkschaften breiteten sich aus. Bisher noch nicht organisierte Arbeiter traten den Gewerkschaften bei. Fachvereine schlossen sich zentralen Verbänden an. Neue Gewerkschaften bildeten sich. Die Arbeiterklasse konnte den Klassenkampf gegen die Bourgeoise umfassender und erfolgreicher führen.

 

 

Streik um 1860 in einem Werk in L Creuzot (Frankreich). (Zeitgenössische Darstellung)
Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Vereinigte Gesellschaft der Maschinenbauer, 1851 gegründet, war die größte Gewerkschaft Englands. Die zählte 1851 5000 Mitglieder, 1866/67 waren es bereits 33 000. Um 1870 waren 375 000 englische Arbeiter gewerkschaftlich organisiert.

In Deutschland wurden die Arbeiterorganisationen rücksichtslos unterdrückt. Dennoch bestanden von 1852 bis 1859 über 800 lokale Arbeitervereinigungen, darunter Fachvereine und gewerkschaftliche Hilfskassen. Ein Teil knüpfte untereinander Verbindungen an. Es entstanden die ersten zentralen Gewerkschaftsverbände der Tabakarbeiter (1865) und der Buchdrucker (1866).

Die einzelnen Gewerkschaften erfassten die Arbeiter eines Berufs. Größere Kämpfe aber erforderten das Zusammenwirken der Gewerkschaften über die Berufsgrenzen hinaus. Veranlasst durch den Bauarbeiterstreik 1859/1860 entstand 1860 der Londoner Gewerkschaftsrat. Ihm gehörten viele Leiter von gewerkschaftlichen Zentralverbänden an. Er wurde bald zum führenden Organ der gesamten englischen Gewerkschaftsbewegung.

Bedeutung und Grenzen des ökonomischen Klassenkampfes des Proletariats

Der Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen bildete einen wichtigen Bestandteil des proletarischen Klassenkampfes. Durch ihn konnten auch noch nicht klassenbewusste Arbeiter in den Kampf einbezogen werden. So förderte er den Organisationsprozess der Arbeiterklasse. Dadurch wurden die Arbeiter aktionsfähiger; sie wurden zum gesellschaftlichen Machtfaktor. Die Gewerkschaften waren reine Arbeiterorganisationen. Durch ihren Kampf setzte die Arbeiterklasse -allerdings nur geringe- Lohnerhöhungen durch und erzwang die Verkürzung der Arbeitszeit.

Dieser ökonomische Kampf diente zunächst der Verbesserung der Lage der Arbeiter innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Er war überhaupt nicht auf die Beseitigung der Ausbeutung ausgerichtet. Deshalb konnte er die gesellschaftliche Lage der Arbeiterklasse im Kapitalismus als ausgebeutete und politisch unterdrückte Klasse nicht grundsätzlich ändern. Die Arbeiterklasse muss darum ihr ökonomisches Ringen mit dem politischen Kampf verbinden.

 

Bild entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

Die Bourgeoisie setzte ihre wirtschaftliche und politische Macht gegen die Organisationsbestrebungen der Arbeiter ein. Jeder Fortschritt in der Organisierung der Arbeiter musste deshalb gegen die Bourgeoisie und ihren Staat erkämpft werden.

In Frankreich verbot das Gesetz „Le Chapelier“ von 1791 alle Arbeiterorganisationen und Streiks. Aber auch der französische Kaiser Napoleon III. und seine Polizei- und Militärmacht erwiesen sich außerstande, die Bildung von Arbeitervereinen und die Durchführung von Streiks zu verhindern. Durch ihren Kampf erzwang die Arbeiterklasse 1864 die teilweise Aufhebung dieses Gesetzes.

In allen kapitalistischen Staaten musste sich die Arbeiterklasse demokratische Rechte, wie das Versammlungs- und Vereinigungsrecht, selbst erkämpfen. Das Ringen um diese demokratischen Rechte ist Bestandteil des politischen Kampfes. Er muss sich letztendlich gegen das Herrschaftssystem der Bourgeoisie richten und zur Eroberung der politischen Macht der Arbeiterklasse führen. Der politische Kampf ist die höchste und wirkungsvollste Form des proletarischen Klassenkampfes.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982. Bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR

Der Kapp-Putsch und seine Niederschlagung

Die Vorbereitung des Putsches

Nach der Niederschlagung der Abwehrkämpfe des Proletariats im Frühjahr 1919 hielten besonders reaktionäre Gruppen des Finanzkapitals, des Junkertums und der Militaristen die Zeit für gekommen, die offene Militärdiktatur zu errichten. Sie meinten, dass sich so am besten die Herrschaft des Finanzkapitals sichern und die innenpolitischen Voraussetzungen für neue Kriegsabenteuer schaffen ließen. Deutschland sollte am imperialistischen Kreuzzug gegen die Sowjetunion teilnehmen.

Anknüpfend an die Tatsache, dass das Versailler Friedensdiktat den Volksmassen schwere Lasten aufbürdete, entfachten reaktionäre Kreise des Finanzkapitals eine chauvinistische und antidemokratische Hetze.

Der Vorsitzende einer ostpreußischen Kreditanstalt für Großgrundbesitzer, Kapp, sowie General Ludendorff und andere Militaristen organisierten bereits im Sommer 1919 ein Verschwörungszentrum. Daraus bildete sich ein sogenannter Nationalclub. Ihm gehörten unter anderen die Schwerindustriellen Stinnes, Kirdorf, Mannesmann und die erzreaktionären Politiker Hugenberg, Helfferich und Westarp an. Anfang 1920 sagten Direktoren der Deutschen Bank, der Dresdner Bank, der Nationalbank, der Berliner Handelsgesellschaft und anderer Banken dem politischen Führer der Verschwörung, Kapp, für den geplanten Putsch finanzielle Unterstützung zu.

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entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 9. Klasse, Stand 1982

 

Der Militärbefehlshaber des östlichen und mittleren Teils Deutschlands, General von Lüttwitz, beteiligte sich besonders aktiv an der Verschwörung. Anfang 1920 wurden konterrevolutionäre Truppenverbände zum Angriff auf Berlin zusammengezogen. Die KPD wies mehrmals auf diese Vorbereitungen der Reaktion hin. Die warnte davor, daran zu glauben, dass die Feinde des Volkes keine militärische Gewalt einsetzen würden. Die Regierung, die vom sozialdemokratischen Reichskanzler Bauer geleitet wurde und über die Putschpläne informiert war, ergriff aber keine wirksamen Maßnahmen gegen die sich formierende Verschwörung.

 

Der Verlauf des Kapp-Putsches und seine Niederschlagung durch die Arbeiterklasse

In der Nacht vom 12. Zum 13. März 1920 marschierten Truppen der Kapp-Putschisten nach Berlin. Die Reichsregierung forderte von der Reichswehrführung bewaffnetes Vorgehen gegen die Putschisten. Doch der Chef des Truppenamtes, General von Seeckt, verweigerte ihr die militärische Hilfe. Die Reichsregierung floh. Kapp ernannte sich zum Reichskanzler und bezeichnete das Putschistenregime als „Regierung der Ordnung, der Freiheit und der Tat“. Sie erklärte die Reichsregierung für abgesetzt, die Nationalversammlung und die preußische Landesversammlung für aufgelöst, verhaftete preußische Minister und verbot das Erscheinen der Presse. Bewaffnete Stoßtrupps gingen mit rücksichtslosem Terror gegen organisierte Arbeiter, aber auch gegen bürgerliche Demokraten vor.

Truppen der Kapp-Putschisten

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 9. Klasse, Stand 1982

 

 

Während die Reichregierung floh, erhoben sich Millionen Arbeiter, Mitglieder der KPD, der USPD, der SPD, der Gewerkschaften und unorganisierte Werktätige zum Widerstand gegen die Putschisten. In vielen Städten formierten sich Arbeiter und Angestellte zu Demonstrationszügen gegen die Kapp-Regierung. In Leipzig eröffneten Putschisten-Söldner am 14. März das Feuer auf eine derartige Massendemonstration. Sie erschossen 40 unbewaffnete Demonstranten und verletzten etwa 100. Empört über den blutigen Terror und voller Hass gegen die Militaristen, setzten sich die Leipziger Arbeiter mit allen greifbaren Mitteln zur Wehr. Sie errichteten Barrikaden, Lastkraftwagen aus Großbetrieben fuhren in die Waffenfabriken nach Suhl und schafften Gewehre für den Abwehrkampf heran. Gleichzeitig griffen die Arbeiter hier und in allen Industriezentren zur Waffe des Generalstreiks.

Mehr als 12 Millionen Arbeiter und Angestellte streikten in diesen Tagen in Deutschland. Kommunisten und linke Sozialdemokraten gingen auch in Mecklenburg und Vorpommern(heutiges Neu-Bundesland Mecklenburg-Vorpommern) den Werktätigen als Vorkämpfer voran. Aktionsausschüsse aus Vertretern der Arbeiterparteien entstanden unter anderem in Rostock, Wismar, Pasewalk, Torgelow, Anklam, Teterow und Malchin Rostock wurde zu einem der wichtigsten Zentren des Kampfes gegen die Kapp-Putschisten in Norddeutschland: Am 13. März beschloss der Aktionsausschuss Rostock, Arbeiterbataillone aufzustellen.

Arbeiter bildeten in diesen Tagen in vielen Orten bewaffnete Einheiten. Neben Berlin, der Niederlausitz, Mecklenburg, Sachsen und Thüringen war das Ruhrrevier ein Hauptzentrum des Kampfes gegen die Putschisten. Hier entstand aus bewaffneten Arbeitertrupps die erste deutsche Arbeiterarmee, in der Mitglieder der KPD, der SPD, der USPD, der Gewerkschaften und unorganisierte Arbeiter kämpften. Dieser roten Ruhrarmee gehörten etwa 100 000 Arbeitersoldaten an, darunter auch russische Kriegsgefangene sowie polnische Arbeiter. Am 15. März nahm die Rote Ruhrarmee den Kampf gegen die Putschisten auf, die Kapp unterstützten. 10000 bewaffnete Arbeiter stürmten Dortmund. Andere Abteilungen der Roten Ruhrarmee errichteten in Ahlen, Bochum und Hamm militärische Stützpunkte. Die Hauptkräfte der Roten Ruhrarmee konzentrierten sich im Westen des Industriereviers. Sie begannen, diesen Teil des Ruhrgebiets von reaktionären militärischen Verbänden zu säubern.

Kämpfer der Roten Ruhrarmee

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 9. Klasse, Stand 1982

 

Das gemeinsame Handeln der Arbeiterklasse für die Verteidigung der sozialen Errungenschaften und demokratischen Rechte und Freiheiten zwang Kapp am 17. März zum Rücktritt. Der Generalstreik und die bewaffneten Abwehrreaktionen hatten die Putschisten von ihrer Basies in den ostelbischen Gebieten abgeschnitten, das Verkehrswesen und die gesamte Wirtschaft lahmgelegt. Kapp und andere führende Putschisten flohen ins Ausland. Damit war die Niederschlagung des Kapp-Putsches 1920 vollendet. Das Zusammenwirken der Arbeiter und der anderen demokratischen Kräfte für ihre gemeinsamen Lebensinteressen, unabhängig von politischen und ideologischen Meinungsverschiedenheiten, hatte zum Erfolg geführt.

Kampf der Arbeiterklasse gegen den Kapp-Putsch

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 9. Klasse, Stand 1982

 

 

Die Haltung der rechten sozialdemokratischen Führer nach dem Kapp-Putsch

Ebert und die Reichsregierung kehrten nach Berlin zurück. Die Arbeitermassen verlangten harte Bestrafung der Putschisten und Maßnahmen zur Sicherung der demokratischen Rechte und Freiheiten.  Um die Arbeiterklasse zu beschwichtigen, versprach zwar die Regierung energisches Durchgreifen, tat jedoch in Wirklichkeit alles nur Mögliche, um die Putschisten vor Bestrafung zu schützen. Gleichzeitig rief die reformistische Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) zum Abbruch des Generalstreiks auf. Das spaltete die geschlossene Streikfront. Der Regierung erwuchs daraus die Möglichkeit, am Putsch beteiligte Söldnertruppen gegen die Gruppen der Arbeiter einzusetzen, die am aktivsten für den Sturz der Putschistenregierung gekämpft hatten und sich mit leeren Versprechungen der Regierung nicht abspeisen lassen wollten.

Vor allem beeilte sich die Reichsregierung, die Rote Ruhrarmee erst zu spalten und dann den revolutionären Kern blutig niederzuschlagen. Reichs- und Staatskommissar Severing(SPD) schloss am 24. März mit Vertretern der Vollzugsausschüsse und Stadtverwaltungen der wichtigsten Städte des Ruhrgebiets in Bielefeld ein Abkommen, das zum großen Teil auf demokratischen Forderungen der Arbeiter basierte. Es verlangte zwar von den Arbeitern Wiederaufnahme der Arbeit und Ablieferung der Waffen an die Behörden, versprach jedoch den Arbeitern gleichzeitig Auflösung der am Putsch beteiligten Truppen, Bestrafung der Putschisten, Bildung örtlicher Arbeiterwehren und entscheidende Einflussnahme der Arbeiterorganisationen auf die Neuregelung wirtschafts- und sozialpolitischer Fragen. Diesen Versprechungen vertrauend, legte ein großer Teil der Ruhrarbeiter die Waffen nieder und beendete den Streik. Die Reichsregierung gab aber keine Zusage, sich an das Bielefelder Abkommen zu halten. Ihre konterrevolutionären Truppen begannen vielmehr unter dem Vorwand, dass die Arbeiter die Bielefelder Abmachung nicht eingehalten hätten, einen blutigen Rachefeldzug gegen die sich auflösende Arbeiterarmee. Ihre Rückzugsstraßen wurden unter Feuer genommen, gefangene Arbeitersoldaten misshandelt und erschossen.

Aus Brief von Max ZellerAus Brief von Max Zeller 2Quellenangabe Brief Max Zeller

entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 9. Klasse, Stand 1982

 

Die Spaltung der Aktionseinheit der Arbeiterklasse durch die rechten Führer der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften ermöglichte es den Militaristen im Ruhrgebiet und vielen anderen Teilen Deutschlands, einen blutigen Rachefeldzug gegen die Arbeiterklasse zu führen. Der Verrat der rechten sozialdemokratischen Führer an den Klasseninteressen des Proletariats brachte im März 1920 die deutschen Werktätigen um die Früchte ihres heroisch errungenen Sieges über die reaktionärsten Kräfte des deutschen Imperialismus.

 

 

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Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 9. Klasse, Stand 1982, bearbeitet von Petra Reichel

Originaltext:

Der Kapp-Putsch und seine Niederschlagung

 

 

 

 

 

Der Aufstand der schlesischen Weber

Die Ursachen des Aufstandes

 

Zu den am schlechtesten entlohnten Arbeitern gehörten in Deutschland die Heimarbeiter. Es waren meist Handweber, die zu Hause arbeiteten. Die kapitalistische Entwicklung hatte sie völlig von den Fabrikanten, Kaufleuten und Verlegern abhängig gemacht. Garn oder Wolle, die sie vom Verleger erhielten, verarbeiteten sie zu Leinwand oder Tuch und lieferten die fertigen Produkte wieder an den Verleger ab. Dieser setzte den Preis für das Ausgangsmaterial und die hergestellte Ware allein fest. Um überhaupt leben zu können, mussten sich die Weber dieser Willkür fügen. Sie lebten meist im Dorf, besaßen ein kleines Haus und ein winziges Stück Ackerland.

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In den schlesischen Gebieten war die Notlage der Heimarbeiter am größten. Hier mussten auch die Frau und die Kinder 14 bis 16 Stunden mit am Webstuhl sitzen, damit die Familie nicht verhungerte. Fleisch zur Mahlzeit gab es kaum. Kartoffeln und eine dünne Suppe waren für die meisten die tägliche Nahrung.

Vom kärglichen Verdienst mussten Steuern an den Staat, an den Gutsherren und an die Gemeinde gezahlt werden. Im Unterschied zu den Arbeitern in den Fabriken wurden die schlesischen Heimarbeiter nicht nur von den Kapitalisten, sondern gleichzeitig auch von den Junkern ausgebeutet.

Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde die englische Industrie zu einer gefährlichen Konkurrenz für die schlesischen Textilfabrikanten und Verleger. Die mit modernen Maschinen ausgerüsteten Textilfabrikanten Englands lieferten ihre Erzeugnisse viel billiger auf den Markt. Um ihre Waren weiter absetzen zu können, versuchten die schlesischen Verleger, ihre handgewebten Produkte ebenso billig wie die englischen Kapitalisten zu verkaufen. Da sie aber auf keinen Fall ihren Profit schmälern wollten, kürzten sie die Arbeitslöhne. Besonders erpresserisch handelten die Verleger in den schlesischen Dörfern Peterswaldau und Langenbielau. Hier beuteten die Gebrüder Zwanziger und die Gebrüder Diering die Weber am schamlosesten aus.

Einige tausend Weber und Spinner wurden von diesen Großunternehmern beschäftigt, die mit ihrem Reichtum protzten, während die Arbeiter darbten. Allein die Gebrüder Zwanziger hatten ein jährliches Einkommen von 30 000 Talern. Dagegen verdiente ein Weber im Jahr nur 60 Taler.

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Der Verlauf des Aufstandes

 

In Peterswaldau entlud sich der wachsende Hass der Arbeiter auf die Fabrikanten zuerst in einem anklagenden Lied. Es wurde von den Webern als Flugblatt heimlich verbreitet und auch an die Türen der Verleger geheftet.

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Mehrere Weber wurden verhaftet, weil sie dieses Lied gesungen hatten. Da riss den Arbeitern im Sommer 1844 die Geduld. Von den Fabrikanten aufs äußerste gepeinigt, erhoben sie sich, um mit Gewalt für das Recht des Lebens zu kämpfen. So begann im Jahre 1844 der schlesische Weberaufstand.

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Von Peterswaldau griff der Aufstand auf andere Dörfer über. Im benachbarten Langenbielau zertrümmerten die Weber am 5. Juni die Geschäftsräume des verhassten Fabrikanten Dierig. Dann versammelten sie sich vor seinem Wohnhaus. Es wurden ihnen Geld und Lebensmittel versprochen. Geduldig warteten die Weber den ganzen Tag. Dierig hatte jedoch bereits heimlich Militär angefordert und hielt die Weber so lange hin, bis preußische Soldaten eintrafen. Ein Offizier forderte die Menge auf, sich nach Hause zu begeben. Als dieser Aufforderung nicht nachgekommen wurde, ließ er das Feuer eröffnen. Elf Menschen, darunter Frauen und Kinder, fielen unter den Gewehrsalven, 24 wurden schwer verletzt. Als Antwort auf diesen brutalen Mord gingen die Weber mutig mit Steinen, Knüppeln und Äxten gegen die Soldaten vor. Das Militär wurde aus dem Dorf gejagt.

Der Sieg der Weber war nur von kurzer Dauer. Als die Soldaten Verstärkung, darunter Artillerie und Kavallerie, erhalten hatten, besetzten sie am 6. Juni 1844 die aufständischen Weberdörfer. Über hundert Weber wurden verhaftet und in Breslau vor Gericht gestellt. Der jüngste von ihnen war 15 Jahre alt. 80 Arbeiter erhielten insgesamt 293 Jahre Zuchthaus und Festungshaft sowie 330 Peitschenhiebe.

 

 

Die Bedeutung des Aufstandes

 

Der Aufstand der schlesischen Weber im Jahre 1844 war die erste Klassenschlacht des deutschen Proletariats. Mit ihm begann der selbstständige Kampf der deutschen Arbeiterklasse gegen die Bourgeoise und gegen den preußischen Staat.

Die Erhebung hatte mit den Aktionen der englischen Maschinenstürmer Einiges gemeinsam. Auch die schlesischen Weber hatten Maschinen zerstört. Gemeinsam war auch, dass die englischen Arbeiter und die schlesischen Weber ohne Organisation und ohne Klarheit über ihre Ziele aus Verzweiflung zum Mittel der Gewalt gegriffen hatten. Aber der Weberaufstand unterschied sich von der Maschinenstürmerei darin, dass er sich vor allem gegen die eigentlichen Feinde der Arbeiterklasse selbst, gegen die Kapitalisten, richtete.

Die Erhebung in Schlesien ermunterte die Arbeiter in anderen Gebieten Deutschlands. Mit Streiks und Demonstrationen kämpften besonders die Eisenbahnbauarbeiter in Preußen und Sachsen um höhere Löhne und gegen die Willkür der Unternehmer. An vielen Orten Deutschlands wurde für die Hinterbliebenen der Gefallenen und für die Eingekerkerten Geld gesammelt. Der Dichter Heinrich Heine stellte sich mit seinem Gedicht „Die Schlesischen Weber“ an die Seite der revolutionären Arbeiter. Eine Strophe lautete:

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Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 8. Klasse, Stand 1982

 

Geschichtsbuch DDR 8

 

Quelltext:

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