Die Leninschen Dekrete

Wladimir Iljitsch Lenin war bei der Eröffnung des Kongresses nicht anwesend. Die ganze Nacht zum 25. Oktober und den ganzen Tag brachte er im Smolnyj-Institut zu, wo er gemeinsam mit J.W. Stalin den bewaffneten Aufstand leitete. Erst spät in der Nacht, als der Winterpalast bereits genommen und die Provisorische Regierung verhaftet worden war, begab sich Lenin in die in der Nähe des Smolnyj gelegene Wohnung eines Bolschewiken, um dort für einige Stunden auszuruhen. Er konnte nicht einschlafen. Leise, um niemanden zu stören, setzte sich Wladimir Iljitsch Lenin an den Tisch und begann zu schreiben. In diesen tiefen Nachtstunden verfasste Lenin das Dekret über den Grund und Boden.

Wladimir Iljitsch wusste, dass der Sieg allein nicht genügt, dass man den errungenen Sieg auch sichern muss. Und am 26. Oktober war er den ganzen Tag damit beschäftigt.

W.I. Lenin unter den Delegierten des II. Allrussichen Sowjetkongresses (Nach einem Gemälde von S. Gerassimow)
Bild entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 von 1947

Lenin ergriff Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung der Hauptstadt. Er leitete die Sitzung des Zentralkomitees der Partei, das die Zusammensetzung der Sowjetregierung erörterte. Auf dem Kongress erschien Lenin am Abend des 26. Oktober (08.November). Die Delegierten des Kongresses begrüßten mit Jubel den großen Führer und Lehrer der Werktätigen, den Organisator des errungenen Sieges über die vereinigten Kräfte der alten Welt. Infolge der freudigen Begrüßungsstürme, die den Saal durchbrausten, konnte Lenin lange Zeit seine Rede nicht beginnen.

Nun aber wurde es still, und Lenin begann zu sprechen. Er verlas das in Form eines „Aufrufes an die Völker und Regierungen sämtlicher kriegführenden Länder“ von ihm verfasste Dekret über den Frieden. „Die Arbeiter- und Bauernregierung“, so lautet das Dekret, „die durch die Revolution vom 24.-25. Oktober geschaffen wurde und sich auf die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten stützt, schlägt allen kriegführenden Völkern und ihren Regierungen vor, sofort Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden zu beginnen.“ Der Aufruf forderte die Arbeiter auf, mitzuhelfen, „die Sache des Friedens und zugleich die Sache der Befreiung der Werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen“. Das Dekret über den Frieden wurde von dem Kongress mit unbeschreiblichem Enthusiasmus und Hurrarufen angenommen.

Mit der Annahme des Dekrets über den Frieden verrichtete das (damals P.R.) siegreiche Volk ein welthistorisches Werk. Die wirtschaftlichen und nationalen Interessen Russlands erforderten die Beendigung des sich über mehr als drei Jahre hinziehenden ungerechten, von den Imperialisten angezettelten Krieges. Nur die Arbeiterklasse, von der Partei der Bolschewiki geführt, erwies sich als mächtig genug, Russland aus dem Krieg herauszureißen, durch den die reichen und mächtigen Verbündeten das Land immer mehr und mehr unterjochten.

Die allgemeine Stimmung des Kongresses brachte einer der Delegierten zum Ausdruck, als er auf die Rednertribüne stieg und unter allgemeinem Beifallsdonner vorschlug, Lenin als den „Verfasser des Aufrufes und standhaften Kämpfer und Führer der siegreichen Arbeiter- und Bauernrevolution“ zu begrüßen.

Es war das eingetreten, was das Volk so leidenschaftlich gewünscht hatte. Russland, das sich aus den Fesseln der kapitalistischen Unterdrückung befreit hatte, gab eine Erklärung über die Beendigung des imperialistischen Krieges ab. Russland erhob als erstes Land das Banner eines wirklich demokratischen Friedens.

Wladimir Iljitsch Lenin erhält von neuem das Wort. Wieder stürmische, begeistere Ovationen. Lenin verliest das Dekret über den Grund und Boden: über die unverzügliche Aufhebung des Eigentums der Gutsbesitzer an Grund und Boden ohne jede Entschädigung. Dieses historische Dekret verkündete die Aufhebung des Privateigentums an Grund und Boden für immer und seine Ersetzung durch das staatliche Eigentum, durch das Eigentum des ganzen Volkes. Die Ländereien der Gutsbesitzer sowie die Ländereien der Krone (des Zaren), der Klöster und Kirchen wurden den Werktätigen zur entschädigungslosen Nutznießung übergeben.

Das Dekret über den Grund und Boden war eine der größten politischen Handlungen, das die Millionenmassen der Bauern sowohl im Hinterland wie auch in den Schützengäben zur Unterstützung der im bewaffneten Aufstand geborenen Sowjetmacht sich erheben ließ. Die Bauernschaft erhielt mehr als 150 Millionen Desjatinen Land, das sich früher in den Händen der Gutsbesitzer, der Bourgeoisie, der Zarenfamilie, der Kirchen und Klöster befand, unentgeltlich. Außerdem wurde die Bauernschaft von den jährlichen Pachtzahlungen in Höhe von ungefähr 500 Millionen Goldrubeln befreit. Die grundlegende Bedeutung des vorgeschlagenen Dekrets über den Grund und Boden drückte Lenin folgendermaßen aus: „Das Wesentliche ist, dass die Bauernschaft die feste Überzeugung gewinnt, dass es auf dem Lande keine Gutsbesitzer mehr gibt, dass es den Bauern selbst überlassen wird, alle Fragen zu entscheiden, selbst ihr Leben zu gestalten.“  Die Delegierten des Kongresses nahmen die Worte Lenins auf wie eine frohe Botschaft über den siegreichen Ausgang des jahrhundertelangen Kampfes der Bauernschaft um Grund und Boden, wie die Verwirklichung der geheimsten Wünsche des Volkes. Keine andere Klasse, außer der Arbeiterklasse, keine andere Partei, außer der bolschewistischen Partei, konnte der Bauernschaft Russlands einen solchen unvergleichlichen Sieg sichern. Die Sozialistische Oktoberrevolution verwirklichte das, wovon die Bauernschaft Russlands im Verlaufe von Jahrhunderten ihres armseligen Lebens geträumt hatte.

Der Kongress der Sowjets nahm schließlich die Bestimmung über die Bildung er ersten wirklichen Volksregierung der Welt, der Arbeiter- und Bauern-Sowjetregierung, an – des Rates der Volkskommissare mit Lenin an der Spitze. Zum Volkskommissar(Der Amtstitel Minister wurde infolge der Revolution abgeschafft und durch den Titel Volkskommissar ersetzt.Später wurde sich international angeglichen und der Amtstitel Minister wieder eingeführt. P.R. siehe auch Wikipedia) für Angelegenheiten der Nationalitäten wurde J.W. Stalin ernannt.

Am frühen Morgen des 27. Oktober (09.November) beendete der II. Kongress der Sowjets unter freudigen Rufen „Es lebe die Revolution!“, „Es lebe der Sozialismus!und unter dem begeisterten Absingen revolutionärer Lieder seine Arbeit.

Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 von 1947

Gleich nach Petrograd erhob sich auch Moskau. Während Petrograd bereits völlig sowjetisch war, dauerten in Moskau noch einige Tage heftige und erbitterte Kämpfe an. Aber die Arbeiter und Soldaten Moskaus, von den Bolschewiki geführt, brachen den Widerstand der Bourgeoisie. Auch hier ging die Macht in die Hände der Aufständischen, an die Sowjets über.

Die Arbeiterjugend hatte aufopferungswillig und selbstlos Seite an Seite mit den Erwachsenen auf den Oktoberbarrikaden gekämpft. Die Jünglinge und Mädchen waren in großer Menge in die Abteilungen der Roten Garde eingetreten. In Petrograd nahmen ungefähr 5000 jugendliche Arbeiter an dem bewaffneten Aufstand teil. Fast die Hälfte der Moskauer Rotgardisten setzte sich aus der Arbeiterjugend zusammen.

Einer der Teilnehmer der Oktoberkämpfe in Moskau erzählt: „Die Maschinengewehre knatterten. Eine dunkle, undurchdringliche Nacht. Man braucht Leute im Zentrum zum Aufrechterhalten der Verbindung…Wer wird den gefährlichen Auftrag am besten ausführen? Von Bezirk zu Bezirk, vom Bezirk zum Zentrum, überall erfüllten die Mitglieder des Verbandes der Arbeiterjugend unter dem Kugelregen die gefährlichsten und verantwortungsvollsten Aufträge des Stabes des Aufstandes. Unter Einsatz ihres Lebens gingen sie furchtlos auf Patrouille, leisteten Sanitätsdienste, versorgten die Kämpfer mit Patronen und Granaten und nahmen an allen Kampfhandlungen teil. Sieg oder Tod, das war es, woran jeder einzelne Kämpfer dachte.“

Die Kunde vom Sieg der sozialistischen Revolution, von der Geburt der Sowjetmacht, verbreitete sich über das ganze Russland. Den Hauptstädten folgte das ganze Land. Überall ging die staatliche Macht in die Hände der Werktätigen, in die Hände der Sowjets über, in solch schnellen Tempo, unter solchem Enthusiasmus des Volkes, dass Lenin diese Periode den „Triumphzug der Sowjetmacht“ nannte.

Der bewaffnete Aufstand der russischen Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Leitung der bolschewistischen Partei wurde von den werktätigen Massen sämtlicher Völker Russlands unterstützt. Die Völker hatten begriffen, dass nur die Bolschewiki die völlige Freiheit den unterdrückten Nationen sichern können, dass nur in einer brüderlichen Freundschaft der Sowjetvölker das sichere Unterpfand ihrer nationalen Unabhängigkeit, ihrer wirtschaftlichen Erfolge und ihrer kulturellen Entwicklung liegt. Daher erhoben sich nach Petrograd, Moskau und anderen russischen Gebieten des Landes auch die nationalen Grenzgebiete Russlands. „Die Revolutionswelle aus dem Norden“, sagte J.W. Stalin, „ergoss sich von den ersten Tagen des Umsturzes an über ganz Russland und ergriff ein Grenzgebiet nach dem anderen.“

Die Sozialistische Oktoberrevolution, die den Kapitalisten und Gutsbesitzern die Fabriken und Werke, den Grund und Boden, die Eisenbahnen, die Banken abgenommen hatte, verwandelte diese in gesellschaftliches Eigentum der Werktätigen. Die Arbeiterklasse im Bündnis mit der armen Bauernschaft machte sich, nachdem sie die Macht in ihre Hände genommen hatte, an den Aufbau des Sowjetstaates. Die gesamte alte bürgerliche Staatsmaschine wurde zertrümmert. Das aufständische Volk zerstörte schonungslos die zaristischen Ministerien, die Stadtverwaltungen der Kaufleute, die Selbstverwaltungsorgane der Gutsbesitzer und schuf an ihrer Stelle seine eigenen, die Sowjetorgane.

Die Sowjetregierung erließ ein Dekret über die Arbeiterkontrolle. Nach diesem Dekret wurde die gesamte Tätigkeit der Fabrikanten und Werksbesitzer der Kontrolle der Vertreter der Arbeiter unterstellt. Die Arbeiter kontrollierten die gesamte gesellschaftliche Produktion und den Handel. Dies half ihnen, die Produktion zu beherrschen. Die Arbeiterkontrolle schuf die Bedingungen für die Nationalisierung der Industrie, d.h. für ihre Verwandlung in Gemeingut des Volkes, in Staatseigentum.

Alle Banken wurden nationalisiert. Die Nationalisierung der Eisenbahnen und der Großindustrie wurde in Angriff genommen.

Durch ein Dekret der Sowjetmacht wurden die Standesbezeichnungen abgeschafft. Alle Standeseinteilungen und -bezeichnungen (Kleinbürger, Bauer, Adliger, Kaufmann), die Standesprivilegien und Standesbeschränkungen wurden aufgehoben. Sämtliche Titel (Fürst, Graf, Baron) wurden abgeschafft. Für die gesamte Bevölkerung Russlands wurde eine allgemeine Bezeichnung: Bürger der Russischen Republik, eingeführt.

Die „Deklaration der Rechte der Völker Russlands“, von J.W. Stalin verfasst, von Lenin und Stalin unterschrieben, wurde veröffentlicht. Die LeninStalinsche Deklaration verkündete die unverzügliche Befreiung der Völker Russlands und ihr freiwilliges und ehrliches Bündnis. Die Deklaration hob hervor, dass nur durch ein solches Bündnis die Arbeiter und Bauern der Völker Russlands zu einer revolutionären Kraft zusammengeschweißt werden können, die fähig ist, einem jeden Anschlag seitens der imperialistischen Bourgeoisie Widerstand zu leisten. Die Deklaration vertrat eine offene und ehrliche Politik die zu einem völligen gegenseitigen Vertrauen unter den Völkern Russlands führen sollte.

Lenin und Stalin proklamierten in dieser Deklaration „das ehrliche und dauernde Bündnis der Völker Russlands“ auf folgenden Grundlagen: Gleichheit und Souveränität der Völker Russlands; das Recht der Völker Russlands auf freie Selbstbestimmung bis zur Lostrennung und Schaffung eines selbstständigen Staates; Abschaffung aller jedweder nationalen und nationalreligiösen Vorrechte und Beschränkungen; freie Entwicklung aller Nationalitäten, darunter auch der kleinsten, die das Territorium Russlands bevölkern.

Auf dem III. Allrussischen Kongress der Sowjets im Januar 1918 wurde die „Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes“ angenommen.

Jakow Michajlowitsch Swerdlow, erster Vorsitzender des Allrussischen Zentralen Exekutivkomitees (1885 bis 1919)
Bild entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 von 1947

Darin wurde gesagt, dass „die Sowjetrepublik Russland auf Grund eines freien Bundes freier Nationen, als Föderation nationaler Sowjetrepubliken errichtet wird“. Die „Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes“ erklärte, dass die gesamte zentrale und lokale Staatsmacht den Sowjets gehöre, dass in den Sowjets für Ausbeuter kein Platz sei. Als grundlegende Aufgabe der Sowjetmacht erklärte diese Deklaration die Abschaffung jeder Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die völlige Aufhebung der Teilung der Gesellschaft in Klassen, den Kampf für den Sieg des Sozialismus.

Die Oktoberrevolution, die das Joch der kapitalistischen und nationalen Unterdrückung abgeworfen hatte, erhob die zahlreichen Völker und Völkerschaften Russlands zu einem neuen, hellen, freien Leben. Die Dekrete der neuen sowjetischen Regierung, die historischen Verfügungen Lenins und Stalins und ihre Anweisungen über die Liquidierung der Macht der Gutsbesitzer und Kapitalisten, über den Aufbau der Sowjetmacht, legten die Grundlage zu der neuen, sowjetischen sozialistischen Staatsordnung.

Nach vielen Jahrtausenden hatten die Werktätigen zum ersten Male einen entscheidenden Sieg über die Ausbeuter und Bedrücker errungen. Die Oktoberrevolution war der große historische Sieg der unsterblichen Lehre von Marx-EngelsLeninStalin. (Stalin ist später verdammt worden und wird es bis heute noch. Seine hervorragenden Leistungen werden bis heute totgeschwiegen und nicht anerkannt. Das ist fatal und eine der vielen Ursachen für die gelungene Konterrevolution im Jahre 1989/90 und den Sieg des Kapitalismus. P.R.)

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 von 1947, Original-Autor B.M. Wolin, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947

Die Ursachen des Sieges der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution

Der Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution eröffnete in der Geschichte Russlands und in der Geschichte der gesamten Menschheit ein neues Zeitalter. Auf einem Sechstel der Erdkugel schien zum ersten Male eine neue, wirkliche Volksmacht. Ein neuer Staat entstand, der sich die große Aufgabe gestellt hatte, im Land eine sozialistische Gesellschaft zu schaffen.

Der bewaffnete Aufstand in Russland im Oktober des Jahres 1917 ist ohne Beispiel in der Geschichte. Er zeigt, wie unüberwindlich die Massen sind, wenn sie von einer solch kampferfahrenen revolutionären Arbeiterpartei, die die Partei der Bolschewiki, geführt werden. Niemals in der Geschichte der revolutionären Bewegung hat es solche umfassende Vorbereitung der Massen gegeben wie zur Zeit der Sozialistischen Oktoberrevolution. Alles dies war das Werk der Partei der Bolschewiki unter der Leitung der großen Volksführer Lenin und Stalin.

Welche sind die Hauptursachen, die den verhältnismäßig leichten Sieg der sozialistischen Revolution in Russland bestimmten?

Der Oktoberrevolution stand ein verhältnismäßig schwacher, so schlecht organisierter, politisch wenig erfahrener Feind gegenüber, wie es die russische Bourgeoisie war. Das Volk sah keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Politik des Zaren und der Politik der Bourgeoisie, die nach der Februarrevolution an die Macht gelangt war. Das war auch die Ursache, weshalb das Volk seinen ganzen Hass gegen den Zaren mit vollem Grund auch auf die Provisorische Regierung der Bourgeoisie übertrug.

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die sich nach der Februarrevolution völlig als Verteidiger der imperialistischen Bourgeoisie entlarvt hatten, verloren ihren Einfluss im Volke, und deshalb konnte sich die Bourgeoisie nicht mehr auf sie stützen. Die russische Bourgeoisie war endgültig isoliert. Dank der Tätigkeit der Bolschewiki hatte das Volk klar begriffen, dass die Bourgeoisie sein unversöhnlicher Feind ist.

Die Oktoberrevolution siegte deshalb, weil an ihrer Spitze eine revolutionäre Klasse, die die Arbeiterklasse Russlands, die in den Kämpfen zweier Revolutionen (im Jahre 1905 und im Februar 1917) gestählt worden war, stand. Die Arbeiterklasse Russlands verdiente dank ihrem revolutionären Willen und ihrer Opferbereitschaft das Vertrauen des Volkes, sie wurde der anerkannte, der verlässliche Führer des Volkes im Kampf für Frieden und Boden, für Freiheit und Sozialismus.

In diesem Kampf hatten die revolutionären russischen Arbeiter einen so ernst zu nehmenden Bundesgenossen, die die arme Bauernschaft. In ihrem langen gemeinsamen Kampf wurde ein wirkliches Bündnis mit der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft geschaffen. Es ist klar, dass die Oktoberrevolution ohne dieses Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft nicht hätte siegen können. Die führende Kraft in diesem Bündnis stellte die Arbeiterklasse dar.

Die Oktoberrevolution hatte deshalb gesiegt, weil an der Spitze der revolutionären Bewegung der Arbeiter, Soldaten und Bauern Russlands die erfahrene, kühne und energische Partei Lenins und Stalins, die kämpferische Partei der Bolschewiki stand.

Die Lage in Russland vor der Oktoberrevolution war kompliziert. Wie Frühlingshochwasser brodelten die verschiedenen Volksströmungen, die danach strebten, sich einen Weg zu bahnen. Eine allgemeine Volksbewegung strebte beharrlich danach, aus dem ungerechten Krieg herauszukommen und einen demokratischen Frieden zu verwirklichen. Eine andere mächtige Bewegung – die demokratische Bauernbewegung – war auf die Besitzergreifung des Gutsbesitzerlandes gerichtet. Eine dritte Bewegung nationale Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker für ihre nationale Gleichberechtigung. Und schließlich war die wichtigste, führende mächtigste Volksbewegung die sozialistische Bewegung des russischen Proletariats für die Eroberung der Staatsmacht im Lande zum Zwecke der Errichtung der sozialistischen Gesellschaft.

Die Partei der Bolschewiki verstand es, alle diese revolutionären Strömungen in einem einheitlichen, mächtigen revolutionären Strom zu vereinigen. Gerade die Bolschewiki verstanden es, den bewaffneten Aufstand allseitig vorzubereiten und ihm eine unerhörte Organisiertheit zu verleihen. Diese allseitige Vorbereitung, die überaus große Organisation und Diszipliniertheit wurden dank der genialen Führung von Lenin und Stalin erreicht.

Der Sieg der Oktoberrevolution wurde dadurch erleichtert, dass die bürgerlichen Staaten, die durch Weltkrieg in zwei feindliche Lager gespalten waren, gegen die sozialistische Revolution in Russland nicht mit gemeinsamen Kräften aktiv vorgehen konnten.

Die Oktoberrevolution, die der Bourgeoisie und den Gutsbesitzern die Produktionsmittel weggenommen und die Fabriken, die Werke, den Grund und Boden, die Eisenbahnen, die Banken in Gemeingut des Volkes verwandelt hatte, erlöste Millionen von Proletariern von der Ausbeutung, den Schrecken der Arbeitslosigkeit und des Aussterbens, und Millionen von Dorfarmen von dem Joch der Gutsbesitzer, von einem jammervollen, hungrigen, armseligen und hoffnungslosen Leben.

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution rettete Russland vor dem völligen Zerfall, vor der Gefahr, seine staatliche Selbstständigkeit zu verlieren. Russland drohte die Gefahr, eine Beute der imperialistischen Räuber zu werden und sich in ein abhängiges Kolonialland zu verwandeln. Die Partei der Bolschewiki rettete Russland vor dem Untergang.

Die Oktoberrevolution, die den Staatsapparat der ausbeuterischen Gesellschaft bis auf seine Grundfesten zerstört hatte, schuf einen Staat von neuem Typus: den Sozialistischen Sowjetstaat.

Mit dem Sieg der Sowjetmacht verwirklichten sich die sehnlichsten Träume der Werktätigen Russlands: sie erlangten Frieden und Freiheit, warfen das Joch der kapitalistischen Bedrückung ab, sie wurden die Herren ihres Lebens, ihres gesamten unermesslichen Landes.

Vor dem Volk des Sowjetlandes – vor der Arbeiterklasse, der Bauernschaft, der Intelligenz- öffnete sich der Weg zum Sozialismus.

Entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947, Original-Autor B.M. Wolin, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947

Die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes

Der Einfluss der bolschewistischen Partei bei den werktätigen Massen stieg unaufhaltsam. Zu dieser Zeit begannen die Neuwahlen von Deputierten in die Sowjets. Die Arbeiter der Fabriken und Werke, die Soldaten der Truppenteile geben ihre Stimmen den Bolschewiki. Die Zusammensetzung der Sowjets veränderte sich auf diese Weise einschneidend. Ende August ging der Petrograder Sowjet auf die Seite der Bolschewiki über, einige Tage später auch der Moskauer Sowjet. Auf diese Weise konnten die Bolschewiki die Frage der Ergreifung der Macht bereits aufwerfen.

Der Zunahme der politischen Aktivität der Arbeiter in en Städten folgte auch die Zunahme der revolutionären Aktivität der Bauern auf dem Lande. Die breiten Massen der Bauern und später auch die Armee wandten sich jäh den Bolschewiki zu.

Die Bedingungen, die für einen erfolgreichen Aufstand notwendig waren, reiften bereits heran.

Lenin hatte stets die bolschewistische Partei gelehrt, dass die Kunst der bolschewistischen Politik, die auf den Sturz der Bourgeoisie ausgerichtet ist, darin besteht, die Bedingungen und den Augenblick zu berechnen, wenn die Avantgarde des Proletariats – die Partei – erfolgreich die Macht ergreifen kann, wenn die breiten Massen der Arbeiter und Bauern bereit sind, der Partei genügend Unterstützung zu erweisen. Dieser Moment war gekommen. Und Lenin beschleunigte die Vorbereitungen des bewaffneten Aufstandes.

Am 15. (28.) September erörterte da Zentralkomitee der Partei die an diesem Tage von Lenin erhaltenen Briefe, in denen davon gesprochen wurde, dass die Bolschewiki an die Spitze des Aufstandes der Volksmassen treten und die staatliche Macht übernehmen können und müssen. J.W. Stalin schlug vor, diese Briefe den örtlichen Parteiorganisationen als Direktive und Anweisung des Zentralkomitees der Partei für die Vorbereitung zum Aufstand weiterzuleiten. Unter den Mitgliedern des Zentralkomitees befand sich auch Kamenew. Indem er gegen Lenin und Stalin auftrat, bestand er darauf, dass Lenins Briefe verbrannt werden sollten. Aber das Zentralkomitee beschloss, so zu handeln, wie Stalin vorgeschlagen hatte. Die Briefe Lenins über die Vorbereitung zum Aufstand wurden an die größten Parteiorganisationen geschickt.

J.W. Stalin entwickelte tagaus, tagein in der Presse die Leninschen Anweisungen. Ende September 1917 stellte er in einem Artikel die Frage folgendermaßen auf: „Wir haben zwei Herrschaften vor uns: die Herrschaft Kerenskijs und seiner Regierung und die Herrschaft der Sowjets und Komitees… Entweder die Herrschaft der Regierung Kerenskijs – und damit die Herrschaft der Gutsbesitzer und Kapitalisten, Krieg und Ruin. Oder die Herrschaft der Sowjets – und damit die Herrschaft der Arbeiter und Bauern, Frieden und Liquidierung des Ruins. So und nur so stallt das Leben selbst die Frage.“

 

Unter der Leitung Stalins bereitete die Partei das Volk nach Leninschen Anweisungen für den bewaffneten Aufstand vor. Mit jedem Tage schlossen sich die Werktätigen immer enger um die bolschewistische Partei, um Lenin und Stalin zuzustimmen. Die Fristen des Aufstandes rückten näher. Ende September erklärte Lenin dem Zentralkomitee, dass man den Aufstand nicht länger aufschieben könne. Es ist nötig, schrieb Lenin, von drei Seiten: von Petersburg selbst, von Moskau und der Baltischen Flotte aus loszuschlagen. Tausende von bewaffneten Arbeitern und Soldaten der Hauptstadtsollen mit einem plötzlichen Schlage den Winterpalast nehmen und sich des Generalstabes, des Telefonamtes und aller größeren Druckereinen bemächtigen. Dies waren Lenins Vorschläge.

Als Ergebnis des Aufstandes, schrieb Lenin, wird eine Regierung gebildet, die dem Volke den Frieden sichern, den Bauern das Gutsbesitzerland übergeben und von den Massen Unterstützung finden wird. Dies wird die sowjetische Regierung sein; sie wird unüberwindbar sein. (Leider irrte sich Lenin. P.R.)

In dieser Zeit spitzte sich die militärische und innere Lage Russlands immer mehr zu. Die Auflösung der Armee schritt fort, da die Arbeiter und Bauern ihr Blut nicht für die Interessen der imperialistischen Räuber vergießen wollten. Dem Land drohte Hungersnot. Das Eisenbahntransportwesen war ganz und gar zerrüttet. Die Fabriken und Werke, die weder Rohstoffe noch Heizmaterial erhielten, kamen zum Erliegen. Eine Massenarbeitslosigkeit setzte ein. Die Kapitalisten untergruben absichtlich die Produktion, sie planten, auf diese Weise den Zusammenbruch der Republik, den Untergang der Sowjets hervorzurufen. Überall wurde das schwarze Netz der konterrevolutionären Verschwörungen gesponnen. Die Bourgeoisie schickte sich an, mit Deutschland Frieden zu schließen, um mit Hilfe der Deutschen die Revolution zu ersticken. Im Namen der Wiederherstellung des zaristischen Regimes und der Rettung der Reichtümer waren die Feinde des Volkes bereit, den ausländischen Räubern das gesamte Russland zur Versklavung auszuliefern.

Russland drohte ein völliger Zerfall, ihm drohte der Verlust der staatlichen Unabhängigkeit. Nur der Übergang der Macht in die Hände der Bolschewiki konnte das Land vor der hereinbrechenden Katastrophe retten.

In diesen spannungsvollen, entscheidenden Tagen war die Anwesenheit Lenins in Petrograd, mitten im Zentrum der sich entwickelnden revolutionären Ereignisse, besonders notwendig.

Und als Wladimir Iljitsch, der Helsingfors verlassen hatte, siedelte, um Petrograd näher zu sein, nach Wiborg über. Drei Wochen hielt sich Lenin hier auf. Unermüdlich fuhr er fort, die Lage zu erläutern, seine Kampfgenossen zu instruieren, das Volk zur entscheidenden revolutionären Tat vorzubereiten und die Verräter: Kamenew, Sinowjew, Trotzkij, die gegen den bewaffneten Aufstand waren, zu entlarven.

Am 07.(20.) Oktober verließ Lenin auch seine Wiborger Zufluchtsstätte. In der Nacht erreichte er die Vorortstation Udjelnaja und kam von dort aus zu Fuß in Petrograd auf der Wiborger Seite an. Wladimir Iljitsch der sich in der Wohnung der Bolschewistin M. Fofanowa vor den Spionen verborgen hielt, bat vor allem, eine Zusammenkunft mit J.W. Stalin zu arrangieren. Am 08.(21.) Oktober fand diese Zusammenkunft statt.

Die Unterhaltung Lenins und Stalins dauerte einige Stunden. Wladimir Iljitsch schaffte Klärung über alle Einzelheiten der Lage in den Fabriken und bei den Truppenteilen. J.W. Stalin legte einen konkreten Plan des bewaffneten Aufstandes vor, der von ihm auf der Leninschen Anweisungen ausgearbeitet worden war. Wladimir Iljitsch vereinbarte mit Stalin, in den nächsten Tagen eine Sitzung des Zentralkomitees der Partei einzuberufen, auf der er einen Bericht über den bewaffneten Aufstand geben wollte.

Nach dieser Unterhaltung schrieb Lenin einen Brief an das Zentralkomitee. In diesem Brief entwickelte er einen konkreten Plan für den Aufstand. Zur Verwirklichung dieses Plans schlug Wladimir Iljitsch vor, die entschlossensten Elemente aus den Reihen der Arbeiter, besonders unter der Arbeiterjugend, unter den Matrosen und Soldaten auszuwählen. Lenin schrieb, dass für den Erfolg des Aufstandes Geschicklichkeit und dreifache Kühnheit notwendig sei, dass der Erfolg der Revolution von zwei bis drei Tagen hartnäckigen Kampfes abhängig sei.

Das Zentralkomitee der Partei der Bolschewiki, dass diese Anweisungen verfolgte, führte tatkräftig die praktische Vorbereitung zum Aufstand durch. Immer neue Abteilungen der Roten Garde wurden aufgestellt. Die Rotgardisten, die sich vor fremden Augen verborgen hielten, lernten auf unbebautem Gelände außerhalb der Stadt das Kriegshandwerk.

 

Die historische Sitzung des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei fand am 10. (23.) Oktober 1917 statt. Wladimir Iljitsch Lenin erstattete über die augenblickliche Lage Bericht. Er wies auf die Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit des Aufstandes hin. Politisch sagte Lenin, ist die Situation völlig reif für den Übergang der Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft. Er schlug vor, di Frage über die technische Seite des Aufstandes zu erörtern. Die Ausführungen Lenins wurden in einer von ihm verfassten Resolution dargelegt. Sie lautete:

„Das Zentralkomitee stellt fest, dass sowohl die internationale Lage der russischen Revolution (der Aufstand in der deutschen Flotte als höchster Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa (bekanntlich ist es anders gekommen. P.R.), ferner die Drohung der Welt der Imperialisten, die Revolution in Russland zu erdrosseln) als auch die militärische Lage (der nicht zu bezweifelnde Entschluss der russischen Bourgeoisie und Kerenskijs und Konsorten, Petrograd den Deutschen auszuliefern) und die Eroberung der Mehrheit der Sowjets durch die proletarische Partei – , dass alles dies im Zusammenhang mit dem Bauernaufstand und mit der Tatsache, dass sich das Vertrauen des Volkes unsrer Partei zugewandt hat (Wahlen in Moskau), und endlich die offenkundige Vorbereitung eines zweiten Kornilowputsches (Abtransport von Truppen aus Petrograd, Zusammenziehung von Kosaken usw.) -; dass all dies den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung setzt.“

 

Gleichzeitig wurde zur politischen Leitung des Aufstandes für die nächste Zeit ein Politisches Büro aus den Mitgliedern des Zentralkomitees, mit Lenin und Stalin an der Spitze, geschaffen.

In diesem historischen Augenblick, der das Schicksal der Arbeiterklasse, des ganzen Volkes, das Schicksal Russlands entschied, stimmten Sinowjew und Kamenew, die von einer bürgerlichen Republik träumten, gegen den Beschluss über den Aufstand. Trotzkij, der erst kurze Zeit vorher in die Reihen der bolschewistischen Partei getreten war, war auch dagegen. Er beantragte, den Aufstand bis zur Einberufung des II. Sowjetkongresses zu vertagen, was bedeutet hätte, den Beginn des Aufstandes hinauszuschieben, ihn vorher auszuplaudern und auf diese Weise die Provisorische Regierung zu informieren. Aber alle Bemühungen der Verräter blieben vergebens. Die Partei folgte Lenin und Stalin.

Die Resolution Lenins über die Notwendigkeit des bewaffneten Aufstandes wurde das Aktionsprogramm für sämtliche Bolschewiki. Das Zentralkomitee der Partei entsandte seine Bevollmächtigten nach dem Donezgebiet, nach dem Ural, nach dem Kaukasus, nach Helsingfors, nach Kronstadt und an die Fronten zur Organisierung des Aufstandes an Ort und Stelle. Die einen dieser Gebiete sollten Petrograd durch die Entsendung von Kampfkräften, die anderen, z.B. Ufa, durch schnelle Lieferung von Getreide nach dem Zentrum unterstützen. Der Ural sollte die Getreidelieferung aus Sibirien organisieren und Kampfabteilungen stellen. Die Parteiorganisationen bereiteten sich tatkräftig auf den Aufstand vor.

Nach einigen Tagen (am 16. Oktober) wurde die Frage des Aufstandes auf der erweiterten Sitzung des Zentralkomitees gemeinsam mit den Petrograder Bolschewiki, den Vertretern Moskaus und den Vertretern anderer Organisationen erörtert. Hier wurde die Resolution Lenins von neuem bestätigt, und wiederum traten Kamenew und Sinowjew dagegen auf und suchten eine Vertagung des Aufstandes, wenn auch nur um fünf Tage, zu erreichen. Die fünftägige Vertagung war diesen Verrätern notwendig, damit die Bourgeoisie die konterrevolutionären Kräfte mobilisieren konnte. J.W. Stalin setzte sich heftig für die Leninschen Vorschläge ein. „Wie lange soll man denn warten?..?“ fragte er. „Das, was Kamenew und Sinowjew vorschlagen, bietet objektiv der Konterrevolution die Möglichkeit, sich zu organisieren. Wir werden ohne Ende zurückweichen und die gesamte Revolution verspielen.“

Auf Vorschlag Lenins wurde ein Parteizentrum zur Leitung des Aufstandes mit Stalin an der Spitze gewählt. Dieses Zentrum gehört zum Bestand des von dem Petrograder Sowjet gewählten Revolutionären Militärkomitees und leitete den gesamten Gang des bewaffneten Aufstandes.

„Die Sitzung endete gegen Morgen“, so heißt es in der „Geschichte des Bürgerkrieges in der UdSSR“. „Einzeln, wie man gekommen war, ging, man auch wieder auseinander. Lenin kam als Letzter heraus. Ein kräftiger Wind wehte. Er riss Lenin Hut und Perücke ab. Wladimir Iljitsch hob sie von der Erde auf und setzte sie wieder auf den Kopf. Er merkte gar nicht, dass der Hut durchweicht war, so sehr waren die Gedanken des großen Führers mit dem Schicksal der Revolution beschäftigt. Die Hände in die Taschen seines Paletots vergraben, schritt Lenin dem Wind schnell entgegen und überdachte angestrengt die letzten Fragen des bewaffneten Aufstandes.“ Lenin „sah mit seinem scharfsinnigen Blicke, dass der Aufstand unvermeidlich sei, dass er siegen werde“, sagte später J.W. Stalin von diesen historischen Tagen.

Entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 von 1947, Original-Autor B.M. Wolin, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2, aus  dem Jahre 1947

Die Partei der Bolschewiki erneut in der Illegalität

Die Provisorische Regierung mit Kerenskij an der Spitze wollte sich Lenins bemächtigen und ihn töten. Aber die Bolschewiki hielten Wladimir Iljitsch verborgen.

Damit Lenin unbemerkt aus Petrograd entweichen konnte, entschloss man sich, sein Äußeres zu verändern.                                                                                                                                                          Lenin verbarg sich vor der konterrevolutionären Provisorischen Regierung außerhalb von Petrograd. Einige Tage musste er in dem Schuppen eines Arbeiters in der Umgebung von Sestrorezk zubringen. Dann wohnte er in einer Laubhütte, einige Kilometer von der Station Rasliw entfernt. Ende Juli ging Lenin über die finnländische Grenze als Heizer auf einer Lokomotive und ließ sich illegal in Helsingfors nieder.

Ungeachtet der tödlichen Gefahr und der sehr schweren Lebensbedingungen verfolgte Wladimir Iljitsch unablässig den Gang der Ereignisse in Russland.

Bei der neuen Lage nach den Julitagen war es schon nicht mehr möglich, auf friedliche Weise die Macht zu ergreifen, da sie Konterrevolution sich auf die von ihr formierten bewaffneten Kräfte stützte. Lenin und Stalin begannen, die Partei und das Volk zum bewaffneten Aufstand gegen die konterrevolutionäre Regierung vorzubereiten.

Lenin war fest davon überzeugt, dass das Volk siegen, dass es den Bolschewiki gelingen würde, die Massen zum Sturz der bürgerlichen Regierung zu organisieren. Er unterhielt enge Verbindung mit J.W. Stalin, der während Lenins Abwesenheit die bolschewistische Partei und alle Vorbereitungen für den Aufstand leitete.

Die entscheidende Rolle in der Vorbereitung zum Aufstand spielte der 6. Parteitag der Bolschewiki, der am 26. Juli 1917 zusammentrat. Der Parteitag tagte illegal. Lenin, der sich vor den Spürhunden der Provisorischen Regierung verbarg, konnte am Parteitag nicht teilnehmen. Er leitete ihn aber aus der Illegalität durch seine Kampfgenossen: Stalin, Swerdlow, Molotow, Ordshonikidse.

(Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow war ein führender Politiker der UdSSR und einer der engsten Vertrauten Josef Stalins. Molotow war von 1930 bis 1941 sowjetischer Regierungschef und von 1939 bis 1949 sowie 1953 bis 1956 sowjetischer Außenminister.)

Auf diesem Parteitag zeigte J.W. Stalin, dass die Revolution ihrem Charakter nach zu einer sozialistischen Revolution werde, dass die Periode der Explosionen und der revolutionären Zusammenstöße mit der Bourgeoisie angebrochen sei. Alle Beschlüsse des Parteitages waren auf die Vorbereitung für den bewaffneten Aufstand, auf die sozialistische Revolution gerichtet.

Zu jener Zeit, als Lenin sich zeitweilig außerhalb der Hauptstadt verborgen halten musste, und die von der bürgerlichen Regierung verfolgte bolschewistische Partei genötigt war, in tiefer Illegalität zu arbeiten, bereitete sich die Bourgeoisie auf die völlige Zerschlagung der entkräfteten Sowjets und die Schaffung einer unverhüllten konterrevolutionären militärischen Diktatur vor.

Zu diesem Zweck schickten sich die Kapitalisten und Gutsbesitzer an, Russland der Macht des zaristischen Generals Kornilow zu unterstellen. Er war ein grausamer Henker. Mit Eisen und Blut beabsichtigte er, sämtliche Eroberungen der Revolution zu vernichten, den Drang des Volkes nach Befreiung zu unterdrücken und die frühere unbeschränkte Macht der Gutsbesitzer und Kapitalisten und die zaristische Ordnung wiederherzustellen.

Um ihren Sieg zu sichern, traten die Konterrevolutionäre in Verhandlung mit den Deutschen ein, die zu jener Zeit tief in russisches Gebiet eingedrungen waren. Die Kornilow-Anhänger hatten die Front in einer Reihe von Abschnitten entblößt. Sie hatten den Deutschen Riga überlassen und waren bereit, die Hauptstadt Russlands, Petrograd, zu übergeben, wenn die Deutschen ihnen bei der Abrechnung mit dem Volke, mit den revolutionären russischen Arbeitern, mit den Bolschewiki, behilflich wären.

Ende August 1917 machte General Kornilow, der die ihm am meisten ergebenen konterrevolutionären Truppen zusammengezogen hatte, einen Putsch und begann den Angriff gegen Petrograd. Das Oberhaupt der Regierung, Kerenskij, hatte von dem bevorstehenden Angriff Kornilows Kenntnis.

Die Bolschewiki riefen unverzüglich die Arbeiter und Soldaten zum aktiven bewaffneten Widerstand gegen die Konterrevolution auf. Die einzige Macht im Lande, die fähig war, die Vernichtung der Heerhaufen Kornilows zu organisieren, war die bolschewistische Partei. Sie führte die werktätigen Massen zum Kampf gegen die Verschwörer. Tausende von Arbeitern Petrograds reihten sich in die Rote Garde ein. Zu ihrer militärischen Ausbildung zogen die Bolschewiki Hunderte von Instrukteuren hinzu.

Die in den Fabriken zurückgebliebenen Proletarier, die volle 24 Stunden arbeiteten, fertigten für die Rotgardisten Kanonen und andere Waffen an. Eine gewaltige Hilfe leisteten die Eisenbahner. Sie rissen die Gleise auf und leiteten die Züge mit Kornilowtruppen auf tote Gleise. Den Bolschewiki gelang es, unter den Truppen Kornilows Aufklärungsarbeit zu leisten, viele seiner Soldaten gingen auf die Seite der Arbeiter über. Der Kornilowputsch scheiterte.

Die Zerschlagung des Kornilowputsches ist ein großes Verdienst der bolschewistischen Partei vor dem Vaterland und dem Volk. Ohne die Bolschewiki wäre Russland wieder in die Klauen der zaristischen Henker, in die Fesseln einer grausamen Tyrannei geraten.

Die Zerschmetterung der Kornilowschen Verschwörung wandte die Gefahr, die über Petrograd schwebte, ab. Die Hauptstadt Russlands wurde den Deutschen nicht übergeben.

In Petrograd, dem revolutionären Zentrum des Landes, bereiteten die Bolschewiki unter der Führung Lenins und Stalins den bewaffneten Aufstand vor. Während seines Aufenthaltes außerhalb Petrograds (von Juli bis Anfang Oktober 1917) schrieb er viele Artikel, Broschüren und Briefe, in denen er den Bolschewiki und dem ganzen Volk den Sinn und das Wesen der sich abspielenden Ereignisse erläuterte, ihnen Richtlinien gab und ihnen die Wege des weiteren Kampfes für die sozialistische Revolution wies.

Entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 von 1947, Original-Autor B.M. Wolin, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947

Die Rückkehr W.I. Lenins nach Russland

Bald nach der Februarrevolution kehrte J.W. Stalin aus der sibirischen Verbannung nach Petrograd zurück. Lenin befand sich noch im Ausland in der Schweiz. Die Bolschewiki erwarteten mit Ungeduld seine Rückkehr nach Russland. Die englischen Imperialisten machten zusammen mit der Provisorischen Regierung alle Anstrengungen, um di Rückkehr Lenins in das revolutionäre Russland zu verhindern. Nach langen Strapazen gelang es Wladimir Iljitsch, in das Heimatland zurückzukehren. In der Nacht des 03.(16.) April traf er in Petrograd ein.

Das Volk begrüßte seinen geliebten Lenin mit Begeisterung. Auf dem Platz vor dem Finnländischen Bahnhof hatten sich viele Tausende von Arbeitern, Arbeiterinnen, Soldaten, Matrosen und Rotgardisten versammelt. Ein donnerndes Hurra ertönte. Lenin wurde auf Händen in das Bahnhofsgebäude getragen.

Die Rückkehr W.I. Lenins nach Russland am 03. April 1917
Bild entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2, von 1947

Auf dem Platz vor dem Bahnhof hielt Lenin von einem Panzerauto aus eine flammende Rede, in der er das revolutionäre Russland zum Kampf für die Sozialistische Revolution aufrief. „Es lebe die sozialistische Revolution!“  verkündete Wladimir Iljitsch. Das war Lenins erste Rede vor dem Volk in Petrograd nach langen Jahren des Exils.

Ein Teilnehmer an der Begrüßung Lenins, W.M. Molotow, erzählt: „Von der Zeit an, da Lenin in seiner ersten Rede, die er im revolutionären Russland hielt, die Losung der Sozialistischen Revolution verkündet hatte, war diese Losung gleichsam für unsere Partei zur Erde herabgestiegen.“

Die von dem Panzerauto aus wiederholten kurzen Reden von Wladimir Iljitsch mit den Aufrufen zur Sozialistischen Revolution warfen ein blendend helles Licht auf die Grundaufgaben der bolschewistischen Partei. „Insbesondere“, schrieb W.M. Molotow, „haben wir, die Augenzeugen dieser ungewöhnlichen, gleichsam prophetischen Begegnung mit Iljitsch zu Beginn der Revolution, diesen Moment im Gedächtnis bewahrt. Wir waren sofort gleichsam beflügelt, fühlten einen ungewöhnlichen Ausbruch von revolutionärer Energie und revolutionärem Glauben. Die Kampfaufrufe Lenins wurden von den grenzenlos revolutionären Petrograder Arbeitern mit einer ebenso großen stürmischen Freude begrüßt!“

Das Panzerauto mit Iljitsch bewegte sich über die von Scheinwerfern beleuchteten Straßen Petrograds, umgeben von einer begeisterten, viele Tausende zählenden Volksmenge. An jeder Kreuzung hielt das Panzerauto, und Lenin wandte sich mit Begrüßungsworten und Aufrufen zum revolutionären Kampf für Frieden, Brot, Freiheit, Sozialismus an die revolutionären Massen.

Am Tage seiner Ankunft hielt Lenin in einer Versammlung der Bolschewiki ein Referat über Krieg und Revolution. Die Grundgedanken seines Referates hat er in einem Dokument niedergelegt, dass in der Geschichte der bolschewistischen Partei unter der Bezeichnung „Die Aprilthesen“ bekannt ist.

„Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland“, hieß es in den Thesen, „besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge ungenügenden Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände es Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss.“

Die „Aprilthesen“ Lenins waren der geniale Kampfplan für den Übergang von der ersten Etappe der Revolution zu ihrer zweiten Etappe, von der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution.

Worin bestand dieser Plan? Er bestand darin, durch unermüdliche Aufklärungsarbeit die Mehrzahl der Arbeiter und Soldaten auf die Seite der Bolschewiki zu ziehen, die Mehrheit in den Sowjets zu gewinnen, die Politik der Sowjets zu ändern, durch die Sowjets aber die Zusammensetzung und die Politik der Regierung zu ändern. Somit hatte Lenin sich im April 1917 auf eine friedliche Entwicklung der Revolution eingestellt. Er hatte das Ziel aufgestellt, die Alleinherrschaft der Sowjets zu erreichen und eine neue Form der staatlichen Macht- die Republik der Sowjets- zu schaffen. Die Aufgabe bestand darin, die Bedingungen für den Sieg des Sozialismus im Lande zu schaffen.

In Durchführung der Anweisungen Lenins entfalteten die Bolschewiki eine gewaltige Arbeit zur Eroberung der Massen, zu ihrer politischen Erziehung und ihrer Organisation.

Inzwischen entlarvte sich die Provisorische Regierung durch ihre Taten immer mehr vor den breiten Massen als eine volksfeindlich bürgerliche Regierung. Am 18. April versprach die Provisorische Regierung in einer Spezialnote den Verbündeten, die Verträge, die von dem Zaren unterschrieben worden waren, streng einzuhalten. Dies bedeutete, dass der gegen die Interessen des Volkes gerichtete, ungerechte Krieg, der seit dem August 1914 wütete, gegen den Willen des Volkes auch künftig fortgesetzt werden sollte. Zehntausende von Arbeitern und Soldaten gingen auf die Straßen Petrograds und protestierten energisch gegen die imperialistische Politik der Provisorischen Regierung.

Unter dem Druck der Massen wurden aus der Provisorischen Regierung am 02. Mai die eifrigsten Verfechter dieser imperialistischen Politik, der Minister des Äußeren Miljukow und der Kriegsminister Gutschkow, ausgeschieden. In die Regierung traten die Vertreter der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre ein; es wurde eine Koalitionsregierung gebildet. Aber die Politik auch dieser Regierung war selbstverständlich die gleiche wie früher: der Krieg wurde fortgesetzt, die Fabriken und Werke bleiben in den Händen der Gutsbesitzer.

Mit jedem Tag überzeugten sich die breiten Volksmassen immer mehr davon, dass die Bolschewiki recht hatten. Der bolschewistische Einfluss stieg stetig. Ein alter Arbeiter des Pulitow-Werkes, der sich an eine der Reden Lenins in jenen Tagen erinnerte, schrieb: „Das, was Iljitsch sagte, packte und feuerte an. Die Furcht verging, die Müdigkeit schwand, und es schien, als ob nicht Iljitsch allein, sondern als ob sämtliche 40 000 Arbeiter ihre innersten Gedanken zum Ausdruck brächten. Es schien, als ob alles das, was im Arbeiter lag, durch Iljitschs Stimme ausgesprochen würde.“  Darin lag aber auch die Kraft der Bolschewiki, dass sie die Interessen der Werktätigen richtig verstanden und, von Lenin und Stalin geführt, beharrlich, opferwillig für die Volkssache, für die Übergabe der Macht in die Hände der Sowjets kämpften.

Am 03. Juni versammelte sich der I. Allrussische Sowjetkongress. Die Bolschewiki waren in ihm noch in der Minderheit. Aber beträchtliche Volksmassen, besonders in der Hauptstadt, gingen bereits zur bolschewistischen Partei über. Am 18. Juni fand in Petrograd eine Demonstration statt, die unter den bolschewistischen Losungen: „Nieder mit dem Krieg!“, „Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern!“, „Alle Macht den Sowjets!“ durchgeführt wurde. Jedoch rechnete die Provisorische Regierung, die die Unterstützung der Paktierermehrheit des I. Sowjetkongresses erhalten hatte, nicht mit der Stimmung der Massen. Gerade am Tag der Demonstration trieb die Regierung, die den Willen der englisch-französischen Imperialisten erfüllte, die Soldaten an der Front zum Angriff. Dieser Angriff war von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil die Soldaten erschöpft waren, die Ziele des Angriffs nicht kannten, ihn ablehnten und auch kein Zutrauen zu den Offizieren hatten. Dazu litt die Armee noch an einem ernsthaften Mangel an Bewaffnung. Der schlecht vorbereitete Angriff scheiterte. Die Empörung der Arbeiter kannte keine Grenzen.

Am 03. Juli fanden in Petrograd neue Demonstrationen statt. Die Arbeiter und Soldaten gingen mit der Waffe in der Hand auf die Straßen der Hauptstadt und verlangten die Übergabe der gesamten Macht an die Sowjets. Die bolschewistische Partei, die die allgemeine Lage richtig einschätzte, hielt das bewaffnete Vorgehen gegen die Regierung für verfrüht. Als aber klar wurde, dass die Massen von der Demonstration nicht zurückzuhalten waren, entschlossen sich die Bolschewiki, gemeinsam mit dem revolutionären Volke an der Demonstration teilzunehmen, um ihr einen friedlichen und organisierten Charakter zu verleihen und die revolutionären Kräfte vor einer Zerschlagung zu bewahren.

Jedoch ließ die Provisorische Regierung die Gelegenheit, sich mit dem Volke auseinanderzusetzen, nicht vorrübergehen. Sie warf den Demonstranten konterrevolutionär gesinnte Truppenteile von Offizieren und Offiziersschülern entgegen. Die Demonstration wurde zersprengt. Die Straßen Petrograds röteten sich von dem Blut der Arbeiter und Soldaten. Diese blutige Abrechnung erfolgte mit stillschweigendem Einverständnis der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre im Bunde mit der Bourgeoisie und den weißgradistischen Generälen auf die bolschewistische Partei.

Die bürgerlichen und monarchistischen Militärs zerstörten die bolschewistischen Organisationen und verhafteten die bolschewistischen Funktionäre. Zu gleicher Zeit wurden auch die Redaktionsräume der bolschewistischen Zeitung „Prawda“ demoliert. Man begann di revolutionären Soldaten und Abteilungen der Roten Garde zu entwaffnen.

Die Provisorische Regierung gab den Befehl, Lenin zu verhaften.

Verhaftungen und Pogrome fanden nicht nur in Petrograd statt; in Moskau und in anderen Städten, an der Front und im Hinterland wütete die Konterrevolution. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre machten mit der Konterrevolution gemeinsame Sache.

Mit Hilfe der Paktiererparteien begann die Provisorische Regierung, alle demokratischen Rechte, die vom Volke in den ersten Monaten der Revolution errungen worden waren, zu liquidieren. Es erfolgte eine grausame Abrechnung mit den Arbeitern. An der Front wüteten die Militärfeldgerichte und verhängten Todesstrafen. Auf dem Land waren, wie unter dem Zarismus, Strafabteilungen am Werk, die gegen die Bauern geschickt wurden, welche die Gutsbesitzer aus ihren Adelsnestern ausräucherten.

Die Sowjets aber, an deren Spitze immer noch die Sozialrevolutionäre und Menschewiki standen, verwandelten sich in ein Anhängsel der Provisorischen Regierung, die alle Macht an sich gerissen hatte.

Die Doppelherrschaft war zu Ende. Und sie endete zugunsten der Bourgeoisie. Der Feind hatte die Maske abgeworfen. Der Kampf nahm einen verbissenen und entscheidenden Charakter an. Die friedliche Periode der Revolution war zu Ende. Die Partei der Bolschewiki war genötigt, zur Illegalität überzugehen.

Entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947, bearbeitet von Petra Reichel, Original-Autor B.M. Wolin

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 (1947)

Die zweite bürgerlich-demokratische Revolution in Russland

  1. Der I. Weltkrieg und die Rolle des zaristischen Russlands in ihm

Im Juli 1914 begann der I. Weltkrieg. An ihm nahmen zwei Gruppen imperialistischer Staaten teil: die eine, mit Deutschland an der Spitze, bildete den Viererbund (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die Türkei); die andere, mit England und Frankreich an der Spitze, bildete den Dreibund oder die Entente (England, Frankreich und Russland). Der Entente traten später Japan und Italien bei, und im Jahre 1917 auch die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Ganzen nahmen am Weltkrieg 33 Länder teil. Zum Heeresdienst waren insgesamt 74 Millionen Menschen einberufen.

Dieser Krieg war schon seit langem vorbereitet worden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es auf dem ganzen Erdball kaum noch ein Land, dessen sich die kapitalistischen Staaten nicht bemächtigt hätten. Die europäischen und amerikanischen Imperialisten hatten gewaltige Kolonien in Besitz genommen. Die Kolonien Englands waren nach ihren Ausmaßen 110mal so große, wie das Gebiet von England selbst. Die Kolonien Frankreichs übertrafen das Mutterland nach ihren Ausmaßen um das 20fache. Selbst kleine Staaten wie Belgien und Holland hatten in Asien und in Afrika gewaltige Landflächen mit vielen Millionen von Einwohnern an sich gebracht. Die Inder, Afrikaner, Malaien, Mongolen und viele andere wurden um die Profite der Imperialisten willen zu Sklavenarbeit gezwungen. Die deutschen Imperialisten, in deren Kolonien die Bevölkerung ungefähr zwölf Millionen zählte, schauten mit Neid zu, wie England Hunderte von Millionen Kolonialsklaven ausbeutete. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Deutschland ein mächtiger Staat. Seine Fabriken und Werke produzierten mehr Waren als die englischen. Deutschland hatte viele Kriegsschiffe gebaut. Es wollte England zurückdrängen und eine beherrschende Stellung in der Welt einnehmen. Im Verlauf von einigen Dutzend Jahren hatte sich Deutschland als das am meisten aggressive Land (d.h. als ein Land, das nach gewaltsamen Eroberungen strebte) in verstärktem Maße auf den Krieg vorbereitet.

Von Jahr zu Jahr vergrößerte es seine Armee, versah sie mit neuer Ausrüstung, entwickelte seine Kriegsindustrie und gab gewaltige Summen für Kriegsvorbereitungen aus. Obgleich die Imperialisten sämtlicher Länder am I. Weltkrieg schuld waren, erwies sich das imperialistische Deutschland auf diese Weise als sein Anstifter. Der Chef des deutschen Generalstabes, General Schlieffen, arbeitete Pläne aus, um die Gegner einzeln zu zerschlagen. Schlieffen gedachte den Hauptschlag zu allererst gegen Frankreich zuführen, um nach dessen Zerschlagung in einem Blitzkrieg ebenso rasch bedeutende Kräfte gegen Frankreichs Bundesgenossen Russland zu werfen und nachdem er in einigen Wochen die russische Armee zerschlagen, die Hände für den Krieg mit England freizubekommen.

Die diplomatischen, wie auch die militärischen Pläne Deutschlands erlitten jedoch Schiffbruch. Deutschland gelang es, weder den für es gefährlichen Zweifrontenkrieg zu vermeiden, noch seine Gegner in einem Blitzkrieg zu zerschmettern. Die Ost- (russische) Front erwies sich im I. Weltkrieg, infolge der unübertroffenen Tapferkeit und Standhaftigkeit der russischen Soldaten, von solcher Kraft, wie sie die Deutschen bei der Schmiedung ihrer Kriegspläne nicht vorausgesehen hatten.

Als äußerer Anlass zum I. Weltkrieg diente die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in der Stadt Sarajewo durch den serbischen Studenten Gabriel Princip. Dieser Student handelte im Auftrag der serbischen Organisationen, die gegen die Abhängigkeit von Österreich kämpften. Das von Deutschland beeinflusste Österreich-Ungarn stellte Serbien ein Ultimatum und erklärte, ohne eine Antwort abzuwarten seitens der serbischen Regierung entgegenzunehmen, Serbien den Krieg. Russland erklärte seine Bereitwilligkeit, seinen Bundesgenossen Serbien zu unterstützen, und begann die Mobilmachung. Darauf erklärte Deutschland Russland und dessen anderem Bundesgenossen, Frankreich, den Krieg. Am 19. Juli (1. August neuen Stils) des Jahres 1914 verletzten die deutschen Truppen die Neutralität Belgiens und überschritten die belgische Grenze. Die englische Regierung forderte Deutschland auf, das belgische Gebiet zu räumen. Am 4. August 1914 erklärte England den Krieg an Deutschland. So begann der I. Weltkrieg.

Die deutschen Truppen rückten rasch nach Paris vor, mit der Absicht, Frankreich früher zu zerschlagen, als dessen Bundesgenossen ihre Kräfte mobilisieren konnten. Um Frankreichs Lage zu erleichtern, unternahm die russische Armee einen Angriff gegen Ostpreußen. Zu einem Krieg mit so einem starken Gegner wie Deutschland war sie nicht vorbereitet und erlitt in den ersten Kämpfen eine Niederlage. Ihr Angriff zog jedoch deutsche Truppen vom Westen nach dem Osten ab. Paris war gerettet, und Frankreich konnte den Krieg fortsetzten.

Dank dem hartnäckigen Widerstand und der Standhaftigkeit der russischen Truppen gelang es Deutschland nicht, den Feldzug mit einem kurzen Schlage zu beenden.  Der Krieg zog sich in die Länge; um aber einen Langwierigen Krieg zu gewinnen, hatte Deutschland viel weniger Aussichten als seine Gegner, die über gewaltige Menschen- und Materialreserven verfügten. Das deutsche Oberkommando entschloss sich im Jahre 1915, seine Hauptanstrengungen auf die Ostfront zu richten, um die russischen Armeen zu zerschlagen und Russland zum Frieden zu zwingen. Deutschland wollte sich auf diese Weise der zweiten Front entledigen und dann den Kampf im Westen fortsetzen. Aber auch die Lösung dieser Aufgabe gelang den Deutschen nicht.

Obgleich die russischen Armeen unter dem Druck der überlegenen Kräfte des Gegners den Rückzug antraten und das Gebiet Polens, Litauens, eines bedeutenden Teiles des Baltikums und Wolhyniens aufgaben, war die russische Armee trotzdem nicht vernichtet und die Ostfront nicht liquidiert. Ende September 1915 kam es an der Ostfront zum Stellungskrieg: die Gegner verschanzten sich in den Schützengräben, schossen aufeinander, ohne große Angriffshandlungen zu eröffnen. Beide Seiten bereiteten sich zu den neuen entscheidenden Schlägen vor.

In dem Bestreben, die militärische Initiative in seine Hand zu bekommen, begann in Deutschland im Jahre 1916 eine neue Offensive, wobei es den Hauptschlag gegen Frankreich richtete. Diesen Schlag gedachte es gegen Verdun und Paris zu führen, um den nördlichen Flügel der englisch-französischen Armeen in eine kritische Lage zu bringen. Das österreichisch-deutsche Oberkommando bereitete zu dieser Zeit einen starken Schlag auch gegen Italien vor. Die Bundesgenossen verlangten von Russland neue aktive Handlungen. Nach Verhandlungen wurde beschlossen, einen Angriff gleichzeitig im Osten und im Westen zu beginnen. Im zaristischen Hauptquartier in Mogilew war ein Kriegsrat einberufen worden, um über die Möglichkeit eines Angriffs der russischen Truppen zu erörtern. Der Oberbefehlshaber der Nordfront, General Kuropatkin, und der Oberbefehlshaber der Westfront, General Ewert, erklärten, dass die russischen Truppen für Angriffshandlungen nicht bereit seien. Sie traten für Verteidigung ein. Nur der General Brussilow, der zum Oberbefehlshaber der Südwestfront ernannt worden war, forderte beharrlich Angriffshandlungen. „Wir haben sämtliche Chancen auf einen Erfolg, von dem ich persönlich überzeugt bin“, entgegnete er lebhaft den schwankenden Generalen und dem Zaren Nikolaj II., der die Befugnisse des Obersten Befehlshabers übernommen hatte. „Unser Fehler“, sagte Brussilow, „besteht darin, dass wir uns nicht auf allen Fronten zu gleicher Zeit auf den Feind stürzen.“

Brussilow, ein gebildeter entschlossener und energischer General, überragte an Feldherrentalent die übrigen zaristischen Generale. Er war einer der besten russischen Generale, die die Tradition der Suworowschen Schule bewahrt hatten. Brussilow konnte den russischen Soldaten gut und liebte ihn. Er verlangte Kühnheit, Schlagfertigkeit und bewusste Disziplin. „Man muss sich an das Reglement nicht wie der Blinde an eine Mauer halten“, schrieb Brussilow. Er war der Meinung, dass man nur durch einen Angriff den Sieg erlangen könne, dass der Krieg durch Defensive keinesfalls zu gewinnen sei. Deshalb trat er für gut vorbereitete, aktive Operationen ein. Auf der Kampferfahrung an der russischen und an der Westfront fußend, kam Brussilow zu nachstehender Forderung: Um vor dem Gegner Zeit und Ort des Hauptschlages zu verbergen und sich zum Durchbruch gut vorzubereiten, muss die Vorbereitung zum Angriff auf der gesamten Front beginnen, und die Schläge müssen gleichzeitig auf mehreren Abschnitten erfolgen.

Den Hauptschlag gedachte Brussilow im Abschnitt Luzk zu führen.                                                               Der von Brussilow geplante Durchbruch bei Luzk begann in der Frühe des 22. Mai (4. Juni) 1916. Die russische Artillerie eröffnete ein Trommelfeuer auf die Stellungen des Feindes. Die schweren Geschütze schossen alle zwei Minuten, die leichten jede Minute. Genau um zwölf Uhr begann die russische Infanterie den Angriff. Die Artillerie verlegte das Feuer auf die zweite Schützengrabenstellung. Nach achtstündigem Feuer waren die befestigten Stellungen des Gegners zerschlagen. Die betäubten und in Verwirrung geratenen Österreicher, Deutschen und Ungarn gaben sich in Massen gefangen. Der erfolgreiche Brussilow-Durchbruch verschaffte die Möglichkeit, den Angriff in breiter Front in einer Ausdehnung von 300 km zu entfalten. Die Truppen des Generals Brussilow rückten, den Widerstand des Gegners brechend, über die Felder Galiziens und der Bukowina vor. Der Brussilow-Durchbruch veränderte einschneidend den gesamten Verlauf des Krieges.

Die österreichisch-ungarische Armee konnte sich von dem vernichtenden Schlage nicht wieder erholen. Die slawischen Soldaten, die sich in der österreichischen Armee befanden, wünschten sich mehr gegen ihre russischen Brüder zu kämpfen und gaben sich zu Tausenden gefangen.  Die Angriffe der Deutschen auf Verdun wurden schwächer. Das deutsche Oberkommando warf zwecks Liquidierung des Brussilowschen Durchbruches eilig 45 Divisionen, die von der französischen und italienischen Front abgezogen wurden, nach dem Osten.

Jedoch weder die russische noch die verbündete Heeresleitung verstand die Erfolge des Brussilowschen Angriffs auszunutzen. Das Zögern des russischen Hauptquartiers, dessen Pläne der dem Gegner durch deutsche Spione bekannt wurden, verschaffte den Deutschen und Österreichern die Möglichkeit, ihre Kräfte umzugruppieren. Nach schweren Kämpfen in dem sumpfigen Gelände am Fluss Stochod, die gewaltige Menschenopfer kosteten, wurde der Angriff Brussilows, der von den anderen Armeen nicht unterstützt wurde, zum Stehen gebracht.

Ungeachtet der Teilerfolge war die Niederlage der zaristischen Armee im I. Weltkrieg schon sichtbar. General Brussilow schrieb in seinen Erinnerungen über den Krieg 1914 bis 1918 mit Bitterkeit: „Die Überlegenheit des Gegners über uns bestand darin, dass seine Artillerie im Verhältnis zu unserer zahlreicher war, besonders die schwere, außerdem hatte er unvergleichlich mehr Maschinengewehre als wir.“ Brussilow erinnert sich ferner daran, dass in der russischen Armee sogar nicht genügend…Gewehre vorhanden waren. „Ersatzmannschaften gab es genug“, schreibt er, „aber für ihre Ausrüstung war nichts vorhanden.“  Nur der außerordentlichen Standhaftigkeit und Tapferkeit der russischen Soldaten gelang es, trotzdem mit Erfolg im Verlaufe einiger Jahre gegen die Deutschen zu kämpfen.

Die grundlegende Ursache der Niederlage des Zarismus war die technisch-wirtschaftliche Rückständigkeit Russlands, das in seiner Struktur Überbleibsel der Leibeigenschaft bewahrt hatte. Die Kriegsindustrie war schwach entwickelt und nicht imstande, die Armee mit Munition zu versorgen. Infolge des desorganisierten Transportwesens konnten dringende Lieferungen nicht fristgemäß erfolgen. Der Verfall des Transportwesens verschärfte die Nahrungsmittelkrise. Die Armee erhielt nur die Hälfte ihrer Verpflegungsnorm. Die Spekulation mit Brotgetreide nahm im Lande zu. An den Bäckerläden drängte sich die hungrige Bevölkerung in langen Reihen.

Der Krieg und der wirtschaftliche Verfall riefen eine heftige Unzufriedenheit unter den werktätigen Massen hervor, auf deren Schultern die ganze Last des Krieges ruhte. Die Arbeiter hatten es ganz besonders schwer. Hungrig arbeiteten sie für einen geringfügigen Arbeitslohn 15 bis 16 Stunden am Tag. Bis zu 40 % der Arbeiter waren eingezogen und an die Front geschickt. In den Betrieben arbeiteten in der Mehrzahl Frauen und Halbwüchsige, die in der ersten Zeit sich fürchteten, den Ausbeutern Widerstand zu leisten.

Jedoch bereits vom Frühjahr 1915 an begann die Streikbewegung große Ausmaße anzunehmen. Im Oktober 1916 erreichten die Streiks ihren höchsten Stand. Sie waren von Demonstrationen begleitet, die unter den revolutionären Losungen: „Nieder mit dem Krieg!“, „Nieder mit der Selbstherrschaft!“durchgeführt wurden.

Die revolutionären Massenstreiks waren ein Zeugnis dafür, dass „in Russland sich die größte Volksrevolution erhob, an deren Spitze das revolutionärste Proletariat der Welt stand, das zu seiner Verfügung einen so ernst zu nehmenden Bundesgenossen, wie die revolutionäre Bauernschaft Russlands, hatte“. (Stalin)

Die Bolschewiki leisteten unter den Werktätigen eine große Arbeit. In den Betrieben wurden Parteizellen organisiert. Bei den Truppenteilen wurden geheime bolschewistische Organisationen geschaffen. Die Bolschewiki machten dem Volke klar, dass die Fortsetzung des Krieges durch die zaristische Regierung das Land unvermeidlich zur Niederlage führen und es in eine Kolonie des westlichen Imperialismus verwandeln werde.

Lenin und die Bolschewiki lehrten, dass es zwei Arten von Kriegen gibt: gerechte und ungerechte. Ein gerechter Krieg hat das Ziel, das Volk gegen einen äußeren Überfall, gegen Unterjochungsversuche zu verteidigen. Ein ungerechter, ein Eroberungskrieg, hat das Ziel, fremde Länder zu erobern, fremde Völker zu versklaven. Lenin hielt den Weltkrieg des Jahres 1914 für einen ungerechten Krieg, für einen Eroberungskrieg, sowohl von Seiten der deutschen Imperialisten als auch von Seiten des Zarismus. Deshalb rief er dazu auf, gegen ihn einen entschlossenen Kampf zu führen. Lenin stellte die Losung der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg auf und rief die Arbeiter aller Länder zum revolutionären Kampf für den Sturz ihrer Regierungen auf. Der Kampf der Bolschewiki zur Verwirklichung dieser Losungen war ein Kampf für die Rettung Russlands, für die Bewahrung der Unabhängigkeit gegenüber den ausländischen Imperialisten.

2. Der Sturz des Zarismus in Russland

Die zaristische Regierung war sich darüber im Klaren, dass im Lande eine neue Volksrevolution heranreifte. Die Niederlage an den Fronten und die revolutionäre Lage im Lande verursachten innerhalb der Regierungskreise eine Panik.

Zu dieser Zeit gelangte der Gauner Grigorij Rasputin zu außerordentlichem Einfluss am Hofe. Der Herkunft nach war er ein sibirischer Bauer, der in seiner Jugend Pferdedieb gewesen war. Indem er sich für einen „Wahrsager“ ausgab, erwarb er sich unter den unwissenden religiösen Leuten große Beliebtheit. Die Gerüchte über die „Wunder“ und die Prophezeiungen Rasputins gelangen bis zum Zarenhofe. Zar Nikolaj II. und die Zarin Alexandra waren abergläubische Menschen. Die Zarin hoffte, dass Rasputin ihren unheilbar kranken Sohn, den Thronfolger Alexej, heilen könne. Der geschickte und freche Rasputin, der zum Hofe gerufen wurde, gewann bald auf die Zarin, und durch sie auch auf den Zaren, einen gewaltigen Einfluss. Von ihm geschriebene, von grammatischen Fehlern strotzende Zettel genügten den Zaren, um daraufhin Minister zu berufen und zu entlassen. Unter Rasputins Mitwirkung erhielten dunkle Geschäftemacher, Spekulanten, ausländische Spione verantwortliche Staatsstellungen und einträgliche Aufträge für Heereslieferungen.                                                                                                Die rasputinische Misswirtschaft war ein Zeichen für die moralische Fäulnis, für den geistigen Schwachsinn und die Zersetzung des zaristischen Regimes. Sogar Spitzen der Aristokratie, die den völligen Zusammenbruch des Zarismus kommen spürten, forderten die Entfernung Rasputins, den sie für die Hauptursache allen Unglücks im Lande hielten. Im Dezember 1916 wurde Rasputin von Verschwörern getötet und sein Leichnam in ein Eisloch der Newa geworfene. Rasputins Beseitigung veränderte jedoch die Lage im Lande nicht.

Die zaristische Regierung, die die Revolution fürchtete, entschloss sich, die Reichsduma aufzulösen, die Arbeiterorganisationen zu zerschlagen und mit Deutschland einen Separatfrieden zu schließen. In der Hauptstadt wurden Truppen und Artillerie zusammengezogen. Die Polizei wurde in Kriegszustand versetzt und mit Maschinengewehren ausgerüstet.

Die Verschwörung des Zarismus gegen die Revolution fiel mit der Verschwörung zusammen, die in den Kreisen der Bourgeoisie und der Generalität herangereift war. Die bürgerlichen Verschwörer waren zu dem Schluss gekommen, dass das beste Mittel zur Vorbeugung der Revolution eine Palastrevolution sei. Die beabsichtigten, den Sonderzug des Zaren auf der Strecke vom Hauptquartier zur Hauptstadt anzuhalten und den Zaren zu zwingen, zugunsten seines Sohnes Alexej auf den Thron zu verzichten. An der Vorbereitung der Palastrevolution nahmen auch Vertreter Englands und Frankreichs teil, die einen Separatfrieden Russlands mit Deutschland befürchteten.

Jedoch wurde weder die Verschwörung des Zarismus noch die Verschwörung der Bourgeoisie zu Ende geführt. Die Arbeiterklasse und die Bauern im Waffenrock vernichteten durch ihre revolutionären Aktionen die Pläne des Zaren und der Bourgeoisie.

Am Jahrestag des „Blutigen Sonntags“, am 09. Januar 1917, fand in Petrograd eine große Demonstration gegen den Krieg statt. In einer Reihe von Städten waren Streiks ausgebrochen. Die revolutionäre Bewegung wuchs besonders schnell in Petrograd an. Am Morgen des 23. Februars gingen die streikenden Arbeiter der Putilow-Werke auf die Straße. Die Arbeiter anderer Fabriken schlossen sich an. Am 23. Februar (8. März), am internationalen Frauentag, gingen Arbeiterinnen mit roten Fahnen auf die Straße und vereinigten sich mit den demonstrierenden Arbeitern. Überall fanden Meetings statt, auf denen Arbeiter den Sturz der Selbstherrschaft und die Beendigung des Krieges forderten.  Der Zar gab dem Befehlshaber der Truppen des Petrograder Militärkreises den Befehl, mit den Unruhen in der Hauptstadt unverzüglich Schluss zu machen. Die Polizei fing an, die Demonstranten aus Maschinengewehren, die auf den Dächern der Häuser aufgestellt waren, zu beschießen.

Jedoch hatte der Zarismus nicht mehr die Kraft, die Revolution aufzuhalten. Am 25. Februar 1917 rief das Petrograder Komitee der Bolschewiki in seinem Flugblatt direkt zum Aufstand auf. „Vor uns der Kampf, aber uns erwartet der sichere Sieg. Alle unter die roten Fahnen der Revolution! Nieder mit der der zaristischen Monarchie“

Am 26. Februar erließ das Büro des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei mit W.M. Molotow an der Spitze ein Manifest mit dem Aufruf, den bewaffneten Kampf gegen den Zarismus fortzusetzen und eine revolutionäre Regierung zu schaffen. Der Stadtbezirk Wyborgskaja Storona ging in die Hände der aufständischen Arbeiter über. Unter Führung des Komitees der Bolschewiki des Wyborger Stadtbezirkes bemächtigten sich die Arbeiter der Waffenmagazine und bewaffneten sich, um die Polizei abzuwehren. Zur gleichen Zeit drangen die Bolschewiki in die Kasernen ein und riefen die Soldaten auf, sich mit den Arbeitern zu vereinigen. Am 27. Februar begannen die Truppen in Petersburg auf die Seite der Aufständischen überzugehen. Zur „Unterdrückung“ der aufständischen Hauptstadt zog der Zar Truppen von der Front ab. Der Truppentransport gelangte aber Kaum bis nach Zarskoje Sjelo. Hier lehnten die Soldaten, die sich mit den revolutionären Arbeitern verbrüdert hatten, es ab, gegen die Hauptstadt zu marschieren. Der Sonderzug des Zaren wurde auf dem Weg vom Hauptquartier auf einer Station von den revolutionären Eisenbahnern angehalten.

Die bewaffneten Arbeiter und Soldaten befreiten die politischen Gefangenen aus den Gefängnissen. Auf den Aufruf der bolschewistischen Partei hin begannen die Arbeiter und Soldaten, ihre Vertreter in die Sowjets zu wählen. Am Abend des 27. Februar fand die erste Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten statt. Die Bourgeoisie versuchte noch einmal mit dem zaristischen Hauptquartier in Verhandlungen zu treten und bewarb sich um die Zustimmung Nikolajs II. zur Bildung eines der Duma verantwortlichen Ministeriums. Die Bourgeoisie hegte die Hoffnung, dass eine Veränderung der Zusammensetzung der Regierung die Möglichkeit gewähren würde, den Zarismus zu erhalten und den Krieg bis zum Ende zu führen, Sie wollte eine kleine Revolution für einen großen Krieg, schrieb J.W. Stalin. Doch die Bourgeoisie konnte die Entwicklung der Revolution nicht aufhalten.

https://dietrommlerarchiv.wordpress.com/2017/09/28/kalender-in-russland/Nach dem Umsturz in Petrograd siegte die Revolution im ganzen Lande. Der nach einem Ausspruch Lenins von Blut und Unrat bedeckte Wagen der Monarchie der Romanows war am 27. Februar (am 12. März neuen Stils) des Jahres 1917 sogleich und für immer umgekippt.

Die Partei der Bolschewiki, die das Volk zum Sieg über den Zarismus geführt hatte, stellte sich an die Spitze des weiteren revolutionären Kampfes des Proletariats und der armen Bauernschaft zum Sturz der Bourgeoisie und zur Übergabe der gesamten Macht an die Sowjets.

Anna Michailowna Pankratowa

Entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 1 von 1947, Autorin Anna Michailowna Pankratowa. Bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band I von 1947

Russland in den Jahren der Reaktion und des neuen revolutionären Aufschwunges

Die Partei der Bolschewiki in der Periode der stolypinschen Reaktion

Die Revolution war unterdrückt worden, der Sieg des Zarismus aber nicht dauerhaft. Die zaristische Regierung rechnete grausam mit den revolutionären Arbeitern und Bauern ab. Die Gefängnisse waren überfüllt. Der zaristische Minister Stolypin bedeckte das Land mit Galgen. Jedoch stärkten die zaristischen Verfolgungen der Arbeiter und Bauern die Selbstherrschaft nicht. Um ihre Lage zu festigen, nahm die Regierung ihre Zuflucht zu einem großangelegten Manöver. Sie heckte den Plan aus, die Kulakenoberschicht des Dorfes zu einer festen Stütze der Selbstherrschaft zu machen durch Verwandlung der Kulaken in „kleine Gutsbesitzer“.

Früher hatten die Bauern das Land gemeinsam durch die gesamte Dorfgemeinschaft besessen. Das Land wurde von Zeit zu Zeit unter die Mitglieder der Dorfgemeinschaft nach Maßgabe der Zahl der männlichen Seelen aufgeteilt.

Am 09. November 1906 erließ Stolypin ein Gesetz, demzufolge jeder beliebige Bauer aus der Dorfgemeinschaft ausscheiden konnte. Die Dorfgemeinschaft war verpflichtet, dem Ausscheidenden seinen Landanteil als persönlichen Besitz auszusondern. Auf diesem Landteil konnten jedoch nur die wohlhabenden Bauern sich festsetzen. Im Verlaufe von 9 Jahren (von 1906 bist 1915) schieden insgesamt mehr als zwei Millionen Hofbesitzer aus der Dorfgemeinschaft aus. Die Armen, die aus der Dorfgemeinschaft ausschieden, konnten ihre Parzellen nicht bebauen und gingen zugrunde. Die reichen Bauern – die Kulaken – erhielten die Möglichkeit, zum niedrigem Preise das Land der ruinierten Dorfarmen aufzukaufen. Die Klassenschichtung des Dorfes verschärfte sich. Auf der einen Seite stieg die Zahl der landlosen Bauern an, auf der anderen Seite stieg die Anzahl der Kulakenwirtschaften. Stolypins Reform beließ in den in den Händen der Gutsbesitzer, der Zarenfamilie und der Klöster mehr als 150 Millionen Hektar besten Landes. Die stolypinische brachte der Bauernschaft Ruin, Armut und Hungersnot.

Im Dorfe verstärkte sich die Bewegung der Bauern gegen die Gutsbesitzer und die Kulaken. Die Bauern leisteten den Landmessern und anderen zaristischen Beamten, die die Reform durchführten, Widerstand. Bei der Aussonderung von Land aus der Dorfgemeinschaft an die Kulaken mussten die zaristischen Beamten nicht selten Gewalt anwenden.

Nur eine Revolution konnte die Lage im Lande ändern. Die Bolschewiki, mit Lenin und Stalin an der Spitze, wussten das und bereiteten die Arbeiter und Bauern auf die Fortsetzung des Kampfs gegen den Zarismus vor. Die Menschewiki glaubten nicht an die Möglichkeit eines neuen Aufschwunges der Revolution, sie verleugneten die revolutionären Forderungen des Parteiprogramms und die revolutionären Losungen der Partei. Die Menschewiki schlugen sogar vor, die proletarische Partei völlig zu liquidieren und sich dem stolypinschen Regime „anzupassen“. Lenin nannte die Menschewiki-Liquidatoren die „Stolypinsche Arbeiterpartei“ und rief die Arbeiter auf, ihre revolutionäre Partei zu hüten und zu festigen.

Die zaristische Regierung verfolgte die Partei der Bolschewiki und befahl, Lenin zu verhaften. Die zaristischen Spitzel suchten eifrig nach dem Führer der Revolution. Auf Vorschlag der Partei ging Lenin im Jahre 1907 ins Ausland. Im Dezember desselben Jahres fuhr er in die Schweiz und ließ sich in Genf nieder. Hier erneuerte er die Herausgabe des Zentralorgans der Partei: der Zeitung „Proletarij“ („Der Proletarier“). Auf geheimen Wegen schickte er von hier die bolschewistische Zeitung und Briefe mit Anweisungen, wie die Partei, die sich in der Illegalität befand, arbeiten sollte, nach Russland.

Vor der Polizei verborgen, schufen die Bolschewiki ihre Organisationen in den Betrieben, druckten und verbreiteten unter den Arbeitern Flugblätter und Zeitungen. Zur Verstärkung ihres Einflusses bei den Massen bedienten sie sich der Gewerkschaften, der Arbeiterklubs, der Sonntagsschulen und der Genossenschaften. In der Reichsduma, wohin die Arbeiter einige Bolschewiki hatten entsenden können, ertönten ihre kühnen Aufrufe zum Kampfe um die Freiheit.

Den revolutionären Kampf in Russland leitete J.W. Stalin. Nach der Niederlage der Revolution im Zentrum von Russland leitete er den revolutionären Kampf der Bakuer Arbeiter. Lenin schätzte den kämpferischen Charakter der Bakuer Streiks, die von Stalin geleitet waren, sehr hoch ein. Er schrieb: „Im Jahre 1908 steht Baku mit 47 000 Streikenden an der Spitze der Gouvernements, die eine beachtliche Zahl von Streikenden aufweisen. Die letzten Mohikaner des politischen Massenstreiks!“ 

Der Zarismus bemühte sich auf jegliche Weise, Stalin der Möglichkeit einer revolutionären Betätigung zu berauben. Von 1902 bis 1913 wurde Stalin achtmal verhaftet, siebenmal war er in der Verbannung. Ungeachtet der polizeilichen Verfolgungen fuhr er fort, selbstlos die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse zu leiten.

Die Bolschewiki geben Beispiele einer grenzenlosen Hingabe an die Revolution, hohe Vorbilder von Mannhaftigkeit, Mut und unerschütterlichem glauben an den Sieg der Arbeiterklasse.

Ein unbeugsamer Revolutionär war Jakow Michajlowitsch Swerdlow, „der ausgeprägteste Typus eines Berufsrevolutionärs“, wie Lenin ihn charakterisierte. Vom 15. Lebensjahre an begann er seine Mehrmals von Verbannungen und Flucht unterbrochene revolutionäre Tätigkeit voller Anstrengungen und Gefahren. Nach der Niederlage der Revolution befand sich Swerdlow zwei Jahre auf Festung.

In den Jahren der Reaktion wurde er aus dem Kerker freigelassen, aber bald wieder verhaftet und in die Narymregieon verschickt. Fünfmal versuchte Swerdlow, aus dem abgelegenen Maximkin-Jar zu flüchten, wohin sogar die Post nur zweimal im Jahre kam. Im Herbst des Jahres 1912 versuchte er auf einem Boot den Jenissej zu überqueren, und wäre in dem reißenden Fluss beinahe umgekommen.

Ein unerschütterlicher bolschewistischer Kämpfer war auch Michail Wassiljewitsch Frunse. Im Jahre 1905 leitete er den Streik der Iwanowo-Wonsessensker Arbeiter. Im März 1907 wurde Frunse verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Die Todesstrafe drohte ihm. „Sagen Sie sich von Ihren Proletariern los“, rief ihm während der Gerichtsverhandlung der Rechtsanwalt zu, „Sie werden sehen, man wird Sie sofort begnadigen.“ Frunse erklärte dem Richter empört, dass er einen solchen Verteidiger ablehne.  Das zaristische Gericht verurteilte Frunse zu 10 Jahren Zwangsarbeit.

Furchtlos bekämpfte den Zarismus der junge Bolschewik Sergej Mironowitsch Kirow, der später ein feuriger Tribun der Revolution wurde. Wegen revolutionärer Arbeit im Jahre 1905 in Tomsk und wegen Organisierung einer Geheimdruckerei wurde er zur Einkerkerung in einer Festung verurteilt. Dies war schon seine dritte Verhaftung. Aber der stets muntere und lebensfrohe Kirow widmete sich aufs Neue der revolutionären Arbeit, sobald er aus dem Gefängnis wieder heraus war.

Ein ebensolcher unermüdlicher junger Revolutionär und Bolschewik war Grigorij Konstaninowitsch Ordshonikidse (Sergo).                                                                                                                                        Bei der Ausladung von Waffen, die auf dem Seeweg aus dem Ausland verschickt worden waren, wurde er im Dezember 1905 verhaftet. Es gelang ihm, über die Grenze zu flüchten, aber später kehrte er nach Baku zurück. Nach wiederholten Verhaftungen ging Ordshonikidse nach Paris und lernte in der von Lenin geschaffenen Parteischule. Nach Russland zurückgekehrt, leistete er eine energische bolschewistische Arbeit, die erst durch seine Einkerkerung in die Schlüsselberger Festung auf drei Jahre unterbrochen wurde.

Einer der hervorragendsten Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung Polens und Russlands in den Jahren der Reaktion war Felix Edmundowitsch Dzierzynski( Es gibt verschiedene Schreibweisen des Namens.). In den heißen Tagen der Revolution des Jahres 1905 entwickelte Dzierzynski, der bei den Warschauer Arbeitern unter dem Namen Jusef bekannt war, eine rastlose Tätigkeit.                                                                                                                                                      Er führte einen energischen Kampf gegen die Menschewiki und unterstützte die Linie Lenins. Während der illegalen Arbeit nach der Revolution wurde er mehrmals verhaftet. Als gefährlicher und unversöhnlicher bolschewistischer Revolutionär wurde Felix Dzierzynski in einem besonderen Pavillon der der Warschauer Zitadelle eingesperrt. Hier schrieb er das „Tagebuch eines Gefangenen“, in dem er von seinen Erlebnissen als standhafter revolutionärer Kämpfer, der bereit ist, sein Leben im Namen der Revolution hinzugeben, erzählte.

Viele Hunderte von tapferen Revolutionären waren in den Verhältnissen der Illegalität durch die bolschewistische Partei erzogen worden. Sie bildeten die eiserne Garde der Leninisten, die unter der Leitung Lenins und Stalins unerschütterlich eine neue Revolution vorbereiteten.

Der neue revolutionäre Aufschwung in Russland

Bald begann in der Arbeiterbewegung von neuem eine bemerkenswerte Belebung. Die Arbeiter fingen an, Kräfte zu sammeln. Die Zahl der Streiks stieg von neuem an. Bereits im Jahre 1911 überschritt die Anzahl der Streikenden im ganzen Lande hunderttausend. Ein besonders starker Aufschwung des revolutionären Kampfes des Proletariats war durch die Ereignisse in den fernen Goldgruben der Lenaer Goldminen-Gesellschaft in Sibirien bewirkt worden.

Die Goldminen befanden sich in der abgelegenen Tajga, 1700 km von der Eisenbahn entfernt. Man konnte nur dann von dort wegkommen, wenn di Lena schiffbar war. Die Arbeitsbedingungen waren durch einen ausbeuterischen Vertrag geregelt. Vor Beendigung der Anstellungsfrist durften die Arbeiter die Arbeit nicht aufgeben, doch konnten sie zu jeder beliebigen Frist entlassen werden. In Anrechnung auf den Arbeitslohn wurden den Arbeitern Lebensmittel schlechtester Qualität verabfolgt. Der Arbeitstag war laut Vertrag auf zehn bis elf Stunden festgesetzt, die Verwaltung verlängerte ihn jedoch häufig nach Willkür.

Die Goldminenbesitzer, die die Lenaer Gesellschaft leiteten, fühlten sich in der Tajga als richtige Herrscher. Den Leiter der Goldgruben, Belosjorow, nannte man den „ungekrönten König der Tajga“.

Die zuchthausähnlichen Arbeitsbedingungen, die Verzögerung der Auszahlung des Arbeitslohnes, der Verkauf von verfaulten Lebensmitteln zum dreifachen Preis, die Gewalttätigkeiten und das eigenmächtige Handeln der Verwaltung und der Polizei riefen häufige Unruhen unter den Arbeitern hervor.

Ende Februar 1912 brach auf einer der Gruben, wo die Lage der Arbeiter besonders schwer war, ein Streik aus. Als Anlass diente die Zuteilung von faulem Pferdefleisch an die Arbeiter. Die empörten Arbeiter traten in den Streik und schickten zu den anderen Gruben ihre Deputierten. Am 27. März wurde der Streik ein allgemeiner. Mehr als 6000 Arbeiter nahmen daran teil und führten ihn eindeutig und organisiert durch. Jedoch wurde ungeachtet seines friedlichen Charakters eine große Abteilung Soldaten zu den Gruben entsandt. Das Streikkomitee wurde wegen „Aufwiegelung“ der Arbeiter zum Streik verhaftet. Am 04.(17.) April 1912 unterschrieben 3000 Arbeiter eine Erklärung, dass sie von sich aus, ohne jede Aufwiegelung, gestreikt hätten. Mit dieser Erklärung begaben sie sich zum Staatsanwalt zur Nadeshdinsker Goldgrube, um die Befreiung ihrer Deputierten zu verlangen.

An einem kalten Morgen des 04. April zogen lange Reihen von Arbeitern zur Nadeshdinsker Goldgrube und vereinigten sich dort zu einem langen schwarzen Band, das sich auf drei bis vier Kilometer erstreckte. Sie zogen durch den Wald, zwischen Schneehaufen, auf einem schmalen Weg, der kein Ausweichen zuließ. Auf der einen Seite befand sich ein steiler Abhang zum Fluss Bodajbo, auf der anderen Seite lagen Stapel aufgeschichteten Holzes. Quer über den Weg waren die vorher herbeigerufenen Soldaten in voller Kampfbereitschaft aufgestellt. Den Arbeitern trat der Ingenieur Tultschinskij entgegen und versuchte sie zu überreden, auseinander zu gehen. Die vordersten Reihen hielten an. Aber die 3 000köpfige Menge, die sich auf dem engen Weg hinzog, bewegte sich weiter und stieß auf die vordersten Reihen. Da begannen Polizei und Militär auf die Arbeiter zu schießen; 250 wurden getötet und 270 verwundet.

Die neue blutige Gräueltat der zaristischen Selbstherrschaft rief einmütige Empörung unter den Arbeitern hervor. Im ganzen Lande brachen Proteststreiks aus. In den Städten fanden revolutionäre Demonstrationen statt. Die Dritte Reichsduma, die laut Gesetz vom 03. Juli 1907 gewählt worden war und deren Mehrheit aus Gutsbesitzern und Bourgeoisie bestand, war immerhin gezwungen, die Frage über die blutigen Ereignisse an der Lena zu diskutieren. Der Minister des Inneren, Makarow, erklärte: „So war es, so wird es sein.“                                                                                                                                       Die Ereignisse an der Lena fanden im ganzen Land Widerhall. Überall begannen Streiks. Ungefähr 300 000 Arbeiter streikten. Lenin wies darauf hin, dass die Arbeiter jetzt nicht für einzelne Rechte, sondern gegen die allgemeine Rechtlosigkeit des Volkes zum Kampf anträten.Gerade diese allgemeine Rechtlosigkeit im russischen Leben, gerade die Hoffnungslosigkeit und Unmöglichkeit des Kampfes für einzelne Rechte, gerade diese Unverbesserlichkeit der zaristischen Monarchie und ihres ganzen Regimes sind in den Ereignissen an der Lena so grell in Erscheinung getreten, dass sie in den Massen das revolutionäre Feuer entzündet haben“, schrieb Lenin.

J.W. Stalin schrieb in der bolschewistischen Zeitung „Swesda“ („Der Stern“), indem er die historische Bedeutung der Ereignisse an der Lena würdigte:                                                                                             „Die Schüsse an der Lena haben das Eis des Schweigens gebrochen und- der Strom der Volksbewegung ist in Bewegung geraten.                                                                                                           In Bewegung geraten!….                                                                                                                                      Alles, was es Böses und Unheilvolles im gegenwärtigen Regime gab, alles, woran das vielgeprüfte Russland krankte, all das hat sich in der einen Tatsache, in den Ereignissen an der Lena zusammengeballt.                                                                                                                                                   Das ist der Grund, warum gerade die Schüsse an der Lena zum Signal für Streiks und Demonstrationen wurden.“

Die Ereignisse an der Lena zeigten, dass sich in der Arbeiterklasse eine gewaltige revolutionäre Energie angehäuft hatte. Die Bewegung breitete sich aus, wobei sie die rückständigsten Schichten der Arbeiter ergriff. Streiks fanden in sämtlichen Gebieten des Landes statt. An der Spitze schritt das revolutionäre Petersburg, ihm folgten die Arbeiter Moskaus, des Baltikums, der Ukraine (heute führen die Ukraine und Russland gegeneinander Krieg {2022} Ein Ergebnis des Sieges des Kapitalismus als Weltsystem), des Kaukasus. Die wirtschaftlichen Streiks verflochten sich mit den politischen. Lenin nannte derartige Massenstreiks revolutionäre Streiks. Sie waren gegen die Selbstherrschaft gerichtet und hatten für das gesamte Volk Bedeutung als revolutionäres Kampfmittel. Die Streiks riefen Sympathie der übergroßen Mehrheit der Werktätigen hervor. Sie ermutigten die Bauernschaft zum Kampf gegen die Gutsbesitzer und den Zarismus. Die Zusammenstöße der Bauern mit den Kulaken häuften sich. In der Zeit von 1010 bis 1914 fanden mehr als 13 000 Bauernaktionen statt.

Die Streiks wurden unter den bolschewistischen Losungen: „Achtstunden-Arbeitstag“, „Konfiskation des Bodens der Gutsbesitzer“, „Demokratische Republik“ durchgeführt.

Unter den Verhältnissen des revolutionären Aufschwunges war eine geschlossene Kampfpartei besonders notwendig, die fähig wäre, die Arbeiterklasse auf die neue Revolution vorzubereiten. Aus diesem Grunde wurde im Januar 1912 in Prag (Tschechoslowakei; heute Tschechien) eine Parteikonferenz einberufen, auf der sich die Bolschewiki zu einer selbstständigen Partei formierten. Bis zu dieser Zeit waren sie mit den Menschewiki formal in einer Partei, der SDAPR, vereinigt. Von jetzt an nannte sich die Partei SDAPR (Bolschewiki). Die Prager Konferenz wählte ein bolschewistisches Zentralkomitee, mit Lenin an der Spitze. J.W. Stalin, der sich in der Verbannung befand, wurde in Abwesenheit zum Mitglied des Zentralkomitees der Partei gewählt. Auf Lenins Vorschlag wurde Stalin an die Spitze des Russischen Büros des Zentralkomitees gestellt, das zur unmittelbaren Leitung der Parteiarbeit in Russland geschaffen wurde.

Für die revolutionäre Erziehung der Massen brauchten die Bolschewiki eine kämpferische politische Tageszeitung, die eng mit den Massen verbunden wäre. Im Januar 1912 begannen die Arbeiter Beiträge für die Herausgabe ihrer Zeitung zu sammeln. Die erste Nummer der täglich erscheinenden Massenzeitung „Prawda“ („Die Wahrheit“) kam am 22. April (am 05. Mai neuen Stils) heraus. Der Tag des 05. Mai wurde daher in der Sowjetunion als Tag der Arbeiterpresse gefeiert. Die Arbeit der „Prawda“ leitete Lenin vom Ausland aus. Ihr erster Redakteur war Stalin. Viel Zeit und Kräfte widmete W.M. Molotow, der als Redaktionssekretär arbeitete, der „Prawda“. Maxim Gorki unterstützte die „Prawda“ in ihrer Arbeit.

Die Zeitung erschien täglich. Jeden Morgen fand der zaristische Zensor sie auf seinem Tisch und suchte, woran er Anstoß nehmen könnte, um ihr Erscheinen zu verbieten. Die Arbeiter versammelten sich bereits in der Nacht auf dem Hof der Druckerei, wo die „Prawda“ gedruckt wurde, ergriffen die neuen Nummern der Zeitung, sobald sie erschienen, und trugen sie in die Werke und Fabriken. 40mal im Verlaufe des ersten Jahres des Bestehens der „Prawda“ drang di Polizei in die Druckerei ein, um die gesamt Auflage zu vernichten, aber in der Regel war die Zeitung schon nicht mehr in der Druckerei vorhanden. Die Auflage war bereits unter die Arbeiter verteilt worden. Im Mai 1913 schloss die zaristische Regierung die „Prawda“, aber schon nach einigen Tagen erschien sie unter einem andren Titel. Die „Prawda“ wechselte oft ihren Namen: „Sa Prawdu“ („Für die Wahrheit“), „Proletarskaja Prawda“ („Die proletarische Wahrheit“), „Sewrenaja Prawda“ („Die nördliche Wahrheit“), „Putj Prawdy“ („Der Weg zur Wahrheit“) und andere.

Die Bolschewiki benutzten jede Möglichkeit, eine revolutionäre Arbeit unter den Massen zu leisten. Sie schufen illegale Zellen und Gruppen in den Gewerkschaften, in den Konsumgenossenschaften, in den Krankenkassen und anderen Arbeiterorganisationen. Selbst die reaktionäre Reichsduma wurde von den Bolschewiki für ihre Agitation benutzt. Bei den Wahlen im Jahre 1912 wählten die Arbeiter in die Vierte Reichsduma sechs bolschewistische Abgeordnete. Lenin und Stalin leiteten ihre Tätigkeit. Die Arbeiterabgeordneten traten in der Duma mit revolutionären Reden hervor, die in der „Prawda“ abgedruckt wurden. Die Schwarzhunderter empfingen jedes Auftreten der Arbeiter mit Geschrei, Lärm und Pfeifen. Der Vorsitzende der Duma, der Gutsbesitzer Rodsjanko, entzog den Bolschewiki das Wort, sobald sie zu sprechen anfingen. Jedoch setzten die bolschewistischen Abgeordneten hartnäckig ihre leidenschaftlichen revolutionären Reden fort.

Im Jahre 1913 gelang es der zaristischen Regierung, einige bolschewistische Organisationen zu zerstören. In Petersburg verhaftete die Polizei Stalin. Er wurde in die abgelegene Turuchansker Region, in die Sieglung Kurejka, verschickt. Molotow wurde verhaftet und nach Sibirien verschickt. Im Gefängnis befanden sich Sergo Ordshonikidse und andere Führer der bolschewistischen Partei. Im Juli 1914 demolierte die Polizei das Redaktionsbüro der „Prawda“ und verhaftete ihre Mitarbeiter.

Der revolutionäre Kampf des Proletariats erhielt in der ersten Hälfte des Jahres 1914 einen großen Schwung. Die Zahl der Streikenden umfasste im ersten Halbjahr ungefähr anderthalb Millionen Menschen. Die Streiks fanden unter den bolschewistischen Losungen statt. Der von den Bolschewiki geleitete Sommerstreik der Bakuer Arbeiter währte zwei Monate. Die Bakuer wurden von den Arbeitern des ganzen Landes unterstützt. In Petersburg und in anderen Städten fanden Meetings unter den Losungen statt: „Bakuer Genossen, wir sind mit Euch!“, „Der Sieg der Bakuer ist unser Sieg!“ Eine dieser revolutionären Demonstrationen endete mit Schüssen auf die Arbeiter der Pulitow-Werke. Als Antwort auf diese Schüsse der Polizei erhob sich die gesamte Arbeiterschaft von Petersburg. In den Straßen Petersburgs fanden Zusammenstöße der Arbeiter mit den Truppen statt, die in Barrikadenkämpfe übergingen- Die Hauptstadt wurde in ein Heerlager verwandelt.

Der weitere Aufschwung der Revolution wurde durch den Krieg unterbrochen.

Entnommen aus dem ersten Band „Das Sowjetland“, erschienen im Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

Anna Michailowna Pankratowa

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 1 aus dem Jahre 1947

Die erste bürgerlich-demokratische Revolution in Russland

1. Vorabend der Revolution

Am Ende des 19. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts trat der Kapitalismus in eine neue, die höchste und letzte Etappe seiner Entwicklung: in den Imperialismus ein. In dieser Etappe konzentrierte sich die Industrie in den Händen der größten Kapitalisten oder Vereinigungen der Kapitalisten. Derartige Vereinigungen der größten Kapitalisten nennt man Monopole. Deshalb bezeichnete Lenin den Imperialismus als monopolistischen Kapitalismus. Eine große Rolle begannen die Banken zu spielen, bei denen die Kapitalisten ihre freien Kapitalien deponierten. Die monopolistischen Organisationen und Banken gaben den Industriellen Subsidien (Anleihen)( Kredite. P.R.)  und erlangten allmählich entscheidenden Einfluss auf das gesamte wirtschaftliche und politische Leben der kapitalistischen Länder.

Zwischen den kapitalistischen Staaten, aber auch zwischen den einzelnen Vereinigungen der Kapitalisten verschärfte sich der Kampf um die Märkte außerordentlich. Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, ihre freien Kapitalien vorteilhaft auszunutzen, führten die Kapitalisten diese in andere Länder aus. Eines von jenen Ländern, wohin die Kapitalisten ihre Kapitalien exportierten, war das zaristische Russland. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten die ausländischen Kapitalisten in der russischen Industrie und bei den Banken ungefähr eine Milliarde Goldrubel investiert. Die russischen Banken ordneten sich allmählich der Führung der westeuropäischen Banken unter. So gründeten die französischen Banken im Jahre 1901 in Russland die „Nordbank“. Die größte Bank in Deutschland, die DEUTSCHE BANK, brachte die russische ASOW-DON-BANK unter ihren Einfluss. Viele russische Banken verwandelten sich in Filialen der der ausländischen Banken. Die ausländischen Kapitalisten errichteten in Russland neue Unternehmungen. Bald konzentrierten sich in ihren Händen solche entscheidenden Produktionszweige wie die Hüttenindustrie, die Brennstoffindustrie, die Chemische Industrie, aber auch einige Transportzweige. Die ausländischen Kapitalisten erzielten in Russland kolossale Profite, da sie sich hier der billigen Arbeitskraft bedienen und sie schrankenlos ausbeuten konnten. Die zaristische Regierung kam wie den einheimischen, so auch den ausländischen Kapitalisten in allem entgegen.

Von den ausländischen Staaten erhielt die zaristische Regierung, die ständigen Geldbedarf hatte, große Anleihen (Kredite P.R.). Russland hatte allein an Zinsen für diese Anleihen (Kredite P.R.) jedes Jahr 130 Millionen Goldrubel zu zahlen. Auf diese Weise gerieten der russische Zarismus und der russische Kapitalismus immer mehr in die Abhängigkeit von ausländischem Kapital.

Diese Abhängigkeit zeigte sich besonders während der Krise, die am Ende des 19. Und zu Beginn den 20. Jahrhunderts die Industrie einer Reihe von westeuropäischen Staaten erfasste. In Verbindung mit der Krise verminderte sich stark der Zustrom der ausländischen Kapitalien nach Russland. Mit besonderer Stärke traf die Krise jene neuen kapitalistischen Bezirke (Donezbecken, Baku), in denen die Investierungen der ausländischen Kapitalien groß waren. Die Kapitalisten schlossen die Unternehmungen, warfen Tausende von Arbeitern auf die Straße, den verbleibenden Arbeitern aber kürzten sie den Arbeitslohn.

Die Krise hielten nur die ausländischen Unternehmungen aus. Die ausländischen Banken kauften während der Krise die Unternehmungen der ruinierten russischen Kapitalisten auf und setzten sich auf diese Weise in deren Besitz. Dies verstärkte noch mehr die Rolle des ausländischen Kapitals im russischen Wirtschaftsleben.

Die fortschrittlichen Arbeiter, die unter der Krise und der Arbeitslosigkeit litten, begannen zu begreifen, dass die Selbstherrschaft der schlimmste Feind der Werktätigen ist, dass sie das Land zum völligen Verlust seiner Unabhängigkeit führt und die russischen Arbeiter und Bauern in Tributpflichtige der ausländischen Kapitalisten verwandelt. Der Kampf der Arbeiter verstärkte sich in den Krisenjahren und nahm immer häufiger revolutionären Charakter an. Von den ökonomischen Streiks begannen die Arbeiter zu politischen Streiks und später zu Straßendemonstrationen überzugehen. Während der Streiks und Demonstrationen forderten die Arbeiter nicht nur eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, sondern auch Redefreiheit, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit und andere demokratische Freiheiten. Dies alles gab es formal schon lange in den bürgerlichen Ländern Westeuropas Die russischen Arbeiter forderten ebenfalls die Schaffung demokratischer Zustände im Lande.

Dass die Arbeiterklasse in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon politisch erwacht war, war bereits zur Zeit der sogenannten „Obuchower Abwehr“ offenbar geworden. Im Jahre 1901 organisierten Arbeiter der Obuchow-Fabrik in Petersburg einen Streik zum 1. Mai. Es kam zu blutigen Zusammenstößen mit den zaristischen Truppen. Da die Arbeiter keine Waffen hatten, bewarfen sie die Gendarmen und Polizisten mit Steinen und Eisenteilen. Der Widerstand der Streikenden wurde gebrochen, aber in ganz Russland wurde die heroische Obuchower Abwehr weit bekannt und erregte die Sympathie sämtlicher Arbeiter.

Eine gewaltige Rolle bei dem politischen Erwachen der Arbeiterklasse und bei den Organisationen ihres Kampfes gegen die Selbstherrschaft, ebenso bei der Schaffung einer proletarischen Partei spielte die erste allgemein-russische Arbeiterzeitung „Iskra“ („Der Funke“). Den Plan ihrer Herausgabe hatte Lenin ausgearbeitet, als er sich noch in der Verbannung in Sibirien befand. Mit Hilfe einer solchen Zeitung hoffte er eine revolutionäre sozialdemokratische Partei zu schaffen. Lenin lehrte, dass die besten fortschrittlichen Arbeiter, die bereit waren ihr Leben dem Kampfe um die Sache der Arbeiterklasse zu weihen, die Partei organisieren sollten. Sie sollten Berufsrevolutionäre werden, d.h. Menschen, für die der revolutionäre Kampf gegen den Zaren und die Kapitalisten Hauptberuf war. Nach dem Ende der Verbannung fuhr Lenin ins Ausland und begann die Heerausgabe der Zeitung vorzubereiten. Im Dezember 1900 erschien die erste Nummer der Leninschen Zeitung „Iskra“. Unter dem Titel der Zeitung waren die Worte gedruckt: „Aus dem Funken wird die Flamme schlagen“.

Für die Verbreitung und Lektüre der „Iskra“ drohte den Arbeitern Gefängnis und Verbannung. Doch das schreckt sie nicht ab, jede Nummer der Zeitung erwarteten sie mit Ungeduld. Die Popularität des Blattes wuchs unter den Arbeitern. Ich habe vielen Genossen die ‚Iskra´ gezeigt“, schrieb ein Petersburger Arbeiter an die Redaktion, „und die Nummer ist schon ganz zerlesen; aber wie kostbar ist sie doch…Wenn man liest, dann begreift man, warum Gendarmerie und Polizei uns Arbeiter und die Intelligenzler, denen wir folgen, fürchten… Das werktätige Volk kann jetzt leicht in Brand geraten, unten glimmt schon alles, nur ein Funken ist nötig, und schon wird ein Brand entstehen. Ach wie ist das wahr gesagt, dass aus dem Funken die Flamme schlagen wird.“

Die „Iskra“ verbreiteten die treuen Mithelfer  Lenins, die Bevollmächtigten oder Agenten der „Iskra“. Bald entstanden in vielen Städten Organisationen der Anhänger der „Iskra“. Dies waren Leninsche Organisationen. In Transkaukasien schuf und leitete J.W. Stalin die „Iskra“-Organisation.

Zu Beginn des Jahres 1901 gelangte die erste Nummer der „Iskra“ nach Tiflis (Tblilissi). Auf Vorschlag J.W. Stalins erklärte das Tifliser Komitee sein volles Einverständnis mit der Leninschen „Iskra“. Im September des Jahres 1901 erschien unter der redaktionellen Leitung Stalins die erste Nummer der illegalen georgischen sozialdemokratischen Zeitung „Brdsola“ („Der Kampf“).

Die Leninsche „Iskra“ fand unter den Bakuer Arbeitern lebhaften und wohlwollenden Anklang. Die fortschrittlichen Vertreter des Proletariats von Baku schrieben an die „Iskra“: „Wir Bakuer Arbeiter haben uns, um den Arbeitern anderer Städte nicht nachzustehen, gemeinsam entschlossen, den ersten Schritt zu dem heiligen Werk zu tun. Wir erinnerten uns an die Antwort Puschkins an die Dekabristen: ‚Aus dem Funken wird die Flamme schlagen‘… Damit aber eine starke Flamme sich entzündet, ist es nötig, dass unsere Funken in der ganzen Stadt umherfliegen, damit auf einmal ein großes Feuer emporlodern kann.“

In Bantum, wohin Stalin im Auftrage des Tifliser Komitees übergesiedelt war, entstand gleichfalls eine sozialdemokratische Arbeiterorganisation der „Iskra“-Richtung. In der Nacht zum 1. Januar 1902 berief Stalin unter dem Deckmantel einer Neujahrsfeier die erste Konferenz der Sozialdemokratischen Zirkel ein. Auf dieser Versammlung wurde ein sozialdemokratisches Komitee geschaffen. Am Schlusse der Versammlung, als der Morgen graute und der erste Strahl der Sonne ins Zimmer drang, sagte Stalin: „Nun ist die Sonne schon aufgegangen. Diese Sonne wird uns bald leuchten. Glaubt daran, Genossen!“

Bald fand unter Stalins Leitung in Batum die erste revolutionäre Demonstration statt. Die Polizei verhaftete 450 Arbeiter und suchte mit allen Mitteln Stalin ausfindig zu machen, jedoch wurde er von den Arbeitern verborgen gehalten. Der Polizei gelang es dennoch, Stalin aufzuspüren und zu verhaften. Im November 1903 wurde er nach dem Dorfe Nowaja-Uda im Gouvernement Irkusk verschickt. Aber nach zwei Monaten flüchtete er aus der Verbannung und kehrte von neuem nach Tiflis zur revolutionären Arbeit zurück.

Der politische Kampf des Proletariats nahm in den Jahren 1902 bis 1903 große Ausmaße an. Eine besonders große Rolle in der politischen Erziehung der Arbeiterklasse spielte der erste Generalstreik in Russland in Rostow am Don im Jahre 1902. Unter der Führung des Donkomitees der Partei wurden außerhalb der Stadt Meetings abgehalten, auf denen zum ersten Mal in der Geschichte Russlands das freie Wort der Sozialdemokraten über die Aufgaben der Arbeiterklasse ertönte. Der Rostower Streik hatte gewaltige Bedeutung für die Hebung des Klassenbewusstseins der Arbeiter nicht nur in Rostow, sondern im ganzen Lande. „Das Proletariat“, schrieb Lenin, stellt sich zum ersten Male als Klasse allen übrigen Klassen und der zaristischen Regierung gegenüber.“

Im Sommer des Jahres 1903 wurde die mächtige Waffe des politischen Kampfes -der Generalstreik- von den Arbeitern Transkaukasien und der Ukraine angewendet. Lenin schrieb, indem er auf die charakteristischen Besonderheiten und die Bedeutung des Generalstreiks im Süden Russlands hinwies: „Die Streiks ergreifen einen ganzen Bezirk, an ihnen nehmen mehr als 100 000 Arbeiter teil, die politischen Massenversammlungen wiederholen sich während der Streiks in einer Reihe von Städten. Man fühlt, dass wir uns am Vorabend der Barrikaden befinden.“

Die Arbeiterbewegung ermunterte auch die anderen Schichten der Bevölkerung zum politischen Kampfe. In allen Städten fanden Studentendemonstrationen und Streiks statt. In den Dörfern gab es große Bauernunruhen. Besonders massenhaft war die Bauernbewegung in der Ukraine und im Gouvernement Saratow im Jahre 1902, sowie in Gurien (Transkaukasien) im Jahre 1903. Hier nahm sie unter dem Einfluss der transkaukasischen Bolschewiki einen revolutionären Charakter an. Aber im Ganzen genommen war die Bauernbewegung politisch noch nicht vorbereitet. Lenin bemerkte, dass der „Bauernaufstand unterdrückt wurde, weil die ländlichen Proletarier noch kein Bündnis mit den städtischen Proletariern hatten.“

Zu Beginn des Jahres 1903 scharte sich um die Zeitung „Iskra“ eine geschlossene Organisation proletarischer Revolutionäre. Sie bildeten das Rückgrat der revolutionären proletarischen Partei, die von Lenin und Stalin geschaffen wurde. Die „Iskra“-Organisation, die die Mehrheit der sozialdemokratischen Komitees Russlands vereinigt hatte, ging an die Vorbereitung des II. Parteitages, der im Ausland im Sommer 1903 stattfand.

Auf dem Parteitag wurde das von Lenin ausgearbeitete Programm angenommen. Das Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (oder abgekürzt SDAPR) setzte die Ziele fest, wofür die revolutionäre Partei des Proletariats Kämpft und die sie erreichen will. In ihr war gesagt worden, dass die SDAPR danach strebt, die Selbstherrschaft zu stürzen und dem Volke Freiheit zu geben. Das Programm wies darauf hin, dass die Arbeiterklasse die Diktatur des Proletariats (dieser Begriff wird heute missverstanden.P.R.) und dann die sozialistische Gesellschaft errichten muss.

Auf dem Kongress wurde auch das Parteistatut angenommen. Bei dieser wichtigsten Frage kam es zu Meinungsverschiedenheiten. Martow, Trotzkij und ihre Anhänger schlugen vor, in die Partei all jene aufzunehmen, die ihr irgendwelchen Beistand geleistet hatten. Lenin dagegen bestand darauf, dass das Parteimitglied sich persönlich an der Arbeit der Parteiorganisation beteiligt. Auf dem Parteitag ging Martows Vorschlag über die Frage der Parteimitgliedschaft durch. Jedoch bei den Wahlen zu den zentralen Parteiinstitutionen siegten die Anhänger Lenins. Sie erhielten die Mehrheit der Stimmen (russisch „Bolschinstwo“) und wurden seit dieser Zeit Bolschewiki genannt. Die Anhänger von Martow erhielten die Minderheit der Stimmen (russisch: „Menschinstwo“), sie wurden Menschewiki genannt.

Auf dem II. Parteitag war J.W. Stalin nicht anwesend. Er befand sich im Gefängnis. Dort erfuhr er von der Spaltung; er erklärte sich unverzüglich für Lenin und schloss sich den Bolschewiki an.

Auf diese Weise wurde der Grundstein zur Partei der Bolschewiki gelegt. Sie gleich keiner der Parteien der II. Internationale. Es war eine kämpferische Partei der Arbeiterklasse, eine Partei von neuem Typus. Sie bereitete sich auf den revolutionären Kampf vor, zum Sturz des Zaren, der Gutsbesitzer und der Kapitalisten, für Errichtung der Diktatur des Proletariats und für den Aufbau einer neuen sozialistischen Gesellschaft, in der es keine Ausbeutung und Klassenunterdrückung geben würde.

2. Der russisch-Japanische Krieg und die erste russische Revolution

Der revolutionäre Kampf der Volksmassen gegen die Selbstherrschaft hatte das ganze Land ergriffen. Die Regierung bemühte sich nach allen Kräften, dem Ausbruch der schnell herannahenden Revolution zuvorzukommen. Sie rechnete darauf, dass sie diese durch den Krieg mit Japan aufhalten könnte. „Ein kleiner siegreicher Krieg“, sprach der zaristische Minister Plewe, „muss den revolutionären Qualm zerteilen.“ Aber der Krieg beschleunigte nur die Revolution.

Der russisch-japanische Krieg war seinem Charakter nach ein imperialistischer, ein Eroberungskrieg. Er wurde geführt wegen der Aufteilung Chinas und des ganzen Fernen Ostens unter den imperialistischen Staaten. Unter diesen Staaten tat sich durch seine Eroberungsbetrebungen besonderes Japan hervor. Zu jener Zeit wurde Japan von Amerika und England unterstützt. Diese Staaten rechneten darauf, mit Hilfe der Japaner das zaristische Russland zu zerschlagen und China unter sich aufzuteilen. Japan bereitete sich in verstärktem Maße auf einen Krieg mit dem zaristischen Russland vor. Es baute eine große Flotte, schuf eine große Armee und bewaffnete sie gut.

In einer dunklen Januarnacht des Jahres 1904 fiel Japan unerwartet und treubrüchig, ohne Kriegserklärung, über Russland her und griff das russische Geschwader in den Gewässern von Port Arthur an. Es gelang ihm, drei erstklassige russische Schiffe kampfunfähig zu machen und damit für seine eigene Flotte eine vorteilhafte Lage zu schaffen. Es erwies sich, dass das zaristische Russland auf den Krieg nicht vorbereitet war, obgleich zu Beginn die Generale dem Zaren versichert hatten, dass die Russen die Japaner „mit den Mützen zudecken“ würden. Der größere Teil der russischen Schiffe war älteren Typs und technisch schlecht ausgerüstet. Auf den Decks der Schiffe gab es eine Menge hölzerner Aufbauten, die schon bei den ersten japanischen Granaten Feuer fingen. Diese Schiffe nannten die russischen Matrosen „Selbstzünder“ und „Selbstversenker“, und Lenin bezeichnete sie als „alte Koffer“. An die Front wurden um Ersatz Soldaten geschickt, die schlecht ausgebildet waren. Selbst Offiziere verstanden nicht, mit den neuen Kanonen zu schießen. Es fehlte an Proviant, an Waffen, an Granaten, die für einen Krieg mit einem gut vorbereiteten Gegner notwendig waren. Diebische Beamte im Verein mit den Fabrikanten lieferten der Armee Stiefel mit Pappsohlen.

Bald war fast die gesamte südliche Mandschurei von den Japanern erobert. Im Gegensatz zu dem aktiven Angriffsplan der Japaner verhielt sich der Befehlshaber der russischen Armee in der Mandschurei, General Kuropatkin, defensiv.

Nach Norden vorrückend, belagerten die Japaner zugleich die Festung Port Arthur. Die Besatzung der Festung- die Soldaten, Matrosen, Offiziere- kämpften tapfer und schlugen zahlreiche Angriffe der Japaner ab. Zum Flottenbefehlshaber in Port Arthur war der talentierte Admiral Makarow ernannt worden. Sohn eines Seemannes, war er dank seiner hervorragenden militärischen Fähigkeiten emporgestiegen. Makarow war mit aller Macht um die Steigerung der Kampffähigkeit der Flotte bemüht, die sich in Port Arthur befand, und bereitete sich auf entscheidende Seegefechte mit den Japanern vor. Am 31. März 1904 kam er gleich am Anfang der Schlacht auf seinem Flaggschiff, dem Panzerkreuzer „Petropawlosk“, der auf eine Mine gestoßen war, um. Auch der talentierte General Kontratenko tat viel für die Verteidigung Port Arthurs. Jedoch infolge des Verrats des Festungskommandanten, des Generals Stössel, wurde Port Arthur im Dezember 1904 den Japanern übergeben, obwohl noch genügend Kräfte vorhanden waren, um Widerstand zu leisten. In dem Fall Port Arthurs sah Lenin ein Anzeichen für den Sturz des Zarismus selbst. In dem Artikel „Der Fall von Port Arthur“, der am 1. Januar 1905 im Ausland veröffentlicht wurde, enthüllte Lenin die politische Bedeutung der militärischen Niederlagen der Selbstherrschaft in Russland. „Die Verbindung zwischen der militärischen Organisation des Landes und ihrer gesamten wirtschaftlichen und kulturellen Struktur“, schrieb Lenin, „war noch niemals so eng als in der jetzigen Zeit.“

Nach Port Arthur erlitt die zaristische Armee eine schwere Niederlage bei Mukden. Dann wurde die zaristische Flotte in der Meerenge von Tsushima zerschlagen. Die Niederlage von Tsushima bedeutete die völlige Katastrophe.

Die Soldaten und Matrosen zeigten im Russisch-japanischen Krieg den Heldenmut, die Aufopferungsfähigkeit und die hohen kämpferischen Eigenschaften, die der russischen Armee eigen sind. Als die Japaner treuebrüchig das russische Geschwader an der Küste von Korea überfielen, nahmen zwei Schiffe, der Kreuzer „Warjag“ und das Kanonenboot „Korejez“, den ungleichen Kampf mit dem starken japanischen Geschwader auf und ergaben sich nicht, sondern kamen heldenmütig um. Im Februar des Jahres 1904 trat ebenso heldenmütig der russische Torpedobootzerstörer „Stereguschtschij“ zum Kampf mit vier japanischen Torpedobootzerstörern und Kreuzern an, die ihn umzingelt hatten. Als die Japaner der Schiffbesatzung das Ansinnen stellten, sich zu ergeben, antwortete diese, dass sich russische Seeleute nicht gefangen gäben. Der ungleiche Kampf wurde fortgesetzt. Die Japaner beschlossen, den Torpedobootzerstörer mit Gewalt zu nehmen. Als weiterer Widerstand unmöglich geworden war, begaben sich zwei Matrosen in den Kielraum und versenkten durch Öffnung der Ventile das Schiff. Diesen zwei heldenmütigen Matrosen, deren Namen unbekannt geblieben sind, wurde später in Leningrad (heute St. Petersburg P.R.) ein Denkmal errichtet.

Bei der Verteidigung von Port Arthur, ebenso in den Schlachten bei Ljaojan und Mukden vollbrachten die Soldaten und Matrosen viele Heldentaten. Aber das Oberkommando mit seiner talentlosen Leitung machte die heroischen Anstrengungen der Soldaten und Seeleute zunichte.

Die zaristische Regierung, die den Krieg verloren hatte, war gezwungen, mit Japan einen schmachvollen Frieden zu schließen. Japan, das die Schwachheit des zaristischen Russlands ausnutzte, riss das südliche Sachalin und die Kurilischen Inseln an sich, verschloss auf diese Weise für Russland im Osten den Ausgang zum Ozean und schnitt die Verbindungswege mit Kamtschatka und der Tschuktschen-Halbinsel ab.

Der Krieg führte zur Verschärfung der revolutionären Krise in Russland. Vom November des Jahres 1904 an fanden im ganzen Land Demonstrationen gegen den Krieg statt. Der erste Bote der herannahenden Revolution in Russland war der Streik in Baku im Dezember 1904, der von Stalin geführt wurde. „Der Bakuer Streik“, schrieb Stalin, „diente als Signal für die ruhmvollen Januar-Februar-Aktionen in ganz Russland.“

Die Regierung versuchte mit allen Mitteln, die Arbeiter von der Teilnahme am revolutionären Kampfe abzulenken. Die zaristische Ochrana (die geheime politische Polizei) beauftragte ihren Agenten, den Popen Gapon, in Petersburg eine besondere Organisation, den „Verein russischer Fabrik- und Betriebsarbeiter“ zu schaffen, der die Arbeiter vom revolutionären Kampfe ablenken sollte. Gapons Organisation eröffnete Lesehallen mit religiöser und moralsicher Literatur, veranstaltete Vorträge und Vorlesungen mit Lichtbildern über Themen, die von den zaristischen Behörden gebilligt wurden. Aber ungeachtet aller Versuche der Gapon-Leute, die Arbeiter von der Teilnahme an der revolutionären Bewegung abzulenken, setzten die Arbeiter den Kampf gegen die Unternehmer fort. Die Gapon-Anhänger unter den Arbeitern nahmen zusammen mit den anderen Arbeitern an den Streiks teil. Einer dieser Streiks fand in den Putilow-Werken statt. Dieser Streik war hervorgerufen worden durch die Entlassung von vier Arbeitern, die Gapon-Anhänger waren. Capon schlug einen provokatorischen Plan vor: eine Bittschrift an den Zaren zu verfassen und sich mit allen gemeinsam zum Zarenpalast zu begeben, um sie zu überreichen. Die zaristische Regierung hieß Gapons Plan gut, in der Absicht, ein Blutbad unter den Arbeitern anzurichten und die Arbeiterbewegung zu unterdrücken. Die Arbeitermassen hatten ihre Hoffnung auf die Hilfe des Zaren noch nicht aufgegeben. Sie hatten in den Versammlungen die Bittschrift lebhaft erörtert und darin ihre Forderungen und Wünsche zum Ausdruck gebracht.

Indem sie ihre rechtlose Lage schilderten, wandten sie sich in der Bittschrift an den Zaren: „Lehne es nicht ab, Deinem Volke zu Hilfe zu kommen, führe es aus dem Grab der Rechtlosigkeit, des Elends und der Unwissenheit, gib ihm die Möglichkeit, sein Schicksal selbst zu gestalten, befreie es von dem unerträglichen Druck der Beamten. Zerstöre die Mauer zwischen Dir und Deinem Volke, und lasse es mit Dir gemeinsam das Land regieren.“ Das Ende der Bittschrift klang wie eine dumpfe Drohung: „Wenn Du unser Flehen nicht erhörst, werden wir hier auf diesem Platze vor Deinem Palast sterben. Wir wissen nicht, wohin wir sonst gehen sollen und es wäre auch nutzlos. Wir haben nur zwei Wege, entweder in die Freiheit und das Glück, oder ins Grab.“

Die Bolschewiki warnten die Arbeiter, dass man auf sie schießen würde. Sie sagten, dass man die Freiheit nicht vom Zaren erwarten dürfe, sondern erobern müsse.

Am kalten Morgen des 09. Januar gingen mehr als 140 000 Arbeiter auf die Straße. Sie kamen mit Frauen und Kindern. Zu Kolonnen formiert, trugen sie Zaren- und Heiligenbilder und sangen Kirchenlieder. Die Bolschewiki, obgleich sie Gegner des Bittganges zum Zaren waren, ließen die Arbeiter nicht im Stich und gingen mit ihnen gemeinsam in den ersten Reihen.

Die zaristische Regierung hatte sich auf die Beschießung des friedlichen Zuges der Arbeiter nach allen Regeln der Kriegskunst vorbereitet. In der Hauptstadt waren Truppen zusammengezogen worden. Die Stadt war in acht Militärbezirke eingeteilt worden. Die Bezirkschefs und die Kommandeure der Truppenteile erhielten genaue Anweisungen, wo und wann sie auf die Versammelten schießen sollten. Die Arbeiter glaubten nicht an die Möglichkeit eines Blutbades. „Die Soldaten sind der Ordnung halber da“, sagten sie. Aber unerwartet für die Arbeiter, begannen die Truppen die friedliche Prozession zu beschießen. Das Gemetzel begann im Narwabezirk. Ein Augenzeuge beschreibt die blutigen Ereignisse, die sich am Narwator abspielten, folgendermaßen: „Vornweg trug man Kirchenfahnen, Heiligenbilder, ein Kreuz, Zarenbilder und eine weiße Fahne. In den ersten Reihen, fest untergehakt, schritten rings um Gapon die Kühnsten, die Begeistertsten. Die Prozession, welcher Polizei voranging, setzte sich in Marsch und zog sich auf der Chaussee fast auf einige Werst auseinander. Vom Himmel schien die Sonne herab. Man sang: ‚Rette, Herrgott, Dein Volk!‘ Alle sangen mit entblößten Köpfen. Die Polizeibeamten hatten beim Vorbeimarsch der Prozession die Mützen abgenommen. Als die Spitze des Zuges sich bereits dem Narwator näherte, jagte aus dem Tor eine Abteilung Kavallerie in voller Karriere direkt in die Menge. Sie durchbrach die ersten Reihen, machte aber schnell kehrt und schwenkte seitwärts ab, so dass die auf der kleinen Brücke quer und an den Seiten stehende Infanterie sichtbar wurde. Die Menge geriet in Verwirrung. Aber die ersten Reihen schlossen sich sofort wieder, fassten ich bei der Hand und schritten mutig auf die Brücke zu. Ein Hornsignal ertönte. Die Soldaten aus Pskow, die nichts begriffen und kopflos geworden waren, gaben eine Salve ab und ließen Schnellfeuer folgen. Eine unvorstellbare Verwirrung trat in dem Augenblicke ein, als die Leute in den ersten Reihen stürzten und die Heiligenbilder und Kirchenfahnen fallen ließen. Getötet wurden die Greise, die Zarenbilder trugen, und ein Knabe, der eine Kirchenlaterne trug. Fürchterliche Schreie ertönten aus der Menge. Ein Teil lief auseinander, versteckte sich in den benachbarten Höfen. Verirrte Kugeln erreichten sie auch dort. Der andere Teil, getreu dem Eide, nicht abzurücken, drängte in sinnlosem Ungestüm vorwärts. Die von Kugeln Hingemähten stießen im Fallen die anderen um. Gapon fiel gleichfalls hin, von einem der Getöteten aus der ersten Reihe umgerissen. Die ‚treue Wache‘ hob ihn inmitten der allgemeinen Verwirrung auf und warf ihn schnell über einen Zaun. Er verschwand, von keinem bemerkt. In der Menge verbreitete sich das Gerücht, dass er getötet worden sei. Vorn ritt jetzt Kavallerie gegen die Menge, zerstampfte Bilder und Kirchenfahnen und drängte die Menschen – Lebende, Verwundete und Tote – zurück. Hier fielen auf der Stelle einige Dutzend, mehr als hundert wurden verwundet.“

Die Truppen schossen auf die Arbeiter auch in den anderen Bezirken und ließen die Prozession nicht zum Winterpalast durch. Auf dem Platze vor dem Palast war in voller Gefechtsbereitschaft Infanterie aufgestellt. Die zu Bestien gewordenen zaristischen Henker schossen nicht nur auf die Arbeiter, die zum Palaste kamen, sondern sogar auf die Kinder, die aus Neugier auf die Bäume der nächstgelegenen Boulevards und Straßen geklettert waren.

An diesem „Blutigen Sonntag“ verloren die Arbeiter mehr als 3000 Tote und Verwundete. Der Zarismus jedoch hatte nicht nur die Arbeiter erschossen, sondern auch die Reste ihres naiven Glaubens an den Zaren. Am Morgen noch hatten sie gehofft, Hilfe vom Zaren zu erhalten, am Abend aber forderten sie Waffen gegen den Zaren und seine Polizei. „Wir haben keinen Zaren!“ sagten sie und vernichteten die Zarenbilder. Auf der Wassiljewinsel bauten die Arbeiter Barrikaden.

In dem Artikel „Der Beginn der Revolution in Russland“ schrieb Lenin über die Lehren des „Blutigen Sonntags“: Ja es war eine große Lehre! Das russische Proletariat wird diese Lehre nicht vergessen. Die unvorbereitetsten, die rückständigsten Schichten der Arbeiterklasse, die naiv an den Zaren glaubten und aufrichtig gewünscht hatten, dem Zaren selbst die Bitten des gequälten Volkes friedlich zu überreichen, ihnen wurde eine Lehre erteilt von der militärischen Macht, die unter Leitung des Zaren oder des Onkels des Zaren, des Großfürsten Wladimir stand. Die Arbeiterklasse erhielt eine große Lehre im Bürgerkrieg, die revolutionäre Erziehung des Proletariats schritt an einem Tage soweit voran, wie sie in Monaten und Jahren grauen, unterdrückten Alltagslebens nicht hätte voranschreiten können.“

Die Ereignisse des 09.(22.) Januars 1905 wurden der Anfang der ersten russischen Revolution. Auf die blutigen Gräuel des Zaren antworteten die Arbeiter des zaristischen Russlands mit Streiks, an denen sich 440 000 Arbeiter beteiligten, während in den zehn vergangenen Jahren nur 430 000 Arbeiter gestreikt hatten. Es war dies eine außerordentlich breite Entfaltung der Streikbewegung. Überall fanden Meetings und Demonstrationen statt, die von Zusammenstößen mit der Polizei und den Truppen begleitet waren. Bereits als Ergebnis der Januarstreiks erhob sich die Frage des Übergangs zur höchsten Form des Kampfes: zum bewaffneten Aufstand.

Im Frühling 1905 fand unter Lenins Leitung der III. Parteitag statt. Er arbeitete für die gesamte Partei eine allgemeine Taktik aus, stellte die Hauptlosungen der Revolution auf: demokratische Republik, Enteignung aller Ländereien der Gutsbesitzer und ihre Übergabe zur Nutzung an die Bauernschaft, Einführung des achtstündigen Arbeitstages. Der Parteitag wies darauf hin, dass ihrem Charakter nach in Russland eine bürgerlich-demokratische Revolution stattfände, dass sie sich aber grundlegend von allen früheren europäischen Revolutionen unterscheide.  In den bürgerlichen Revolutionen Englands und Frankreichs war die Bourgeoisie die führende Kraft gewesen. Dort hatte die Bauernschaft das Land aus der Hand der Bourgeoisie erhalten. Das Proletariat war noch schwach und unorganisiert gewesen.

Die bürgerliche Revolution in Russland erfolgte unter anderen Bedingungen. Das Proletariat war schon entwickelt, hatte eine Kampfpartei und führte seit langem einen entschlossenen Kampf gegen den Zarismus, gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten. Die Bourgeoisie fürchtete sich vor dem Proletariat und paktierte mit dem Zarismus gegen die revolutionären Arbeiter und Bauern. Auf diese Weise war das russische Proletariat die einzige Kraft, die die Revolution bis zum Ende führen, den Zarismus stürzen und dem Bauern Land geben konnte. Das Proletariat war der Leiter, der Führer der bürgerlich-demokratischen, der Volksrevolution in Russland und die Bauernschaft – sein natürlicher Verbündeter. Nur das Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft unter Führung des Proletariats konnte den völligen Sieg über den Zarismus und die weitere Entwicklung der Revolution sichern.

Ausgehend von einer solchen Auffassung des Charakters und der Treibkräfte der russischen Revolution fasste der Parteitag den Beschluss über die Zulässigkeit der Teilnahme von Bevollmächtigten der Partei an der provisorischen revolutionären Regierung, die berufen würde, die bürgerlich-demokratische Revolution in Russland zu Ende zu führen, eine grundlegende Umwandlung Russlands zu sichern und dem Proletariat den Übergang zu der sozialistischen Revolution zu erleichtern. Dieses Revolutionsprogramm ohne bewaffneten Aufstand zu verwirklichen, war unmöglich. Daher beauftragte der III. Parteitag der Bolschewiki sämtliche Parteiorganisationen, „die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats zu treffen, sowie einen Plan des bewaffneten Aufstandes und seiner unmittelbaren Leitung auszuarbeiten…“                                                                                                              Die Bolschewiki, die sich nach den Beschlüssen des III. Parteitages richteten, waren bestrebt, sich an die Spitze des revolutionären Kampfes der Massen zu stellen, um ihn auf das Gleis eines bewaffneten Aufstandes gegen den Zarismus, der im Kriege ein völliges Fiasko erlitten hatte.

Im Frühjahr und Sommer des Jahres 1905 erhob sich der revolutionäre Kampf der Arbeiter und Bauern auf eine noch höhere Stufe. Besonders kennzeichnend war der Streik der Textilarbeiter in Iwanowo-Wosnessensk. Der Streik begann am 12. Mai und führte 70 000 Arbeiter zum Kampf. Der Kampf war langwierig und verlief einmütig, geschlossen und organisiert. Im Verlaufe des Streiks schufen die Arbeiter einen Sowjet (Rat) der Vertrauensmänner, der faktisch einer der ersten Sowjets von Arbeiterdeputierten in Russland war. Im Sommer 1905 begann ein neuer Aufschwung der Bauernbewegung. Besonders bemerkenswert waren die revolutionären Aktionen im Zentrum Russlands, im Wolgagebiet, in der Ukraine und in Transkaukasien. Die Bauern nahmen das Land der Gutsbesitzer in Besitz und führten die Ernte der Gutsbesitzer weg.

Im Sommer 1905 begannen einzelne Teile der Armee auf die Seite der Revolution überzugehen. Am 14. Juni 1905 brach in der Schwarzmeerflotte, auf dem Panzerkreuzer „Potjomkin“, ein Aufstand aus.       Der aufständische Panzerkreuzer kam nach Odessa, wo zu jener Zeit ein Generalstreik der Arbeiter im Gange war. Aber die Menschewiki, die die Odessaer sozialdemokratische Organisation leitete, unterstützten die Matrosen nicht. Sie zögerten. In dieser Zeit wurden Truppen und Artillerie nach Odessa hinzugezogen. Gegen den revolutionären Panzerkreuzer schickte der Zar ein ganzes Geschwader, jedoch weigerten sich die Matrosen der Kriegsschiffe, auf ihre aufständischen Kameraden zu schießen.                                                                                                                                                        Das Panzerschiff „Georgij Pobedonossez“ schloss sich sogar den Aufständischen an. Doch bald darauf ergab sich dieses Panzerschiff, dessen Besatzung dem Einfluss ihrer Offiziere unterlag, den Behörden.       Der Aufstand auf dem Panzerkreuzer „Potjomkin“ erlitt eine Niederlage, da keine richtige, erfahrene, feste Leitung hatte und defensiven Charakter trug. Ungeachtet der Niederlage hatte der Aufstand auf dem Panzerkreuzer „Potjomkin“ gewaltige Bedeutung. Es war der erste Versuch, den Kern einer revolutionären Armee zu bilden.

Die revolutionäre Bewegung entfaltete sich im Oktober 1905 mit neuer Kraft. Anfang Oktober standen sämtliche Eisenbahnen still. Den Eisenbahnern schlossen sich die Arbeiter der Fabriken und Werke an. Post, Telegraf und Telefon stellten die Arbeit ein. Den Streik unterstützten die Vertreter der Intelligenz: Lehrer, Rechtsanwälte, Ingenieure, Studenten und Angestellte verschiedener Anstalten.

Am 11. Oktober weitete sich der Streik zu einem gesamtrussischen Generalstreik aus. An ihm nahmen ungefähr eine Million Arbeiter und einige hunderttausend Angestellte teil. Das gesamte Leben des Landes kam zum Stillstand. Züge und Dampfschiffe hörten auf zu fahren. Die Fabriken, die Post und der Telegraf arbeiteten nicht. Zeitungen und Zeitschriften erschienen nicht. Die Läden und Restaurants wurden geschlossen. Der Unterricht in den höheren und Mittelschulen hörte auf. Nur die Wasserleitung, Kanalisation und die Krankenhäuser setzten ihre Arbeit fort. Sie arbeiteten auf Befehl der Streikkomitees.                                                                                                                                                     Der Generalstreik wurde von der bolschewistischen Partei geleitet, die ihn als Vorspiel zum bewaffneten Aufstand betrachtete. Das Moskauer Komitee der bolschewistischen Partei veröffentlichte einen Aufruf an die Arbeiter, der mit folgendem Appell schloss: Vom Winterschlaf zum Streik, vom Streik zum bewaffneten Aufstand, vom Aufstand zum Sieg, so ist unser Weg, der Weg der Arbeiterklasse. Kühner, Genossen, vorwärts zum Kampf für die Volksbefreiung!“

Auf den Meetings und Versammlungen hielten die Arbeiter revolutionäre Reden und erhoben ihre dringenden Forderungen. Gemeinsam mit der gesamten Arbeiterklasse nahm an dem Oktoberstreik die arbeitende Jugend teil. Die Nöte der Arbeiterjugend fanden ihren Widerhall in den allgemeinen Forderungen der Arbeiter. Die Arbeiter bestanden darauf, dass in gesundheitsschädlichen Betrieben keine Kinderarbeit zugelassen werden dürfe, dass die Lehrzeit abgekürzt werden müsse und die Arbeitgeber nicht das Recht haben sollten, die Lehrlinge für persönliche Dienstleistungen und Nebenarbeiten zu verwenden, dass in den Fabriken Schulen und Abendkurse eingerichtet werden und der Unterricht für alle Arbeiterkinder unentgeltlich sein sollte.                                                                                         Die Arbeiterjugend half den fortschrittlichen Arbeitern, jene Fabriken und Werke stillzulegen, die sich nicht sofort den Streikenden anschlossen. Bei den revolutionären Demonstrationen schritten die jugendlichen Arbeiter in den ersten Reihen. Sie trugen rote Fahnen und sangen laut revolutionäre Lieder: die „Marseillaise“ und „Kühn, Genossen, haltet Schritt“.                                                                                 Die zaristische Regierung versuchte anfangs den Streik mit Waffengewalt zu unterdrücken. Aber sie hatte bereits nicht mehr die Kraft, die Bewegung zum Stehen zu bringen. Von dem Generalstreik eingeschüchtert, erließ der Zar am 17. Oktober ein Manifest, indem er dem Volke die demokratischen Freiheiten: Rede- und Pressefreiheit, Freiheit der Versammlungen und Koalition „schenkte“. Der Zar versprach, eine Reichsduma einzuberufen und ihr das Recht einzuräumen, Staatsgesetze auszuarbeiten.                                                                                                                                                          Die Bourgeoisie begrüßte den Erlass des Manifestes vom 17. Oktober mit Jubel. Sie hielt ihr Ziel für erreicht. Die kleinbürgerlichen Parteien: die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre (sozialrevolutionär hieß diejenige Partei, die die Interessen der Kulaken{Großbauern P.R}verteidigte) erklärten, dass der Zarismus vor dem Volk kapituliert habe. Nur die Bolschewiki warnten die Arbeiter: „Der Zar hat noch lange nicht kapituliert, die Selbstherrschaft hat durchaus noch nicht aufgehört zu existieren. Sie hat nur den Rückzug angetreten.“                                                                                                                                                               Das Manifest vom 17. Oktober war ein Betrug an den Volksmassen. Dieser Winkelzug war dem Zarismus nötig, um Kräfte zu sammeln und dann gegen die Revolution loszuschlagen. Verhaftungen, Erschießungen, bestialische Massenmorde, Pogrome- alles dies brachte das Manifest des Zaren vom 17. Oktober dem Volke in der Tat. Im Volke war über das Zarenmanifest das Liedchen im Umlauf:

„Der Zar in seinem Schrecken                                                                                                                             erließ ein Manifest:                                                                                                                                             Den Toten gab er Freiheit,                                                                                                                                  den Lebenden – Arrest!“

In den Tagen der sogenannten „Freiheiten“ waren dunkle Kräfte hemmungslos am Werk: die zum Schutze des Zarismus und zum Kampf gegen die Revolution geschaffenen Banditenabteilungen, die „Schwarzen Hundertschaften“. Am Tage nach dem Erlass des zaristischen Manifestes, am 18. Oktober 1905, begab sich eine große Menge Moskauer Arbeiter zum Tagankagefängnis, um aus ihm die politischen Gefangenen zu befreien. An ihrer Spitze schritt einer der angesehensten Moskauer Bolschewiki, ein Schüler und Waffengefährte Lenins, Nikolaj Bauman. Auf dem Wege schlug ihm ein Angehöriger der „Schwarzen Hundert“ mit dem Bruchstück einer Eisenröhre über den Kopf und verletzte ihn tödlich. Der Mord an Bauman löste größte Empörung unter den Werktätigen Moskaus und ganz Russlands aus. Baumans Leichenzug gestaltete sich zu einer grandiosen Demonstration.

In den stürmischen Tagen des politischen Generalstreiks schuf die Arbeiterklasse eine Organisation, die in der Revolution eine große Rolle spielen sollte: die Sowjets der Arbeiterdeputierten. Die entscheidende Rolle hätte in der Revolution des Jahres 1905 der Petersburger Sowjet der Arbeiterdeputierten spielen müssen. Jedoch im Petersburger Sowjet hatten die Menschewiki die Übermacht, die seine Umwandlung in ein Organ der revolutionären Gewalt und die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes in Petersburg verhinderten.

Eine ganz andere Rolle spielte in der Revolution der Moskauer Sowjet, der von den Bolschewiki geleitet wurde. Der Moskauer Sowjet war im November geschaffen worden. Damals entstanden auch einige Bezirkssowjets, mit denen der Moskauer Sowjet eng verbunden war. Er rief die Moskauer Arbeiter, die Bauern und Soldaten auf, ihre Kräfte zum „bevorstehenden Entscheidungskampf“ zu vereinigen, und begann unter der Leitung der Bolschewiki den bewaffneten Aufstand praktisch vorzubereiten.

Im November 1905 kehrte Wladimir Iljitsch Lenin nach Russland zurück. Er leitete die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes. Auf Lenins Anweisung verschafften sich die Parteiorganisationen Waffen, schufen Arbeiterkampfscharen, bewaffneten die Arbeiter und unterrichteten sie im Waffengebrauch. Im Dezember 1905 wurde zwecks Besprechung von Fragen, die mit dem Aufstand zusammenhingen, in Tammerfors (Finnland) eine Parteikonferenz einberufen. Auf dieser Konferenz begegneten sich Lenin und Stalin zum ersten Male persönlich. Während der Arbeiten der Konferenz traf die Nachricht ein, dass in Moskau der Aufstand begonnen habe. Lenin schlug den Delegierten vor, sofort zu ihren Ortsorganisationen zurückzukehren und die Leitung des Aufstandes zu übernehmen.

Am 07. Dezember früh begann in Moskau der Generalstreik. Die Arbeiter traten organisiert, geschlossen und einmütig auf. Ein lebendiges Bild von dem Beginn des Aufstandes zeichnen die „Nachrichten des Moskauer Sowjets“: „Noch niemals ist das Moskauer Proletariat in solcher Eintracht, als eine drohende und mächtige Armee aufgetreten. Auf Beschluss des Sowjets der Arbeiterdeputierten und der revolutionären Parteien standen um 12 Uhr mittags fast sämtliche wichtigen Fabriken und Werke Moskaus still. Sie standen von sich aus still, ohne Zwang, ohne Drohungen, nicht aus Furcht, sondern deshalb, weil die Stunde des Entscheidungskampfes gekommen war. Mit roten Fahnen, mit dem Gesang revolutionärer Lieder, mit dem Schwur, bis zum Ende zu kämpfen, gingen die Arbeiter auseinander.“

Die in Schrecken versetzte Regierung verhängte über Moskau den Ausnahmezustand. In der Nacht vom 06. Zum 07. Dezember wurde das Moskauer Komitee der bolschewistischen Partei, die die Vorbereitung des Aufstandes leitete, verhaftet. Die Leitung des Aufstandes ging auf die Bezirke über.

In den Tagen des Dezemberaufstandes war der Stadtbezirk Prensja am revolutionärsten. Am 09. Dezember bedeckte sich ganz Prensja mit Barrikaden. Eine große Rolle beim Aufstand in Prensja spielte die gut bewaffnete und gut ausgebildete Kampfschar der Fabrik Schmidt. Prensja befand sich faktisch in den Händen der Arbeiter. Die Polizei war aus dem Bezirk verjagt worden. Das ganze Leben des Bezirks leitete das Revolutionäre Komitee, das aus den Deputierten des Moskauer Sowjets gebildet worden war. Der Bezirkssowjet genoss außerordentlich große Autorität. Die Bevölkerung wandte sich an ihn in allen Arten von Eingaben, Bitten und Beschwerden.

Gemeinsam mit den erwachsenen Arbeitern nahm am bewaffneten Kampf auch die Arbeiterjugend teil. Folgendes erzählt darüber Litwin-Sedoj, einer der Teilnehmer und Organisatoren des Moskauer bewaffneten Aufstandes:  „Die Arbeiterinnen und die Jugend standen hinter den erwachsenen Arbeitern nicht zurück. Sie bauten Barrikaden, gingen auf Patrouille, verwahrten bei sich zu Hause Proklamationen und Waffen, besonders waren es die Schüler der Prochorow-Schule und der Komissarower Technischen Schule.“                                                                                                                                                                     Die Halbwüchsigen der Trjochgornaja-Fabrik halfen den Arbeitern Barrikaden bauen. Der eine schleppte einen Kübel heran, ein anderer Holzscheite und Steine, ein dritter zerrte in die Mitte der Straße allerlei Gerümpel, Laternenpfähle und Telefonmasten, Türen und eiserne Zäune. Die jungen Arbeiter beteiligten sich aktiv an der Entwaffnung der zaristischen Truppen, der Polizisten und Gendarmen.

In seinem Artikel „Die Lehren des Moskauer Aufstandes“ schildert Lenin, wie in Prensja zwei jugendliche Arbeiterinnen, die in der Menge von Zehntausenden die rote Fahne trugen, sich den Kosaken entgegengeworfen hätten mit dem Schrei: Schlagt uns tot! Wir werden die Fahne nicht lebend hergeben!“ Die Kosaken gerieten in Verwirrung und sprengten davon.

Einer der Augenzeugen und Teilnehmer des Aufstandes erzählt von einem ähnlichen Fall auf dem Strastnaja-Platz. Ein junger Arbeiter aus der Menge der Demonstranten wandte sich an die Kosaken mit einer Rede: „Brüder, Genossen, Kosaken!“ begann er.  Der Jüngling begann zusammenhanglos und erregt, aber mit großer Begeisterung und Freimütigkeit die Kosaken zu überreden, nicht zu schießen und auf die Seite des Volkes überzugehen.

Der einmütige Aufstand der Moskauer Arbeiter rief in den Regierungskreisen eine Panik hervor. Admiral Dubassow, der mit der Niederschlagung des Moskauer Aufstandes beauftragt worden war, überschüttete den Zaren mit Telegrammen, in denen er dringend um Herbeisendung von Verstärkungen bat. Die Nikolaj-Eisenbahn, die Petersburg mit Moskau verband, streikte nicht, und der Zar sandte Dubassow Unterstützung. In der Nacht zum 15. Dezember kamen in Moskau ungefähr 2000 Soldaten des Semjonower Garderegimentes an. Die Semjonower fingen an, Prensnja mit Artillerie zu beschießen. Die Fabriken Schmidt und Mamontow wurden in Brand gesetzt. Am 18. Dezember umzingelten die Truppen den gesamten Bezirk der Prochorower Manufaktur (später Krasnopresnjenskaja, Trjochgornaja). Der Sowjet, der den Mangel an Kräften für einen weiteren Widerstand in Betracht zog, beschloss am 19. Dezember, den Aufstand zu beendigen. Den Kampfschärlern war befohlen worden, einzeln oder in Gruppen Presnja zu verlassen. Der Lokomotivführer Uchtomskij führte unter Kugelhagel aufopferungsbereit die Kampfschärler aus Moskau fort. Uchtomskij wurde bald daraufhin von den zaristischen Behörden ergriffen und erschossen.

Die Prochorower Manufaktur wurde von Truppen besetzt. Über die Aufständischen wurde ein Feldgericht eingesetzt, das gleich hier, im Fabrikkontor tagte. Die Urteilssprüche wurden im Fabrikhofe vollstreckt. Viele Arbeiter wurden ohne jedwedes Gericht erschossen. Die zaristischen Gendarmen rechneten besonders grausam mit den jugendlichen Teilnehmern des Aufstandes ab.„Die zaristischen Behörden rächten sich für jenen Schrecken, die die Arbeiter ihnen eingeflößt hatten. Besonders grausam rächten sie sich an der Trjochgorka und an den Schülern der Prochorower Schule“, erinnert sich Litwin-Sedoj. An diesem Tage schrieb der Zar in sein Tagebuch: „In Moskau ist Gott sei Dank der Aufstand mit Waffengewalt unterdrückt worden.“ Die Bourgeoisie begrüßte die Unterdrückung des Aufstandes.

Die Moskauer Arbeiter hatten eine Niederlage deshalb erlitten, weil die Truppen noch nicht auf ihrer Seite standen. Die aufständischen Arbeiter hatten nicht mit jener Entschlossenheit um das Herüberziehen der Truppen auf ihre Seite gekämpft, die notwendig war, um den Sieg zu sichern. Sie hatten zu wenig Waffen gehabt und waren als Verteidiger, aber nicht als Angreifer aufgetreten.

Die Menschewiki und die Bolschewiki schätzten den bewaffneten Dezemberaufstand verschieden ein. Der Menschewik Plechanow war der Partei vor: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen!“ Lenin erwiderte: „Im Gegenteil, man hätte noch entschlossener, energischer und offensiver zu den Waffen greifen, hätte den Masen die Unmöglichkeit eines bloß friedlichen Streiks und die Notwendigkeit eines furchtlosen und rücksichtslosen bewaffneten Kampfes klarmachen müssen.“

Ein bewaffneter Aufstand fand nicht nur in Moskau statt. In einer Reihe von Städten Russland erhoben sich die Arbeiter ebenfalls, um die zaristische Macht zu stürzen. Unter der Bauernschaft kam es zu ununterbrochenen Unruhen. Es erhoben sich auch die unterdrückten Völker der Grenzgebiete des zaristischen Russlands. Aber alle dies Aufstände hatten keinen gemeinsamen Plan, kein führendes Zentrum. Der Moskauer Aufstand verwandelte sich nicht in einen einheitlichen allrussischen Ausbruch. „Der Dezemberaufstand war zersplittert und unorganisiert“, schrieb J.W. Stalin. Als Moskau auf den Barrikaden kämpfte, bewahrte Petersburg Schweigen; Tiflis und Kutais bereiteten sich zum Sturm vor, als Moskau bereits ‚unterworfen‘ war, Sibirien griff zur Waffe, als der Süden und Lettland ‚besiegt‘ waren – und das bedeutet, dass die Revolution das kämpfende Proletariat in Gruppen zersplittert fand, weshalb es der Regierung verhältnismäßig leicht war, ihm eine ‚Niederlage‘ beizubringen.“

Die Niederlage des Dezemberaufstandes gab dem Zarismus die Möglichkeit zum Angriff überzugehen Nach Sibirien, Polen, nach dem Baltikum, nach Transkaukasien wurden Strafexpeditionen geschickt. Dort, wo die Bauern an den Aufständen teilgenommen hatten, zündeten die Strafabteilungen die Dörfer an und prügelten die Einwohner. Besonders grausam war die Abrechnung mit dem Volke Lettlands, wo die Strafabteilungen von deutschen Baronen befehligt wurden. Bei dieser Abrechnung kamen mehr als 10 000 lettische Arbeiter und Bauern um. Als man dem Zaren meldete, dass einer der Offiziere die auf dem Schnee sich krümmenden verwundeten Letten erschossen habe, schrieb Nikolaj II. auf den Bericht: „Ein Prachtkerl!“

In einem Gouvernement nach dem anderen wurde der Kriegszustand oder der der Zustand des außerordentlichen Schutzes verhängt. Die Militärgerichte verschickten die einen zur Zwangsarbeit, über die anderen wurden Todesurteile gefällt. Neben den Truppen und der Polizei betätigten sich auch die von der Regierung aufgemunterten bewaffneten monarchistischen Organisationen: der „Bund des russischen Volkes“ und der „Bund des Erzengels Michael“.

Gemeinsam mit der zaristischen Regierung und den Schwarzhunderten war auch die Bourgeoisie am Werk. Sie rächte sich an den Arbeitern für die Revolution und gab sie der Arbeitslosigkeit und dem Hunger preis. Die Kapitalisten stellten „Schwarze Listen“ auf, in die die klassenbewusstesten und revolutionärsten Arbeiter eingetragen wurden, und vereinbarten, sie in keinem ihrer Unternehmen zu beschäftigen. (Das kennen wir ja heute auch noch. P.R.)

Aber ungeachtet des furchtbaren Terrors zogen sich die Arbeiter und Bauern nur langsam kämpfend zurück. Die Streiks dauerten an. Im Jahre 1905 nahmen am Kampf 2 863 000 Streikende teil, im Jahre 1906 1 108 000, im Jahre 1907 740 000. Diese Zahlen bezeugen, dass das Proletariat seinen heroischen Kampf um die Freiheit fortsetzte.                                                                                                                           Die Bauernbewegung dauerte in den Jahren 1906 bis 1907 ebenso an, stellenweise verstärkt sie sich sogar. Besonders häufig waren Streiks der landwirtschaftlichen Arbeiter. Aber die Bauernaufstände waren nach wie vor spontan und erlitten Niederlagen, da sie einer systematischen Führung durch die Arbeiter entbehrten.

Auch die nationale Befreiungsbewegung entfaltete sich in breitem Maße. Im Baltikum und in Transkaukasien fanden in den Jahren 1906 bis 1907 regelrechte Schlachten statt.                              Zugleich mit der Unterdrückung der Revolution durch Waffengewalt beschritt die zaristische Regierung den Weg der „Unterdrückung der Volksfreiheit mit Hilfe einer monarchistischen ‚Konstitution‘“ (Lenin).            Während des Dezemberaufstandes wurde das Gesetz über die Wahlen zur Reichsduma veröffentlicht. Dieses Gesetz war erlassen worden, um das Volk zu betrügen. Es gewährte das Wahlrecht in der Hauptsache den besitzenden Klassen, den Arbeitern und Bauern wurde es beschnitten.

Im April 1906 berief die zaristische Regierung die Erste Reichsduma ein. Die Mehrheit in ihr setzte sich aus Vertretern der Gutsbesitzer und Kapitalisten zusammen, die sich der bürgerlichen Partei der Konstutionellen Demokraten (der Kadetten) anschlossen. In der Duma wurde aber auch eine beträchtliche Anzahl von Bauern gewählt. Die Kadetten wollten die Bauern betrügen. Daher gaben sie sich den Anschein, als ob sie Anhänger einer Landverteilung an die Bauern „gemäß einer gerechten Einschätzung“ wären. Die Bauerndeputierten jedoch brachten ihren eigenen Entwurf eines Bodengesetzes ein, worin sie die Forderung aufstellten, das Grundeigentum der Gutsbesitzer abzuschaffen. Die zaristische Regierung erschrak vor dieser Forderung und beeilte sich, die Erste Duma aufzulösen. Aber die Zweite Reichsduma wies noch mehr Vertreter der Bauernschaft auf. Den Arbeitern gelang es, in die Duma 65 Sozialdemokraten zu schicken.

In der Duma wurden Reden gehalten, die dem Zaren und den Gutsbesitzern missfielen. Einmal hielt ein Vertreter der Gutsbesitzer eine Rede, in der er die Bauern überreden wollte, den Kampf um Grund und Boden aufzugeben. „Die graue, dunkle bäuerliche Masse ohne Gutsbesitzer“, sagte er, „das ist eine Herde ohne Hirten.“ „Genug ihr Herren Hirten“, antwortete ihm ein Bauerndeputierter. „Bis auf den heutigen Tag trauert ihr der Leibeigenschaft nach und wünscht sie euch zurück. 300 Jahre habt ihr uns für eine Herde gehalten, und wir haben eure Peitsche noch sehr wohl in Erinnerung.“                                  Ein anderer Bauer sagte einfach: „Man muss das Land sofort den Gutsbesitzern abnehmen!“ Solches Auftreten flößte den zaristischen Behörden Furcht und Schrecken ein.                                                         Und die Regierung, an deren Spitze der Großgrundbesitzer Stolypin stand, jagte am 03. Juni 1907 die Zweite Duma auseinander. Die zaristische Regierung veröffentlichte ein neues Wahlgesetz, das die Rechte der Arbeiter und Bauern noch mehr beschnitt und in Wirklichkeit eine Ablehnung des Manifestes vom 17. Oktober war. Den Tag des 03. Juni 1907 pflegt man als Tag des Staatsstreiches vom 03. Juni zu bezeichnen.

Der Staatsstreich vom 03. Juni bedeutete eine vorrübergehende Niederlage der Revolution. In der Revolution der Jahre 1905 bis 1907 hatte sich noch kein festes Bündnis der Arbeiter und Bauern gebildet, und dies war eine der Hauptursachen der Niederlage. Die Armee ging nicht auf die Seite der Arbeiter über und half der Regierung, die Revolution zu unterdrücken. Die Arbeiter handelten nicht einmütig und organisiert genug. Die Menschewiki-die Verräter der Arbeiterklasse-hatten noch auf einen bedeutenden Teil der Arbeiterklasse Einfluss, sie spalteten das Proletariat und hemmten die Revolution. Der zaristischen Regierung halfen auch die europäischen Kapitalisten, die um das Schicksal ihrer in der russischen Industrie investierten Kapitalien bangten. Sie gewährten dem Zaren Anleihen (Kredite P.R.).

Die erste russische Revolution stellt einen wichtigen Richtpunkt in der Geschichte Russlands dar. Während der Jahre 1905 bis 1907 machte die Arbeiterklasse und die Bauernschaft eine so erfahrungsreiche Schule der politischen Erziehung durch, wie sie sie im Verlaufe von Jahrzehnten gewöhnlicher friedlicher Entwicklung nicht hätte durchmachen können. Die Revolution hatte den Volksmassen gezeigt, dass der Zarismus der geschworene Feind des Volkes war, dass die liberale Bourgeoisie nicht das Volk, sondern die Selbstherrschaft unterstützt, und dass nur die Arbeiterklasse der wirkliche und konsequenteste Führer der Revolution ist. Die Revolution hat auch gelehrt, dass die werktätige Bauernschaft trotz ihrer Schwankungen dennoch die einzige ernsthafte Kraft darstellte, die fähig war, mit der Arbeiterklasse ein Bündnis einzugehen und dass von der Dauerhaftigkeit und der Stärke des Bündnisses der Arbeiter und Bauern der völlige und endgültige Sieg über den Zarismus abhängig war. Die Arbeiter und Bauern überzeugten sich auch, dass die bolschewistische Partei, die den Werktätigen den sicheren Weg des Kampfes gewiesen hat, ihr wirklicher Führer ist.                         Die Revolution von 1905 bis 1907 spielte eine gewaltige historische Rolle in der Vorbereitung der Großen Proletarischen Revolution. Lenin schrieb, dass „ohne die ‚Generalprobe‘ des Jahres 1905 der Sieg der Oktoberrevolution im Jahre 1917 nicht möglich gewesen wäre“.

Die erste russische Revolution hatte eine große internationale Bedeutung. Sie zeigte, dass der Schwerpunkt der internationalen revolutionären Bewegung sich endgültig nach Russland verlagert hatte. Das russische Proletariat gab das Beispiel eines entschlossenen und selbstlosen Kampfes um die Freiheit und begeisterte das internationale Proletariat zu einem neuen revolutionären Kampfe. Lenin sagte, dass die Arbeiter Europas unter dem Einfluss der russischen Revolution geistig erwacht seien. Bis zur Revolution des Jahres 1905 hatten die europäischen sozialistischen Parteien den Generalstreik abgelehnt und den bewaffneten Kampf des Proletariats in den modernen Städten für unmöglich gehalten. Nach der russischen Erfahrung überzeugten sich die fortschrittlichen Arbeiter Europas und der ganzen Welt von der Irrigkeit solcher Ansichten. In einer Reihe von Ländern, besonders in Österreich-Ungarn, begannen politische Streiks und Demonstrationen zum Schutze des allgemeinen Wahlrechtes. (In Deutschland ist heutzutage der politische Streik verboten. Es gab Vorstöße in den Gewerkschaften dies zu ändern, doch die Führung der Gewerkschaften hat dies sofort unterdrückt. Die Herrschenden haben anscheinend viel Angst davor, obwohl im heutigen Deutschland wahrlich weit und breit keine revolutionäre Situation akut ist. P.R.)

Einen noch unmittelbaren Einfluss übte die russische Revolution auf die Erweckung der Völker Asiens aus. Den Völkern Irans, der Türkei und Chinas, die den revolutionären Weg betraten, diente der entschiedene Kampf der russischen Arbeiter und Bauern gegen die Selbstherrschaft und Leibeigenschaft als Vorbild. (Im Iran und in der Türkei sind nun die Spuren der Revolution verwischt. In China ist es so ein Mittelding. Einerseits gab es zwar eine Revolution und eine kommunistische Partei ist formal an der Macht, doch sind viele kapitalistische Elemente vertreten und das ausländische Kapital bekommt viel Spielraum, wie z.B. mit billigen Arbeitskräften produzieren zu lassen. China ist einer ständigen Veränderung unterworfen und Außenstehende haben da keinen rechten Einblick. P.R.)

Entnommen aus dem ersten Band „Das Sowjetland“, erschienen im Jahre 1947. Original-Autorin Anna Michailowna Pankratowa, bearbeitet von Petra Reichel

Anna Michailowna Pankratowa 
Bildquelle: By Ministry of Communications of the Soviet Union – http://filpersona.ru/index.php/category/31, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69863889

Original-Text aus „Das Sowjetland“ von 1947