Lenin und Stalin an der Spitze des Aufstandes

Lenin und Stalin riefen die Massen zum Aufstand im Namen der Rettung Russlands vor dem Untergang auf, den ihm die Deutschen und die Feinde im Inneren bereiteten, im Namen des Aufblühens des Lebens aller seiner Völker.

Lenin und Stalin erläuterten, dass der Sieg der sozialistischen Revolution das rückständige Russland gänzlich umgestalten, dass er die breiten Massen der Werktätigen zu einem neuen, freien und glücklichen Leben erheben würde. „Untergehen oder mit Volldampf nach vorwärts streben. So ist die Frage durch die Geschichte gestellt“, schrieb Wladimir Iljitsch.

Die verantwortungsvollen und anstrengendsten Tage der Vorbereitung des Aufstandes waren angebrochen. In diesem entscheidenden Augenblick begingen die Verräter der Revolution Kamenew und Sinowjew einen unerhörten Verrat. Sie veröffentlichten in der menschewistischen Zeitung „Nowoja Shisnj“ („Das Neue Leben“) eine Erklärung über ihre Meinungsverschiedenheiten mit der Partei in den Fragen des Aufstandes und enthüllten damit den geheimen Beschluss der Bolschewiki über die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes. Gleichzeitig plauderte ihn auch der Judas Trotzkij aus. Lenin brandmarkte den Verrat als grenzenlose Gemeinheit. In seinem Brief an das Zentralkomitee schrieb er: „Schwere Zeiten. Eine schwere Aufgabe. Ein schwerer Verrat. Und trotzdem wird die Aufgabe gelöst werden, die Arbeiter werden sich zusammenschließen, der Bauernaufstand und die äußerste Ungeduld der Soldaten an der Front werden das ihrige tun! Schließen wir die Reihen enger – das Proletariat muss siegen!“

Der Verrat Kamenews, Sinowjews und Trotzkijs versetzte der Vorbereitung des Aufstandes einen ernsthaften Schlag. Die Bourgeoisie begann fieberhaft zum Widerstand zu rüsten. Die Hauptstadt wurde in Militärbezirke eingeteilt. Zusätzliche Patrouillen wurden eingesetzt, die Wachen verstärkt. Über die ganze Stadt wurden Kavallerieposten verteilt. Vor dem Winterpalast waren Maschinengewehre aufgestellt. Von der Front wurden eiligst Truppen beordert.

Auf einer geheimen Sondersitzung erörterte die Provisorische Regierung, welche Maßnahmen gegen die Bolschewiki noch ergriffen werden könnten. Kerenskij gab, wie in den Julitagen, erneut den Befehl, Lenin zu verhaften und dem Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten auszuliefern.

Aber die Vorbereitungen zum Aufstand konnte der Feind nicht mehr zum Stehen bringen. Der bewaffnete Aufstand, sagte Lenin, ist, wenn auch die Verräter, die das Parteigeheimnis den schlimmsten Feinden des Volkes verraten haben, ihn hinausgeschoben haben, durch die Partei von der Tagesordnung nicht abgesetzt werden.

Die Bolschewiki setzten die intensive Vorbereitung der Massen zum bewaffneten Aufstand fort. In den Fabriken und Werken wurden die rotgardistischen Kampfabteilungen verstärkt. Verbindung mit den Truppenteilen wurde hergestellt. In die Abteilungen traten auch Arbeiterinnen ein. Sie bereiteten sich gemeinsam mit ihren Vätern, Männern und Brüdern zum Kampfe vor.

Eine der wichtigsten Kampfkräfte des Aufstandes war die Baltische Flotte. Die Matrosen erkannten schon lange nicht mehr die Macht der Provisorischen Regierung an und kamen ihren Anordnungen nicht nach.

Der Sturm rückte heran. Das revolutionäre Volk und die konterrevolutionäre Bourgeoisie standen sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, zum tödlichen Zusammenstoß bereit.

Am Morgen des 24. Oktober begann Kerenskij seinen Angriff gegen die Bolschewiki. Er befahl die Schließung des Zentralorgans der Partei, der Zeitung „Rabotschij Putj“ („Der Arbeiterweg“), und des Organs der bolschewistischen Militärorganisation, der Zeitung „Soldat“. Eine Abteilung von Offiziersschülern überfiel mit Panzern die Druckerei.

Die Rotgardisten und die Arbeiter der Druckerei teilten dies sofort J.W. Stalin telefonisch mit. „Sind es viele?“ fragte Stalin. „Eine kleine Abteilung mit einem Offizier an der Spitze“, war die Antwort. „Gut“, antwortete Stalin, „ich werde sofort Panzerautos schicken.“

Auf Vorschlag Stalins gab das Revolutionäre Militärkomitee als Antwort auf diese Aktion der Konterrevolution den Redakteuren und Setzern den Befehl, die Arbeit fortzusetzen, den Soldaten aber, die Druckerei zu bewachen. Am 24. Oktober um 10 Uhr morgens wurde dieser Befehl ausgeführt. Die Rotgardisten und revolutionären Soldaten drängten die Offiziersschüler zurück und setzten ihre Wache ein. Der Druck des „Rabotschij Putj“ und des „Soldat“ wurde wieder aufgenommen.

Am Abend des 24. Oktober schickte Wladimir Iljitsch einen flammenden, besorgnisvollen Brief an die Mitglieder des Zentralkomitees der Partei der Bolschewiki.

„Ich schreibe diese Zeilen am 24. Oktober abends“, so begann dieser historische Brief. „Die Lage ist äußerst kritisch. Es ist sonnenklar, dass jetzt eine Verzögerung des Aufstandes schon wahrhaftig den Tod bedeutet.“ Weiterhin forderte Lenin: „…auf keinen Fall darf die Macht bis zum 25 Oktober in den Händen Kerenskijs und Konsorten belassen werden, unter keinen Umständen; die Sache ist unbedingt heute Abend oder heute Nacht zu entscheiden.“

Am gleichen Tage schrieb der Kampfgenosse des großen Lenin, J.W. Stalin, in der Zeitung, die Kerenskij hatte vernichten wollen:

„Der Augenblick ist gekommen, wo eine weitere Verzögerung die gesamte Sache der Revolution mit dem Untergang bedroht. Man muss die jetzige Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten durch eine neue Regierung der Arbeiter und Bauern ersetzen…

Die Macht muss in die Hände der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten übergehen.“

So ertönten im Einklang die Kampfaufrufe der Führer der Revolution Lenins und Stalins, die Aufrufe zum bewaffneten Aufstand.

J.W. Stalin blieb am 24. Oktober den ganzen Tag über im Gebäude des Smolnyj-Institutes- dem Stab der Bolschewiki, wo sich das Revolutionäre Militärkomitee befand, und leitete die letzten Vorbereitungen zum Aufstand. Am Abend des 24. Oktober begab sich Wladimir Iljitsch von der Wiborger Seite zum Smolnyj.

Nachdem Lenin sich verkleidet hatte, begab er sich in Begleitung eines Verbindungsmannes auf die Straße. Die Straßen waren leer. Eine einsame Straßenbahn fuhr eilends ins Depot. Wladimir Iljitsch sprang in den Wagen und fragte die Schaffnerin, wohin sie fahre. „Das ist aber ein Sonderling, wo bist du denn hergekommen?“ rief die Frau aus. Weißt du denn nicht, dass Revolution sein wird? Wir fahren die Bourgeoisie schlagen.“

Nachdem sich Lenin glücklich durch die Patrouillen der Junker hindurchgeschlagen hatte, erschien er im Revolutionsstab im Smolnyj. Gemeinsam mit Stalin übernahm er die Leitung des Aufstandes und stellte sich unmittelbar an die Spitze der Volksrevolution.

Lenin war für die Revolution geboren“, sagte J.W. Stalin. „Er war wahrhaft der Genius revolutionärer Explosionen und der größte Meister revolutionärer Führung. Nie fühlte er sich so frei, nie war er so froh wie in einer Epoche revolutionärer Erschütterungen…nie offenbarte sich Lenins genialer Scharfblick so voll und klar wie in der Zeit revolutionärer Explosionen. In den Tagen der Wendepunkte der Revolution blühte er gleichsam auf, wurde zum Hellseher, erriet die Bewegung der Klassen und die wahrscheinlichen Zickzackwege der Revolution, sah sie ganz klar vor sich. Nicht umsonst heißt es in unseren Parteikreisen, dass ‚Iljitsch in den Wellen der Revolution zu schwimmen versteht wie der Fisch im Wasser‘.“

In der historischen Nacht vom 24. Zum 25. Oktober (vom 06. Zum 07. November) 1917 begann die Verwirklichung des genialen Leninschen Planes des bewaffneten Aufstandes gegen die Bourgeoisie, gegen die russischen Imperialisten, für die Macht der Sowjets, für den Sozialismus.

Der Aufstand entwickelte sich erfolgreich. Schnell wurden das Telegrafenamt, die Bahnhöfe, die Elektrizitätswerke und die staatlichen Ämter der Hauptstadt besetzt. Die Aufständischen unterbrachen die Telefonverbindungen des Winterpalastes, wo die Provisorische Regierung tagte. Die in Petrograd garnisonierten Soldaten gingen entschlossen auf die Seite der Bolschewiki über. Die geschickte Leitung der Bolschewiki, die Kühnheit, der revolutionäre Ansturm und die Disziplin der Volksmassen verrichten das ihre: am Morgen des 25. Oktober (07.November) war fast ganz Petrograd in den Händen des aufständischen Volkes.

W.I. Lenin und J.W. Stalin im Smolnyj-Institut in den Oktobertagen des Jahres 1917 (Nach einer Zeichnung von P. Wassiljew)
Bild entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947

Am Morgen des 25. Oktober (07. November) erließ das Revolutionäre Militärkomitee den Aufruf „An die Bürger Russlands!“, der von Lenin verfasst war.  „Die Provisorische Regierung ist gestürzt“, so lautete der Leninsche Aufruf. „Die Staatsmacht ist in die Hände des Organs des Petrograder Sowjets der Arbeiter und Soldatendeputierten, des Revolutionären Militärkomitees, übergegangen, das an der Spitze des Petrograder Proletariats und der Garnison steht. Die Sache, für die das Volk gekämpft hat: das sofortige Angebot eines demokratischen Friedens, die Aufhebung des gutsherrlichen Grundbesitzes, die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die Bildung einer Sowjetregierung- diese Sache ist gesichert. Es lebe die Revolution der Soldaten, der Arbeiter und der Bauern!“

Der Angriff auf die Revolution wurde fortgesetzt. Immer neue und neue Abteilungen von Rotgardisten zogen aus den Proletariervierteln Petrograds nach dem Zentrum der Stadt zum Smolnyj. Die Rotgardisten bemächtigten sich der Ämter, entwaffneten die Offiziersschüler und bezogen Kampfposten. Die revolutionäre Baltische Flotte kämpfte Schulter an Schulter mit dem aufständischen Volk. Allein aus Kronstadt kam eine Matrosenabteilung in Stärke von fünftausend Mann zur Belagerung des Winterpalastes herbei.

Kerenskij, der die Ankunft der Truppen, die von der Front herbeigerufen worden waren (sie gingen unterwegs auf die Seite der Aufständischen über), nicht abwartete, flüchtete in seiner Verzweiflung aus Petrograd.

Es begann die Belagerung des Winterpalastes. Dort hatten sich die von Kerenskij verlassenen Minister der Provisorischen Regierung unter dem Schutz einer Abteilung Offiziere und Offiziersschülern festgesetzt. Zur Verteidigung des Palastes waren Barrikaden errichtet worden.

Lenin ordnete an, den Winterpalast zu umzingeln und den Ministern und ihren Verteidigern ein Ultimatum zur Übergabe zu stellen und die Eroberung dieses letzten Zufluchtsortes der Bourgeoisie zu beschleunigen.

Beim Anbruch der Nacht begann von der Peter-Paul-Festung aus, die gegenüber dem Palast am anderen Ufer der Newa liegt, die Artilleriebeschießung des Winterpalastes. Auf der Newa lag der Kreuzer „Aurora“, dessen Geschütze auf den Winterpalast gerichtet waren, vor Anker. Der Kreuzer „Aurora“ unterstützte das Feuer aus der Peter-Paul-Festung mit Salven aus seinen Geschützen.

Die Verteidiger des Palastes erwiderten das Feuer aus Maschinengewehren. Der Feind musste das Feuer jedoch bald einstellen. Die revolutionären Truppen und Rotgardisten drangen in den Palast ein. Das Bollwerk der Herrschaft der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie war gefallen. Als die Rotgardisten, Soldaten und Matrosen in den runden Saal des Palastes eingedrungen waren, sahen sie eine Gruppe erschrockener Menschen vor sich. Es waren die Minister Kerenskijs, die Vertreter der (vorerst P.R.)letzten Regierung der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie Russlands.

Die Provisorische Regierung wurde verhaftet und in der Peter-Paul-Festung interniert. Mit der Einnahme des Winterpalastes in Petrograd endete der ewig (? P.R.) ruhmvolle 25. Oktober (7. November) des Jahres 1917.

Sturm auf den Winterpalast (Nach einem Gemälde von P. Sokolow-Skalja)
Bild entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947

Das von der Partei der Bolschewiki geführte Volk hatte (auf Zeit P.R.) den größten historischen Sieg errungen.

Während auf den Straßen der Hauptstadt der Angriff der Revolution sich siegreich entwickelte, trat im Smolnyj der Führer des (damals P.R.) siegreichen Volkes, Lenin, vor den Petrograder Sowjet. Mit verhaltenem Atem, mit Liebe und Stolz, hörten die Arbeiter- und Soldatendeputierten Wladimir Iljitschs Rede an.

Lenin sprach davon, dass die Arbeiter- und Bauernrevolution, zu der die Bolschewiki die Werktätigen aufgerufen hatten, sich vollzogen habe. „Die Bedeutung dieser Umwälzung“, erklärte er, besteht vor allem darin, dass wir eine Sowjetregierung ein eigenes Machtorgan haben werden.“                                Lenin sprach davon, dass von nun an eine neue Epoche in der Geschichte Russlands angebrochen sei, und dass die proletarische Revolution im Endergebnis zum Sieg des Sozialismus führen müsse. Die Aufgabe der jungen Sowjetmacht umriss Lenin folgendermaßen:                                                                     „In Russland müssen wir jetzt den Aufbau eines proletarischen sozialistischen Staates in Angriff nehmen.“

Die im Saal des Smolnyj versammelten Arbeiter und Soldaten nahmen Lenins Rede mit Begeisterung auf. Sie fühlten, dass der jahrhundertealte Traum der Volksmassen Russlands sich zu verwirklichen begann. Die Große Sozialistische Revolution war erfolgt.

In den Abendstunden des 25. Oktober, als auf dem Platz vor dem Winterpalast die letzten Kämpfe und die Liquidierung der Provisorischen Regierung der Gutsbesitzer und Kapitalisten vor sich gingen, wurde im Smolnyj der II. Allrussische Kongress der Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten der der wirkliche Herr des neuen Russlands war, eröffnet.  Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre, die gesehen hatten, dass sie die Minderheit bildeten, verließen den Kongress und verzichteten auf die Teilnahme an seiner Arbeit. Es blieben die Bolschewiki und die parteilosen Delegierten des Kongresses. Sämtliche Entscheidungen dieses wirklich revolutionären Kongresses erfolgten einmütig. Der Kongress übernahm aus den Händen des Revolutionären Militärkomitees die Macht, die von den Petrograder Arbeitern und Soldaten im siegreichen bewaffneten Aufstand errungen worden war. Der Kongress beschloss: „Die gesamte Macht geht allerorts an die Sowjets der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten über, die eine wirkliche revolutionäre Ordnung zu sichern haben.“

Entnommen aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 von 1947, Original-Autor B.M. Wolin, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947

Die Lage im Lande nach der Februarrevolution

Die Selbstherrschaft war im Februar 1917 zusammengebrochen. Das bewaffnete Volk, von der Partei der Bolschewiki geführt, hatte die Macht des verfassten Zarismus gestürzt. Aber die Früchte des Sieges hatte sich nicht das Volk, sondern die Bourgeoisie zunutze gemacht.

Die Provisorische Regierung, die sich nach der Februarrevolution gebildet hatte, bestand, nach einem Ausspruch von Lenin, aus Vertretern „der Bourgeoisie und der zu Bourgeois gewordenen Gutsbesitzer“. Es war eine Regierung, die die Interessen der Fabrikanten, Bankiers, Kaufleute sowie der Großgrundbesitzer und Kulaken vertrat.

Die wichtigsten Posten in dieser Regierung nahmen ein: Fürst Lwow, ein Großgrundbesitzer und sehr gemäßigter Liberaler, als ihr Haupt; der Moskauer Kaufmann und Fabrikant Gutschow, der seinerzeit Stolypins Militärfeldgerichte gegen Revolutionäre gutgeheißen hatte; der große Ausbeuter und Zuckerfabrikbesitzer Tereschtschenko; der liberale bürgerliche Professor Miljulow, der stets ein Verteidiger des räuberischen Krieges gewesen war, in dem Zar Nikolaj und seine Bande Russland gehetzt hatten; der Sozialrevolutionär Kerenskij, der das Volk mit großsprecherischen, aber leeren Worten abspeiste, die die gegen das Volk gerichteten Machenschaften der Gutschkow, Lwow, Miljukow deckten.

Neben dieser bürgerlichen Provisorischen Regierung existierte noch eine andere Macht: der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten, der noch vor der Bildung der bürgerlichen Provisorischen Regierung entstanden war. Im Kampfe gegen den Zarismus entstand und erstarkte das Bündnis der Arbeiter und Bauern. Die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten waren das Organ dieses Bündnisses, das Organ der Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauernschaft. (Der Begriff Diktatur ist in diesem Zusammenhang aus heutiger Sicht missverständlich. Das nutzt die Propaganda der heutigen Herrschenden gnadenlos aus.)

Es ergab sich eine Verflechtung zweier Gewalten, zweier Diktaturen. Es ergab sich eine Doppelherrschaft.

Die Arbeiter und Soldaten sahen in den Sowjets die Organe ihrer eigenen Macht, der Volksmacht. Sie glaubten, dass die Sowjets den Willen des aufständischen Volkes verwirklichen, dass die Frieden schließen und die Herrschaft der Ausbeuter, der Imperialisten ein Ende bereiten würden.

Aber in den Sowjets, sowohl im Petrograder als auch im Moskauer und in denen anderer Städte, gehörte die Mehrzahl der Deputierten zu jener Zeit den Menschewiki und der Sozialrevolutionären, d.h. den kleinbürgerlichen Parteien an, die die Interessen des Kleinbürgertums von Stadt und Land vertraten. Es waren opportunistische Paktiererparteien, die vor der Revolution Angst hatten, die die Vernichtung der kapitalistischen Ordnung nicht wünschten und eine Verständigung mit der imperialistischen Bourgeoisie anstrebten. Warum erhielten diese Parteien die Mehrheit in den Sowjets?

Russland war, ungeachtet des sich in ihm entwickelnden Kapitalismus, ein Agrarland, ein in ökonomischer Hinsicht rückständiges, kleinbürgerliches Land, d.h. ein Land, in dem noch die auf Kleinbesitz beruhende Einzelbauernwirtschaft vorherrschte. Russland war damals von allen großen europäischen Ländern das am meisten kleinbürgerliche Land. Die zahlreichen kleinbürgerlichen Elemente des Landes: Millionen von Bauern, Kleinhändlern, Handwerkern waren zum gesellschaftlichen Leben erwacht und wurden in die Politik hineingezogen. Diese gewaltige kleinbürgerliche Woge überflutete die klassenbewusste Arbeiterschaft, sie überwältigte sie nicht nur durch ihre zahlenmäßige Stärke, sondern auch ideologisch. Große Massen der Arbeiter wurden mit kleinbürgerlichen politischen Ansichten angesteckt.

Diese Parteien erhielten die Mehrheit in den Sowjets auch deshalb, weil während des Krieges in der Arbeiterklasse bedeutende Veränderungen vor sich gegangen waren. Mehr als ein Drittel der Stammarbeiter war zum Heeresdienst eingezogen worden. An ihre Stelle waren, in der Absicht, ich vor der Einziehung zu drücken, kleine Ladenbesitzer, Kleingewerbetreibende, Handwerker und andere Elemente getreten, die eine beträchtliche und einflussreiche kleinbürgerliche Zwischenschicht inmitten der Arbeiterschaft bildeten.

Ein Grund für das Überwiegen der Paktiererparteien in den Sowjets war auch der, dass, während die Bolschewiki in den Tagen der Februarrevolution den Kampf des Volkes unmittelbar leiteten, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre die Deputiertensitze in den Sowjets besetzten und auf diese Weise an die Spitze des Petrograder und vieler anderer Sowjets getreten waren.

Eine gewisse Rolle spielte dabei der Umstand, dass sich die Führer der Menschewiki und Sozialrevolutionäre in den Tagen der Februarrevolution in Petrograd befanden, während Lenin zu jener Zeit fern in der Schweiz in der Emigration lebte und Stalin in der Verbannung im tiefsten Sibirien befand.

Die in der Politik unerfahrenen Volksmassen vertrauten den Menschewiki und den Sozialrevolutionären blindlings. Aber diese Verräter betrogen die Hoffnungen des Volkes und ließen sich schon in den ersten Stunden des Aufstandes mit der Bourgeoisie ein. Die sozialrevolutionär-menschewistischen Führer verständigten sich heimlich, ohne Wissen der Bolschewiki, mit den Kapitalisten und Gutsbesitzern über die Bildung einer bürgerlichen Regierung in Russland. Der Petrograder Sowjet, wo die Paktierer die Oberhand hatten, billigte, ungeachtet der Proteste der Bolschewiki, diesen verräterischen Schritt.

So versuchte die russische Bourgeoisie mit Hilfe der Menschewiki und Sozialrevolutionäre ihre Macht auf den Ruinen des Zarismus zu festigen. Die bürgerliche Provisorische Regierung fürchtete sich vor dem Volk und hasste es. Der prominente bürgerliche Politiker Schulgin, der Deputierte der Reichsduma, schrieb damals in seinem Tagebuch: „Maschinengewehre, das ist es, was sich haben wollte, denn ich fühlte, dass nur die Sprache der Maschinengewehre dem Straßenpöbel verständlich ist, und dass nur die Bleikugel das aus seiner Höhle in die Freiheit ausgebrochene fürchterliche Tier wieder zurücktreiben kann.“ In der Sprache der Maschinengewehre wollte die russische Bourgeoisie mit ihrer Provisorischen Regierung an der Spitze mit dem Volke reden.

Eine solche Regierung konnte dem Volke natürlich weder Frieden, noch Land, noch Brot, noch Freiheit geben. Das war den fortschrittlich gesinnten Arbeitern klar, aber das war bei weitem nicht dem gesamten übrigen Volk klar, welches noch unerfüllbare Hoffnungen hegte, dass die Provisorische Regierung sich um seine Interessen kümmern würde.

Die Bolschewiki wussten, dass mit dem Sturz der Zarenregierung allein die Sache nicht abgetan ist. Lenin hatte bereits seit langem den weiteren Gang der russischen Revolution vorausgesehen, und er legte ihnen beharrlich dar, dass die Revolution zwei untrennbar miteinander verbundene Etappen durchlaufen müsse. Der Sturz des Zarismus sei die erste Etappe, die Vernichtung der Macht der Bourgeoisie und die Aufrichtung der Macht der Arbeiterklasse die zweite Etappe.

Lenin erklärte seinen Gedanken mit folgendem anschaulichen Beispiel: Stellen Sie sich vor, meine Herren, schrieb er, „dass ich zwei Schutthaufen aus dem Hof fahren muss. Aber ich habe nur einen Wagen. Und auf dem einen Wagen kann man keinesfalls mehr als einen Schutthaufen hinausfahren. Was soll ich tun?                                                                                                                                                           Wenn man tatsächlich beide Haufen nicht auf einmal hinausfahren kann, so schaffen wir zuerst den ersten Haufen, den man sofort erreichen und auf den Wagen laden kann, hinaus, dann laden wir den Wagen ab und kehren nach Hause zurück, um den zweiten Haufen vorzunehmen.                                    Das russische Volk muss zuerst auf seinem Wagen jenen ganzen Mist, der Leibeigenschafts-, Gutsbesitzereigentum heißt, hinausschaffen, und dann muss es mit dem entladenen Wagen auf den schon mehr gesäuberten Hof zurückkehren und beginnen, den zweiten Haufen auf die Fuhre zu laden und den Mist der kapitalistischen Ausbeutung wegzuräumen.“

Die Bolschewiki wiesen darauf hin, dass der Sturz des Zarismus bei weitem noch nicht der volle Sieg der Revolution sei, sondern nur ihr Anfang. Sie erläuterten dem Volk, das es, solange in den Sowjets Paktierer, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre schalten und walten, keinen Frieden, kein Land, kein Brot, keine Arbeit geben würde. Die Bolschewiki deckten vor dem Volke den imperialistischen Charakter der provisorischen Regierung auf. Sie bewiesen dem Volke, dass es ohne die Ablösung der Provisorischen Regierung durch die Regierung der Sowjets nicht möglich sei, Frieden und Freiheit zu erringen. Die Bewaffnung des Proletariats, die Festigung und die Ausdehnung der Tätigkeit der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten – das war nach dem Hinweis Lenins die einzige Garantie für die endgültige Zertrümmerung des alten Regimes. Das Gleiche sagte auch J.W. Stalin.                                        „ ..Das Pfand des Endsieges der russischen Revolution“, schrieb er in jenen Tagen, „liegt in der Festigung des Bündnisses des revolutionären Arbeiters mit dem revolutionären Soldaten.                        Die Organe dieses Bündnisses sind die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten…“                     Unter der Leitung von Lenin und Stalin kämpften die Bolschewiki für die wirklichen Interessen des Volkes.

Entnommen aus „Das Sowjetland“, Band 2 aus dem Jahre 1947, Originalautor B.M. Wolin, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Buch „Das Sowjetland“ aus dem Jahre 1947

„Das Sowjetland“

Buchreihe „Das Sowjetland“ von 1947

„Das Sowjetland“ ist eine Buchreihe aus dem Jahre 1947. Diese ist in Antiquariaten erhältlich.

Da nur die Anfangsbuchstaben der Namen der Autoren, bzw. Autorinnen draufstehen, ist nicht erkennbar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Bei Band 1 kann man dem Internet entnehmen, z.B. Wikipedia, dass es sich um eine Frau handelt. Es gibt einen Wikipedia-Beitrag zu ihr. Ihr voller Name ist Anna Michailowna Pankratowa.

Bei den Autoren oder Autorinnen der anderen Bände findet man nur Buchangebote aus den Antiquariaten, aber nichts über ihre Person. Das ist schade.

Auf jeden Fall ist diese Buchreihe sehr wertvoll und leicht zu lesen.

Da diese Bücher zu Lebzeiten Stalins verfasst wurden, werden hier auch das Wirken und die Verdienste Stalins gewürdigt, die auch Ereignisse vor der Sowjetzeit beinhalten. Da später Stalin verdammt wurde, auch in der DDR wurde Stalin verdammt, sind diese Verdienste und sein Wirken weitestgehend verschwiegen worden, so auch in den Geschichtsbüchern der DDR für die Schule.

DIE TROMMLER wird sich nun gelegentlich auch mit dieser Literatur befassen.

Buchreihe „Das Sowjetland“ von 1947