Der Kampf um die Fortsetzung der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung in der sowjetischen Besatzungszone

Nach der Gründung der SED rückte der Kampf um die ökonomische Entmachtung des Monopolkapitals, der unmittelbar nach der Befreiung vom Faschismus begonnen hatte, in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten bereits wesentliche Forderungen des Aktionsprogramms der KPD vom 11. Juni 1945 erfüllt. Die Einführung der Arbeiterkontrolle in vielen Betrieben, die Durchsetzung der Rechte der Gewerkschaften und der Betriebsräte hatten das Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse gestärkt. Es waren Beispiele dafür geschaffen worden, dass die Arbeiter die Betriebe auch ohne Kapitalisten leiten konnten.

Die demokratischen Kräfte fanden bei der Bewältigung dieser Aufgabe bei der SMAD jede Unterstützung. Am 21. Mai 1946 erließ sie den Befehl Nr. 154. Sie ordnete darin an, das von ihr beschlagnahmte und zeitweilig unter Zwangsverwaltung gestellte Eigentum des ehemaligen deutschen Staates, der NSDAP, der aktiven Nazis und Kriegsverbrecher den deutschen Selbstverwaltungen zur Verfügung zu stellen. Nunmehr lag es in der Hand der antifaschistisch-demokratischen Kräfte zu entscheiden, was mit diesem Eigentum geschehen sollte.

Die Entmachtung des Monopolkapitals begann unter der Führung der SED in Sachsen, dem industriell am weitesten entwickelten Gebiet der sowjetischen Besatzungszone. Dort wurden etwa 40 Prozent der Industrieproduktion Ostdeutschlands erzeugt; dort existierte eine traditionsreiche Arbeiterbewegung. Auf Initiative der SED beantragte der Block antifaschistisch-demokratischer Parteien gemeinsam mit dem FDGB bei der Landesverwaltung Sachsen einen Volksentscheid über die entschädigungslose Enteignung der Kriegsschuldigen und aktiven Nazis durchzuführen.

Ende Mai 1946 veröffentlichte die Landesverwaltung einen „Gesetzentwurf über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes“, über den in einem Volksentscheid am 30. Juni 1946 abgestimmt werden sollte.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981
Dresdner Bürger diskutieren über den bevorstehenden Volksentscheid über die Enteignung der Kriegsverbrecher
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

Die antifaschistisch-demokratischen Kräfte des Landes Sachsen bereiteten den Volksentscheid mit einer großen Aufklärungskampagne vor. Innerhalb von zehn Tagen fanden in Sachsen etwa 5000 Versammlungen statt, darunter 500 in Industriebetrieben. Die Blockparteien und der FDGB bildeten gemeinsame Ausschüsse. Sie entschieden zusammen mit den Belegschaften, welche Betriebe enteignet werden sollten. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten unterstützten das Ziel der Volksabstimmung. Auch Vertreter der Kirchen befürworteten die Bestrafung der Hauptschuldigen an Faschismus und Krieg. Vor allem aber trug das verantwortungsbewusste, entschlossene Auftreten der Industriearbeiter dazu bei, die Mehrheit der Bevölkerung Sachsens für die Enteignung der Kriegsverbrecher zu gewinnen.

Die Monopolherren und ihre Wortführer in den bürgerlichen Parteien der sowjetischen Besatzungszone versuchten den Volksentscheid zu verhindern. Angesichts der öffentlichen Meinung wagten sie jedoch nicht, offen für die Kriegsverbrecher einzutreten. Deshalb bedienten sie sich anderer Mittel. Reaktionäre Politiker wie Jakob Kaiser, Ernst Lemmer und Hugo Hickmann stellten die Ergebnisse des Volksentscheids in Frage. Damit wollten sie eine spätere Wiederherstellung der alten Besitzverhältnisse möglich machen. Alle Manöver der reaktionären Kräfte konnten den Volksentscheid nicht verhindern.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

Die Entscheidung der sächsischen Bevölkerung erhielt sofort Gesetzeskraft. Den Forderungen der Bevölkerung folgend, erließen auch die Verwaltungen der anderen Länder und Provinzen der sowjetischen Besatzungszone gleichartige Gesetze.

Am 13. Februar 1947 nahm auch die Berliner Stadtverordnetenversammlung mit großer Mehrheit ein Gesetz zur Überführung von Konzernen in Gemeineigentum und im März 1947 eine Verordnung zur Enteignung von Vermögenswerten der Kriegsverbrecher, Kriegsgewinnler, Kriegsinteressenten und Naziaktivisten an. Den Berliner Konzernen in den Westsektoren der Stadt gelang es jedoch mit Hilfe der imperialistischen Besatzungsmächte, ihrer Enteignung zu entgehen.

In diesem Prozess begriffen immer mehr Menschen in der sowjetischen Besatzungszone, dass eine demokratische Entwicklung in Deutschland und ein dauerhafter Frieden in Europa nur möglich waren, wenn die Monopolbourgeoisie ihre wirtschaftliche Machtgrundlage verlor.

Geführt von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, konnten die Arbeiterklasse und ihre Verbündeten diese Aufgabe, das Kernstück der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung, in Angriff nehmen. Bis zum Frühjahr 1948 wurden in der sowjetischen Besatzungszone 9 281 Unternehmungen, darunter 3 843 Industriebetriebe, enteignet und in Volkseigentum überführt. Dazu gehörten die Werke der Kriegsverbrecher Flick und Krupp, der IG Farben und der AEG. Ihrem Wesen nach entsprach diese Überführung in Volkseigentum der Nationalisierung der Großindustrie in den volksdemokratischen Ländern. (Osteuropa).

Die durch die Enteignungen neu geschaffenen volkseignen Betriebe (VEB) wurden zur festen wirtschaftlichen Basies der sich entwickelnden antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Die unter Führung der Arbeiterklasse stehenden neuen Machtorgane hatten die Schlüsselpositionen in der in der Wirtschaft übernommen. Mit den volkseigenen Betrieben entstand ein wichtiges Element des Sozialismus.

 

Due territoriale Gliederung der sowjetischen Besatzungszone (1947)
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

In enger Wechselwirkung mit den politischen und ökonomischen Maßnahmen zur Schaffung antifaschistisch-demokratischer Verhältnisse führten Kommunisten, klassenbewusste Sozialdemokraten und bürgerliche Antifaschisten, unterstützt von der sowjetischen Besatzungsmacht, einen energischen Kampf für die geistig-kulturelle Erneuerung. Das bedeutete die Auseinandersetzung mit dem faschistischen und militaristischen Ungeist und mit dem tiefverwurzelten Antikommunismus.

An der Erneuerung des geistig-kulturellen Lebens hatten die sowjetischen Besatzungsorgane (Besatzungsbehörden) großen Anteil. Die SMAD verbot alle faschistischen, militaristischen und rassistischen Schriften. Sie ordnete die Beseitigung der nazistischen und militaristischen Einrichtungen an. Auf Initiative von Kommunisten, wie Johannes R. Becher, Willi Bredel und andere, schlossen sich schon kurz nach der Befreiung fortschrittliche Kulturschaffende zusammen und gründeten im Juni 1945 den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands.

Johannes R. Becher referiert auf dem ersten Bundeskongress des Kulturbundes in Berlin im Jahre 1947
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

Er forderte alle humanistischen Intellektuellen auf, die fortschrittliche deutsche Kultur wiederzuerwecken und ein neues deutsches Geistesleben zu entwickeln. Mit vielfältiger Unterstützung der SMAD begann schon nach wenigen Wochen das Theaterleben neu. Viele Deutsche wurden zum ersten Mal mit Werken des deutschen Humanismus und der Weltkultur bekannt, die während des Faschismus verboten gewesen waren, die zum Beispiel mit Lessings „Nathan der Weise“, Heines Dichtungen, Gorkis „Nachtasyl“ und den musikalischen Werken Mendelssohn-Bartholdys.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

Im Geburtsland von Marx und Engels (man ging noch von Gesamtdeutschland aus) konnten endlich die Iden des wissenschaftlichen Kommunismus ungehindert verbreitet werden. Die Werke der Klassiker des Marxismus-Leninismus, wie das „Manifest der Kommunistischen Partei“, „Kritik des Gothaer Programms“, „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ und „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ öffneten vielen Deutschen erstmalig den Blick in die weltverändernde Wissenschaft des Marxismus-Leninismus. Sie fanden in den verständlichen, einleuchtenden und zum praktischen Handeln anregenden Schriften Antwort auf viele Fragen, die sie bewegten. Die Werke der Klassiker des Marxismus-Leninismus wurden zum wichtigsten Rüstzeug der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung.

Ein besonders schweres Erbe des Faschismus war auf dem Gebiet der Volksbildung zu überwinden. Der Jugend drohte am meisten geistige Verwahrlosung und moralischer Verfall. Sie musste von der faschistischen Ideologie befreit, im Geiste einer kämpferischen Demokratie erzogen und auf die revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft vorbereitet werden. Das setzte voraus, dass die jungen Menschen begriffen, welcher verbrecherischen Politik sie zum Opfer gefallen waren.

Die Demokratisierung des Schulwesens und die Wiederaufnahme des Unterrichts wurden deshalb zur dringlichen Aufgabe. Im Oktober 1945 legten KPD und SPD in einem gemeinsamen Aufruf den Standpunkt der Arbeiterklasse zur Durchführung einer demokratischen Schulreform dar.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981
Junge Arbeiterinnen und Arbeiter bereiten sich im Winter 1945/46 in einem Lehrgang auf ihre Tätigkeit als Neulehrer vor
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

Es fehlte damals an Schulräumen und -bänken, an Unterrichtsmitteln und Heizung. Vor allem aber brauchte man Lehrer mit antifaschistischer Gesinnung. 78 Prozent der Lehrer waren Mitglieder der Nazipartei und anderer faschistischer Organisationen gewesen; die überwiegende Mehrheit von ihnen musste entlassen werden. So fehlten in der sowjetischen Besatzungszone mindestens 40 000 Volks-, Mittel- und Sonderschullehrer. In den Kurzlehrgängen erhielten befähigte junge Arbeiter, werktätige Bauern und Angestellte die notwendigsten Kenntnisse; 15 000 von ihnen nahmen im Schuljahr 1945/46 ihre verantwortungsvolle Tätigkeit als Neulehrer auf.

Mit Hilfe der SMAD und sowjetischer Pädagogen gelang es, die faschistischen Lehrbücher durch neue zu ersetzen. Bis zum Ende des Jahres 1945 konnten insgesamt 3,7 Millionen Schulbücher fertiggestellt werden.

Nach großen Anstrengungen der demokratischen Schulverwaltungen und mit Hilfe der sowjetischen Besatzungsorgane (Besatzungsbehörden) wurde im Oktober 1945 der regelmäßige Unterricht in den Schulen der sowjetischen Besatzungszone wieder aufgenommen.

Als erste Universität öffnete am 15. Oktober 1945 die Friedrich-Schiller-Universität in Jena ihre Tore.

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

Bis zum Februar 1946 hatten die Universitäten der sowjetischen Besatzungszone ihre Tätigkeit wieder aufgenommen. In die Hörsäle zog eine neue Studentengeneration ein, deren Gesicht nach und nach von Arbeiter- und Bauernkindern geprägt wurde.

Arbeiter- und Bauernstudenten am 1. Mai 1947
Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981

Am 01. September 1946 trat in den Ländern und Provinzen der sowjetischen Besatzungszone ein einheitliches Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schule in Kraft. Alle Kinder besuchten danach zunächst die Grundschule. Jedem stand der Weg über die Oberschule in die höchsten Bildungsstätten offen.

So wurde mit der politischen und ökonomischen Entmachtung des Imperialismus auch das Jahrhunderte alte Bildungsmonopol der Ausbeuterklasse gebrochen. Die Entmachtung des Imperialismus und die Ausrottung des nazistischen Ungeistes beendete auch die jahrhundertelange nationale Unterdrückung der Lausitzer Sorben, einer etwa 100 000 Menschen zählenden slawischen Minderheit. Im Zweisprachengebiet wurden die sorbische Sprache anerkannt und für die Kinder der sorbischen Minderheit eigene Schulen errichtet. Sie sorbische Kultur konnte endlich wieder aufblühen.  Im März 1948 beschloss der Landtag in Sachsen auf Antrag der SED ein Gesetz zur Wahrung der Rechte der sorbischen Bevölkerung. Das war damals beispielhaft für eine kluge und fortschrittliche Minderheitenpolitik.

Die antifaschistisch-demokratischen Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Leben der sowjetischen Besatzungszone schufen die Voraussetzung für die Durchführung allgemeiner, gleicher, geheimer und direkter Wahlen im Herbst 1946. Gewählt wurden die Gemeindevertretungen, die Stadtverordnetenversammlungen, die Kreis- und Landtage. Die SED erhielt bei den Gemeindewahlen 58,5, bei den Kreistagswahlen 50,3 und bei den Landtagswahlen 47,5 Prozent aller Stimmen.

Damit hatte sich die Mehrheit der Wähler für die konsequenteste und führende Kraft der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung entschieden.

Siehe auch:

Westalliierte verhindern Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung

 

 

Entnommen aus dem Geschichtsbuch der DDR für die 10. Klasse, Stand 1981, bearbeitet von Petra Reichel

Original-Text aus dem Geschichtsbuch der DDR